Bischof Wanke: Zum Guten sich entscheiden - und es dann entschlossen tun

Predigt bei der Jugendwallfahrt 2002 zum Erfurter Domberg

Liebe junge Christen!


Heute geht es mir wie Mose - dem vom Anspiel wie dem aus der Bibel. Ich bin hin und her gerissen. Geht es euch nicht auch manchmal so? High sein und irgendwie gleich danach down. Auf der einen Seite die Freude, mit euch zusammen zu sein, hier bei diesem festlichen Gottesdienst. Und dann das Wissen um das, was in der letzten Woche hier in Erfurt, im Gutenberg-Gymnasium passiert ist. Ich habe das immer noch nicht weggesteckt.


Viele fragen: Warum musste das geschehen? Ich kann nur sagen. Es musste nicht geschehen. Und auch Gott ist dafür nicht verantwortlich. Gott ist kein Feuerwehrmann für das, was Menschen anstellen. Solche Ereignisse wie in der Gutenbergschule sind der Preis der Freiheit, die Gott uns zu-mutet - einer Freiheit zum Guten, aber auch einer Freiheit zum Bösen. Freiheit: das ist ein gefährli-ches, aber auch ein wunderbares, großartiges Geschenk.


Was war mit dem Robert los, als er in die Schule stürmte und anfing, um sich zu schießen? Es muss wohl in ihm ausgesehen haben wie in einem "schwarzen Loch". Ihr kennt das Phänomen aus dem Astronomieunterricht. Im Universum gibt es Materiemassen, die sind so dicht und komprimiert, dass sie kein Licht mehr ausstrahlen können. Sie schlucken alles in sich hinein - aber es kommt nichts mehr heraus. Schwarze Löcher.


Ob es so in Robert aussah? Hauptsache ich - meine Rache, mein Geltungsbedürfnis, meine Lust, Grenzen zu überschreiten, bekannt zu werden? Robert muss, vermutlich schon vor seiner Wahnsinns-tat, unendlich einsam gewesen sein, kommunikationslos, unfähig, über das, was in ihm vorging, zu reden. Ob er eine Freundin hatte? Einen echten Freund? Ob er überhaupt jemanden hatte, mit dem er sich austauschen konnte? Erzählen und quatschen, lachen und übermütig sein, sein Herz aus-schütten und sich sein Elend von der Seele reden?


Er tat es nicht. Er ging los und tötete. Gott erbarme sich seiner. Wir beten nicht nur für seine Opfer, wir sollen und müssen auch für ihn beten. Aber noch mehr müssen wird aus der Trauer über das Ge-schehene etwas lernen. Etwas über uns selbst. Ü;ber unser eigenes Ich.




1. Mein Ich wächst am Du.


Wer dauernd sagt: Hauptsache Ich, verpasst das Leben. Richtig ist: Ich muss zu mir selbst stehen. Ich muss Zutrauen haben zu mir selbst. Aber das wächst nicht dadurch, dass ich mich aufplustere und einen starken Mann markiere oder Miss Supertoll, die ich gar nicht bin.


Mose wird etwas, weil Gott ihm zutraut, sein Volk zu führen. Er kennt Gott, darum kann er dem Pharao standhalten. Jesus kennt den Vater und lässt sich von ihm bestimmen. Das macht ihn stark und sicher in seinem Lebensauftrag - bis zum Tod. Die Jünger vertrauen Jesus. Das macht sie fähig, in aller Welt sein Evangelium zu verkünden.


So geht das auch heute. Das Ich wächst am Du. Der Mose des Anspiels fasst Vertrauen zu sich selbst, weil Josuah es ihm zutraut. So wird man stark, nicht durch Gewaltphantasien, sondern am Du guter Menschen. Es macht mich stark, wenn jemand mich gern hat, wenn einer zu mir sagt: "Das schaffst Du! Ich helfe Dir dabei! Du bist nicht allein!" Ich fand es wunderbar, wie in den Stunden nach dem Mordanschlag in der Schule Menschen sich gegenseitig trösteten und stärkten - nicht durch gro-ße Reden, sondern: sie nahmen sich einander in die Arme und weinten gemeinsam.


Mein Ich wächst am Du Gottes. Jesus sagt: Glaubt an Gott und glaubt an mich. Wie das geht? So, wie wir an gute Menschen glauben können. Ich trau ihnen - dem Freund, der Freundin, der Großmutter, dem Lehrer, dem Kaplan, meinem Paten. Ich weiß: Sie meinen es gut mit mir. Auf ihr Wort kann ich mich verlassen. Ehe ich anfange Dummheiten zu machen, red ich einmal mit ihnen. Es gibt keine Situation, mag sie auch noch so dumm oder aussichtslos sein, in der es nicht auch einen Weg zu einem neuen Anfang gibt.


Geh neu nicht nur auf Menschen, sondern auf Gott zu. Gebet ist etwas ganz lebendiges. Wie eine SMS, auf die ich reagiere, oder die ich zu jeder Zeit versenden kann. Gott kann hören, und er kann auch mir seine message senden. Seine SMS besteht nicht aus Worten. Sie ist Jesus Christus selbst. In Person. An seinem DU, in der Dauerfreundschaft mit Jesus Christus, kann mein Ich stark werden.


Unser Wallfahrtsthema enthält für mich eine zweite Lerneinheit:




2. Nicht man sagen, sondern ich sagen. Einfach: Ich.


Was sagt man? "Du musst auch mal geschnüffelt, mal Gras geraucht, mal einen Joint genommen haben. Das macht man so. Du bist ja nur zu feige!" Wie lautet Deine Antwort? Sag einfach: Ich nicht. Ich will nicht, dass andere an meiner möglichen Abhängigkeit vom Stoff Geld verdienen.


Solches selbstbewusstes Ich-sagen kostet etwas. Dazu braucht es Mut. Das fängt mit der Mode an. Und hört beim Rauschgiftgebrauch auf. Alle tragen jetzt Neobren-Jacken. Eigentlich steht mir das Zeug nicht. Aber: Die Alten werden genervt, bis ich auch so eine Klamotte habe. Wenn Du Deine Umwelt mal erschrecken willst, dann rate ich Dir: Lass Dir lieber mal die Haare grün färben. Oder komm mit einem Ring in der Nase heim. Das kostet nicht so viel und das kann man nach ein paar Tagen wieder entfernen.


Es kostet Mut, nicht dem hinterherzulaufen was man tut, sagt, trägt oder sonstwie anstellt, sondern zu sagen: Ich mache das so. Einfach Ich. Der Mensch ist mehr als das Produkt sei-ner Umwelt, der Reklame, der Trends und Moden. Ich bin ich - ein einmaliges Orginal. Und das muss man nicht an meinem Outfit erkennen, an meinem Alkoholverbrauch, an meinem ordinären Slang.


Ich hörte, dass einer sich mal aus Spaß eine Frisur wie ein Punk angeschafft hat. Er war gar keiner, aber er wollte es einfach mal aus Spaß machen. Und da haben ihn eines Tages ein paar Rechte ver-droschen. Auch so aus Spaß. Ich finde das gut - nicht das Verdreschen. Aber dass einer mal merkte, was passiert, wenn er etwas sein will, was er gar nicht ist.


Sei einfach der, der Du bist. Sag: Ich stehe zu mir. Ich bin ich. Ich brauche mir kein Kostüm zu leihen. Zu Fasching macht man das. Aber nicht im wirklichen Leben. Du hast es nicht nötig, Dich mit teuren Klamotten zu behängen und an den Markenschuhen dein Selbstbewusstsein aufzuhängen. Gott hat Dir Gaben und Grips genug gegeben, um Dir Achtung und Respekt bei anderen zu verschaffen. Die Achtung bei anderen fängt mit der Selbstachtung an.


Ich bin manchmal erschrocken, wie sich junge Leute nach einer Dummheit herausreden und die Schuld auf andere schieben. Mal schnell ein paar Hakenkreuze an die Wand schmieren, möglichst noch in Tschechien (so vor kurzem bei einer Klassenfahrt einer Gruppe aus einem Eichsfeldort ge-schehen) - und sich dann wundern, wenn ein Fass aufgemacht wird. Mal schnell vor dem Wochenen-de im Jugendhaus St. Sebastian ein paar Flaschen harten Korn besorgen - und sich dann drüber mokieren, wenn man aus dem Haus fliegt. Mal schnell in der Schule ein paar Essensmarken klauen, weil einem das eigene Geld zu schade ist, und nicht merken, wie daran, an dem nun in der Schule ausbrechenden Misstrauen, alle anderen mitleiden. "Ich bin?s doch gar nicht gewesen!" heißt es dann, wenn es hart auf hart kommt.


Liebe Jugend! Es gehört auch Mut dazu, zu einem eigenen Fehlverhalten zu stehen. "Ja, ich war es. Aber es soll nicht wieder geschehen!" Das ist besser, als sich vor der Verantwortung und möglichen Konsequenzen zu drücken. Auch in solchen Situationen gilt unser Wort: Ich sagen. Wer das kann, der ist mir lieber als Leute, die sich hinter anderen verstecken. Und die sind auch Gott lieber. Vor allem: Die sind zu einem Neuanfang fähig. Bei den anderen geht es auf der schiefen Bahn weiter herab. Sie merken es nur nicht.


Und ein Drittes, was mir in diesen Tagen aufgegangen ist:




3. Zum Gutsein gehört Entschiedenheit.


Ich habe den Eindruck: das fällt euch am schwersten, sich entscheiden. Weil dann sofort die Angst aufkommt: Da muss ich ja möglicherweise anderes verpassen. Disco-hopping - das ist wohl eine Ju-gendkrankheit, auch in anderer Hinsicht, nicht nur den Disco-Besuch betreffend. Freund/ Freundin-hopping? Ehepartner-hopping? (Leider habe ich noch nichts von Kirchen-hopping gehört!)

Ü;berall mal kurz hinzappen. Ü;berall dabeisein wollen - und im Endeffekt nirgends richtig.


Das Wort limited heißt soviel wie: Begrenzung anerkennen. Man gewinnt nur Profil, wenn man sich selbst Grenzen setzt. Um jeden Preis immer und bei allen Gelegenheiten nur seinen Spaß su-chen macht dich kaputt. Die Maßlosigkeit ist das Ende jeder echten Freude.


Nehmt das Handy. Dauernd angerufen zu werden, ödet an. Wer sich spärlicher meldet, bewirkt mehr Freude. Dem anderen dauernd auf den Wecker gehen, mit jeder Laune sich an der Umwelt abreagie-ren und sich so gehenlassen, dass alle auch richtig merken, wie schlecht du drauf bist - das bewirkt mit Sicherheit, dass alle um dich einen großen Bogen machen.


Ich meine: Zum Christsein gehört Profil. Glaubensprofil, aber auch menschliches Profil. Das aber ge-winnt man nicht, wenn man sich alle Optionen offenhalten will. Dann zwängen sich noch 60jährige in Jeans und Opas denken, sie seien noch Jünglinge, weil sie jede Woche ins Fitness-Center gehen.


Man kann sich damit blamieren, etwas sein zu wollen, was man nicht ist. Zum Erwachsenwerden ge-hört Entscheidungsfähigkeit. Auswählen können. Sich für das Richtige und das Wichtige entscheiden - und anderes sausen zu lassen.


Ich freue mich, dass es das unter euch gibt. 27 Jugendliche haben sich entschieden, Exerzitien im Alltag mitzumachen. Eine andere Gruppe macht einmal Tage der Stille und geistlicher Einkehr mit. Wir müssen lernen, uns selber zu finden, wenn wir Gott finden wollen. Und das geht nicht ohne feste und klare Entschiedenheit.


Denkt daran: Ein Seil muss man fest anfassen, erst dann kann man daran in die Höhe klettern. Christ werden kann man nicht im Selbstlauf: Man muss sich für die Freundschaft mit Jesus entscheiden - und dann daran festhalten, am Beten, am Empfang des Bußsakramentes, der vorbereiteten und der "nachbereiteten" Heiligen Kommunion, am Lesen in der Heiligen Schrift. Solches Engagement zahlt sich aus. Nur so gewinnst Du Profil. Vor Gott und den Menschen.



Einfach ich - limited edition. Einige Gedanken, die ich mir zu dem Thema gemacht habe:

Mein Ich wächst am Du, am Du guter Freunde, am Du Gottes.

Nicht man, sondern ich sagen können.


Zum Guten sich entscheiden - und es dann entschlossen tun.


Könnt ihr euch in meinen Ü;berlegungen wiederfinden? Nach diesem Gottesdienst bin ich in der Seve-rikirche zu finden. Da können wir darüber diskutieren.


Vor dem Rathaus unserer Stadt fand ich dieser Tage im Meer der Blumen und Fotos der Ermordeten folgendes Plakat:


Lasst uns unser Leid in Kraft,

unser Entsetzen in Erkennen

und unseren Schmerz in Liebe verwandeln.


Wer das geschrieben hat, der hat gemerkt, wozu der Amoklauf in der Gutenbergschule uns alle her-ausfordert. Die Trauer allein reicht nicht. Sie muss uns erneuern. Fangt heute damit an. Amen.

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