Die Kultur des Totengedenkens neu entdecken

Gedanken von Dompfarrer Hauke zum Monatlichen Totengedenken im Erfurter Dom

Der christliche Schriftsteller Phil Bosmans schreibt:


    "Wenn ich an die Toten denke und an meinen eigenen Tod und an die Leiden der Unschuldigen, dann renne ich an Rätsel, stoße ich mit dem Geheimnis zusammen. Dann kann ich mir vornehmen, zu vergessen oder nicht weiterzudenken oder so zu tun als ob.

    Solange ich aber bei Verstand bin und ein Herz habe, wird es mir nachgehen."

    (Phil Bosmans, Warum?, in: Vergiß die Freude nicht. Freiburg - Basel - Wien 1997, 52f, hier 53)



Die Kultur eines Volkes hat immer mit dem Totenkult zu tun. Die Gräber der Pharaonen in Ägypten sind Ausdruck der Kraft eines Volkes. Am Grab der christlichen Märtyrer, der Christen, die für ihren Glauben gestorben sind, haben sich die Christen versammelt und über den Gräbern Kirchen gebaut. Im Gebet waren sie mit den Verstorbenen verbunden.


Zwischen den Kirchen auf dem Erfurter Domberg ist ein alter Friedhof. Zu ihm führt das Jungfrauenportal. Es zeigt die klugen und törichten Jungfrauen, die Jesus Christus in einem Gleichnis als Beispiel für Wachsamkeit und Nicht-Wachsamkeit beim Gericht Gottes über die Menschen beschreibt. Der Erzengel Michael steht in der Mitte und besiegt den Teufel, der den Menschen ins Verderben stürzen will. Darüber sehen wir Jesus Christus, Maria und Johannes der Täufer, die sich um die Rettung des Menschen bemühen. Die Kirche besteht aus Menschen, die sich gegenseitig helfen wollen und sollen, dass ihr Leben gelingt. Und wenn zum Leben das Sterben dazu gehört, dann sollen und müssen die Christen auch helfen, das Sterben und den Tod zu bewältigen.


Der Name eines Menschen ist Synonym für ihn selbst, für seine Identität. Ich kann ihn in einen Grabstein einmeißeln lassen. Ich kann ihn auch in ein Buch schreiben. Beim Lesen des Namens wird der Mensch in den Gedanken lebendig.


Im Erfurter Dom beten die Christen täglich für die Lebenden und Verstorbenen der Gemeinde. Dieses Gebet soll nun eine "weitreichendere" Bedeutung erhalten, wenn sich Christen und Nichtchristen an jedem 1. Freitag im Monat (erstmalig am 1. März 2002) zum "Monatlichen Totengedenken" versammeln. Dabei wird dazu eingeladen, den Namen der Verstorbenen in ein kostbares Buch einzutragen, das dann am Heiligen Grab im Dom aufbewahrt wird und bei dem Kerzen entzündet werden können, die ein Zeichen der Hoffnung sind.


Das Geheimnis des Lebens und der Todes bleibt uns erhalten, aber es kann dieses Totengedenken eine Hilfe sein, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.



Termine und Ablauf des Monatlichen Totengedenkens im Erfurter Dom