"Der Weltjugendtag soll uns tiefer und enger mit Jesus Christus verbinden"

Predigt von Bischof Joachim Wanke bei der Jugendwallfahrt des Bistums Erfurt

Evangelium: Joh 20, (19) 24- 29


Sich einklinken: Da fällt mir nicht unbedingt der Apostel Thomas ein und das Evangelium, das wir soeben gehört haben. Sich einklinken: Da denke ich eher an eine Truppe, die sich auf eine Alpenwanderung mit einem Dreitausender als Ziel begibt. Wenn es dann endgültig in die Höhe geht, muss sich jeder anseilen. "Alle eingeklinkt?" wird dann der Bergführer fragen - und vermutlich wird er bei allen nachschauen, ob wirklich die Verschlüsse zu und alle am Seil sind.


Aber eine gewisse Ähnlichkeit mit der Situation des Thomas, der bei der ersten Begegnung mit dem auferstandenen Herrn fehlte, gibt es doch: Er ist noch nicht "eingeklinkt". Die anderen sind schon auf ihrer gefährlich schönen Hochgebirgstour - aber Thomas hat noch seine Bedenken. Was, das soll ich glauben? Jesus soll leben? Haben die Römer jemals einen ohne Erfolg hingerichtet?


Es braucht diese Begegnung des ungläubigen Thomas mit dem Auferstandenen selbst. Ja, Thomas, ich bin es. Sieh da, meine Wunden. Du kannst mich anfassen - aber wichtiger ist, dass du begreifst, was ich mit dir vorhabe: Du sollst mein Zeuge sein. Du sollst Bote für meine gute Nachricht sein, die alle Menschen erreichen soll: Gott hat mit meiner Auferstehung angefangen, eine neue Welt zu schaffen. Und du gehörst zu dieser neuen Schöpfung - und mit dir und nach dir möglichst alle Menschen, die diesem Evangelium Vertrauen schenken.


Komm - klink dich ein!


Wir verbinden heute diese Wallfahrt ganz eng mit den kommenden Tagen des Weltjugendtreffens - hier schon in Thüringen mit unseren Gästen aus aller Welt, und dann in der großen Gemeinschaft der Jugend in Köln.


Ich freue mich sehr, dass sich schon viele aus unserem Bistum für Köln gemeldet haben. Es können ruhig noch mehr werden! Komm, klink dich ein!


Aber - das merkt ihr: Es geht ja nicht nur um das Hinfahren und dort dabei sein. Es geht um ein tieferes Geschehen. Das ist im Motto von Köln in dem Wort aus dem Evangelium von den drei Weisen angedeutet: Wir sind gekommen, um IHN anzubeten. Wir müssen das "Einklinken" irgendwie mit diesem Wort zusammen bekommen: Köln und was davor und was danach, ja was auch heute hier passiert, soll uns tiefer und enger mit Jesus Christus verbinden. Er ist es, der gleichsam als unser Bergführer nachschaut und fragt: O.K.? Alle eingeklinkt? Alle bereit zum Anstieg auf den Gipfel? Alle gesichert und eingehakt für den "großen Trip" hin zu Gott?


Das Einklinken ist nicht ohne Folgen. Es ist ein Anfang, es ist eine Startbedingung. Wer mit Jesus sich auf den Weg machen will, braucht einige Startvorbereitungen. Ich fasse sie einmal in diese Worte:



1. Das Ziel in den Blick nehmen


Man muss wissen, wohin man will. Man muss Freude haben am Gebirge, am Bergsteigen, an dem Erfolgserlebnis, dann oben stehen zu können. Wer im Fußball etwas werden will, wird sich das energisch vornehmen - und vermutlich das eine oder andere um dieses Zieles willen sausen lassen.


So ist das auch mit dem Ziel, das jeder von uns erreichen sollte: Dass wir bei Gott ankommen - und nicht in der Grube unterm Rasen Schluss ist. Gottes Gipfel sind mein Lebensziel, ein Leben mit ihm, bei ihm - und vielen anderen, die ich derzeit vermisse oder die ich noch gerne kennen lernen möchte. So stelle ich mir den Himmel Gottes vor - eine Gemeinschaft, die nicht aufhört,

eine Seligkeit, in der es immer neue Ü;berraschungen gibt, eine Freude, die nie in Langeweile und Öde umkippen kann.


Natürlich wollen wir neben diesem großen Hauptziel auch noch manches andere: Einen guten Schulabschluss, eine interessante Lehrstelle, möglichst einen guten Job, bei dem auch etwas Geld fürs satte Leben übrig bleibt. Aber - und das ist meine ernste Frage an euch heute: Werden diese Ziele so wichtig, dass das andere Ziel, für das Jesus Christus steht, darüber unwichtig wird, oder gar vergessen?


Denkt an meine Predigt vor einigen Jahren: Passwort Gott. Wer meint, Gott und seine Verheißungen seien wertlos oder unwichtig, der geht am Leben vorbei. Er verpasst das Beste, was ihm passieren kann: geliebt und angenommen zu sein ohne Widerruf. - Das Ziel in den Blick nehmen.



2. Sich einem guten Führer anvertrauen.


Wer ins Hochgebirge will, muss sich wirklich einem erfahrenen Bergführer anvertrauen. Da reicht nicht irgendein schön geschniegelter Fremdenführer, der zu zittern anfängt, wenn es gefährlich wird.


Die ganz großen Ziele erreicht man nicht ohne Hilfe. Wer gut werden will in einem Instrument - er sucht sich einen guten Meister. Wer in seinem Beruf weiter vorankommen will - er sucht sich Frauen und Männer, bei denen er was abgucken kann.


Thomas hatte schon Erfahrungen mit Jesus machen können. Er kannte ihn aus den Jahren, als er mit ihm in Galiläa zusammen war. Das machte es ihm leicht, jetzt auch zu sagen: Mein Herr und mein Gott. Er vertraute sich nun Jesus an als dem Meister, der Leben über den Tod hinaus zu geben vermag.


Komm, klink dich ein - in die Gemeinschaft derer, die mit diesem Jesus gehen wollen. Ich versuche jeden Morgen neu, das Jesus zu sagen: Herr, dieser Tag - lass mich nicht mit mir allen. Bleib bei mir. Schau nach, ob ich bei Dir eingeklinkt bin - jetzt wenn der Tag beginnt, und dann wenn er endet und ich ins Bett falle. So einfach versuche ich das ihm zu sagen - und ich füge dann noch das eine oder andere aus einem schlauen Gebetbuch hinzu - aber die eigentliche Seele meines Betens ist dies: an ihn zu denken, an seine Nähe, an seine Verheißung, ihm ins Gesicht zu schauen, einfach bei ihm zu sein. Geht euch das manchmal auch so? Es ist einfach schön, bei jemanden sein zu können - ohne große Worte zu machen. Das heißt: sich einklinken, sich bei jemanden festmachen. Ja - das heißt, anbeten.


Denn was ist Anbeten anders als: etwas ganz wichtig nehmen. Wer sein Auto anbetet, der sieht und hört nichts anderes mehr als Auto.... Und jede freie Minute wird dem gewidmet, oder wer etwas anderes anbetet: dem verschreibt er sich mit Haut und Haar. Es gibt auch heute so manche Götzen, denen die Leute ihr Leben und manchmal auch fremdes Leben opfern.


Sich Jesus Christus anvertrauen - konkret. Ich erzähle gern von dem jungen Ehepaar, dass ich vor einigen Jahren kennen lernte. Die junge Frau sollte zu Ostern getauft werden. Die beiden sagten mir einige Monate zuvor - in einem Sechs-Augen-Gespräch: Herr Bischof, wir müssen jeden Morgen ca. 25 km zur Arbeit fahren. Wir haben uns angewöhnt, ehe wir aus der Tür treten, machen wir uns vor Antritt der Fahrt gegenseitig ein kleines Kreuz auf die Stirn.... Das meine ich mit: sich Gott anvertrauen, dem Herrn zu trauen, ihn anzubeten.


Das ist nicht einfach, ich weiß es. Du musst als junger Christ ein gewisses Stehvermögen haben. Wie sagt ihr gern? "Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom!" Aber es lohnt, sich in den großen Fragen der Lebensorientierung auch anders zu verhalten als Mehrheiten. Guckt euch so manche Typen an: Die Jagd nach dem Leben macht sie kaputt. Angestrengter Lustgewinn verzerrt das Gesicht. Sie finden nicht das, was sie suchen - weil sie keinen haben, der es mit ihnen gut meint.


"Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben!" so sagt der Herr. Sucht seine Nähe - im Gottesdienst, im Gebet, beim Lesen der Hl. Schrift. Haltet es aus, einfach einmal abzuschalten, zur Ruhe zu kommen, sich daran zu freuen, dass nichts passiert. Zu sich selbst kommen - dann kommt man wie von allein zum Herrn!


Mir hilft oft ein gutes Christusbild: Ich setze mich davor - und lasse mich von IHM anschauen. Und dann kommt es wie von allein zum Gebet.

- Und schließlich eine dritte Einladung:



3. In der Seilschaft bleiben


Im Hochgebirge gibt es nichts Gefährlicheres als Einzelgänger. Davor werden schon die Anfänger gewarnt. Nicht umsonst spielt das Seil und die Karabinerhaken eine gewichtige Rolle - nicht nur beim Klettern in Steilwänden, sondern auch dort, wo es anderweitig gefährlich wird. Und wenn man große Dinge anstrebt, wird es meistens auch gefährlich. Nur Stubenhockern passiert nichts!


Ihr versteht, was ich meine: Christ sein kann man nicht allein. Ich freue mich darüber, dass der Weltjugendtag uns wieder neu erkennen lässt, dass wir in einer wirklichen Weltkirche leben. Aber dieses Ereignis in Köln wird vergehen - und dann wird es wichtig sein, dass die alltäglichen Verbindungen bleiben und tragen: das Mitmachen im Gemeindeleben, bei den Ministranten, bei einer Verbandsgruppe, bei einer geistlichen Gemeinschaft, bei einer kirchlichen Musiktruppe..... Da wird es darauf ankommen, ob andere sich auf dich verlassen können, wenn es um ein Projekt geht, um eine Hilfsaktion, um etwas, wo du mit deinem Können und Geschick gefragt bist. Klink dich ein! Lass dich nicht dreimal bitten - sonst erfährst du nicht, dass es Spaß macht, mit anderen etwas zu unternehmen und kreative Dinge zu machen.


Und eine Erfahrung ist mir dabei wichtig: Die Gemeinsamkeit verhindert, dass man anfängt, sich selbst anzubeten. Das sind, so meine ich, die gefährlichsten Menschen, um die man einen großen Bogen machen sollte: die Selbstanbeter, die großen Macher, die keinen brauchen, die ganz coolen, die anscheinend alle anderen in die Tasche stecken können ....


Geh mit in der Gemeinschaft der Osterzeugen. Sie hat einen Namen: Kirche. Jüngerschaft des Herrn, Seilschaft Gottes in dieser Welt. Und macht auch mal dort, wo ihr spürt, hier passt es, den Mund auf, und sprecht von dem, worauf es euch ankommt, was euch bewegt und wichtig ist. Ich könnte mir denken, dass einem "normalen" Christen nichts Besseres passieren könnte, als wenn er einen echten Muslim kennen lernt. Wenn der ihn dann fragt: Woran glaubst Du eigentlich? Dann sollten wir nicht alt aussehen. Bin ich wirklich ein Christ, der Bescheid weiß im Glauben, der was von Gott sagen kann, der Jesus kennt und nicht gleich auf alle Dummheiten, die aus der Kirchengeschichte erzählt werden, hereinfällt?


In der Seilschaft bleiben, als junge Kirche - sich gegenseitig helfen, gut voran, gut weiter zu kommen. Dazu möchte ich euch einladen!


Kommt, klinkt euch ein!


Die erste Bewährungsprobe wird unsere Gastfreundschaft sein, in der wir im August für unsere ausländischen Freunde da sein werden. Geht auf sie zu, lernt sie kennen, tauscht euch miteinander aus. Die Kirche ist größer als die paar Jugendlichen von Silberhausen oder Pößneck.


Und dann auf nach Köln! Ich hoffe, dass ich euch alle dort sehe. Klink dich ein und lasse Mutti mal allein zu Hause. Vielleicht ist sie auch mal froh, dich ein paar Tage nicht zu sehen! Aber noch mehr sollten wir froh sein, dass wir das haben


  • ein großes Ziel, nach dem wir uns ausstrecken können

  • einen, der uns sicher führen kann, im Leben und im Sterben, und

  • dass wir zu einer Jesus-Mannschaft gehören, bei der zu sein einfach Spaß macht.



Gleich jetzt beim Glaubensbekenntnis: Komm, klink dich ein! Das beten nicht nur wir heute hier in Erfurt bei der Jugendwallfahrt - sondern zu diesem Glauben stehen mit uns zusammen Millionen junger Christen rund um die Welt. Komm, Thomas, sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Und wer will, kann statt Thomas seinen eigenen Namen aus dem Evangelium heraushören!


Ja, Du bist gemeint, du ganz persönlich: Klink dich ein! Amen.



Erfurt, 5. Juni 2005



Jugendwallfahrt: Alles für den Weltjugendtag