Krümme des Hirtenstabes
von Bischof Hugo Aufderbeck
Vortrag von Bischof Joachim Wanke auf dem Aufderbeck-Symposium
Im Folgenden dokumentieren wir den Vortrag "Impulse aus dem Wirken des Erfurter Bischofs Hugo Aufderbeck für die Kirche heute", den der Erfurter Bischof Joachim Wanke auf dem Symposium anlässlich des 100. Geburtstages von Bischof Hugo-Aufderbeck (1909-1981) am 27.3.2009 im Festsaal des Erfurter Rathauses gehalten hat. Das Symposium stand unter dem Titel: "Auf dieses herrliche Land ist mein Los gefallen". Am Ende des Dokumentes kann der Vortrag als pdf-Datei, die auch die Fußnoten enthält, heruntergeladen werden.
Das Thema dieses Vortrags, einem Vers aus Psalm 16 nachempfunden, stand im Arbeitszimmer des seinerzeitigen Magdeburger Seelsorgeamtsleiters Hugo Aufderbeck unter einer Landkarte Mitteldeutschlands.
Viele der damaligen Zeitgenossen empfanden dieses Land durchaus nicht als "herrlich": Es war noch gezeichnet von den Folgen des Zweiten Weltkrieges; für einen beträchtlichen Teil der Menschen war es "Fremde", da sie durch Flucht und Vertreibung hierher aus Schlesien, Ostpreußen oder dem Sudetenland verschlagen worden waren; politisch lief alles auf ein neues weltanschaulich repressives System hinaus, auf einen Staat im Machtbereich des Sowjetimperiums, in dem es wohl kaum ein Wirtschaftswunder geben würde; viele waren zudem anfänglich unsicher, ob es wieder "zurück" in die alte Heimat geht oder man weiter nach Westen fliehen sollte, was dann später auch sehr viele taten.
Auch dem am 23. März 1909 im malerisch gelegenen Dörfchen Hellefeld geborenen und dort aufgewachsenen Sauerländer Hugo Aufderbeck war es nicht in die Wiege gelegt, so viele Jahre seines Lebens im Magdeburgischen und Thüringischen zu wirken.
Nach Schulzeit und Theologiestudium in Paderborn, Wien und München wurde er 1936 in Paderborn zum Priester geweiht. Nach zwei Jahren als Religionslehrer in Gelsenkirchen und der 1938 erfolgten Schließung der katholischen Schulen durch die Nationalsozialisten wurde er Vikar und Studentenseelsorger in Halle/Saale. Ich erinnere mich noch, wie Aufderbeck von den nicht ungefährlichen Jahren seines Wirkens damals erzählte, etwa von den Kontakten mit den zum Heimaturlaub kommenden Soldaten. Nach Kriegs- und Nachkriegszeiten wurde er 1948 zum Leiter des neu geschaffenen Erzbischöflichen Seelsorgeamtes für das Kommissariat Magdeburg ernannt. Dies waren entscheidende Jahre für die Ausprägung seiner theologischen und pastoralen Ü;berzeugungen, die er dann ab 1962 zunächst als Weihbischof des Erfurter Bischofs Josef Freusberg und nach dessen Tod 1964 als sein Nachfolger in Thüringen und im Eichsfeld umzusetzen suchte.
In diesen Jahren im Osten Deutschlands - in Halle, Magdeburg und Erfurt - hat Hugo Aufderbeck unter der Oberfläche dieses Landes Wirklichkeiten entdeckt, die nicht alle sahen und die es für ihn zu einem "herrlichen Land" machten. Wenn wir Jüngeren ihm, dem Sauerländer, der seine Heimat liebte und mit ihr zeitlebens verbunden blieb, etwas abnahmen, dann war es seine überzeugende Annahme des "Hier und Heute". Der mitteldeutsche Raum der Diaspora war für Hugo Aufderbeck nicht nur ein zufälliger Wirkungsort, sondern im besten biblischen Sinne sein von Gott her verordnetes "Los". Hier wollte er wirken, hier wollte er Helfer beim "Dombau im Heiligen Geist" sein.
Mein Vortrag hat nicht das Ziel, umfassend das Lebenswerk des Pastoraltheologen und Seelsorgers Aufderbeck nachzuzeichnen. Wohl aber möchte ich nach Linien seines Wirkens fragen, die für die Kirche im Mitteldeutschen wegweisend waren und bis heute sind.
I.
Im "Hier und Heute" Kirche sein, oder: Die Stunde der Kirche erkennen
In manchen Bücherschränken von Geistlichen, die in den sechziger und siebziger Jahren im Osten gewirkt haben, wird sich noch ein Band im Taschenbuchformat mit dem Titel: "Die Stunde der Kirche" finden. Es trägt den Untertitel: "Alle Zeiten sind Zeiten des Herrn". Eine Handreichung zur Seelsorge von Rektor Christian Hammerschmidt. Hinter diesem fingierten Namen verbirgt sich Hugo Aufderbeck, der in diesem 270 Seiten umfassenden Buch im Grunde eine kontextuelle Pastoraltheologie darbietet. Als junge Theologen haben wir dies in den sechziger Jahren in die DDR hineingeschmuggelte Werk gleichsam verschlungen, ging es dort doch um die Auseinandersetzung mit dem dialektischen und historischen Materialismus der alten Staatspartei und die Darlegung einer Seelsorge als "Dombau im Heiligen Geist", entfaltet unter den Stichworten Martyria, Diakonia und Leiturgia, Schlüsselworte des theologischen Denkens von Hugo Aufderbeck.
Hier fand sich vieles, was Aufderbeck in Vorträgen und Konferenzen unermüdlich vortrug. Ich selbst muss bekennen, dass ich als Jugendlicher von Aufderbeck in die Grundlehren der damaligen Staatsideologie, den sogenannten DIAMAT eingeführt worden bin, verständlicher als in der Schule. So wurde mir geholfen, das Menschen- und Geschichtsbild dieser Ideologie besser zu durchschauen. Noch heute sind viele Passagen des engagiert geschriebenen Buches lesens- und bedenkenswert, etwa jene, in denen Aufderbeck die Auswirkungen des Atheismus auf den Menschen darstellt oder in denen er die Aufgaben der Seelsorger in einer solchen ideologisch geprägten Diaspora umschreibt.
Ich zitiere einmal einige Sätze aus der Einleitung dieses Buches. Da heißt es: "Da wir in der Mitte des 20. Jahrhunderts leben und zudem in einem Land des militanten Atheismus, kann die Seelsorge nicht sein, wie sie gestern in Preußen war oder heute in Bayern ist. Wir können an Ort und Zeit nicht vorbeigehen. Wenn wir ortlos und zeitlos Seelsorge betreiben würden, blieben Ort und Zeit mehr oder weniger vom Evangelium unberührt. Und wir wären schuld daran." Und an anderer Stelle lesen wir: "Wenn wir eine neue Vereinigung für Christen hierzulande gründen wollten, so sollte sie den Namen ?hic et hodie? tragen. Wir sollten nicht viel von ?Olims Zeiten? reden und uns nirgendwo ein ?Alibi? suchen."
In diesen Worten klingt ein Grundmotiv des Wirkens von Bischof Aufderbeck an. Es war die Bereitschaft, die hier und jetzt gegebene Situation bereitwillig anzunehmen. Die Stunde, so wie sie ist, ist Stunde der Kirche, und nicht eine Stunde, wie wir sie aus der Vergangenheit in Erinnerung haben oder wie wir sie uns wünschten.
Ich will nur andeuten, was das heute für uns bedeutet. Die friedliche Revolution vor 20 Jahren hat das Gesamtklima in der Gesellschaft verändert, auch wenn wir hier im Osten immer noch manche Folgen des alten repressiven Gesellschaftssystems zu tragen haben. Wir leben heute in einer weltanschaulich offenen, liberalen Gesellschaft. An unseren eigenen Kindern und Enkeln spüren wir: Unsere kirchlichen Erfahrungen von damals sind nicht mehr ihre Erfahrungen. Diese Barriere im Empfinden der Zeit und in der Art des Fragens und der Gestaltung des Lebens mag uns Ältere irritieren. Aber diese Barriere ist nun einmal da und das ist im Blick auf unsere schnelllebige Zeit und die Abfolge der Generationen auch nicht verwunderlich.
Das bedeutet: Es wird keine Rückkehr zu den kirchlichen und pastoralen Verhältnissen der Vorwendezeit oder gar der Nachkriegszeit geben. Die Periode einer intensiven Pfarrseelsorge mit ihrem Ideal einer umfassenden pastoralen "Versorgung" aller Gläubigen ist Vergangenheit. Das hat zu tun mit einem tief greifenden Wandel der Gesellschaft, der unweigerlich auch die "Sozialgestalt" von Kirche und damit auch die unserer Pfarreien berührt. Das hat auch mit gewandelten theologischen Einsichten in das Wesen der Kirche, einer mehr dynamischen Sicht von Gnade und Heiligung und nicht zuletzt mit einer Neubestimmung des Verhältnisses von Klerus und Laienchristen zu tun.
Dieser Wandel ist oft beschrieben worden. Aber sind die Konsequenzen aus diesem Wandel wirklich bewusst? Sind sie "verinnerlicht"? Die verbreitete gegenwärtige kirchliche Resignation, die "Atmosphäre der Verzagtheit", die manche Ortskirchen bestimmt, hat in dieser untergründigen Wahrnehmung der veränderten gesellschaftlichen Situation ihren Ursprung. Man spürt die Veränderungen zu "früher", aber es fehlt eine Vorstellung davon, wie es weitergehen könnte. Das lähmt und schafft Resignation.
Hier können wir von Bischof Aufderbeck lernen. Die Stunde der Kirche ist nicht immer dieselbe Stunde. Ich zitiere noch einmal aus dem Buch "Die Stunde der Kirche": "Solange wir zurückdenken können, ist die Art und Weise der pastoralen Tätigkeit von den Adressaten und von ihrer jeweiligen Situation bestimmt gewesen. Paulus schreibt an die Korinther anders als an die Römer und wieder anders an die Philippper. St. Augustin predigt im Blick auf die Manichäer anders als im Blick auf die Pelagianer. Philipp Neri predigt in Rom anders als Franziskus Xaverius in der Mission. Und doch geht es immer um dasselbe Evangelium."
Dazu nur ein kleines Gedankenexperiment: Würde ich als Priester gern mit dem heiligen Pfarrer von Ars tauschen? Der Pfarrer von Ars hatte damals im frühen 19. Jahrhundert mit dem Atheismus seiner geistlich verwahrlosten Bauern in der französischen Provinz zu kämpfen. In Thüringen haben wir es heute mit religionsfernen, oft orientierungslosen und ideologiegeschädigten Zeitgenossen zu tun. Aber wer wagt zu sagen, was pastoral wohl mehr herausfordert - das Damals oder das Heute?
Es kommt in der Pastoral auf Qualitäten an, die mehr mit dem Herzen, weniger mit Strukturen und Methoden zu tun haben. Es geht um innere Einstellungen, um geistliche Grundhaltungen, um eine Glaubenszuversicht und einen pastoralen Einfallsreichtum, der sich nicht nur "von unten" her speist, sondern auch und vor allem "von oben". Es geht um die Fähigkeit, ein "Osterzeuge" zu sein, also das eigene Leben, die Wirklichkeit, die es zu bestehen und zu gestalten gilt, auch unseren Auftrag in der Seelsorge und die Art und Weise unseres Kirche-Seins in eine österliche Perspektive zu rücken.
Es braucht die innere Annahme der Tatsache, dass es ohne Veränderungen in unserer Kirche und ihrer Pastoral keine Zukunft geben wird. Das erfordert begleitend eine fundamental ansetzende Neubesinnung auf das, wofür Kirche heute zu stehen hat, "wozu sie taugen soll". Gemeinsame Arbeit an Leitbildern für unsere Ortskirche und ihre größer werdenden Pfarreien sind keine vertane Zeit. Wir sind nicht mehr "Volkskirche", in der wir so tun könnten, als seien wir noch in Schlesien oder müssten das leisten, was derzeit vielleicht noch im Erzbistum Köln möglich ist, nur alles etwas weniger. Unser Bistum ist eine "Missionskirche neuen Typs", und das erfordert neue Einstellungen und eine veränderte pastorale Praxis. Im Bild gesprochen: Die Windrichtung hat sich geändert. Wir werden, um dennoch voranzukommen, lernen müssen, die Segel eben anders zu setzen als bisher.
II.
Die Quellen offen halten, oder: Feiern, was wir glauben
Wer Bischof Aufderbeck noch persönlich hat predigen hören, wird sich an seine bibelgesättigte Sprache erinnern. Auch in Vorträgen und Aufsätzen war seine tiefe Vertrautheit mit der Heiligen Schrift zu erkennen, die ihn leicht und mühelos die biblischen Bilder und Metaphern gebrauchen ließ. Dem Verkündiger des Wortes Gottes etwa möchte er "den Schild und das Schwert" in die Hand geben, wie es Epheser 6 heißt, dazu die "Posaune", die die Hörer des Wortes wie in Jesaja 58 aufwecken soll, und ferner die "Maurerkelle" zur Auferbauung des Hauses Gottes, weil Paulus das Werk der Seelsorge gern mit einem Hausbau vergleicht (vgl. 1 Kor 14). Das sind Bilder, wie Aufderbeck sie liebte. Seine Hirtenbriefe und Predigten sind voll davon.
Und ein weiteres Moment gehört zu seinem Profil: Seine Liebe zur Liturgie, genauer: zur gottesdienstlichen Versammlung, in der das Wort Gottes, die heilige Schrift ihren ersten und wichtigsten "Sitz im Leben" hat. Das sind die Quellen für Aufderbecks pastorale Impulse und theologische Einsichten. Schon der Gymnasiast Aufderbeck war mit der "liturgischen Bewegung" in Berührung gekommen. Viele junge Katholiken waren nach dem ersten Weltkrieg von ihr geprägt worden. Ihr ging es ja darum, tiefer in das "Mysterium" - das Innerste der gottesdienstlichen Feier - hineinzuführen und zugleich ihr Äußeres so zu gestalten, das es zu einem wirklichen Hören und Verstehen des Wortes Gottes in seiner ganzen Breite und eine ganzheitliche Beteiligung aller an der Liturgie der Kirche ermöglichte. In unserem ostdeutschen Raum waren es vor allem Männer wie Johannes Pinsk, Berlin, und Josef Gülden und Theo Gunkel vom Leipziger Oratorium, natürlich in enger Verbindung mit vielen anderen, die hier prägend wirkten.
Für sie und die Kirche allgemein war es ein wichtiges Ereignis, dass 1955 die "Große Woche", speziell das Ostertriduum, die jährliche Feier des Pascha Domini, liturgisch erneuert wurde. Eine verbreitete Hilfe zur Feier waren für die Hand der Gläubigen, wie sich manche erinnern werden, das Gemeindebüchlein "Pascha Domini" und als Hinführung und zur Gestaltung das von Aufderbeck im Leipziger St. Benno-Verlag 1958 herausgegebene Werkbuch "Die Feier der vierzig und fünfzig Tage" (der österlichen Festzeit).
Das hat Aufderbeck als innerste Mitte seiner Pastoral angesehen: Unverzichtbar für die christliche Gemeinde ist die wöchentliche Versammlung um den Herrn in seinem Wort und dem eucharistischen Mahl, die Feier des Wochenpascha. Hatte sich schon der Vikar in Halle - auf dem Hintergrund der tridentinischen, d. h. unter anderem lateinischen Form der Messe - zusammen mit anderen bemüht, diese relativ gemeindeferne Form durch deutsche Texte und Gesänge den Menschen nahe zu bringen, so begleitete das Anliegen der Erschließung der Liturgie und speziell der Eucharistie Aufderbecks Wirken ein ganzes Leben lang. Aus dem Bemühen um die wöchentliche Versammlung der Gemeinde auch in der priesterarmen Diaspora kommt auch seine Anregung zu den so genannten Stationsgottesdiensten, eine Gottesdienstform, die noch in ihrer heutigen Form als Wort-Gottes-Feiern ohne Priester seine Handschrift erkennen lässt.
Um wieder den Blick auf das kirchliche Heute zu lenken: An diesem Bemühen Aufderbecks um die vom Wort Gottes und der Versammlung der Gemeinde geprägte Liturgie gilt es auch heute Maß zu nehmen. Wir brauchen heute wieder neu -in einem veränderten geistigen und kulturellen Kontext "Mystagogen" wie ihn, die es verstehen, in die Tiefenschichten der liturgischen Feiern, speziell der Eucharistie, einzuführen. Das gilt zum einen in dem Sinn, die Feiern und ihre Elemente sachgerecht zu erschließen, zum andern auch als ein Bemühen, die geistliche Bedeutung des Lebens aus dem Wort Gottes und den liturgischen Zeichen auch für den heutigen Alltag aufzuzeigen. Es geht um eine "ars celebrandi", eine Kunst des Liturgen, den Innenraum des liturgischen Geschehens als eine Begegnung mit Christus zu öffnen. Wer einmal mit Bischof Hugo im Hohen Chor die Osternacht mitgefeiert hat, dürfte wissen, was gemeint ist.
Im Blick auf die heutige Situation von Kirche und Glaube des einzelnen Christen sehe ich Bedarf an einer Hebung des "geistlichen Grundwasserspiegels". Das Christliche wird sich in Zukunft stärker qualitativ präsentieren und weniger quantitativ. Auch heute gilt das Wort: "Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts" (Joh 6,63). Es braucht in einer sich ins Subjektive und Beliebige weiter verlierenden Moderne eine Spiritualität, die dem einzelnen Christen Stehvermögen verleiht und ihm hilft, sich dem anderen gegenüber zu öffnen. Mehr und mehr werden "Wege erwachsenen Glaubens" notwendig, die den Einzelnen und kleine Gruppen in eine mündige, auskunftsfähige Form des Christseins führen.
In Zukunft werden wohl seltener Sakramente gespendet und Messen gefeiert werden. Aber es besteht ein Bedarf an einer qualitativen Verdichtung unserer gottesdienstlichen Feiern. Wir werden uns nicht leisten können, oberflächlich, rein rubrizistisch oder gar "schlampig" das zu feiern, was die Mitte unseres Glaubens ist: Christi Hinübergang zum Vater, in den er jeden Einzelnen und die Kirche insgesamt mit hineinnehmen will.
Wie wird eine biblische und liturgische Spiritualität für heute und morgen aussehen? Sie wird die klassischen geistlichen Erfahrungen neu befragen müssen. Sie wird sich an der Heiligen Schrift und der Feier der Sakramente festmachen, am Kirchenjahr, an Orten, an Personen. Sie wird eine "Alltagsmystik" entwickeln, die auch Erfahrungen der Verborgenheit Gottes auszuhalten weiß. Und das alles in ganz unpathetischer, nüchterner Weise. Die geistlichen Gemeinschaften geben uns dazu wichtige Impulse. Das freie Beten und die gemeinsame Bibellektüre unter Katholiken darf nicht die Ausnahme sein. Unsere Gremiensitzungen und sonstigen Zusammenkünfte werden durch einen gegenseitigen geistlichen Zuspruch reicher, nicht ärmer. Bei dieser spirituellen Durchdringung unseres "kirchlichen Alltagsbetriebes" sehe ich übrigens auch ein Feld fruchtbringender ökumenischer Zusammenarbeit und des gemeinsamen Austausches.
Die alte Selbstverständlichkeit gewinnt wieder neue Evidenz: Nur die Beter werden als Christen bestehen. Und nur eine Kirche, die im Gottesgeheimnis fest verwurzelt ist, bleibt für die Menschen interessant. Dass dies so ist, darauf gründet meine Hoffnung - auch für unsere Bistumskirche, die in ein neues Zeitalter hinein unterwegs ist. Ich sehe Bischof Aufderbeck als Liebhaber der Liturgie, als Mystagogen des Ostergeheimnisses an einem zentralen Ort der Kirche stehen, den auch wir wieder neu finden und besetzen müssen. Das wichtigste Gebot der Pastoral heute lautet: Wieder neu den Zugang zu den Quellen des Glaubens eröffnen. Dann wird uns alles andere "hinzugegeben" werden.
III.
Die Sammlung und Versammlung der Zerstreuten, oder: Den Gemeindebegriff weiten
Aufderbecks Lebenswerk ist nicht zu verstehen ohne den damaligen gesellschaftlichen und politischen Kontext. Schon als Seelsorgeamtsleiter und dann als Leiter aller Seelsorgeämter in den Jurisdiktionsgebieten der DDR musste er an einer doppelten Front kämpfen: Einmal ging es um die Sicherung kirchlichen Lebens in der Nachkriegszeit mit ihren großen wirtschaftlichen Problemen, dem sich zuspitzenden Ost-West-Gegensatz, dem Wechsel von einer braunen Ideologie nun zu einer roten, die zunehmend kirchenfeindlichen Druck aufbaute. Und dann war zum anderen die Zunahme des katholischen Bevölkerungsanteils in den Diasporagebieten Mitteldeutschlands zu bewältigen, die z.B. eine Präsenz von katholischen Christen auf den kleinsten Dörfern mit sich brachte, das Fremdheitsgefühl und die Isolierung der aus ihrer Heimat Vertriebenen. Diese Aufgaben überforderten die bisherigen Diasporagemeinden und ihre Seelsorger, wobei ich hinzufügen möchte: Damals wurde von den Priestern - und nicht zu vergessen von den so genannten Seelsorgehelferinnen - in der Sorge um die so plötzlich in großer Zahl präsenten katholischen Vertriebenen Heroisches geleistet.
Wie diese Herausforderung bewältigen? Wie der Kirche Gestalt geben?
Ich erkenne in den pastoralen Akzenten, die der Seelsorgeamtsleiter und spätere Bischof Aufderbeck setzte, vor allem dieses Bemühen: Es ging ihm um die Bildung von Gemeinden. Jeder Christ sollte in der Gemeinde Heimat findet. Dort sollte es zu einer fruchtbaren Begegnung kommen zwischen den einheimischen und hinzugekommenen (vertriebenen) Katholiken. Für Beides - soziologische Beheimatung und Begegnung - gab es keine bessere Grundlage als den christlichen Glauben. Dazu brauchte es freilich eine Weitung des bisherigen Frömmigkeitsbegriffs. Die traditionell geformte Frömmigkeit war weithin ichhaft, individualistisch. In ihr war "das Privatverhältnis mit Gott" (Wilhelm Weskamm) das Entscheidende. Hier galt es, sich über Fehlentwicklungen zurückzubesinnen auf die biblischen Grundlagen des Glaubens, auf die Anfänge der Kirche und die bleibende Gemeinschaftsgestalt von Christsein, ihre grundlegende Gestalt als einer Familie vor Gott, dem Vater.
So wird für Aufderbeck das Wort Gemeinde zu einem Zentralbegriff der Pastoral, aus dem sich viele Impulse seines Wirkens erklären. Die Gemeinde soll die Frömmigkeit inspirieren, sie weit machen und öffnen in Richtung einer christlich verstandenen Solidarität untereinander und mit der Welt. Schon lange vor dem Konzil sah Aufderbeck, dass - um die späteren Konzilsformulierungen aufzugreifen - die "Kirche Christi wahrhaft in allen rechtmäßigen Ortsgemeinschaften anwesend ist". "In diesen Gemeinden, auch wenn sie oft klein und arm sind oder in der Diaspora leben, ist Christus gegenwärtig, durch dessen Kraft die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche geeint wird" (gl. Vatikanum II, LG 26).
Alle Gläubigen - so Aufderbeck beim Bonifatiusjubiläum 1954 in Erfurt - sind hineingenommen in die großen Dienste der Verkündigung (Martyria), der Bruderliebe (Diakonia) und des Gottesdienstes (Leiturgia), Begriffe, die später in die Konzilstexte eingehen und Allgemeingut der Theologie geworden sind. Und darin klingt auch schon die Neuentdeckung des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen an, die Jahrzehnte später vom Konzil bekräftigt wurde (LG 10ff u.ö.).
Die Sammlung und Versammlung der Zerstreuten war - und so müssen wir sagen - ist auch heute vorrangige pastorale Herausforderung, wenn auch in einem veränderten gesellschaftlichen Kontext. In einem Aufsatz schrieb Aufderbeck: "Wer zur Ekklesia (Kirche/Gemeinde) gehören will, muss ... an ihren Versammlungen teilnehmen. Der Christ kann nicht für sich als Robinson leben; Gruppen können sich nicht von den Versammlungen der Ekklesia absetzen".
Wenn wir nun wieder den Blick auf das kirchliche Hier und Heute lenken: Was sagt uns diese auf Gemeinde hin orientierende Pastoral heute? Ist nicht gerade die Gemeinde derzeit in die Krise geraten? Sind wir nicht allenthalben dabei, das Netz der territorialen Gemeinden auszuweiten und nach neuen Strukturen der Gemeindearbeit (in Verbünden, in größeren Pfarreiengemeinschaften usw.) zu suchen - und das nicht nur aufgrund mangelnder personeller und finanzieller Ressourcen, sondern auch aufgrund des veränderten Lebensrhythmus der Menschen und ihrer von der Arbeitswelt her geforderten neuen Mobilität?
Angesichts dieser neuen Herausforderungen müssen wir uns über die künftige Gestalt unseres Kirche-Seins und unserer Seelsorge in der Tat Gedanken machen. Hat uns dabei der Pastoraltheologe und Seelsorger Aufderbeck etwas zu sagen?
Strukturelle Veränderungen werden nur gelingen, wenn sie von gemeinsamen "Visionen" einer Gestalt von Seelsorge begleitet werden, die uns zuversichtlich bleiben lässt. Aufderbeck hatte eine solche Vision: Der Herr inmitten seiner Gemeinden. Aber was bedeutet die Tatsache, dass sich die Rahmenbedingungen für die Konstituierung von christlichen Gemeinden verändern?
Wir müssen uns heute neu an zwei Fragen abarbeiten, die es zu unterscheiden, aber auch wiederum zusammenzusehen gilt: Zum ersten (und grundlegend) müssen wir uns von der Frage bewegen lassen: WOZU - im Sinne Jesu - Kirche gut ist? Und dann stellt sich die andere Frage ein nach dem WIE des konkreten Kirche-Seins und einer Pastoral, die sich dieser Sicht von Kirche verpflichtet weiß.
Zur ersten Frage: Bei der Auswahl der Wege, die wir heute gehen müssen, (beim "Neusetzen der Segel") müssen wir wissen, wer wir sind und was das angestrebte Ziel ist, zu dem wir unterwegs sind. Das 2. Vatikanischen Konzil, das schon Bischof Hugo inspirierte, ist auch für uns heute weiterhin eine verbindliche und zukunftseröffnende Wegweisung. Hier sehe ich mich ganz auf der pastoralen Linie, die Aufderbeck unserer Ortskirche vorgab.
In der Vergangenheit haben wir die Antworten auf diese Grundfrage im Bistum immer wieder mit Hilfe der "Pastoralen Schwerpunkte" durchbuchstabiert. Das waren Themen, die über einen Zeitraum von zwei oder drei Jahren uns aus unterschiedlichen Perspektiven (wie ein Scheinwerfer aus unterschiedlichen Perspektiven den gleichen Gegenstand beleuchten kann) auf das Zentrum unseres Auftrags aufmerksam machten: Uns selbst und die Menschen mit Gott und dem Evangelium Jesu Christi in Berührung zu bringen und uns zur Umkehr zu Gott hin rufen zu lassen.
Mit diesen pastoralen Schwerpunkten in der Alltagsseelsorge und den dazu gehörenden Pastoraltagen bzw. Pastoralkongressen hat unsere Ortskirche auch schon in den Jahren unter Bischof Hugo Aufderbeck gearbeitet. Das hatte damals entscheidend dazu beigetragen, das 2. Vatikanum mit seinen neuen Sichtweisen und Veränderungen in den Köpfen und Herzen des Klerus und der Gläubigen zu verwurzeln. Das bewahrt uns jetzt auch gottlob vor manchen restaurativen Tendenzen. Diese bewährte Vorgehensweise haben wir auch in den letzten Jahren fortgeführt.
Ich erinnere nur an die Themen pastoraler Schwerpunkte in den letzten Jahren: Das Evangelium auf den Leuchter stellen; Seelsorge als Sorge um Lebensfülle; Elisabeth als Inbegriff einer Barmherzigkeit, die von Gott predigt. Unsere drei Faltblätter/Leporellos waren eine gedankliche und bildliche Stütze für diese Themen. Hier wurden Leitbilder von Kirche und Christsein vor Augen gestellt, die einladend und motivierend waren. Wir werden auch für die kommenden Jahre wieder solche Themen finden. Wohlgemerkt - hier geht es letztlich immer um ein und dasselbe: Christus und sein Evangelium, aber immer wieder aus unterschiedlicher Perspektive heraus "beleuchtet".
Dazu kommt nun die andere, zweite Fragestellung nach dem WIE unseres Weges. Und da kommt der "veränderte Wind" in den Blick, der uns derzeit zu schaffen macht. Er ist manchmal Gegenwind (etwa: weniger Priester, weniger Gläubige, weniger Finanzen ...), manchmal Seitenwind (etwa: geweitete Möglichkeiten für die Kirche in einer offenen Gesellschaft ...), manchmal auch Rückenwind (etwa: neues Interesse an Religiösem ...) usw.
Natürlich hat die Frage nach den Wegen der Pastoral heute auch mit der ersten Fragestellung ("Wer sind wir?" "Wozu sind wir da?") zu tun. Aber gedanklich ist beides doch zu trennen. Einmal geht es um den (bleibenden) Auftrag, dann geht es um die (dazu passenden) Strukturen und pastoralen Wege. Einmal fragen wir: Wo geht es hin? Jetzt fragen wir: Welche offenen Türen dafür gibt es? Beim ersten geht es um die Sendung als solche, beim anderen um die operativen Möglichkeiten für die Pastoral heute, über die wir uns im Bistum gemeinsam verständigen müssen.
Mein dringlicher Wunsch, ja meine inständige Bitte an Priester und Gläubige ist: Halten wir beide "Fragestränge" innerlich und äußerlich zusammen. Wer weiß, wohin er will, wird in rechter Weise die Segel zu setzen wissen, auch wenn sich die Windrichtung ändert. Oder anders gesagt: Wenn wir als Kirche eine lebendige Hoffnungsgemeinschaft sein und bleiben wollen, werden wir es auch fertigbringen, nicht nur dem nachzutrauern, was einmal war, z. B. eine intensive Seelsorge in relativ überschaubaren kleineren Gemeinden. Wir sollten auch aufmerksam werden für das, was heute angesichts einer stärkeren Ausdünnung von Gemeinden und ihrer Ausdehnung in der Fläche möglich ist. Und das ist mehr, als wir meinen.
Ich versuche im Folgenden mit "dürren" Stichworten einige hoffnungsvolle, aussichtsreiche Arbeitsfelder pastoralen Arbeitens in veränderter Situation zu umreißen. Aus ihnen ergibt sich andeutungsweise, dass sich auch das Erscheinungsbild unserer Gemeinden ändern muss.
Ehrenamtliche Vielfalt stärken
Das Stichwort Ehrenamt reißt niemanden vom Stuhl. Dennoch gilt (in Anlehnung an Karl Rahners bekanntes Diktum von der Kirche der Mystiker): Die Katholische Kirche in Deutschland wird eine Kirche der Ehrenamtlichkeit sein oder sie wird nicht mehr sein. Ich meine mit Ehrenamtlichkeit freilich hier mehr als die auch bisher bekannte, ja unentbehrliche Mitarbeit von Gemeindemitgliedern. Ich meine Ehrenamtlichkeit in eigenständiger Verantwortung, soweit das unser kirchliches Selbstverständnis nur zulässt. Ich meine eine Ehrenamtlichkeit, die sich selbst zur Seelsorge am Mitchristen und als Bote des Evangeliums für die Mitmenschen berufen weiß.
Hier haben wir bislang gute Erfahrungen vorzuweisen und schon wichtige Schritte getan. Ich denke beispielsweise an die bewährte Schar der vielen Kommunion- und Diakonatshelfer und -helferinnen. Gälte es hier nicht im Sinne von Bischof Aufderbeck weiterzudenken? Wir dürfen dankbar sein für alle Ehrenamtlichkeit, ohne die schon jetzt das Leben in unseren Gemeinden nicht zu denken ist.
Aber brauchen wir nicht weitere Formen von Ehrenämtern, die sich in unterschiedlichster Weise heutigen Herausforderungen der Kirche stellen? Es muss sich noch mehr herumsprechen, dass wir die Sakramente nicht allein für uns selbst empfangen. Getauft- und Gefirmt-Sein ist immer auch Beauftragung für die Glaubensstärkung anderer. Kindern die Chance geben, beten zu lernen - hängt das allein an der Präsenz eines Priesters? Jungen Menschen Geschmack am Christ-Sein vermitteln - geht das nur mit pastoraler Hauptberuflichkeit?
Ich weiß (auch theologisch) um die Unersetzbarkeit des Weiheamtes. Aber diese Unersetzbarkeit darf sich nicht so absolut setzen, als ob ohne das Weiheamt vor Ort Glaube, Hoffnung und Liebe unmöglich würden. Der geweihte Priester ist nicht der einzige Seelsorger. Und wenn er nicht mehr vor Ort wohnen kann, bricht dort Kirche nicht zusammen, vorausgesetzt, es bilden sich neue Formen christlicher Verantwortlichkeit. Das demütige Selbstbewusstsein aller Getauften und Gefirmten, selbst für die Präsenz von Kirche vor Ort zu sorgen, muss weiter gestärkt werden. Dafür braucht es neue "Ämter und Dienste", neue Beauftragungen, die sich über eine Ortsgemeinde in eine Region hinein erstrecken. Wir haben jetzt schon Gläubige, die in Glaubensdingen für andere auskunftswillig und auskunftsfähig sind. Dem Amt obliegt es, sie auch handlungsfähig zu machen. Das macht mich zuversichtlich für die Kirche von morgen - übrigens auch für die Weckung geistlicher Berufungen. - Eine zweite Anregung, die ich Aufderbecks Wirken entnehme:
Vernetzungen organisieren
Mit Vernetzungen meine ich jene alten und neuen Lebensäußerungen aus dem Gottesglauben heraus, die Gläubige untereinander zusammenführen. Das ist aber beileibe mehr als der gemeinsame Gottesdienst. Es ist eine alte pastorale Erfahrung: Die Verbundenheit im gemeinsamen Glauben wird durch gemeinsames Tun gestärkt. Ü;ber viele Generationen hinweg geschah dies vornehmlich in unseren Pfarreien. Aber könnte es sein, dass es darüber hinaus heute viele weitere Communio-Formen gibt, die vom kirchlichen Gesetzbuch nicht erfasst werden? Könnte es sein, dass wir neben den (wenigen) Pfarreien der Zukunft andere Formen christlicher Zellen haben werden, "kleine christliche Gemeinschaften", die ihre eigene Lebendigkeit und Ausstrahlung haben werden? Auch über Kirchengrenzen hinaus? Meine Vermutung: Territoriale Gemeindeformen werden an Bedeutung verlieren, personale dagegen attraktiver werden.
Auch eine hierarchische Kirche baut sich von unten, nicht von oben auf. Wir sind einander Seelsorger, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Im Freistaat Thüringen, so habe ich jüngst in einem Regierungsbericht gelesen, gibt es über Tausend neu entstandene Selbsthilfegruppen. Es muss unter uns neue Selbsthilfegruppen in Fragen des Glaubens und der Seelsorge geben. Ich sehe solche Gruppen wachsen. Die Angebote theologischer Fortbildung z. B. vermitteln ja nicht nur Bildung, sondern auch communio im Glauben untereinander. Demnächst wird in manchen (kleineren) Kirchen nur noch selten Eucharistie gefeiert werden. Könnte hier der Gedanke der stellvertretenden eucharistischen Anbetung neuen Glanz gewinnen? Auch junge Menschen lassen sich, wie wir an manchen Stellen sehen, davon ansprechen.
Es gibt schon jetzt die unterschiedlichsten erfreulichen Beispiele, wie Netze und Kooperationen von Getauften und Gefirmten am Wachsen sind. Der Glaube drängt zum gegenseitigen Austausch, zum gemeinsamen Handeln. Und das nicht nur im Innenraum der Kirche. Diesen "Wind" gilt es zu nutzen.
Auf "Leuchttürme" setzen
In größeren Räumen sind "Leuchttürme", die orientieren, unersetzlich. Wir müssen gemeinsam überlegen, welche pastoralen Häuser solche "Leuchttürme" sein können und deswegen bleibend wichtig sind. Wir sollten überlegen, was Wallfahrten für die Menschen in diesem Land bedeuten, welche bistumsweiten Initiativen in gewissen Abständen (wie etwa hier in Thüringen das Elisabeth-Jahr 2007) gewagt werden sollten, welche herausragenden kirchlichen "Orte" (wie etwa der Domberg in Erfurt, der Hülfensberg u. a.) noch mehr Strahlkraft gewinnen können, nicht zuletzt durch eine Präsenz von Menschen, die "Türen" offen halten. Bildungs- und Gesprächs-Initiativen können Themen setzen und so in eine Region ausstrahlen. Zeitungen und Fernsehberichte können durch Berichterstattung und Kommentierung orientieren und hilfreiche Durchblicke geben. Ordenshäuser sind kostbare Anlaufstellen für den geistig vagabundierenden Zeitgenossen. Es braucht geistige und geistliche Zentren, die anders als die Gemeinden in der "Fläche" im Blick auf die Glaubensstärkung der Vielen und für das christliche Zeugnis in der Mediengesellschaft besondere Wirkung entfalten.
Gerade das Elisabeth-Jahr 2007 hat uns gezeigt: Es gibt mehr "Gottesfürchtige" und am Glauben Interessierte als wir meinen, auch hier in Thüringen. Die Pfarrer bei der Bundeswehr bestätigen mir das. Unser Bildungsreferent, der mit hiesigen ungetauften Künstlern und Wissenschaftlern Kontakt hält, weiß das. Die Menschenmassen, die an "Tagen des Offenen Denkmals" hierzulande in die Kirchen strömen, machen mich hellhörig. Nicht der sich säuberlich abschließende Kokon ist Grundfigur von Kirche, sondern das Netzwerk, in das man sich einklinken und mit Eigenem einbringen kann. Unser Bistum in Thüringen wird solch eine "Missionskirche neueren Typs" werden, die mit Anlauf- und Kontaktstellen zur Gesellschaft hin arbeiten muss.
Auch eine neue Beweglichkeit vieler Menschen kommt uns für neue Formen des Kirche-Seins entgegen. Es gibt viele, die bewusst "Vernetzungen" suchen und dabei auch längere Wege in Kauf nehmen. Hier hätten beispielsweise auch die kleiner werdenden Gruppen von Ordensleuten wichtige Aufgaben, wie sich schon hier und da überzeugend zeigt. Generell gilt: Nicht unser Kleiner-Werden ist das Problem, sondern eher eine ängstliche Selbstmarginalisierung, für die es eigentlich keinen Grund gibt.
Kirchliche Einrichtungen als "pastorale Knotenpunkte" stark machen
Manche kirchliche Einrichtungen, besonders sozialer Art, sind zwar oft in anderen Zeiten und Notsituationen entstanden, haben aber mit alten und gewandelten Aufgabenstellungen bis heute große Bedeutung. Solche Einrichtungen erreichen bei uns täglich viele auch nichtkirchliche Menschen. In ihrer seelsorglichen Bedeutung nicht zu unterschätzen sind unsere kirchlichen Kindergärten, aber auch Schulen, Heime, Betreuungseinrichtungen. Immer hängen an solchen Einrichtungen und Häusern auch Angehörige und Besucher, die solche "Brücken" zur Kirche hin eher betreten als Kirchen und Pfarrhäuser.
Es ist ein Segen, dass wir die Caritas haben. Eine Kirche, die von Gott redet, braucht Orte, wo sie "den Dienst der Fußwaschung" verrichtet. Aber die Caritas soll auch wissen, dass sie Kirche ist, wo "mit den Händen gepredigt" und das "Sakrament des Bruders und der Schwester" (um eine Formulierung von Hans Urs von Balthasar aufzugreifen) "vor den Kirchentüren gespendet wird". Die Entdeckung solcher caritativer bzw. kirchlicher Häuser als Orte der Pastoral muss weitergehen.
Haben wir uns zu weit vom Lebenswerk Aufderbecks entfernt? Ich meine: Nein. Würde er in der heutigen Situation fragen, was "Kirchbau im Heiligen Geist" heute erfordert, er würde wohl zu ähnlichen Ü;berlegungen kommen. Es gilt, das hier und heute, das veränderte "Jetzt" einer offenen, religionsneutralen und weltanschaulich pluralen Gesellschaft bereitwillig anzunehmen. Es gilt die Quellen offen zu halten, aus denen der Glaube lebt: das lebendige Wort Gottes, das wir in der Liturgie hören und auf das wir durch unser Leben antworten. Und schließlich gilt es auch heute, die Verstreuten zu sammeln und Gemeinde des Herrn zu bilden, auch wenn diese z. T. anders aussehen und erfahrbar werden wird als in einer immobilen Gesellschaft der Vergangenheit.
Abschluss
Hugo Auderbecks bischöflicher Wahlspruch war der Offenbarung des Johannes entnommen. Als Bischof verstand sich Aufderbeck nicht als "Herr" der Gläubigen, sondern als "Bruder und Gefährte in der Bedrängnis und im Reich (Gottes) und in der Geduld (die ausharrt) in Jesus" (Offb 1,9). Diesen Jesus - den der Verfasser der Offenbarung in seiner Verbannung auf Patmos inmitten der kleinasiatischen Gemeinden sieht - sah Hugo Aufderbeck auch in den damaligen sieben Jurisdiktionsbezirken und den einzelnen Ortsgemeinden der DDR am Werk. Kardinal Meisner, der ja fünf Jahre lang Weihbischof von Bischof Aufderbeck war, bezeugt: Dieser Bischof liebte " leidenschaftlich und ... zärtlich diese kleinen und kleinsten Gemeinden. Er, der die verborgene Herrlichkeit des Kyrios in jeder gottesdienstlichen Versammlung oder jeder außergottesdienstlichen Versammlung entdeckte, konnte die Augen anderer für diesen Glanz öffnen". Im Grunde steht diese Erfahrung, die Aufderbeck weitergeben wollte, hinter seiner Sicht der DDR "als herrliches Land". Ihm begegnete in diesem damaligen Land mit seinen Armseligkeiten der Herr der Herrlichkeit. Sich diesen Tiefenblick zu bewahren ist auch die Herausforderung unserer kirchlichen Stunde.
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