Neu anfangen

Von säkularer und christlicher Umkehr. Hirtenbrief von Bischof Joachim Wanke zur österlichen Bußzeit


Bischof Joachim Wanke
Von säkularer und christlicher Umkehr. Hirtenbrief von Bischof Joachim Wanke zur österlichen Bußzeit 2009

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!


Am Beginn der österlichen Bußzeit werden wir an den Anfang der Predigt Jesu erinnert. Jesus leitet seine Sendung zu den Menschen mit den Worten ein: "Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!"



1. Von der Sehnsucht und der Ohnmacht, neu anfangen zu können


Ein uns geläufigeres Wort für Umkehr ist: Neuanfang. "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", sagt der Dichter Hermann Hesse. Es ist beglückend, ein kleines Kind zu erleben, das noch ganz unbefangen, neugierig und vertrauensvoll auf die Welt um sich herum schaut. Sein Leben fängt an. Es entfaltet sich wie eine Blüte aus der Knospe. Alles ist offen, alles ist möglich. Schade, dass man diesen Augenblick des Anfangens nicht festhalten kann! Oder: Wenn zwei Menschen ihre gegenseitige Liebe entdecken und miteinander als Ehepaar einen gemeinsamen Weg anfangen. Das ist wie ein Geschenk des Himmels. Oder: Wie gut tut es, in einer verfahrenen Situation, die durch meine eigene Schuld entstanden ist, vom anderen zu hören: "Komm, lass uns miteinander neu anfangen!"


Anfangen dürfen ist nicht selbstverständlich. Gleichwohl gibt es in jedem Menschen eine tiefe Sehnsucht danach. Unsere Lebenserfahrungen sind freilich oft ernüchternd. Aus dem Kind kann ein rechter Plagegeist werden, aus einer großen Liebe ein Gefängnis, und auf das erlösende Wort der Vergebung kann man manchmal lange warten. Wir stecken in vielen Zwängen. Nicht nur die anderen, nicht nur die Verhältnisse sind daran schuld. Wir zwängen uns selbst ein in Gewohnheiten und Verkrustungen. Wie langlebig und dadurch besonders bitter kann manchmal ein Streit sein! Und wenn man sich einmal hochherzig zu einem Neuanfang aufrafft, in einer Beziehung, in einer Aufgabe, in der Bekämpfung einer schlechten Gewohnheit - wie schnell fährt der Lebenskarren wieder auf den alten Geleisen. Wir erfahren uns wie ohnmächtig, etwas ändern zu können. Das erklärt die Skepsis gegenüber allen Appellen, neu anzufangen.



2. Mit Gottes Hilfe immer wieder neu anfangen


Was können wir tun? Schlimmer noch als ein einzelnes Versagen ist Resignation. Wer aufgibt, sich immer wieder um das Bessere zu mühen, gibt sich selbst auf. Das ist wie beim Wachsen und Reifen eines jungen Menschen, der lernen muss, dass jedes Wachstum im Guten in kleinen Schritten erfolgt.


Darum sind wir Jahr für Jahr in der österlichen Bußzeit aufgerufen, neu anzufangen - mit Gott und miteinander; ja, auch bei uns selbst neu anzufangen, das Lebenshaus aufzuräumen und frei zu werden von alten Zwängen. Und wenn es nur ein kleiner Schritt wäre! - Was kann uns dabei Mut machen?


Dass wir dabei nicht nur auf uns selbst angewiesen sind!


Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Amtseinführung des neuen US-amerikanischen Präsidenten im Januar dieses Jahres. Obamas Antrittsrede am Kapitol kam mir vor wie die Verkündigung eines säkularen Evangeliums. Amerika stark machen - nicht nur durch Waffen, sondern durch seine Ideale der Freiheit, der Gleichheit der Rassen und der Achtung vor der Menschenwürde jedes Einzelnen. Es war bewegend zu sehen, wie sehr sich die Menschen davon ansprechen ließen.


Wir haben es freilich besser als jene Amerikaner, die allein auf den Veränderungswillen ihres neuen Präsidenten bauen. Als gläubige Menschen vertrauen wir darauf, dass Gott selbst einen Neuanfang mit der Welt gemacht hat. Sein Neuanfang ist der Ostersieg Jesu Christi über Sünde und Tod. Das ist die entscheidende Wende in der Geschichte der Menschheit. Darauf bauen wir. Damit rechnen wir.


Ich vergleiche diesen Ostersieg Christi einmal mit dem Machtwechsel, den wir in unserem Land bei der friedlichen Revolution 1989/90 erlebt haben. Diese Revolution hat die Rahmenbedingungen des gesellschaftlichen und auch unseres persönlichen Lebens verändert. Sie hat eine neue Freiheit ermöglicht. Aber - das haben wir inzwischen gelernt - diese neue Freiheit muss gewollt, sie muss ergriffen und verantwortlich gestaltet werden. Auch dadurch, dass wir z. B. uns an Wahlen beteiligen und mit unserer Stimme für eine vernünftige Regierung sorgen.


Auf unsere Situation als Christen angewendet heißt das: Der Auferstandene ist schon Herr über alle Welt - aber er will es immer mehr werden, im Leben der Völker, im Leben unserer Gemeinden und auch in meinem ganz persönlichen Leben. Sein universaler Ostersieg soll sich ausweisen in den kleinen Ostersiegen meines persönlichen Lebens. - Wie soll das gehen?



3. Neu anfangen heißt: Dem Bösen widerstehen


Ich illustriere das einmal an der gegenwärtigen Finanzkrise. Heute sagen viele: Hätte man das damals nicht wissen können, etwa, dass ein Spekulieren mit nicht vorhandenem Vermögen auf Dauer nicht gut gehen kann? Oder: Dass die Erwartung überhöhter Gewinne unrealistisch ist oder die überdimensionierte Selbstbedienungsmentalität moralisch und wirtschaftlich allen schadet? Gab es denn keinen, der es hätte besser wissen können? Ich möchte ausdrücklich darauf aufmerksam machen: Nicht alle Verantwortlichen haben sich in diesen Sog, das schnelle Geld machen zu wollen, hineinziehen lassen. Die meisten haben ordentlich ihre beruflichen Aufgaben erledigt und redlich ihre Pflichten erfüllt. Aber es gab einige, die versagten. Und andere ließen sich mitreißen. Und es gab zu wenige, die warnten bzw. gegen unsoziales, verantwortungsloses Handeln einschritten. Nun müssen für die Sünden einiger alle büßen.


Es wäre leicht, jetzt noch manch anderes zu nennen, was unseren mutigen Widerstand erfordert. Im Grunde sind es die Fehlhaltungen des alten Adam in uns, die es zu bekämpfen gilt: Habgier und permanente Unzufriedenheit, Ü;berheblichkeit und Stolz, Hass und Streitsucht, Treulosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber mitmenschlicher Not. Und nicht zuletzt die Dummheit, die aus den Erfahrungen der Geschichte nichts lernen will. Denken wir daran: Dort, wo ich dem Bösen nicht widerstehe, leiden immer andere mit.


Wenn eines stimmt, dann dies: Der christliche Glaube hilft uns, realistisch zu bleiben. Wir glauben an die Verheißungen Gottes, aber nicht an ein Paradies auf Erden. Wir wissen um die erbsündliche Verfasstheit des Menschen, auch unsere eigene Schwachheit und Geneigtheit zur Sünde. Aber das lässt uns nicht resignieren. Wir haben das Vertrauen, dass wir mit Gottes Hilfe dem Bösen widerstehen können. Umkehr und Neuanfang sind möglich: sich an Gottes Gebot orientieren, auf die Stimme des Gewissens hören und nicht nur für sich selbst, sondern auch für das Wohl der Gemeinschaft sorgen. Und für dieses Gemeinwohl ist z. B. auch ein Finanzamt da, das auf unsere Ehrlichkeit angewiesen ist.



4. Neu anfangen heißt: Das Licht in alle Dunkelheiten tragen


Eines der wertvollsten Kunstwerke des Erfurter Mariendomes ist der sogenannte "Wolfram-Leuchter".



Ich gehe oft an dieser Figur vorbei - beim Gottesdienst, mit Dombesuchern, beim persönlichen Verweilen im Dom. Es berührt mich sehr, wenn ich bedenke, dass diese Figur über 800 Jahre lang das Licht empor hält. Der Wolfram ist für mich eine Gestalt der Hoffnung, die uns im Dunkel der Zeit auf das Osterlicht hinweist.


In diesem Lichtträger sehe ich unsere Aufgabe als Kirche und Christen angedeutet. Wir bekennen uns zu dem Licht des österlichen Glaubens, dass uns als Geschenk von oben zukommt. Es ist in unserer Zeit und zumal in den neuen Bundesländern nicht selbstverständlich, an Gott und seine Verheißungen zu glauben.


Ihr wisst: Die geistige Grundbefindlichkeit hierzulande ist eine andere. Ich vergleiche sie einmal mit dem Verweilen in einem Spiegelkabinett, wie sie sich in manchen barocken Schlössern befinden. Wer schon einmal in einem solchen Raum war, weiß um die merkwürdige Wirkung auf den Besucher. Wenn die verspiegelten Türen und Fenster geschlossen sind, sieht man, wohin man auch schaut, immer nur - sich selbst.


Das ist für mich ein sprechendes Bild. Viele Zeitgenossen können nicht sehen, dass hinter den gesellschaftlichen und persönlichen "Spiegelungen", die die Befindlichkeiten, Ängste und Hoffnungen der Menschheit und des Einzelnen reflektieren, sich noch ein größerer Horizont auftut. Sie bleiben mit sich, ihren Fragen, Vorstellungen und Wünschen und manchmal auch mit ihren Illusionen allein.


Der christliche Glaube ist der energische Versuch, den Menschen in allen Generationen immer wieder neu "Fenster und Türen zu öffnen", damit sie die volle Wirklichkeit des Lebens und der Welt wahrnehmen können. Der Grundtenor des Osterglaubens lautet: "Du bist nicht mit dir allein! Die Dunkelheit in Deinem Leben hat nicht das letzte Wort! Es gibt einen weiteren, größeren Horizont hinter dem, was Du jetzt wahrnehmen oder gar erleiden musst!"


Ich erinnere daran: Als vor 20 Jahren die friedliche Revolution neue Lebensverhältnisse im Osten ermöglichte, hielt das vorher niemand für möglich. Die politischen Verhältnisse schienen festgezurrt im Mächtespiel der Großen. Und doch geschah das Wunder. Es gab einen neuen Anfang in Freiheit und für selbstbestimmtes Leben. Das war möglich durch tapfere Menschen, die an einen größeren Horizont glaubten als den, der uns von der alten Staatspartei damals zugestanden wurde. Sie ließen sich - im Bild gesprochen - von dem abgeschotteten gesellschaftlichen Spiegelkabinett des alten Staates nicht beirren. Sie fingen einfach an, Fenster zu öffnen und nach dem zu fragen, was dahinter sein könnte.


Die Welt braucht immer wieder Fensteröffner. Sie braucht Lichtträger. Ich bin dankbar, dass im Erfurter Dom der Wolfram steht. Aber dieser eine Lichtträger reicht nicht. Jeder von uns muss ein "Wolfram" werden. Wir Christen vertrauen dem entscheidenden Licht von oben, dass selbst das Dunkel der Gräber erhellen kann. Dieses Licht macht Mut, immer neu anzufangen, auch im eigenen Leben dem Bösen zu widerstehen und dem Guten Raum zu geben.


Und wenn einer zaghaft und ängstlich fragt, wie er das schaffen soll, dann möge er sich an das erinnern, was Obama damals den Menschen zurief: "Yes, we can!" Fügen wir freilich hinzu: "Mit Gottes Hilfe: Yes, we can!" Das wäre ein gutes Wort der Ermutigung für die österlichen Bußzeit.


Es segne und behüte Sie alle der gute und mächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.


Euer Bischof



pdf-Version des Hirtenbriefes von Bischof Wanke

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