O Redemptor, sume carmen: Von der Bedeutung der heiligen Öle für die Menschen

Predigt von Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke in der Ölweihmesse am Kar-Dienstag 2013



Die Salbung mit Chrisam bei der Taufe eines Säuglings


Liebe Schwestern und Brüder, in feierlicher Prozession werden heute die drei Ölkrüge zum Altar getragen, in denen das Katechumenenöl, das Krankenöl und das Heilige Chrisam vorbereitet sind. Seit alter Zeit singen wir dazu den lateinischen Hymnus "O Redemptor sume carmen". Er spricht in Bildern und mit hymnischer Sprache von der Bedeutung der heiligen Öle für die Menschen. Wenn auch die Formulierungen nicht aus dem mitteldeutschen Raum kommen und nicht von jeder und jedem leicht verstanden werden, so lohnt es sich doch, sie auf uns wirken zu lassen und nach den Erfahrungen zu fragen, die wir als Spender der Sakramente mit den heiligen Ölen machen durften.

Der Titel "O Redemptor sume carmen" ist wie eine Antiphon, die den Hymnus unterbricht. Wir werden an die Psalmen erinnert, wo wir auch eingeladen sind, durch die Wiederholung der Antiphon den tieferen Gehalt des Hymnus´ zu erfassen.

O Erlöser, nimm das Lied deiner Sänger entgegen - so singen wir nachher mehrfach und verbinden uns mit dem Gesang der Priesterschola. Wir bekennen uns zu Jesus Christus und nennen ihn unseren Erlöser. Nichts anderes und kein anderer soll uns erlösen und Heil bringen. Wir bekennen Farbe und sagen: Es ist derjenige, der als Gesalbter des Herrn bezeichnet wurde, der auf dem Thron Davids sitzt und das Reich Gottes aufrichten wird. Dieses Bekenntnis zu Jesus Christus steht fast einsam in der thüringer Landschaft, aber wir sind der Ü;berzeugung, dass ohne unser Bekenntnis niemand mehr in Thüringen davon etwas erfahren könnte, dass es diesen Heiland und Erlöser gibt. Wir werden sicherlich in diesem Bekenntnis derzeit von der gesellschaftlichen Öffentlichkeit unterstützt, aber wir wissen auch, dass wir ohne diese Anerkennung leben können. Es ist deshalb bei uns leichter als in anderen Ländern - z.B. Syrien und Ägypten -, von Christus in den Medien zu berichten oder auch von denen, die durch IHN zum Glaubensleben angestiftet wurden - wie in den letzten Tagen im Zusammenhang mit der Wahl des neuen Papstes Franziskus zu erkennen war. Der Erlöser und Messias ist der Gesalbte wie ein König, Priester und Prophet. Darum beinhaltet der Hymnus einen Lobpreis über das Öl - über das Olivenöl, mit dem die Salbung praktisch vollzogen wurde. Wir alle, die wir getauft und gefirmt oder auch bei der Priester- und Bischofsweihe gesalbt wurden, haben deshalb eine innere Nähe zu DEM Gesalbten. Wir erkennen in uns eine Berufung und Würde, wie sie Christus hatte. Wir wissen aber auch um die Einladung in die Schicksalsgemeinschaft der Propheten.

Arbor faeta alma luce hoc sacrandum protulit - Ein Baum, befruchtet von hohem Licht, brachte dieses Weihegeschenk hervor.
Was wir bringen und auch was wir sind und haben ist ein Geschenk von oben. Der Dichter des Hymnus´ ist sich bewusst, dass der Mensch von der Liebe und dem Wohlwollen Gottes lebt. Das macht uns zwar auf den ersten Blick klein, aber es macht uns auch groß, denn es ist nicht irgendwer, der uns beschenkt, sondern Gott selbst. Wenn hier vom Baum die Rede ist, dann assoziieren wir in der Karwoche auch schon den Baum des Kreuzes. Können wir auch hier sagen: Er ist befruchtet von hohem Licht? Es bedarf eines tiefen Glaubens, um in der Passionsgeschichte das hohe Licht zu erkennen. Wer feierlich mit einem Kreuz umgehen kann, der hat diesen Glauben und weiß, wozu das Kreuz gut sein kann.

Hoc olivum, signum vivum, lura contra daemonum - dieses Öl, Zeichen des Lebens, gegen die Macht der Dämonen.
Wer in dieser Welt vom Erlöser spricht weiß um den oder die Gegenspieler, die ihm und uns das Leben schwer machen. Wir müssen vorsichtig sein, wenn Dämonen ausgemacht werden sollen. Man kann auch schnell jemanden dazu verdammen. Wir müssen aber auch alle Kräfte, die wirklich gegen uns arbeiten, kennen und nennen, denn durch das Vertuschen haben sie eine größere Chance, unerkannt zu wirken. Aufklärung und Transparenz innerhalb der Kirche nennen das Böse beim Namen. Dann zu trennen zwischen Person und Tat ist eine bleibende Aufgabe für lange Zeit. Wenn ich Katechumenenöl, Krankenöl oder Chrisam verwende, dann erscheint das wie ein blasses Zeichen neben der Macht von Verleumdung und Lüge, aber es ist eben mehr als nur Olivenöl. Es ist erfüllt mit der Zusage der Macht Gottes. Darum nehmen wir das Öl an die Hand und spenden die Sakramente. Wir vertrauen auf die Macht des Erlösers, die weiter reicht als unser Erkennen und Handeln.

Unctione chrismatis: ut sanetur sauciata Dignitatis gloria - Durch die Salbung mit Chrisam wird das Verletzte geheilt zur Würde der Herrlichkeit.
Verletzungen werden geheilt und damit die Würde wieder hergestellt. Verletzungen fügen wir Menschen uns vielfach durch Worte und Taten zu. Der heutige Tag bringt uns in Erinnerung, dass wir als Christen Verletzungen zu meiden und zu heilen haben. Das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter zielt zwar auf die Aussage hin, dass Gottesdienst zu jeder Zeit und an verschiedensten Orten und in verschiedenster Weise möglich ist. Die Priorität der Form, die zu wählen ist, entscheidet sich in der konkreten Situation. Wir schauen auf den Samariter, der durch seine konkrete Tat des Verbindens der Wunden Gottesdienst feiert. Er kann die Wunden nicht mehr verhindern, aber er kann sie lindern und heilen. Es ist immer auch derjenige gefragt, der einen neuen Anfang macht mit dem Verbinden und Heilen. Verletzungen durch Trennungen, Scheidungen, Verleumdung und Vorurteil finden wir außerhalb und auch innerhalb der Kirche und Gemeinde. Wie gehen wir damit um? - ist die große Frage. Wir müssen die Verletzungen, die auch innerhalb der Kirche durch ihre Angestellten geschehen sind, als Schuld bekennen, wie ich es in den Briefen tue, die ich den Missbrauchsopfern schreibe. Wir dürfen aber auch hinweisen auf Vergebung und Heil durch den Erlöser Jesus Christus. Und wenn ich auch mit frommen Formulierungen bei solchen Entschuldigungsbriefen vorsichtig bin, so habe ich doch im Herzen den Wunsch und die Hoffnung, dass das Heil bei diesen Opfern mächtig wird.

Praesta lucem, claude mortem Chrismatis consortibus - Schenke Licht, verschließe den Tod vor denen, die mit Chrisam gesalbt sind.
Chrisam und Krankenöl, die wir auf Stirn und Hände geben, sollen den ewigen Tod verhindern. Schon das Chrisam bei der Taufe und Firmung ist ein Siegel, das uns vor dem ewigen Tod bewahren soll und vor dem der Tod erschrickt. Der Eifer, den wir als Seelsorger aufbringen, um die Sakramente der Taufe, Firmung und Krankensalbung spenden zu können, ist begründet in der Sorge um den drohenden ewigen Tod - das wollen wir verhindern durch die Freundschaft und Verbundenheit mit Christus. Wenn wir auch wissen, dass Gott letztlich das Heil allen Menschen auch ohne unser konkretes Tun schenken kann, so wissen wir doch auch, dass er es durch und mit der Kirche tun will - mit SEINER Kirche. "Den ewigen Tod verhindern durch die Salbung mit heiligem Öl" - wenn es auch erklärt werden muss: es ist ein ernstzunehmendes Programm für uns als Spender der Sakramente.

Sit haec dies festa nobis, saeculorum saeculis. Sit sacranda digna laude, nec senescat tempore - Es sei dieser Tag ein Fest für uns in alle Ewigkeit. Er sei geheiligt, würdig des Lobes, nie altere seine Zeit.
Der Hymnus endet mit einem Ausblick auf die Ewigkeit. Was wir heute tun, hat seine Auswirkung auf die Ewigkeit, oder besser: Wir beginnen jetzt schon die Ewigkeit, weil wir uns auf unsere Berufung besinnen, mit Christus und wie Christus gesalbt zu sein. Bemühen wir uns neu in der Kraft der heiligen Sakramente, das Fest am Ende der Tage nicht aus dem Blick zu verlieren - für uns und alle, die jetzt davon noch nichts wissen, aber es mit Sicherheit im Herzen erahnen. Amen.


Predigt gehalten am 26.3.2013 im Erfurter Dom St. Marien