"Wähle Gott, damit du lebst"

Ansprache von Jugendbischof Franz-Josef Bode beim Nachtgebet der ökumenischen Jugendbegegnung

Gehalten am 8. Mai 2004 im Erfurter Dom (s. auch die Pressemitteilung zur Jugendbegegnung)


"Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor? Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben" (Dtn 30,15-19).


Angesichts der Durchkreuzungen des Lebens, von denen wir eben gehört haben, tut sich eine große Spannung auf zwischen solchen Erfahrungen und diesen Aussagen der Heiligen Schrift: "Wähle das Leben?" - als wenn uns das so einfach in die Hand gegeben wäre!


Haben Menschen die Wahl, wenn ihr Leben plötzlich durchkreuzt wird durch schwere Krankheit oder Unfall? Haben sie die Wahl, wenn Terror, Zukunftsangst und Druck immer weiter zunehmen? Können wir das Leben wählen, wenn wir doch mehr und mehr gelebt werden, als selbst das Leben in die Hand zu nehmen? - Nein, auf den ersten Blick haben die meisten nicht die Wahl zwischen Glück und Unglück, zwischen Leben und Tod.


Ist wirklich jeder seines Glückes Schmied? Wird er es schon finden, wenn er sich nur richtig müht? Was sollen Menschen dazu sagen, die sich stets bemüht haben, richtig zu leben, und denen dennoch alles genommen wurde? Ich selbst habe bei einer Hochwasserkatastrophe 1965 als Vierzehnjähriger erlebt, wie aus einer Familie vier Kinder zwischen einem und sieben Jahren und deren Großmutter ertranken.


Die Sätze wären geradezu zynisch, wenn sie nicht ein ganz anderes, größeres Leben meinten, das sich nicht in der Spanne des irdischen Lebens und auch nicht nur in Wohlergehen erschöpft. Es geht nicht um die Wahl zwischen Schlaraffenland und hartem Alltag, sondern um das JA-Sagen zu einer Wirklichkeit, die viel komplexer und gefüllter ist als die Einteilung in Glück und Unglück.


Der Kern dieser Worte liegt in der Herausforderung, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Die Frage ist nicht zuerst die nach der Wahl von Wohlergehen oder Unglück, sondern die nach der Wahl Gottes.


Wo Gott gewählt wird, geliebt wird, an die erste Stelle gesetzt wird, relativieren sich selbst Leid und Tod, auch Schuld und Sünde, auch Angst und Not. Wo ER der Grund, die Mitte, das Ziel des Lebens ist, wo ER nicht nur dann gesucht wird, wenn wir ihn gerade brauchen, da ist auch im tiefsten Leid, im härtesten Schlag, ja selbst im Tod noch eine Möglichkeit der Begegnung mit IHM. Da ist mitten im Tod noch Leben, weil es keinen Abgrund, keine Dunkelheit, keine Enttäuschung gibt, in der ER nicht schon wäre und uns entgegen käme.


Der, der geschrien hat "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" und "Mich dürstet" und "Es ist vollbracht" - und das nicht nur als ein irgendwie mit uns solidarischer Mensch, sondern auch als Gott -, der hat das Leid nicht abgeschafft, sondern schon durchlitten und durchmessen, um niemanden in der Dunkelheit allein zu lassen.


Deshalb dürfen wir unsere Warum-Frage, unser Leiden herausschreien und auch so benennen, brauchen es nicht zuzudecken oder zu verdrängen. Aber wir dürfen und müssen das alles vor Gott tun, vor dem Größeren, der uns immer schon entgegen kommt, uns bei der Hand nimmt, aufrichtet und weiter mitgeht, damit neue Perspektiven gewonnen werden.


Auch das habe ich bei der Katastrophe in meinem Heimatort erlebt: dass dieser Familie aufgrund der Glaubensgemeinschaft, aufgrund der Unterstützung des dörflichen Miteinanders das Haus und die Familie wieder aufgebaut wurden, Familie neu begründet wurde und neue Lebensperspektiven gefunden wurden, weil die Ü;briggebliebenen letztlich auf den Größeren vertraut haben.


Wer Gott wählt, der wählt das Leben, auch mitten im Leid, auch mitten in der Angst, auch mitten im Tod. Gott will nicht Untergang und Tod und Vernichtung, auch wenn er der Freiheit des Menschen und der Welt zuliebe das alles nicht abgeschafft hat. Er will Zukunft, Lebensperspektiven, Licht, ja er wird im Alten Testament sogar der "Freund des Lebens" genannt.


Selbst wo das nicht unmittelbar sichtbar und erfahrbar wird, bleibt dennoch das Vertrauen auf diese nie zurückgenommene Zusage Gottes: "Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen an."


Deshalb ist das Kreuz das Zeichen des Lebens, das Plus-Zeichen vor der ganzen Klammer des Lebens, weil es der Dunkelheit einen Lichtblick gibt und der Nacht die Erwartung eines Morgens, weil es uns auf einen Gott verweist, der uns auch im Kreuz nicht allein lässt.


Wähle also Gott, und du wählst das Leben! Ein Leben über unser oft armes Leben hinaus. Darin uns gegenseitig zu vergewissern, sind wir heute hier, verbunden mit den unzähligen Menschen, die sich für den Gekreuzigten und Auferstandenen entschieden haben, weil er sich bedingungslos für uns entschieden hat.


Wähle also das Leben! Wähle also Gott, damit du lebst! Amen.



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