
Liebe jugendliche Köln-Wallfahrer!
Heute nun geht es nach Köln! Wir, Thüringer und ausländische Gäste, machen uns zusammen auf den Weg. Mit diesem Gottesdienst erbitten wir uns den Reisesegen für die Fahrt in die Stadt am Rhein, zur Begegnung mit dem hl. Vater Papst Benedikt und mit der großen Gemeinde der Jugendlichen aus aller Welt.
Unser Reisetag ist gleichzeitig ein Festtag der Gottesmutter. Am 15. August feiert die Kirche auf der ganzen Welt den Tag der Aufnahme Mariens in den Himmel. Maria, die Mutter unseres Herrn und auch unsere Mutter, hat das große Reiseziel schon erreicht, zu dem wir alle noch unterwegs sind. Sie lebt schon in der Gemeinschaft mit Gott und allen Heiligen, die auf uns warten.
Ich möchte euch für die Reise nach Köln als Reisegebet das große Lobgebet Mariens empfehlen, das Magnifikat. Viele Christen beten es täglich. Sie kennen es sogar auswendig. Es lohnt sich, dieses Gebet im Herzen zu haben und es zum ganz persönlichen Lebensgebet zu machen. Ich möchte euch auf zwei Pfeiler aufmerksam machen, auf denen das Gebet des Magnifikat wie eine große Brücke aufruht.
Der erste Pfeiler: Maria staunt, wie Gott ist.
Gott ist machtvoll, aber er erdrückt nicht mit seiner Macht. Er macht die Kleinen groß und zeigt den Mächtigen ihre Grenzen. Denken wir daran, wie vor 15 Jahren der aufgeblasenen Ideologie des Kommunismus die Luft ausgegangen ist. Nicht Waffen und irdische Machtstrukturen sind entscheidend, sondern Wahrheit und Gerechtigkeit - und noch mehr Liebe und Erbarmen. Nur so lassen sich die Herzen der Menschen gewinnen. Darauf setzt Gott. Er erbarmt sich der Hungernden und zeigt den Reichen, die meinen alles zu haben, das sie in Wirklichkeit nichts haben. Er ist ein Gott, der das Leben liebt und jene, die klein und ohne Ansehen sind, nicht abschreibt. Er erbarmt sich auch derer, die nach den Maßstäben dieser Welt nicht mitkommen, Versager sind und an den Rand geschoben werden. Gott bleibt sich treu in seiner Zuwendung zu den Menschen.
So ist Gott - ein Gott des Lebens, der Treue, des Erbarmens, der Liebe. Dieses Wissen um den machtvoll guten Gott soll uns nie verlassen. Das ist die Mitte unseres Glaubens, wie ihn uns Jesus Christus gelehrt hat. Gott ist mehr als ein letztes Prinzip, mehr als eine philosophische Begründung für alles Seiende. Er ist wie ein Liebender, der uns immer tiefer in seine Nähe holen möchte. Verlernt nie darüber zu staunen, dass Gott so ist wie er ist!
Der zweite Pfeiler: Maria staunt, wie Gott an ihr handelt.
"Der Mächtige hat Großes an mir getan. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!" so betet Maria. Wer so betet, hat ein erstaunliches Selbstbewusstsein! Wir dürfen dabei an die besondere Erwählung Mariens denken, die Mutter des Herrn zu werden. Das ist in der Tat ein einmaliges und besonderes Geschehen. Aber an Maria wird deutlich, was es bedeutet, dass Gott das Niedrige und Geringe erwählt. Er vermag jeden Menschen zu befähigen, in seinen Heilsplänen eine gewichtige Rolle zu spielen.
So lernen wir beim Beten des Magnifikat: Wie aus Maria kann aus jedem Menschen eine Person werden, die Gottes Gegenwart in die Welt hineinträgt. Es stimmt nicht, dass wir in dieser Welt keine Rolle spielen, unbedeutend und einflusslos sind. Jeder von uns ist für Gott wichtig, ja in einem entscheidenden Sinne unersetzbar. Er soll andere mit Jesus Christus in Berührung bringen, ob hier bei uns in Thüringen oder in Indien oder in einem Land Afrikas. Dort wo du lebst, arbeitest, Freunde hast und mit anderen beisammen bist, da bist du unersetzlich. Da kommt es auf dich an! Da kann kein anderer, kein Bischof oder Pfarrer oder Kaplan dich ersetzen!
Durch die Taufe auf den Namen Jesu Christi und durch unseren Glauben an das Evangelium sind wir Christusträger, Träger einer großen Hoffnung. Gott ist dabei, diese Welt zu verändern. Er will die neue Erde und den neuen Himmel herbeiführen und lädt uns ein, an der Gestaltung dieser neuen Welt mitzuwirken. Der Himmel Gottes fängt schon auf Erden an, dort, wo Menschen anfangen als Kinder des Vaters im Himmel, als Geschwister Jesu, als seine Familie zu leben. In dieser neuen Art zu leben ist uns Maria ein Vorbild. Maria ist gleichsam die Seele der Kirche. Sie hat sich von Jesus und seinem Wort bestimmen lassen. Und sie will auch uns zu Jesus führen. Wir sollen lernen, so wie er zu denken, zu leben und zu lieben. Was sie damals bei der Hochzeit zu Kana den Dienern sagte, sagt sie zu jedem von uns: "Was er, Jesus, euch sagt, das tut!"
Darum mein Wunsch für euch alle: Diese Wallfahrt nach Köln möge euch zu Christus führen, euch mit ihm tiefer verbinden. Gott handelt auch an euch, wie er an Maria gehandelt hat. Er will, dass auch ihr wie Maria singt: Von nun an preisen mich selig - alle, mit denen ich in Berührung komme, sei es in diesen Tagen in Köln oder später wieder in unseren Heimatgemeinden. Lasst in diesen Tagen erkennen, dass ihr Christusträger seid! Jeder, der euch erlebt, soll etwas von dieser Freude mitbekommen, von Gott geliebt und zu einem großen Werk auserwählt zu sein.
Lernen wir von Maria das Magnifikat zu singen - auf Gott zu schauen und uns darüber zu freuen, wie er ist und was er an uns getan hat. Das Magnifikat ist für jeden von uns ein gutes Reisegebet nach Köln und auch für die weitere Lebensfahrt. Möge Maria uns alle auf dieser Reise unter ihren mütterlichen Schutz nehmen! Amen.
Erfurt, 15. August 2005