Enttäuscht und machtlos

Erinnerungen an das Ende des Prager Frühlings vor 40 Jahren


Erinnerungen an das Ende des Prager Frühlings vor 40 Jahren

Pressemitteilung des Osteuropa-Hilfswerkes Renovabis:*


PRAG/FREISING. Als ein "böses Zeichen" hat der Prager Weihbischof V?clav Mal? den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei in der Nacht zum 21. August 1968 bezeichnet. "Damit war das Ende der errungenen Freiheit besiegelt", so Mal?. "Euphorie und Begeisterung, die Sehnsucht nach Wahrheit wichen schlagartig der Enttäuschung und dem Gefühl gänzlicher Machtlosigkeit", schreibt Michaela Čerm?kov?, Direktorin der diözesanen Caritas in Česk? Budějovice (Budweis). Mal? und Čerm?kov? äußern sich in einem Rückblick für das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis. Tschechien ist Projektland von Renovabis.


Anlass für den Rückblick ist der 40. Jahrestag der gewaltsamen Beendigung des Reformexperiments eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" in der früheren Tschechoslowakei durch Invasionstruppen, angeführt von der Sowjetunion. Die vorsichtigen Reformen unter dem kommunistischen Parteichef Alexander Dubcek hatten zuvor eine Begeisterung in der Bevölkerung ausgelöst und zu einer Volksbewegung geführt. Die Ereignisse gingen als "Prager Frühling" in die Geschichtsbücher ein.


Russische Panzer fahren am Marktplatz auf


Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen habe beiden Nationen, Tschechen sowie Slowaken, Erniedrigung gebracht, so Weihbischof Mal?. Es habe eine Zeit ohne Ideale eingesetzt. Apathie und eine schlechte Arbeitsmoral seien weitverbreitet gewesen. Viele Schriftsteller und kulturelle Aktivisten seien zum Schweigen gebracht worden, Professoren hätten ihre Arbeit verloren. "Fortan haben die Menschen ein Leben mit zwei Gesichtern geführt", erinnert sich Mal? an seine Jugendjahre. "Zuhause wurde über die Kommunisten geschimpft, in der Öffentlichkeit wurde dem Regime zugenickt." In dieser Zeit hätten gerade die Wochenendhäuschen einen wahren Boom erlebt. Dorthin habe man sich zurückgezogen. Als Gymnasiast habe er die Wochen der Reformen bis zu ihrer Beendigung "ganz intensiv" erlebt, schreibt Mal?. "Die Menschen atmeten durch und genossen nach Herzenslust die neue Freiheit." Er habe an verschiedenen kulturellen und politischen Veranstaltungen teilgenommen. Gespannt habe er dabei Priestern zugehört, die erstmals wieder öffentlich wirken durften.


Noch sehr gut könne sie sich an den 21. August 1968 erinnern, schreibt Michaela Čerm?kov?. An jenem Tag wollten die neunjährige Schülerin und ihre Mutter zum Arzt. Sie mussten dabei den Marktplatz überqueren. Dort war an jeder Ecke ein russischer Panzer positioniert. Als sie sich einem Panzer näherten, richteten die Soldaten plötzlich den Geschosslauf auf Mutter und Kind. Sie wurden nicht durchgelassen. "Wir hatten Angst", so Čerm?kov?. Ihre Lehrerin habe sie und ihre Mitschüler später aufgefordert, ein Tagebuch zu führen, "um nichts zu vergessen und dieses Stück Geschichte darin festzuhalten". Damals hätten alle große Kraft und Entschlossenheit zum Kampf für die Heimat empfunden, berichtet Čerm?kov?. "Ein Gefühl der Solidarität, wie wir es erst später im Jahr 1989 wieder erlebt haben."



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