Ganz im Sinne von Franz Liszt

Predigt von Bischof Joachim Wanke zur Orgelweihe in der Weimarer Herz-Jesu-Kirche

Schrifttext: Kolosser-Brief 3,15-17

Dieser Aufforderung des Apostels zu folgen fällt heute leicht: "Seid dankbar! Ein längerer Weg findet seinen glücklichen Abschluss: von den ersten Ü;berlegungen, anlässlich des Liszt-Jahres hier in der Herz-Jesu-Kirche in Weimar eine neue Orgel zu bauen bis hin zu der heutigen Stunde, da wir deren Einweihung vornehmen können. Ja, wir sind dankbar, dankbar all denen, die dieses Werk ermöglicht und realisiert haben: der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Land Thüringen, die auf Antrag der Musikhochschule Franz Liszt das Projekt des Orgelneubaus geprüft und finanziert haben; der Orgelbaufirma, die mit ihren erfahrenen Handwerkern dieses Instrument geschaffen hat; der Pfarrgemeinde, die sich auf einen Kooperationsvertrag mit der Musikhochschule im Blick auf die Nutzung dieses Instruments eingelassen hat. In den Dank eingeschlossen seien alle, die sich auf unterschiedlichste Weise dafür eingesetzt haben, dass wir nun diese Einweihung vornehmen können: durch Mitüberlegen, durch Mitarbeit, durch Spenden und nicht zuletzt durch das Gebet.

Es ist richtig, in dieser Stunde besonders an Franz Liszt zu erinnern. Die neue Orgel trägt seinen Namen und ein Porträt des Künstlers ist am Spieltisch der Orgel angebracht. Franz Liszt hat sich für den Bau der jetzigen Kirche tatkräftig eingesetzt, wiewohl er deren Vollendung nicht erleben konnte. Wir wissen, dass er in dem alten Betsaal der Gemeinde an der Marienstraße oft am Gottesdienst teilgenommen hat. Er war sich nicht zu schade, dort am Harmonium die Feier der Heiligen Messe zu begleiten.

Aber nach allem, was wir von Franz Liszt wissen, kann gesagt werden: Es ist ganz in seinem Sinne, mit guter Kirchenmusik - wie er einmal in einem Brief bemerkte - "sowohl der Kunst als auch dem Cultus" einen Dienst zu erweisen. Und in einem anderen Brief klagt er: "Wozu in den Kirchen so häufig Leierkasten-Musik betreiben?"

Davor bleibt die Herz-Jesu-Kirche nun in der Tat bewahrt. Ich freue mich für die Gemeinde, aber auch für die Hochschule und deren Studierende und Professoren, dass nun dieses kostbare Instrument zur Verfügung steht, um im Sinne von Franz Liszt, der so ausdrucksvolle sakrale Orgelmusik geschaffen hat, "Kunst und Cultus" zu fördern. Und ganz im Geist des Künstlers, den wir in diesem Jahr besonders ehren, kann ich hinzufügen: Beides, "Kunst und Cultus", dienen letztlich einem gemeinsamen Ziel: der Gottesverehrung, für die auch Franz Liszt mit seinem Schaffen steht.

Ich möchte drei Wünsche der neuen Orgel und den Künstlern, die sie zum Klingen bringen werden, auf ihren Weg mitgeben:

Diese Orgel möge helfen, den Gottesdiensten im Kranz des Kirchenjahres Festlichkeit zu geben. Das kann eine Orgel, und dafür ist wohl jede Gemeinde dankbar. Das Orgelspiel bringt Glanz in die Feier der Liturgie. Und selbst ihr Schweigen zu bestimmten Tagen und Stunden ist Ausdruck dieser ihrer Zielbestimmung: uns daran zu erinnern, was der Apostel uns zuruft: "Wir sind in Gottes Gnade!" Das Leben ist nicht nur Mühe und Plackerei. Das ist es manchmal auch. Aber noch mehr gehört zur Wirklichkeit, dass über uns der Himmel geöffnet ist. Die Orgelbauer haben im Orgelprospekt Platz gelassen für die große Rosette mit dem Bild der heiligsten Dreifaltigkeit. Wenn von dort das Sonnenlicht bei der Feier des Gottesdienstes, beim Singen und Beten der Gemeinde hereinbricht, dann lasst euch, liebe Schwestern und Brüder, daran erinnern: Unser Glaube lässt uns mit Recht feiern, denn er weiß um das Osterlicht und den Glanz des Auferstandenen, der auch uns schon umschließt.

Diese Orgel möge uns an die Fülle des Heiles erinnern, das uns von Gott geschenkt wird - jetzt noch verborgen im Modus der Verheißung, dann einmal in der Erfahrung einer Fülle, die all unsere Sinne beim ewigen Gotteslob ergreifen wird. Mich fasziniert an einer Orgel gerade diese Fähigkeit, die Vielgestaltigkeit und Ausdrucksbreite von Musik zu pflegen, die mit den Möglichkeiten eines reich instrumentierten großen Orchesters vergleichbar ist. Ich bin überzeugt, dass auch dieses neue Instrument, das bewährte Orgelbauer geschaffen haben, uns alle in die reiche Fülle musikalischen Erlebens und Empfindens hineinnehmen wird, für die unser menschliches Herz aufnahmefähig ist. Unser Glaube redet nicht von einem kärglichen Gott, sondern von einem Gott, der Leben in Fülle ist - und uns daran Anteil gibt. Und dafür steht diese Orgel. Es ist ja nicht von ungefähr, dass ein Teilwerk dieser Orgel hoch oben in der Kirchenkuppel erklingt, also besonders nahe dem Himmel, auf den wir zugehen.

Und schließlich möge diese Orgel immer neu Gemeinschaft stiften und Gemeinde im besten Sinne des Wortes "auferbauen". Im Regelfall hört man Orgelmusik nie allein, und wenn ihr gewaltiger Klang den Kirchenraum erfüllt, dann drängt es viele, in das gemeinsame Singen einzustimmen, vielleicht auch die weniger musikalischen Menschen. Genau das ist für mich der Anknüpfungspunkt: Die Orgel möge die Herzen und Biographien vieler Menschen mit dem Evangelium unseres Herrn in Berührung bringen, auch die sog. "religiös Unmusikalischen", etwa wenn sie hier in der Herz-Jesu-Kirche ein Konzert besuchen oder auch einen gut gestalteten Gottesdienst mitfeiern. Dazu ist die Gemeinde da: Resonanzraum zu werden für diese frohe Botschaft, die uns der Apostel wieder neu ins Herz ruft: "Ihr seid in Gottes Gnade. Darum singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt!" Und ich füge heute dankbar hinzu: Lasst euch dabei von der neuen Orgel helfen. Amen.


Predigt gehalten am 8. Mai 2011