"Dialog ist eine Grundkategorie des Glaubens und der Glaubensbezeugung"

Grußwort von Altbischof Wanke anlässlich der Verabschiedung von Hubertus Staudacher als Geschäftsführer des Katholischen Forums und des Bildungswerkes im Bistum Erfurt



Es gibt keine Verkündigung des Evangeliums ohne Dialog.

Dass sich heute so viele zur Verabschiedung von Herrn Hubertus Staudacher als Geschäftsführer des Katholischen Forums im Land Thüringen und des Bildungswerkes im Bistum Erfurt eingefunden haben, ist für mich - und sicher auch für Herrn Staudacher - ein Grund zur Freude und Dankbarkeit. Dankbar bin ich für die breite Streuung der Teilnehmenden aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, kirchlichen wie nichtkirchlichen,

     

  • angefangen von den Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland,
  • von Vertretern der katholischen und evangelischen Akademien und Erwachsenenfortbildungsinstitutionen in Deutschland,
  • über die Mitglieder der Thüringer Landesorganisation der freien Träger in der Erwachsenenbildung,
  • der Mitglieder des Bildungswerkes im Bistum Erfurt,
  • von Gästen von den Universitäten Erfurt und Halle,
  • von Mitgliedern des Bildungsausschusses des Thüringer Landtages,
  • des Thüringer Innenministeriums,
  • des Thüringer Landessozialgerichts,
  • der Stadtverwaltung Erfurt,
  • bis hin zu den Repräsentanten aus dem Bereich der Kulturstiftungen, der Museen, der Schulen, der Krankenhäuser und deren Ethikkommissionen, der Banken und Sparkassen.
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Ich bin nicht sicher, ob meine Auflistung die bunte Mischung so vieler Gremien, Institutionen und Personen, die heute hier anwesend sind, eingefangen hat.
Sie alle begrüße ich - auch im Namen des Diözesanadministrators, Herrn  Weihbischof Dr. Reinhard Hauke -  recht herzlich zu dieser Stunde hier in der Brunnenkirche.

Ich schließe in diesen Gruß alle anwesenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Bistums, kirchlicher Verbände und Einrichtungen ein. Ich grüße jene, die durch langjährige enge Zusammenarbeit mit Herrn Staudacher verbunden sind oder durch persönliche Freundschaft ihm nahe stehen.

Ein besonderer Gruß gilt Ihnen, liebe Frau Staudacher, die Sie die Arbeit Ihres Mannes mit Verständnis über die Jahre begleitet haben, besonders mit Verständnis für seine dienstlichen Termine zu Zeiten, an denen andere Menschen sich ausruhen oder sich ihrer Familie widmen können.

Es freut mich, dass das Bistum in Frau Patricia Heich, die diese Stunde mit vorbereitet hat, eine Nachfolgerin in den Aufgaben des scheidenden Geschäftsführers gefunden hat. Ich empfehle Frau Heich Ihrem Wohlwollen, wenn Sie demnächst mit Ihren Ideen und Anfragen auf Sie zukommt.

Schon jetzt grüße ich die Herren Professoren Hans Joas aus Freiburg i. Br. und Joachim Valentin aus Frankfurt und danke Ihnen, dass Sie dann zu uns sprechen werden. Herr Frieder W. Bergner, Dozent für Jazz, Musiktheater und Improvisation an der Universität Erfurt, wird uns durch diese Stunde musikalisch begleiten, worüber wir uns alle freuen.

Diese Stunde der offiziellen Verabschiedung von Hubertus Staudacher berührt mich selbst auch persönlich. Ich habe Grund zu großer Dankbarkeit für sein Wirken an der wichtigen Schnittstelle von Kirche und Gesellschaft, die die Akademie- und Erwachsenenbildungsarbeit darstellt. Viele Jahre haben wir vertrauensvoll zusammen gearbeitet. Hubertus Staudacher hat besonders nach 1989/90 vieles im Bildungsbereich unseres Bistums erst aufgebaut - und dies ohne einen großen Mitarbeiterstab. Ich habe gestaunt, was er lange Zeit im Grunde als "Einzelkämpfer" an Brücken gebaut, an Ideen angestoßen und an Vorhaben realisiert hat. Ihm ist es gelungen, die Intentionen kirchlicher Arbeit auch in den säkularen Bereich hinein zu vermitteln und von dort Anregungen und Sichtweisen kirchenfernen Denkens und Agierens in den Raum der Kirche hinein zu vermitteln. Für allen Einsatz, für alles Mitdenken und Mittragen und Mitgestalten - Ihnen Herr Staudacher, ein herzliches "Vergelt´s Gott"!

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Lassen Sie mich nur in Kürze andeuten, warum uns als Bistum die Forumsarbeit und die Erwachsenenbildung wichtig ist. Es ist meine feste Ü;berzeugung: Es gibt keine Verkündigung des Evangeliums ohne Dialog.

Daraus folgt für mich zweierlei. Zunächst: Zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden kann es nur ein Verhältnis existentieller Solidarität geben. Uns Christen ist verboten, im Sinne einer Einbahnstraße zu denken. Es geht nicht um Hilfeleistung von Besitzenden an solche, die eben auf Hilfe angewiesen sind. Hilfsbedürftig vor Gott sind alle Menschen. Es geht auch nicht um Antworten auf Fragen, die der andere nicht stellt. Man kann erst Antworten geben, wenn man die Fragen gehört hat. Darum ist der Dialog in der Tat eine Grundkategorie des Glaubens und der Glaubensbezeugung. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gern an die Dialog-Enzyklika von Papst Paul VI. Ecclesiam suam (1964), die bis heute lesens- und bedenkenswert ist. Die Kirche hat zu lernen von denen, die wie Zachäus in den Bäumen stecken und nach "Jesus", sprich: nach Verheißungen ausschauen, auf die sie im Innersten hoffen, aber an die sie noch nicht glauben können.

Zum anderen gilt: Es gibt eine prinzipielle Offenheit aller Menschen für Gottes Anruf. Christi Ostersieg ist ja für alle errungen und Gottes Heilswille schließt alle Menschen ein. Das ist Grundüberzeugung der Kirche von Anfang an. Das ist die Grundmelodie der Botschaft, die vom 2. Vatikanischen Konzil ausgeht. Es gibt das Heil nur universal. Darum hat die Kirche sich in ihrer Geschichte niemals zur Sekte machen lassen, zu einem Zirkel der Besserwissenden, die sich hochmütig von der Masse der anderen absetzt oder mit ihr nichts zu tun haben will. Ich warne deshalb vor einer Pastoral, die nur die Engagierten, die Starken und Ü;berzeugten sammeln will. Die Kirche hat nichts zu "erfassen", zu verwalten, geschweige denn zu klassifizieren. Sie hat aus einer Haltung der Grundsolidarität und Empathie die Menschen auf ihren Wegen zu begleiten, ihnen das Evangelium als österliche Weitung des Lebenshorizontes anzubieten, und sie in ihren Suchbewegungen auf Gott hin zu bestärken

Ich bin fest davon  überzeugt, dass die wenigsten Menschen in Thüringen im tiefsten Herzen wirkliche Atheisten sind. Schon früher in den Zeiten des alten ideologischen Staates habe ich manchmal scherzhaft gesagt: Wir Christen sind zusammen mit den wenigen gläubigen Marxisten gemeinsam in der Diaspora! Meine Frage ist freilich: Woran glauben die vielen, die angeblich an nichts mehr glauben?

Als Kirche lernen wir in der Seelsorge derzeit wieder neu den Weg zu gehen, den Gott selbst in Jesus Christus gegangen ist.

     

  • Es ist der "inkarnatorische" Weg, der sich nicht zur Welt in Gegensatz setzt, sondern diese annimmt, in ihr mit allen Menschen den Gott geschuldeten Glaubens- und Hingabeweg geht und die Welt so verwandelt. Es ist ein Weg des "Mitleidens", das nicht anklagt und verurteilt, sondern erträgt und mitträgt, was heute Menschen aufgegeben und manchmal auch zugemutet ist.
  • Es ist der Weg des geduldigen Dialogs, der die Mitmenschen in ihrer je eigenen Erfahrung zu Wort kommen lässt, ihnen zuhört und sie behutsam dabei begleitet, ihr eigenes Leben auf die Wahrheit des Evangeliums hin zu weiten, auf die Möglichkeit, im Loslassen ihres Lebens in das Geheimnis Gottes hinein ihr eigenes Selbst zu finden.
  • Und es ist ein Weg des "Anbietens" einer Wahrheit, die ihre Evidenz nicht zuerst in einer rationalen Ü;berzeugungskraft hat noch in einer bloß formalen Autorität, nicht einmal einer "religiösen", sondern in der Erfahrung, dass der christliche Glaube in der Zerrissenheit der heutigen Welt Annahme und Bejahung des Lebens ermöglicht und "Stimmigkeit" im Blick auf die ganze Wirklichkeit schenkt.
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Die Wahrheit, um die es im kirchlich verbürgten Glauben geht, hat ihren "Sitz im Leben" in der Lebenserfahrung des Einzelnen. Außerhalb der ersten Person Singular gibt es keine Wahrheit des Evangeliums. Die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden ist dabei ein von Gott geschenktes Hilfsinstrument, gleichsam ein "Resonanzraum des Evangeliums", der uns hilft, die Melodie des Evangeliums im Stimmengewirr unserer Zeit zu erkennen und bereitwilliger in sie einzustimmen. Ich bin gewiss: Die derzeitige krisenhafte Umbruchsituation im Selbstverständnis und Erscheinungsbild der Kirche wird helfen, die Gestalt der Kirche "evangeliumsgemäßer" zu machen. Das wird dazu beitragen, unserer Seelsorge in sich wandelnden Zeiten die innere Zuversicht zu erhalten - und eben auch der kirchlichen Akademiearbeit und Erwachsenenbildung.

Pressemitteilung und Porträt: Wanderer zwischen den

Welten


Grußwort gesprochen am 5,3,2013 in der Erfurter Brunnenkirche.