Sie sehnen sich nach nichts mehr als einem Leben in Frieden

Statement von Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer von MISEREOR, zur diesjährigen Fastenaktion, die am 1. März in Erfurt eröffnet wird

Bild: Peter Weidemann; in: Pfarrbriefservice.de

Herzlich grüße ich Sie und freue mich, dass MISEROR mit der Fastenaktionseröffnung hier im Bistum Erfurt zu Gast ist. Die Fastenzeit ist für unser Werk der Entwicklungszusammenarbeit seit seiner Gründung im Jahr 1958 ein besonders wichtiger Anlass, um über unsere Arbeit zu informieren und um Spenden zu bitten. Zurzeit arbeiten wir mit unseren Partnern in über 2800 Projekten in mehr als 80 Ländern Asiens, Lateinamerikas, Afrikas und des Nahen Ostens. In ganz Deutschland sind Ehrenamtliche und Gäste aus Syrien und dem Libanon mit zahlreichen Aktivitäten und Veranstaltungen für MISEREOR in diesen Tagen im Einsatz; dafür sind wir dankbar.

              
Die Fastenaktion 2020 steht unter dem Leitwort „Gib Frieden!“ In vielen Teilen dieser Welt ist er sehr zerbrechlich: bewaffnete Konflikte, Krisenherde und Unruhen auf  der Welt nehmen zu. Frieden wird verhindert, wo Ausgrenzung besteht, wo Perspektiven fehlen, wo Armut herrscht, Ungleichheit und Ungerechtigkeit.


Mit der Fastenaktion 2020 richten wir den Fokus auf den Nahen Osten, dessen Probleme sich wie in einem Brennglas in dem nun seit mehr als 8 Jahren andauernden Krieg in Syrien und in seinen Auswirkungen auf das Nachbarland Libanon bündeln. Die gewalttätige Durchsetzung regionaler und globaler machtpolitischer Interessen raubt den Menschen dort jegliche Zukunft. Krieg, Terror und gesellschaftliche Spaltung bestimmen den Alltag. Wie überall auf der Welt sehnen sich jedoch auch dort alle nach nichts mehr als einem Leben in Sicherheit, Frieden und persönlicher Freiheit für alle. Doch je länger der Krieg andauert, umso mehr verschwindet er aus dem Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. In den Medien wurde zuletzt immer weniger darüber berichtet –erst die sich zuspitzenden aktuellen Kampfeshandlungen um Idlib mit inzwischen fast 1 Million Geflüchteter haben für neue Aufmerksamkeit gesorgt. Der Krieg in Syrien ist zu einer permanenten humanitären Katastrophe geworden, er hat seit 2011 eine halbe Million Todesopfer gefordert. Über sechs Millionen Menschen haben ihre Heimat verlassen, zwölf Millionen Menschen sind im eigenen Land immer noch auf humanitäre Hilfe angewiesen. Unsere Partnerorganisationen in Syrien und dem Libanon ringen in einem Umfeld fortwährender Gewalt und Unsicherheit um ein friedliches und respektvolles Miteinander, ein Miteinander von Einheimischen und Geflüchteten, von unterschiedlichen Religionen und Kulturen.

Der Nahe Osten gilt als Wiege der Zivilisation und ist zugleich eine Region, in der die Menschen im Grunde seit Jahrhunderten nie frei und selbstbestimmt über ihre eigene Zukunft entscheiden konnten. Willkürliche koloniale Grenzziehungen,  regional- wie geopolitische  Interessenskonflikte um Rohstoffe und Einfluss, komplexe grenzüberschreitende multiethnische und multikonfessionelle Beziehungen, Demokratiedefizite, wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Jugend ohne Chance und Perspektive, Jahrzehnte  geprägt von Krieg und gewaltsamen Konflikten und eine sich durch den Klimawandel verschärfende ökologische Fragilität ergeben ein hoch explosives Gemisch, an dessen Entschärfung die Weltgemeinschaft bislang kläglich gescheitert ist. Das Leitwort der diesjährigen Fastenaktion „Gib Frieden!“ ist vor diesem Hintergrund mehr als ein Appell an alle Verantwortlichen, es ist ein Aufschrei.


Im Mittelpunkt stehen für uns dabei Syrien und Libanon, zwei Länder, die eine gemeinsame Geschichte verbindet, im Frieden wie im Krieg. Der Libanon läuft Gefahr, der nächste Konfliktort  der Region zu werden. Das kleine Nachbarland Syriens vollbringt seit Beginn des Konflikts eine riesige Tat: Es nahm etwa 1,5 Millionen Geflüchtete aus den Kriegen in Syrien und Irak auf, bei einer eigenen Bevölkerung von gerade einmal 6  Millionen Menschen. Nach mehr als acht Jahren anfänglich großer Solidarität, nehmen angesichts der desolaten Wirtschaftslage des Landes nun die Spannungen zu. Dabei werden zu oft Geflüchteten als Sündenbock für innenpolitische Probleme benutzt.


Bereits vor Beginn des Syrienkrieges 2011 waren die Institutionen und Infrastrukturen des Libanon überlastet, aber jetzt  durchlebt das Land eine wahrhaft tiefgreifende politische  und wirtschaftliche Krise. Während einer Reise vor drei Wochen mit einer Misereor Delegation aus Aachen und Vertretern des Bistums Erfurt  in den Libanon* haben wir erlebt, wie bedrückend die Stimmung und die Lage im Land ist. Die Wirtschaft liegt am Boden, es gibt kaum Berufsperspektiven für gut ausgebildete junge Menschen. Korruption und Vetternwirtschaft vergrößern die soziale Schere weiter. Mehrere Stromausfälle an einem Tag sind normal , die  Wasserversorgung wird zusehends schlechter und die Abwertung des Libanesischen Pfundes gegenüber dem Dollar hat dazu geführt, dass die Gehälter sich de facto halbiert haben, während fast alle Güter, v.a. auch Lebensmittel, sich um 40 % verteuert haben.


Die MISEREOR-Partnerorganisationen wie der Flüchtlingsdienst der Jesuiten und Pontifical Mission helfen den Menschen in dieser aussichtslos scheinenden Lage in beeindruckender  Weise dabei, wieder Lebensmut und Kraft für die Bewältigung ihres Alltags zu schöpfen. Bildung und psychosoziale Hilfen sollen die Grundsteine für ein friedliches Zusammenleben legen. Wie das in den Projekten genau geschieht, wie die Mitarbeiter dort  mit viel Wärme und Zärtlichkeit den Menschen Zuversicht und Vertrauen schenken, wie Traumabewältigung, eine kostenlose medizinische Versorgung,  aber  auch das Abnehmen der Sorgen um die Bildung der Kinder zur konkreten Friedensarbeit wird, das wird gleich Heba Al Basha, Landesdirektorin von JRS im Libanon erläutern.


Kirchliches Gesundheitszentrum                           Sprechstunde


Schwestern vom Guten Hirten

MISEREOR nimmt die Fastenaktion angesichts der sich in der Region abspielenden Tragödien zum Anlass, die deutsche Bundesregierung und die Europäische Union zu mehr friedenspolitischem Engagement im Nahen und Mittleren Osten aufzufordern. Deutschland muss sich im Verbund mit der EU aktiver als bislang um Vermittlung bemühen und sich für dauerhafte politische Lösungen stark machen. Zugleich sollte die Bundesregierung als einer der großen europäischen Beitragszahler der multilateralen Hilfe die Umsetzung dieser Mittel in Syrien genauer überprüfen. In Syrien setzt sich in denjenigen Gebieten, die das Assad Regime bislang militärisch unter seine Kontrolle gebracht hat, die gezielte Vernachlässigung der Versorgung derjenigen Menschen fort, die zur Opposition gerechnet werden. Das betrifft die oft mehrfach vertriebenen Binnenflüchtlinge, wie z.B. in Ost-Aleppo besonders. Wir fordern nachdrücklich, dass auch in den vom Regime kontrollierten Gebieten friedens- und versöhnungsfördernde Maßnahmen eine Chance auf internationale Unterstützung bekommen. Generell gilt allerdings, dass  die bereitstehenden Hilfsgelder für die Versorgung der Menschen, sowohl in den Ländern, die Flüchtlinge aufgenommen haben, wie dem Libanon, als auch in Syrien, bei weitem nicht ausreichen.


Lassen Sie mich zum Schluss die Kinder in Syrien und dem Libanon in besonderer Weise erwähnen. Erschüttert hören wir die Nachrichten, dass unter den akut vor den Kämpfen in Idlib Fliehenden 80% Frauen und Kinder sind, die unter erbärmlichen Bedingungen an der Grenze zur Türkei in provisorischen Lagern in Kälte und Dreck ausharren müssen. Die Flüchtlingskinder im Libanon haben mich berührt und beeindruckt. Einerseits leiden sie besonders unter den Folgen des Krieges und dem Verlust ihres Zuhauses, andererseits liegen auf ihnen oft alle Hoffnungen der Eltern und Großeltern auf eine bessere Zukunft in friedlichen Zeiten.


Therapie für traumatisierte Flüchtlingskinder          Arabischlehrerin


Schulbibliothek

So freue ich mich besonders, dass wir heute eine Brücke von den Kindern in Syrien und dem Libanon zu Kindern hier in Erfurt schlagen können. Über 100 Kindergartenkinder aus acht Kindergärten werden gleich im Anschluss an diese Pressekonferenz bei einer sogenannten Trommelreise mitmachen, bei der die Kinder andere Welten und Kulturen und Gemeinsamkeiten entdecken. Wir laden Sie ein, mit uns zu dieser Aktion in die Brunnenkirche zu gehen und mitzuerleben, wie im gemeinsamen Trommeln und Singen der Kerngedanke der Fastenaktion spürbar wird: Wir Menschen in der Einen Welt gehören zusammen, wir können miteinander teilen, einander helfen und Frieden geben.


Ich lade Sie außerdem ein zur Eröffnung der Fastenaktion am kommenden Sonntag um 10 Uhr mit einem Gottesdienst hier im Dom von Erfurt und vielen weiteren Aktivitäten, die sie im Programmheft finden. Der Gottesdienst wird in der ARD im Fernsehen live übertragen. Am 5. Fastensonntag wird dann in allen katholischen Kirchengemeinden Deutschlands für die Arbeit von MISEREOR gesammelt.


Arabisches Evangeliar (und Funkmikrofon)            Gastfreundschaft


Blick auf Beirut                                                Im Hafen von Byblos

Alle Bilder: Peter Weidemann; in: Pfarrbriefservice.de

* MDR berichtete aus dem Libanon