"Sie stehen für eine offene, einladende, Mut machende und innere Kraft gebende Kirche."

Grußwort der Thüringer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht zur Verabschiedung von Bischof Wanke





Nachfolgend dokumentieren wir das Grußwort von Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht in der vorab den Medien zur Verfügung gestellten Fassung. Es gilt das gesprochene Wort!

Gern bin ich auch

in diesem Jahr der Einladung zum Elisabethempfang wieder gefolgt.

Der

Elisabethempfang der katholischen Kirche gibt dem jeweils zu Ende gehenden Jahr

für alle Gäste stets eine ganz besondere Note. Dieser Empfang schafft ein Stück

Abstand - oft mitten aus dem parlamentarischen und politischen Alltag heraus.

Und: Trotzdem ist

er immer auch politisch. Ganz gleich, ob es um ein bischöfliches Wort zu

jeweils aktuellen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen oder auch

finanziellen Fragen geht.

Der

Elisabethempfang hat immer einen Ort geboten, über all diese Dinge, die uns als

Politiker aufgegeben sind, zu denen aber auch Kirche zurecht Position bezieht

in Freundlichkeit miteinander zu sprechen; um Verständnis werbend - und immer

wieder ist es gelungen, Brücken zu finden für Lösungen für die zuvor der Blick

eher verstellt schien.

Das alles hat

viel mit Ihnen, Herr Bischof Dr. Wanke, zu tun. Nicht zuletzt Sie, lieber Herr

Bischof Dr. Wanke, haben persönlich diesem Elisabethempfang immer wieder diese

ganz besondere Note verliehen

  • mit
  • Ihrer einladenden Freundlichkeit

  • mit
  • Ihrem verständnisvollem Hören

  • aber auch
  • mit der Klarheit Ihrer eigenen Worte.

Darauf habe ich

mich immer ganz besonders gefreut, einschließlich des Wortgottesdienstes.

In diesem Jahr

nun, lieber Herr Bischof Dr. Wanke, ruhen unsere Blicke noch mehr als sonst auf

Ihnen.Denn seit dem 1.

Oktober sind Sie im Ruhestand.

So ist dieser

Elisabethempfang für uns alle ein Tag des tiefen Dankes, des Respekts und der

Würdigung eines großen Theologen und Seelsorgers.

Länger als jeder

andere ostdeutsche Bischof waren Sie in zwei grundverschiedenen politischen

Systemen im Amt. Fast ein Jahrzehnt in der DDR als Apostolischer Administrator

in Erfurt und Meiningen seit 1981 und danach über 20 Jahre im wiedervereinigten

Deutschland als erster Bischof des 1994 wieder gegründeten Bistums  Erfurt.

Und: Wie kaum ein

anderer haben Sie in Ihrer Amtszeit von über 31 Jahren an der Spitze des

heutigen Bistums Erfurt die katholische Kirche im Osten Deutschlands geprägt.

Sie haben den Menschen hier Im Land der Heiligen Elisabeth, im Land von

Bonifatius und Kilian sowie im Land von Martin Luther als Seelsorger und

Theologe wertvolle Wegweisungen gegeben.

Für Sie, hoch

verehrter Herr Dr. Wanke, war es wichtig, den Wandel nach der

Friedlichen Revolution auch als geistliche Herausforderung zu erkennen.
"Jeder Mensch ist offen für Transzendenz"

- dies war immer  Ihre hoffnungsfrohe

Botschaft.
Und: Christen

können Antworten geben, das war immer Ihre Botschaft für Suchende, für

Fragende.

In einer sich

veränderten Welt forderten Sie eine neue Verständigung über die eigentliche

Aufgabe der Kirche. - "Gott zum

Vorschein zu bringen, nicht sich selbst" - so definierten Sie den

Auftrag der Kirche, eine Aufgabe - wie Sie sagen - "in der wir von anderen nicht vertreten werden können."

Ja. Es war, es

ist bis heute ein originärer Auftrag, 

den die Kirche genau an dieser Stelle leistet und für den Sie, lieber

Herr Bischof Dr. Wanke, immer hervorragend gestanden haben.

Im Mittelpunkt

steht dabei für mich Ihr Bekenntnis zum Menschlichen, zum Miteinander in

unserer Gesellschaft. Und Ihr eindringlicher Appell auf "Fehlentwicklungen"

zu schauen, "weil die Ökonomie zum

Maß aller Dinge geworden ist und dadurch das Menschliche auf der Strecke

bleibt.", wie Sie es in diesen Tagen in einem Interview gesagt haben.

Und weiter, so formulierten Sie: "Bei

solchen Fragen kann die Kirche auf der kulturell-reflexiven Schiene dabei

mithelfen, die Menschenwürde zu wahren, den Reichtum des Lebens neu zu

entdecken und die Beziehungskultur zu pflegen."

Unwillkürlich

kommt mir das Wort eines der Väter der Sozialen Marktwirtschaft dabei in den

Sinn: "Das Maß der Wirtschaft ist

der Mensch; das Maß des Menschen ist sein Verhältnis zu Gott." Es war

Wilhelm Röpke,  der dies sagte und dann

weiter fortführte, dass ökonomisches Denken und Handeln kein Selbstzweck sind,

sondern es muss anderen, höheren Dingen dienen und er nennt: "Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit,

Menschenwürde, Ehrfurcht vor dem Leben und den letzten Dingen ..."

(Ethik und Wirtschaftsleben, 1955)

Es waren diese

Werte, die einst an der Wiege der sozialen Marktwirtschaft standen. Wirtschaft

braucht Ethik - auch heute. Darauf haben Sie, sehr geehrter Herr Dr. Wanke

immer hingewiesen. Und Sie haben in all Ihren Ämtern stets Ihre Ü;berzeugungen

selbst vorbildlich gelebt und bestanden dabei immer auf Bescheidenheit: Auch

hier zitiere ich Sie gern: "Unsere

Gewissheiten sollten bescheidener daherkommen",   haben Sie einmal gesagt. Und Sie wussten dies

als begnadeter Prediger stets in wunderbaren Bildern zu illustrieren...

Im Laufe von

nunmehr 22 Jahren habe ich bestimmt Hunderte, ja Tausende von Reden gehört.

Aber, das Bild vom Jungen und der Mütze, der unschlüssig war, ob er den

Wassergraben überspringen konnte, das begleitet mich bis heute.

Sie verglichen

damals die Thüringer mit diesem Jungen, die "bereit

sind, den Sprung zu wagen - weil sie ihr Herz schon in ein neues, schöneres

menschlicheres Thüringen investiert haben." Das war der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit mit dem Festakt der Landesregierung

in Meiningen 1994 - ich habe dies nicht vergessen.

Was mich, Herr

Dr. Wanke, immer fasziniert hat, ist dies: In Ihren insgesamt 46 Dienstjahren

im heutigen Bistum Erfurt haben Sie mir Ihrer zutiefst beeindruckenden inneren

Kraft und Ruhe mit Ihrer Botschaft die Menschen erreicht, ihnen aus den Herzen

gesprochen.

Durch Ihr feines

und unaufdringliches Gespür für die Fragen der Menschen in unserer Gesellschaft

sowie durch Ihre hörende, verstehende bescheidende Art, stehen Sie in

besonderer Weise für eine offene und einladende, für eine Mut machende und innere

Kraft gebende Kirche.

Dies haben die

Menschen im Elisabethjahr 2007, in dem die menschliche Barmherzigkeit der

Kirche im Mittelpunkt stand ebenso gespürt, wie beim Höhepunkt Ihrer Amtszeit,

bei dem Jahrhundertereignis, dem Papstbesuch in Erfurt und Etzelsbach.

Dieses

Weltereignis für unseren Freistaat ist untrennbar mit Ihrem Wirken, sehr

geehrter Herr Bischof Dr. Wanke, verbunden.

Persönlich denke

ich dankbar an den Besuch von Papst Benedikt XVI. im Augustinerkloster zurück.

Aber auch die unverwechselbaren Landschaftsbilder mit den unzähligen Menschen

aus dem Eichsfeld von der Marianischen Vesper wirken tief. Ebenso wie die

unvergessliche Messe auf dem Domplatz hier in Erfurt.

Als langjähriger

Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland haben

Sie, Herr Dr. Wanke, sich große Verdienste um die Ökumene erworben.

Dankbar bin ich

für unsere gemeinsame Arbeit im Kuratorium Deutsche Einheit. Hier ist mir auch

künftig an unserem Miteinander sehr viel gelegen. Ihre wertvollen Gedanken zum

Tag der Deutschen Einheit haben mich auch am diesjährigen  3. Oktober wieder spürbar werden lassen, wie

sehr Sie die Einheit Deutschlands als Geschenk empfinden. Als ein Geschenk, das

in Verantwortung und im Respekt vor dem Nächsten zu gestalten ist und bleibt.

Sehr geehrter

Herr Bischof Dr. Wanke,

heute danke ich

Ihnen für die hervorragende Zusammenarbeit mit der Thüringer Landesregierung,

für vertrauensvolle und verlässliche Gespräche und insbesondere auch für das

gemeinsam Erreichte. Ihr engagiertes Eintreten für die Integration des früheren

Philosophisch-Theologischen Studiums als Katholisch-Theologische Fakultät in

die Universität Erfurt war von Erfolg gekrönt. Das 10-jährige Bestehen dieser

Fakultät haben Sie vor wenigen Tagen erst in einem würdigen Festakt begehen

können.

Hoch verehrter

Herr Dr. Wanke, Sie haben ein bedeutendes Stück Kirchengeschichte in unserer

bewegten Zeit mitgeschrieben. In einer Zeit der "Renaissance der Religion"

- so der Philosoph Hans

Joas, in einer Zeit, in der wieder mehr nach den Wurzeln, nach Bindung, nach

Gott gefragt wird.

Aber auch in

einer zugleich säkularen und weithin atheistischen Welt, in einer Welt der

Entchristlichung als Spätfolge der beiden Diktaturen oder der materialistischen

Gesellschaft von heute.

In solchen Zeiten

brauchen wir alle mehr denn je Zeichen des Glaubens, der Verlässlichkeit, des

Vertrauens.

Ihr Abschied,

Herr Dr. Wanke,  aus dem Bischofsamt,

bedeutet für viele Christen, wie Nichtchristen, einen Verlust. Dennoch:  Sie bleiben bei uns. Sie bleiben in Erfurt.

Wir werden weiterhin von Ihnen hören.

Ich bin mir

sicher: Ihre Stimme wird auch in Zukunft aufmerksame Beachtung finden. Wir alle

hoffen, dass Sie weiterhin das geistige und geistliche Leben des Freistaats

bereichern.

Ihnen persönlich

alles erdenklich Gute, Gottvertrauen und Gottes reichen Segen.


Quelle: Thüringer Staatskanzlei. Den Inhalt verantwortet der Absender.


20.11.2012