Kirchliche und kommunale Jugendarbeit nach der Wende

Erfurt (pw) - Rund 40 Vertreter der katholischen Kirche und des Caritasverbandes in den Jugendhilfeausschüssen des Freistaates Thüringen haben sich am letzten Wochenende in der Bildungsstätte St. Martin getroffen. Im zehnten Jahr nach Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) diente die Zusammenkunft dem Erfahrungsaustausch und der Weiterbildung in Sachen kirchlicher und kommunaler Jugendarbeit.

Am Treffen nahmen auch Staatssekretär Heinz-Günther Maaßen vom Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, und Käthe Brunner, Jugendamtsleiterin in Jena teil. Eingeladen hatten Diözesanjugendseelsorger Stephan Riechel, Caritasdirektor Bruno Heller und der Leiter des Katholischen Büros, Winfried Weinrich.

Für die katholische Jugendarbeit sei nach der Wende eine "völlig neue Situation" entstanden, beschrieb Gregor Arndt, damals Diözesanjugendseelsorger und heute Stadtdechant in Mühlhausen, seine Erfahrungen. Man habe sich sich nicht mehr in der gesellschaftlichen Nische befunden, sondern sei Teil der städtischen Öffentlichkeit geworden. Dadurch hätte sich eine "Marktsituation" ergeben: Die katholische Jugendarbeit war eines von mehreren Angeboten. "Auch andere hatten Laienspielgruppen und Kinderchöre. Wir mußten uns also profilieren; wir konnten nicht länger alles machen." Profilierung der Jugendarbeit war und ist für Arndt die eine Konsequenz, Kommunikation mit den anderen Trägern der Jugendarbeit und der Politik die andere.

Ebenfalls neu und ungewohnt war vor zehn Jahren die Möglichkeit durch das KJHG, dass Angehörige der Kirchen die Jugendhilfe der Landkreise und kreisfreien Städte mitgestalten konnten.

Seitdem sind Katholiken als Vertreter kirchlicher Jugendhilfeträger wie der Caritas oder als sachkundige Bürger Mitglieder im Jugendhilfeausschuss (JHA).

Der JHA behandelt mehr als nur die Finanzfragen für die Jugendhilfe, wie P. Ulrich Otto, Direktor der Villa Lampe in Heiligenstadt, herausstellte. "Politik heißt Umsetzung der Interessen von Menschen. Jedes Mitglied hat dort die Chance der Mitgestaltung", so Otto. Dem JHA gehe es um junge Menschen.

Zusammen mit der Verwaltung des Jugendamtes trägt der Jugendhilfeausschuß die Gesamtverantwortung für die Jugendhilfe. Ziele der Jugendhilfe sind u.a. die individuelle Förderung von Jugendlichen und der Abbau von Benachteiligungen sowie die Beratung und Unterstützung von Erziehungsberechtigten. Wie die Arbeit vor Ort im einzelnen gestaltet wird, entscheiden die Träger von Kindertagesstätten, Jugendsozialarbeit oder ambulanter und stationärer Hilfsangebote. Aber bei der Förderung und Formulierung von Zielen für die kommunale Jugendhilfe ist der JHA neben der Verwaltung entscheidend.

Angesichts knapper Kassen verwies Käthe Brunner, Leiterin des Jugendamtes in Jena, auf die Erfolgsbilanzen der Jugendhilfe. Beispielsweise habe in Jena durch gezielte Präventionsmaßnahmen die Jugendkriminalitat nicht wie anderswo zugenommen. Bei Kindern habe man die Zahl der Verstöße sogar senken können. Jugendhilfe sei besser und billiger als Jugendarrest.

Die Kassenlage in den Kommunen läßt die Mitglieder der Jugendhilfeausschüsse auch über Drittmittelgewinnung nachdenken. Das wird allerdings skeptisch gesehen. Pater Otto begrüßt es zwar, wenn die Wirtschaft die Jugendhilfe finanziell unterstützen will. Aber er verwahrt sich entschieden gegen Jugendliche als Werbeträger. Auch dürften Spender nicht Einfluß auf die Gestaltung der Jugendhilfe nehmen. In Jena will man auch keine Werbung machen, wie Frau Brunner erklärte, aber man denkt über "Gegenleistungen" nach, etwa über Auftritte von Jugendgruppen bei Betriebs- oder Stadtteilfesten.

Mit der Finanzierung steht und fällt die Jugendhilfe. Kein Wunder also, dass die Mitteilung von Staatssekretär Maaßen, die Jugendpauschale im Thüringer Haushalt solle künftig nicht gekürzt werden, positiv aufgenommen wurde. Aus der Jugendpauschale werden die hauptamtlichen Mitarbeiter in der Jugendhilfe bezahlt. Im Haushalt 2000 war die Jugendhilfe erstmals ein eigener Etatposten.

Dennoch wurde weiterer Bedarf angemeldet. Pater Otto etwa hofft, dass im künftigen Landesjugendförderplan die Jugendsozialarbeit besonders an den Schulen breiter berücksichtigt wird.



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