Lieber Mitbruder Karl-Heinz Wiesemann!
Liebe Gemeinde!
Diese Stunde der Bischofsweihe ist Grund zur Freude für die Kirche von Paderborn. Die Propsteigemeinde in Brilon wird das ein wenig anders sehen - aber sie mag sich trösten: Sie bekommt ihren Propst auf neue Weise wiedergeschenkt. Und sie mag zudem noch mit einem gewissen Stolz sagen: Wir Briloner haben geholfen, den Bischofsmangel in Paderborn zu beheben!
Unser Mitbruder, Propst Dr. Wiesemann ist noch von dem jüngst verstorbenen Kardinal Johannes Joachim Degenhardt für den bischöflichen Dienst im Erzbistum ausgewählt worden. Sicherlich hätte Kardinal Degenhardt gern selbst die Bischofsweihe vorgenommen. Gott hat es anders bestimmt. Doch möchte ich diese Weihe nicht beginnen, ohne noch einmal dankbar an unseren verstorbenen Erzbischof zu erinnern. Ich fühle mich in diesem Weihegottesdienst ganz als sein Vertreter, der das liturgisch vollziehen darf, was durch ihn vorbereitet und eingeleitet wurde. Möge er uns von der Ewigkeit her bei unserem Gotteslob helfen.
Und damit nenne ich schon das Stichwort, das die Mitte unseres Tuns auch in dieser Stunde ist: das Gotteslob. Eine Bischofsweihe vollzieht die Kirche wie alle Weihen immer in der Eucharistiefeier, der höchsten Form des Gotteslobes, das der Kirche möglich ist.
Das Gotteslob ist die Grundbestimmung der Kirche, gleichsam ihr Markenzeichen. Die Kirche kommt damit an kein Ende. Nie wird in ihr das Gotteslob verstummen, weil alle Zeit und Geschichte nicht ausreichen, die Größe Gottes, sein Erbarmen und seine grundlose Liebe zu allem Geschaffenen hinreichend zu fassen. Und auch die Kirche, die ja nichts anderes ist als das Gefäß seiner Gnade, weiß sich der Liebe und dem Erbarmen Gottes verdankt. Darum hört sie nicht auf, Eucharistie zu feiern, durch und mit Christus im Heiligen Geist dem Vater im Himmel gleichsam in jeder Generation dieser Weltzeit neu die Ehre zu geben, den Lobpreis, der dem einen und wahren Gott gebührt.
Wenn man den Dienst eines Bischofs in einer kurzen Charakteristik fassen sollte, dann würde ich sagen: Er soll Anstifter sein zum Gotteslob. Natürlich hat er noch viele andere Aufgaben - das wird unser neuer Weihbischof bald schmerzlich erfahren. Aber eine Aufgabe bleibt gleichsam der Grundakkord in seinem Dienst: Das Gotteslob, die große Eucharistia, die er liturgisch in den Kirchen der Erzdiözese und lebenspraktisch, nämlich durch die Hingabe seines eigenen Lebens an den Willen Gottes im Alltag seines Dienstes darzubringen hat.
Mitbruder Wiesemann hat sich einen bischöflichen Wahlspruch gewählt, der auf den ersten Blick nicht leicht verständlich ist: MAIOR OMNI LAUDE. Er Gott - ist größer als alles Lob. Die Worte stammen aus dem Eucharistiehymnus des Hl. Thomas von Aquin "Lauda Sion Salvatorem", in dessen zweiter Strophe von dem Gott die Rede ist, den kein menschliches Lob hinreichend würdigen kann. In unserem Gotteslob (Nr. 545) ist diese lateinische Strophe mit den Worten frei übersetzt: "Lass dein Lob zum Himmel dringen, ihn zu rühmen, ihm zu singen hat kein Mensch genug getan".
Das Gotteslob ist also eine dialektische Angelegenheit. Es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit - aber wir kommen damit eigentlich nie hinreichend klar, geschweige denn zu Ende. Warum? Weil Gott immer der Größere bleibt, so wie Ignatius von Loyola es formuliert hat: Deus semper major - Gott ist und bleibt immer größer; größer als wir denken, fühlen, empfinden oder geschweige denn erforschen könnten.
Sollten wir dann überhaupt von Gott besser schweigen, wenn wir ihn ohnehin nicht fassen können? Sollten wir die Harfe des Gotteslobes, die das Wappen des Weihbischofs ziert, nicht doch lieber an den Nagel hängen und stumm bleiben?
Viele Menschen heutzutage sind dieser Meinung. Sie meinen, Gott sei nur eine Illusion. Es habe keinen Zweck, dem Abgrund des Sinnlosen göttliche Attribute anzudichten. Sie sagen: Wir sind mit uns allen. Sie verordnen: Es gibt nichts anzubeten, es sei denn, uns selbst.
Was dabei herauskommt, wissen wir. Nichts ist schlimmer als Lobpreis, den man später bereut. Nichts ist fataler als Anbetung, deren man sich im Nachhinein schämt. Irgendwo las ich einmal einen bissigen Aphorismus eines wachen Zeitgenossen: "Wohl der Stadt, deren Bahnhofstrasse Bahnhofstrasse bleibt!" Gerade wir im Osten Deutschlands sind bezüglich verordnetem Lobpreis gebrannte Kinder. Aber ist es hier im Westen prinzipiell anders gewesen? Wenn Gott nicht angebetet wird, werden Götzen angebetet. Wenn unsere Seele nicht das Lob Gottes singt, sucht sie ihre Seligkeit in dem, was uns die Reklamewelt verheißt.
Es ist gut, dass der Wahlspruch des Weihbischofs uns an diese Dialektik des Gotteslobes erinnert: Das Gotteslob gilt jemandem, der anders ist als wir, größer, nicht fassbar in irdischen Kategorien - und der uns doch so unsagbar nahe ist, wie eine Mutter dem noch ungeborenen Kind in ihrem Leibe. Das noch ungeborene Kind kann die Mutter nicht fassen, es begreift nichts und sieht nichts - aber es ist geborgen in einer dennoch realen Liebe, die sich in einem Leben des gegenseitigen Schauens, Empfindens und Fühlens später selig entfalten wird.
Das ist für mich ein Gleichnis unseres menschlichen Lebens. Im 1. Johannesbrief lesen wir: "Jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist" (1 Joh 3,2).
Jetzt ist unser Gotteslob Pflichtübung, manchmal sogar lästige (wenn ich etwa an die Einladung denke, jeden Sonntag das Gotteslob der Kirche mitzufeiern). Unser Gotteslob wird erst seinen Pflichtcharakter verlieren, wenn unser Glauben in das Schauen übergeht. "Wenn wir ihn sehen, wie er ist!"
Paulus sagt einmal im Blick auf die Existenz des Christen in dieser Weltzeit: "Für jetzt (für die Zeit unserer irdischen Pilgerschaft) bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe; diese drei" (1 Kor 13, 13). Und auch im Blick auf das Durchhalten des Gotteslobes in der Phase des "Noch-nicht-Schauens" gilt: "Doch am größten unter ihnen ist die Liebe." Die Liebe kann das jetzt noch Unsichtbare ersehnen. Darum sagt der Apostel Paulus: "Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes" (Röm 13,10), weil ihr, der Liebe, nichts zu schwer wird, auch nicht das Gotteslob unter Tränen, Anfechtung und Zweifel.
Was kann uns also helfen, die Harfen unseres Gotteslobes nicht an die Weiden dieser Welt zu hängen? Täglich neu mit Maria, unserer lieben Frau und Mutter in den Gesang des Magnifikat einzustimmen: "Meine Seele preist die Größe des Herrn!" Denn er, Gott ist größer als unser Lobpreis ausdrücken kann. Er vermag zu schenken und an Lebenshunger zu stillen mehr als unsere Sehnsucht fassen möchte.
Darum, lieber Mitbruder: Bleibe beim Gotteslob - täglich, sonntäglich, lebenslänglich! Du wirst dabei nicht zu kurz kommen.
Und diese Ermunterung gilt jedem von uns, der heute diesen Gottesdienst mitfeiert. Denn jeder von uns darf wie Maria im Magnifikat singen: "Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!" Merkwürdig, diese scheinbar anmaßende Formulierung. Nein: Nicht Anmaßung, sondern demütiges Selbstbewusstsein spricht aus diesen Worten, christliches Selbstbewusstsein! Schade, dass es daran in unserer Mitte oft so fehlt. Der Mächtige hat Großes, nicht nur an Maria, sondern auch an uns getan! Dieses Wissen ist das Grundwasser, das alles in unserer Kirche wieder zum Blühen bringen kann. Das Gotteslob macht uns reich. Es macht den Menschen nicht klein und mickrig, sondern groß und zutiefst menschlich. Es lässt unser Herz jubeln im Vertrauen auf den, der uns in Jesus, seinem geliebten Sohn alles, wirklich alles geschenkt hat.
Darum, liebe Paderborner Mitchristen, lasst euch von dem Wahlspruch eures Weihbischofs neu ermuntern. Unser Lobpreis gilt ihm, Gott dem Herrn, dem, der der immer Größere bleibt. Euer Weihbischof wird häufig mit euch die Eucharistie feiern. Beim Wechselgesang zu Beginn des Hochgebets, bei der Präfation wird er euch zurufen: Erhebet die Herzen! Antwortet ihm dann nicht nur mit dem Mund, sondern mit eurem ganzen Leben: Ja, wir haben sie, wir haben unsere Herzen beim Herrn! Das wird dann seine und unser aller Seligkeit sein. Amen.
Pressemitteilung des Erzbistums Paderborn zur Bischofsweihe von Propst Dr. Karl-Heinz Wiesemann

