Predigt von Bischof Wanke bei der Feier der Einschreibung erwachsener Taufbewerber im Erfurter Dom

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

"Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung". Dieser Satz aus einem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, den wir soeben in der kurzen Lesung des Verspergottesdienstes gehört haben, schließt uns auch den Sinn dieser Stunde auf.

Sie, liebe Taufbewerber, haben sich schon seit längerem auf einen Weg begeben, der am Ende der österlichen Bußzeit mit der Taufe abschließen soll. Dass sich Erwachsene taufen lassen, ist in Thüringen gegenüber der Taufe von Kleinstkindern die Ausnahme. Doch nimmt die Zahl von Frauen und Männern, die erst als Erwachsene die Chance erhalten haben, den christlichen Glauben kennenzulernen, in unserem Freistaat zu. In manchen Familien ist schon seit mehreren Generationen keine wirkliche Kenntnis vom Christentum mehr vorhanden. Zwar stehen in unseren Städten und Dörfern noch die Kirchen und manch andere Zeugnisse des christlichen Glaubens aus alter Zeit. Doch worauf die Kirchen mit ihren Türmen eigentlich verweisen wollen, ist in Vergessenheit geraten.

In Ihr Leben, liebe Taufbewerber, hat Gott selbst eingegriffen. Er hat Sie entdecken lassen, dass unser menschliches Leben einen größeren Horizont hat als Geborenwerden und Sterben, als Arbeiten und sich Vergnügen. Jeder von Ihnen hat einen eigenen Weg gehabt, der ihn zu Jesus Christus führte. Meist waren es Begegnungen mit Christen, die durch ihr Lebenszeugnis in Ihnen Neugier und Nachfragen ausgelöst haben. Ist der Glaube an Gott heutzutage wirklich möglich? Hat die Botschaft dieses Jesus Christus auch mir etwas zu sagen? Gibt es ein Leben, das über den Tod hinausreicht, und das schon hier und jetzt beginnt?

Der christliche Glaube lebt von der Ausrichtung auf Jesus Christus. Er ist weder eine Weltanschauung noch eine Morallehre. Natürlich kann man den Glauben in Lehrsätzen zusammenfassen. Auch ist der Christ gehalten, sich an bestimmte ethische Grundsätze zu halten. Aber damit fassen wir nicht den innersten Kern dessen, was das Christsein ausmacht.

Ich vergleiche das Christsein mit einer Erfahrung, die Ihnen nicht fremd sein dürfte. Es ist ein Unterschied, ob ich mich in einem Raum allein weiß oder ob ich mit einer anderen Person zusammen bin. Wenn man allein ist, steht man in der Gefahr, sich "hängen" zu lassen. Es kommt ja nicht darauf an, welchen Eindruck man macht. Anders, wenn ich mich "angeschaut" weiß. Nochmals anders, wenn dies eine Person ist, die mich gern hat, die mir wohlgesonnen ist, die mich liebt. Wir Menschen leben aus der Kraft menschlicher Begegnungen. "Angeschaut" werden verändert. Die Erfahrung einer unerwartet mich treffenden Liebe und Zuneigung vermag das Leben umzukrempeln.

Meint das der Apostel, wenn er sagt: Jetzt ist für Dich die "Zeit der Gnade"? Ihr Leben, liebe Taufbewerber, verändert sich, weil Sie angesprochen worden sind - nicht nur von Menschen, sondern von Gott selbst, unserem Schöpfer und Herrn. In der Taufe wird Ihnen zugesprochen, was unser Glaube bekennt: Wir sind nicht mit uns selbst allein. Man kann den christlichen Glauben in diesem einzigen Satz zusammenfassen. Weil wir in Liebe und Erbarmen angeschaut werden, deshalb kann aus uns etwas werden.

Ist es nicht manchmal auch für Menschen die Rettung schlechthin, wenn sie jemanden finden, der sich ihrer erbarmt? "Der Mensch lebt nicht nur von Brot", heißt es morgen im Evangelium, das von den Versuchungen Jesu in der Wüste berichtet. Jesus selbst weiß sich vom Vater im Himmel "angeschaut" und geliebt. Das ist, bildlich gesprochen, seine Lebensspeise. Von dieser Speise will er auch uns kosten lassen. Nicht nur einmal, sondern ein ganzes Leben lang, eine ganze Ewigkeit lang.

Amen.

(3. März 2001)

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