Grußwort der Thüringer Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht zur Festveranstaltung "10 Jahre R

Im Folgenden dokumentieren wir das Grußwort, das die Präsidentin des Thüringer Landtages, Christine Lieberknecht, bei der Festveranstaltung "10 Jahre Religionsunterricht im Freistaat Thüringen" gesprochen hat.

Die Ansprache im Wortlaut:

(Anrede)

Der Einladung zur heutigen Festveranstaltung bin ich gerne nachgekommen. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Einen persönlichen möchte ich zuerst nennen: Die Einführung dieses Schulfaches ist mit meiner politischen Biographie eng verknüpft. Ich habe als damalige Kultusministerin und bekennende Christin meiner Kirche sehr darum gekämpft, dass wir 1991 den Religionsunterricht wieder einführen konnten.

Zum Teil gegen erbitterte Widerstände aus dem Raum der Kirche, aber auch von außerhalb; einschließlich des damals leuchtend gefeierten Beispiel Brandenburgs, für das sich in Thüringen damals auch problemlos eine Mehrheit gefunden hätte. Aber das wollte ich nicht und die Kirchenleitungen letztlich auch nicht.

Der andere und für mich weit gewichtigere Grund, warum ich auch nach 10 Jahren dankbar für die Thüringer Entwicklung bin und meine dass es allen Grund zum Feiern gibt, liegt im Wert des Faches für die Bildung junger Menschen selbst. 10 Jahre gibt es nun wieder Religionsunterricht an Thüringer Schulen. Das ist Anlass genug, Bilanz zu ziehen und einen Ausblick zu wagen.

Lassen Sie mich darum den Blick zunächst zurück auf die Friedliche Revolution richten, damit der Ausgangspunkt klar wird. Die Kirchen, die evangelische zumal, waren über viele Wochen und Monate zu den zentralen Anlaufstellen für Veränderung in unserem Land geworden, denn die Kirchen wurden zu Zentren der friedlichen Revolution.

Aber die vollen Kirchenbänke verstellten den Blick auf eine ebenfalls wirksame Realität: Jahrzehnte sozialistisch-atheistischer Ideologie haben bis auf unsere Tage ihre Wirkung hinterlassen. Die sozialistische Ideologie konnte und wollte keine Autoritäten über sich anerkennen. Für sie war der Mensch das Maß aller Dinge. Für das Christentum war da kein Platz. Kirchliches Leben wurde aus dem alltäglichen Leben ausgeblendet. Veranstaltungen beschränkten sich weithin auf kircheneigene Räume.

Jetzt bot die Verankerung und ausdrückliche Erwähnung des Religionsunterrichts im Grundgesetz nach dem staatlich verordnetem Atheismus zwar die Möglichkeit, einen gesetzlich verankerten Religionsunterricht im staatlichen Schulwesen auch in Thüringen zu etablieren. Nur hatten sich die Kirchen nach dem Ende der Revolution inzwischen wieder geleert und innerhalb und außerhalb der Kirchen gab es Skepsis. Ich wies bereits darauf hin.

Nicht wenige befürchten die Glaubwürdigkeit durch die Auseinandersetzung mit Nicht- und Andersgläubigen an öffentlichen Schulen zu verlieren. Man sah die Wahrhaftigkeit und Intensität im Glaubenszeugnis schwinden. Und in der Gesellschaft insgesamt gab es die Meinung, alles was bisher rot buchstabiert worden war, würde nun schwarz geschrieben.

(Anrede)

Ich denke wir können heute froh sein, dass die Befürworter des Religionsunterrichts sich durchgesetzt haben. Trotz aller Skepsis und anfänglichen Schwierigkeiten haben wir es geschafft, konfessionellen Religionsunterricht in unsere Schulen einzuführen. Die Diskussionen um ein Fach "Lebensgestaltung - Ethik - Religion" blieb uns und unseren Schülern erspart. Und auch die erwähnten Bedenken haben sich wohl weitgehend erledigt.

Zehn Jahre später ist Normalität eingekehrt. Trotzdem müssen wir uns immer wieder fragen: Was kann und muss Religionsunterricht in unserer Gesellschaft leisten? Die Zahl der Teilnehmer am Religionsunterricht hat sich in Thüringen erfreulich entwickelt.

Es bietet sich also eine Chance, die es zu nutzen gilt. Kirche kann und darf sich nicht in ihre heimeligen Räume zurückziehen. Es ist ihr ureigenster Auftrag, einen wichtigen Beitrag zur Wertbildung und Wertbindung unserer Jugend zu leisten. Die Möglichkeiten, die sich durch Religionsunterricht an Schulen dadurch bieten, dem Christentum gleichsam auf neutralem Boden begegnen zu können, dürfen sicher nicht überschätzt werden, sind aber auch nicht zu unterschätzen.

Jugendliche sind auf der Suche nach Orientierung. Die Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? müssen mit neuem Ernst durchdacht werden. Bei der Beantwortung dieser brennenden Fragen müssen Religionslehrer und Lehrerinnen Stellung beziehen, und die Schüler bei ihren eigenen Vorstellungen abholen, werden aber an dieser Stelle natürlich nicht stehen bleiben.

Ihre Erfahrungen mit dem eigenen Glauben und ihr Zeugnis können Jugendlichen eine Orientierung bieten. Religionsunterricht kann aus diesem Grund nicht in objektiver Distanz erteilt werden. Ich denke, hier ist der Ort, an dem Lehrer wie nirgends sonst ihren eigenen Standpunkt einbringen und deutlich machen, dass die behandelten Fragen auch sie selbst betreffen. Denn letztlich geht es gerade dabei ja ganz existentiell um Glaubwürdigkeit, und zwar durchaus völlig zurecht mitten in unserer Gesellschaft.

Religion und Kirche stehen mitten in der Gesellschaft. Ihre Meinung zu den brennenden Fragen der Zeit ist mehr denn je gefragt. Zweifellos sind die Zunahme von Gewalt gegenüber Andersartigen, gegenüber Ausländern und Radikalismus Themen, die uns in dieser Zeit tief bewegen und nach einem Beitrag rufen. Auch dafür gibt es im Religionsunterricht Raum.

Eine Auseinandersetzung auch über diese Fragen wird umso mehr gelingen, je klarer allerdings für diese Diskussion gilt: Im Mittelpunkt des Religionsunterrichts steht nach wie vor die Gottesfrage, das heißt: die Auslegung seiner Offenbarung in Christus. Auf dieser Ebene können Schüler ein positives, ein realistisches Menschenbild erfahren und sich damit auseinander setzen, und wenn es gut geht auch als Angebot für sich selbst annehmen.

(Anrede)

Wenn Schüler auf diese Weise glaubwürdigen Lehrern begegnen, kann die Kirche einen wertvollen Beitrag zur Erziehung und Prägung unserer Jugend leisten. Und das ist wichtiger als je zuvor in unserer Gesellschaft der allgemeinen Beliebigkeit von Unterhaltung, Spaß und Freizeit, aber auch angesichts der ungeheuren Herausforderung durch neue Technologie, Wissenschaft und Globalisierung - um nur schlaglichtartig einiges zu benennen.

Wenn wir uns auf diesen Weg einlassen, wenn wir der Kraft des Wortes Gottes trauen, dann kann der Religionsunterricht innerhalb seines begrenzten Wirkungsfeldes der Schule etwas sehr wichtiges erreichen. Mit diesen Gedanken wünsche ich Ihnen eine anregende Diskussion und einen bereichernden Erfahrungsaustausch.

Und dem Religionsunterricht in Thüringen, den Lehrenden und den Lernenden weiter Gottes Segen und eine gute Zukunft!



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