"Das Kleid anpassen!"

Brief von Bischof Wanke an die Pfarrgemeinderäte, Kirchenvorstände und alle Gemeindemitglieder

Liebe Damen und Herren in den Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten, liebe katholische Christen im Bistum Erfurt!


Manches kann nur bleiben, wenn es sich verändert. Diese Wahrheit gilt nicht nur für den Staat und die Sozialsysteme, sondern auch für die Kirche. Sie gilt auch für das Bistum Erfurt.


In manchen Pfarrgemeinden sind in den letzten Jahren schon spürbare Veränderungen eingetreten. Wir haben besonders nach der politischen Wende in erfreulicher Weise Kirchen und Pfarrzentren erneuern und herrichten können. In den Städten Thüringens, aber auch im Eichsfeld und seinen Dörfern sind die Kirchen weithin in einem guten baulichen Zustand. Den Kirchenvorständen und Gemeinden und nicht zuletzt den Pfarrern sei für alle Mitsorge und allen Einsatz ein herzliches Danke gesagt. Mancherorts wurden Kindergärten neu gebaut oder grundlegend renoviert. Manche Senioren- und Pflegeheime wurden völlig neu errichtet, andere modernisiert. Freilich wurden auch gelegentlich nicht mehr benötigte Gottesdiensträume und Pfarrhäuser aufgegeben und kleinere Sozialeinrichtungen geschlossen.


Die anstehenden Veränderungen im kirchlichen Leben haben vielfältige Ursachen. Nur einige seien genannt. Die Zahl der katholischen Christen ist in den letzten Jahrzehnten - und noch einmal nach der politischen Wende - in Thüringen stark zurückgegangen. Junge Leute müssen wegziehen, um anderswo einen Arbeitsplatz zu haben. Es werden weniger Kinder geboren. Es gibt auch heute, wenngleich in geringerem Maß als nach der Wende, Kirchenaustritte und lautloses Wegbleiben von der Gemeinde. Nicht zuletzt stehen aufgrund sinkender Kirchensteuern für die kirchliche Arbeit künftig erheblich weniger finanzielle Mittel zur Verfügung. Dazu kommt, dass der Bischof weniger Priester für den Einsatz in der Seelsorge zur Verfügung hat. Schon heute haben manche Pfarreien keinen eigenen Priester mehr vor Ort in der Gemeinde wohnen.



Mit Veränderungen leben


Die Kirche hat immer wieder im Lauf der Jahrhunderte mit solchen Veränderungen leben müssen. Es gehört freilich zur Verantwortung eines Bischofs und seiner Mitarbeiter, das ortskirchliche Leben gut und sinnvoll zu strukturieren. Es muss möglich sein, auch mit weniger Geld und weniger Personal den Grundauftrag der Kirche zu erfüllen: Gottesdienst zu feiern, das Evangelium den Menschen nahe zu bringen und tätige Nächstenliebe zu üben.


So ist es mir ein Anliegen, mit diesem Bischofsbrief alle Gläubigen unseres Bistums auf kommende Veränderungen hinzuweisen und um Verständnis für solche Veränderungen zu werben.


Ich fasse mein Anliegen in das Bild: Unsere Erfurter Ortskirche muss ihr Kleid den veränderten Gegebenheiten anpassen. Das geschieht derzeit auch in anderen Bistümern, zum Teil unter großen Schmerzen. Mir liegt daran, in unserem Bistum rechtzeitig auf absehbare Entwicklungen zu reagieren. Vorausschauend handeln erspart in der Zukunft Ärger und Ratlosigkeit.


Meine Vision für Thüringen ist eine Ortskirche, die bei ihrer Grundaufgabe bleibt: Das Evangelium Jesu Christi auf den Leuchter zu stellen, damit möglichst viele Menschen mit dem "Licht von oben", mit der guten Botschaft des Evangeliums in Berührung kommen können.

Beim Pastoralkongress im Oktober 2003 in Erfurt habe ich dankbar gespürt, dass unsere Priester, unsere hauptamtlichen Mitarbeiter, unsere Ordensleute und viele Gläubige diese Vision mit mir teilen.


Vor über 1250 Jahren kam der hl. Bonifatius mit seinen Gefährten in unser Land. Wir denken in diesem Jahr besonders an seinen Märtyrertod im Jahr 754. Bonifatius hat damals den Grund gelegt für den christlichen Glauben und kirchliches Leben. Der hl. Kilian hat vom Frankenland aus die Missionierung Südthüringens vorangebracht. Hier in Thüringen hat die hl. Elisabeth gewirkt, die bis heute mit ihrem Lebensvorbild Menschen zu Taten der Nächstenliebe anstiftet.


Was zu Zeiten des hl. Bonifatius, des hl. Kilian und der hl. Elisabeth möglich war - ohne Kirchensteuer und engmaschig geknüpftes Netz von Pfarreien -, das muss in Thüringen auch heute und morgen möglich sein. Dieses Land braucht das Evangelium. Es braucht die Orientierung von oben, vom Himmel her. Es braucht gläubige Christen, die mit ihrem Leben das in den Blick rücken, was sie im Herzen glauben: Dass Gott uns nahe ist mit seiner Liebe und Sünde und Tod nicht das letzte Wort über unser Leben haben.


Wir leben heute zugegebener Maßen in anderen Zeiten. Wir haben uns auch an einen bestimmten Stil des kirchlichen Lebens gewöhnt. Es ist nicht leicht, Veränderungen anzunehmen, besonders wenn sie eigene Gewohnheiten in Frage stellen. Ich denke beispielsweise an Veränderungen der Messzeiten am Sonntag.


Meine Bitte geht an alle Gläubigen, jetzt und in naher Zukunft notwendig werdende Veränderungen mitzutragen und in ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit im kirchlichen Leben nicht nachzulassen.


Wir alle müssen beweglicher werden, die Priester und Diakone, die Ordensleute, die in der Seelsorge und Caritas Tätigen, aber eben auch unsere Gemeinden mit ihren Kirchenvorständen, Räten, Gruppen und Vereinen. Beweglich in doppelten Sinn des Wortes: Dass wir z.B. den Gottesdienst dort aufsuchen, wo er gefeiert wird, gegebenenfalls eben auch an einem anderen Ort, und beweglich in dem anderen Sinne, dass wir über den Raum der eigenen gewohnten Pfarrei hinausdenken. Die Gemeinden eines engeren Umfeldes müssen in Zukunft mehr noch als bisher zusammenrücken. Sie müssen lernen, gemeinsam zu denken, zu planen und zu handeln. Es wird einfach nicht möglich sein, überall in gewohnter Weise gleichsam vor der Haustür das volle kirchliche Angebot präsent zu halten. Aber wer guten Willens ist, muss dieses Angebot in seiner Nähe finden und wahrnehmen können.



Vergrößerung der Dekanate und Pfarreien


Ich möchte besonders auf zwei Veränderungen aufmerksam machen, die in den kommenden Jahren in unserem Bistum greifen werden. Das eine ist die Verringerung der bisher vierzehn Dekanate ab Januar 2005 auf nur sieben Dekanate, drei Dekanate im Eichsfeld und vier Dekanate in der Thüringischen Diaspora. Zum anderen wird sich in den kommenden Jahren auch die Zahl der Pfarreien verringern. Etwa vierzig kleinere Pfarreien sollen Filialgemeinden werden und dann einer größeren Pfarrei zugeordnet sein. Das wird voraussichtlich in zwei zeitlich versetzten Schritten vor sich gehen: ein erster Schritt soll 2005 erfolgen und ein weiterer Schritt einige Jahre später.


Mit diesen vorausschauenden Veränderungen möchte ich zweierlei erreichen: Zum einen soll in den Dekanaten noch eine hinreichend große Anzahl von lebensfähigen Pfarreien einschließlich hauptamtlicher Mitarbeiter vorhanden sein. Diese Pfarreien können sich dann besser untereinander helfen. Zum anderen kann ich mit der Reduzierung der Zahl der Pfarreien den weniger werdenden Pfarrern ermöglichen, die Arbeit in den ihnen anvertrauten Orten so zu organisieren, dass kein bürokratischer Leerlauf entsteht.


Eines möchte ich aber sofort mit dieser Ankündigung verknüpfen: Mir liegt daran, dass alle Gläubigen sich wie bisher, ja vermutlich noch in gesteigertem Maß, für das Gemeindeleben an ihrem konkreten Ort verantwortlich wissen. Das gilt besonders dort, wo ein Priester nicht mehr am Ort wohnt und der zuständige Pfarrer von mir noch mit der Sorge um weitere Gemeinden betraut werden muss. Ich bin diesbezüglich zuversichtlich, weil ich weiß, wie intensiv sich im Kern der Gemeinden Frauen und Männer für ihre Gemeinden samt Kirchgebäude einsetzen. Manchmal sind sogar die Filialgemeinden reger und selbstständiger als Gemeinden, die den Priester noch am Ort haben.


Als Bischof werde ich dafür sorgen, dass solche Gemeinden ohne Priester am Ort auch in Zukunft - wenn sie einen einsatzbereiten Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat haben - ihre finanziellen und sonstigen Belange selbst regeln können. Nirgends soll die Eigeninitiative gelähmt und örtliche Verantwortung beschnitten werden. Aber es muss auch kleiner gewordenen Gemeinden, die dies wollen, rechtlich die Möglichkeit eingeräumt werden, enger mit anderen Gemeinden zusammenzuarbeiten und nicht mehr leistbare Verantwortung abzugeben. Dann muss die benachbarte größere Gemeinde mit ihren Möglichkeiten einspringen. Dafür soll in den nächsten Jahren die Reform der Pfarreistrukturen auf Bistumsebene vorausschauend Sorge tragen.


Eine Bitte möchte ich noch zum Schluss allen Gläubigen vortragen: Bleibt treu beim Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes! Unser christlicher Lebenshaushalt braucht den regelmäßigen Sonntagsgottesdienst, sonst trocknet unser Glaube aus. Wer guten Willen hat, wird im Regelfall jeden Sonntag auch an der Eucharistiefeier teilnehmen können. Viele Gläubige suchen auch - besonders im Sommer - gern beliebte Wallfahrtsorte und andere Kirchen mit dem Auto auf. An manchen Orten, vermehrt auch des Eichsfeldes, wird in Zukunft manchmal auch an Sonntagen ein Wortgottesdiensten statt einer Eucharistiefeier stattfinden. Nehmt diese Möglichkeit des Gottesdienstes gern an. Den Diakonen und Diakonatshelfern, die diese Gottesdienste leiten, danke ich für diesen Dienst. Und alle bitte ich: Bleiben wir fest verwurzelt im Glauben unserer Vorfahren, die schwierigere Zeiten als es die unsrigen sind, tapfer und gläubig bestanden haben.


Dazu stehe uns der hl. Bonifatius mit seiner Fürsprache bei Gott bei.

Es segne und bewahre euch im Glauben, in der Hoffung und in der Liebe der dreieine Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.



Erfurt, im Januar 2004


Joachim Wanke

Bischof von Erfurt



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