Ansprache auf dem Jahrespresseempfang des Bistums Erfurt
am Dienstag, 6. Februar 2001,
in der Bildungsstätte St. Martin, Erfurt
Sehr geehrte Damen und Herren der regionalen
und überregionalen Presse, von Rundfunk und Fernsehen,
beim heutigen Presseempfang möchte ich Ihnen zwei thematische Schwerpunkte vorstellen: 1. Ein kurzer Rückblick auf zwei Jahrzehnte Bischofsdienst in Thüringen; 2. auf dem Hintergrund des derzeitigen "Internationalen Jahres der Freiwilligen" einen Blick auf ehrenamtliches Engagement katholischer Christen in unserem Bistum.
I. Erfahrungen aus zwei Jahrzehnten Bischofsdienst in Thüringen
Im November des vergangenen Jahres konnte ich auf zwei Jahrzehnte bischöflichen Dienstes in Thüringen zurückschauen: 10 Jahre davon in der früheren DDR, 10 Jahre im wiedererstandenen Freistaat Thüringen im wiedervereinigten Deutschland. Aus diesem Anlass sei es gestattet, auf einige Erfahrungen dieser zwei Jahrzehnte hinzuweisen.
Die Ereignisse von 1989/90 stellen für mich in meiner Zeit als Bischof hier in Thüringen eine tiefgreifende Zäsur dar. Die Wende war eine glückliche historische Stunde unseres an glücklichen Ereignissen nicht gerade reichen Landes. Sie hat uns die verlorene Einheit unseres Volkes geschenkt, eine neue (nicht immer einfache) Freiheit, auch für unser kirchliches Wirken, und für ganz Europa eine neue historische Perspektive. Sie war auch für mich das größte Geschenk dieser zwei Jahrzehnte.
Was zeigt sich an dieser "Wende-Erfahrung", die wir leider alle oft zu schnell im "Getümmel" der Alltagsarbeit vergessen? Sie zeigt:
1. Die Geschichte bleibt immer offen.
Alle ausschließlich soziologischen und vor allem ideologischen Gesellschaftskonstruktionen stehen auf tönernen Füßen. Der Weg Gottes mit seiner Menschheit ist noch lange nicht zu Ende. Des Menschen Geist und Sinn, sein Suchen und Fragen lässt sich nicht innergeschichtlich "stillstellen". Das tröstet mich und lässt mich geduldig manchen Unsinn ertragen, den die gegenwärtige "Erlebnis- und Spassgesellschaft" über uns ausschüttet. Sehnsucht nach der Wahrheit, Staunen über die Wunder der Schöpfung, Gespür für Gerechtigkeit, Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit - das sind auch in Zukunft Lebenselixiere der Menschheit. Wir haben keinen Grund zu einem generellen Geschichtspessimismus, wiewohl wir wachsam gegenüber allen Versuchungen zu neuer Ideologisierung der Gesellschaft bleiben müssen.
2. Wir durften erleben, dass die "Kaiser" dieser Welt letztendlich auch nackt sind.
Ihre Kleider brauchen uns deshalb auch heute nicht zu sehr beeindrucken. Was z.B. politische Macht wirklich "kleidet", leitet sich von anderen Werten und Vorgaben ab als jenen, die uns das alte System einreden wollte. Dass dies eine Generation von Deutschen wieder einmal erleben durfte, stimmt mich hoffnungsvoll für den weiteren Weg unseres Volkes. Auch manches derzeitige Wortgetöse in den Medien, leider manchmal auch in der Politik und im derzeitigen Kulturberieb erinnert mich manchmal an das Bemühen, fehlendem Inhalt eine interessante, unterhaltsame Verpackung zu geben. Auf Dauer bleiben die "Inhalte", d. h. die Werthaltungen, die Zielvorgaben, das, was uns gemeinsam wirklich Zukunft eröffnet, wichtig. Darüber lohnt es sich dann auch zu streiten.
3. Gelingendes Mensch- und Christsein bleibt ein Abenteuer - vor und nach der "Wende".
Die menschlichen Grundherausforderungen dafür sind vor 1989 und danach die gleichen geblieben. Liebe zur Wahrheit, Tapferkeit gegenüber Zeitgeistmächten, Solidarität mit den Schwachen und Hilflosen, Bereitschaft, bei allem Einsatz in Kirche und Welt nicht nach "Lohn" für sich selbst zu fragen (wir sprechen heute am Abend noch vom Ehrenamt in Kirche und Gesellschaft!) - dieses und manch anderes mehr ist uns auch nach der Wende als zeitlos gültiger Maßstab geblieben. Die Zwänge und Herausforderungen tragen jetzt andere Namen, die Einladung des Evangeliums Jesu Christi zum freien und aufrechten Gang als "Reich-Gottes-Anwärter" ist aber auch heute nicht das Selbstverständliche.
4. Schließlich: Die neuen Bundesländer bringen in das ganze unseres Volkes neu die Frage nach Gott ein.
Diese Behauptung mag verwundern, sind wir im Osten doch in der Breite der Bevölkerung die "religiös Unmusikalischen" (wie das einmal Max Weber ausdrückte), zumindest die "kirchlich Unmusikalischen", die jetzt in Deutschland den gewohnten Religionsproporz durcheinanderbringen. Aber eben das mag auch ein "Glücksfall" sein: Wenn Selbstverständlichkeiten zerbrechen, kommen wieder die wesentlichen Fragen zum Vorschein. Und dazu gehört die Frage nach dem "Gotteshorizont" einer Gesellschaft.
Es gehört für mich zu den guten Erfahrungen der Nachwendezeit, dass Thüringer wieder den christlichen Glauben entdecken, und zwar nicht nur allgemein und als interessante kulturelle Größe, sondern konkret für sich als Möglichkeit eines erfüllten Menschseins. Derzeit bereiten sich wieder einige Erwachsene in unserem Bistum auf ihre Taufe vor.
Eine gewichtige Sorge möchte ich gern vor Ihnen als Vertretern der Presse und des Fernsehens äußern: Ich mache mir Sorgen, dass wir zwar 1989/90 die Repression eines ideologischen Parteistaates glücklich überwunden haben, aber möglicherweise vor den neuen Zwängen einer sich von gemeinsam verbindlichen Werten lösenden und an Tabu-Brüche sich gewöhnenden Gesellschaft kapitulieren.
Man braucht nur auf die derzeitige öffentliche Diskussion um die Begründung der Menschenwürde zu schauen. Für manche fängt Menschsein erst mit der gesellschaftlichen Akzeptanz an. Dass menschliches Leben gesellschaftliche Akzeptanz braucht, ist durchaus ein ehrenwerter Gedanke. Aber reicht er? Menschen im "Werde-Zustand" sind derzeit in Deutschland schlechter geschützt als Orchideen. Nichts gegen Orchideen: Aber ich denke mit Schrecken an die Möglichkeit, dass sich Meinungstrends durchsetzen könnten, die bestimmte andere Menschen - ob vor oder nach der Geburt, ob als Kranke oder Altgewordene - eben nicht akzeptieren und dafür "Entsorgungslösungen" anfordern. Dann grüßt uns wirklich die "schöne neue Welt", wie sie einst Huxley schon beschrieb.
Ich wünschte mir, dass in Deutschland die ethische Deutlichkeit, auch in der öffentlichen Diskussion zunehmen möge!
Eine moralische Kultur ist nicht kostenlos zu haben. Sie bedarf der Unterweisung (die Kirchen suchen da durchaus nach Bündnispartnern!), sie bedarf des Einübungsfeldes (das Wichtigste, wenn auch nicht das Einzige ist sicherlich die Familie, aber z. B. auch das Ehrenamt) und sie bedarf der Bekräftigung, z. B. durch die öffentliche Meinung. Und diese spiegelt sich - nicht zuletzt durch Ihre journalistische Hilfe - in den Medien. Aber auch die Rechtsprechung dient der Formung und Bildung der Gewissen der Menschen. Ja, jeder Mensch, der verantwortlich mit Freiheit umgeht, der die Würde und die Rechte seines Mitmenschen achtet und an seinen berechtigten Erwartungen nicht achtlos vorübergeht, dient dieser allgemeinen Bekräftigung dessen, was wir "moralische Kultur" nennen. Die "Ehrenamtlichen" sind vielleicht bedeutsamer für die Gesellschaft als sie selbst meinen!
Alle drei genannten Bereiche sind gleich wichtig: Unterweisung, Einübung und Bekräftigung. Wenn ein Faktor fehlt, kann schnell das Ganze Schaden nehmen.
Ich bitte Sie, mit Ihren Möglichkeiten zu helfen, dass die 1989/90 errungene Freiheit nicht zum Vorwand wird für Gleichgültigkeit und Desinteresse am Wohl der ganzen Gesellschaft. Nicht nur bei Gewalttaten gegen Ausländer und Fremde gilt: Wer wegschaut, macht sich mitschuldig. Ich für meinen Teil, die Christen unserer und der anderen Kirchen, aber eben - Gott sei Dank! - auch viele andere Mitbürger wollen weiter "hinschauen" auf das, was aus unserem Freistaat, was aus unserem geeinten Deutschland wird.
II. Ehrenamtlichkeit im Bistum Erfurt
Wir wollten es im Bistum Erfurt genau wissen: Wieviele Ehrenamtliche gibt es bei uns, und in welchen Handlungsfeldern engagieren sie sich? Heute kann ich Ihnen die statistische Antwort liefern: Es sind 19.198 Ehrenamtliche, die sich in 51 Ehrenämtern engagieren. Das Ergebnis einer Umfrage, die ein diözesaner Arbeitskreis Ende letzten Jahres durchgeführt hat. Befragt wurden alle Pfarreien und Verbände. 19.198mal der Anlass, ein herzliches Dankeschön zu sagen, was ich hiermit gerne tue. Ohne diese Männer und Frauen, Kinder und Jugendlichen verkümmerte das Leben in unseren Gemeinden und Verbänden. Wir haben darum allen Grund, ihnen dankbar zu sein, besonders auch denjenigen, die nicht öffentlich in Erscheinung treten und sich dennoch geradezu selbstverständlich einbringen. Zum Beispiel jene 3.255 Frauen und Männer - die stärkste Gruppe unserer Ehrenamtlichen -, die sich um die Reinigung der Kirchen- und Gemeinderäume kümmern. Ihnen wie allen anderen sage ich herzlichen Dank!
Statistisch gesehen engagiert sich jeder zehnte Katholik des Bistums Erfurt ehrenamtlich in der Kirche. Bezieht man die 19.198 Ehrenamtlichen auf die Zahl der Gottesdienstbesucher, die sogenannten praktizierenden Christen, ist es sogar jeder dritte (was hier als statistische Aussage zu werten ist). Was also das Ehrenamt betrifft, liegt unser Bistum im gesellschaftlichen Trend - jeder dritte Bundesbürger hat ein Ehrenamt - und muss den Vergleich mit anderen Institutionen nicht scheuen. Dabei erfasst unsere binnenkirchlich angelegte Umfrage noch nicht einmal, wie sich die Thüringer Katholiken in nichtkirchlichen Ehrenämtern in die Gesellschaft einbringen, etwa als Mitglieder in Stadt- und Gemeinderäten oder als Verantwortliche in Sport- und anderen Vereinen.
Auch hier spielt der kirchliche Hintergrund der Ehrenamtlichen seine Rolle. Ehrenamtliches Engagement hängt sehr stark davon ab, wie sehr der Einzelne in ein Gemeinwesen bzw. in ein bestimmtes Milieu eingebunden ist. So (!) gesehen sind die Kirchen mit ihren Ortsgemeinden und Verbänden so etwas wie ein Nährboden für das Ehrenamt. Diese Sicht unterstützt die Erkenntnis, dass die Bereitschaft zur Ü;bernahme eines Ehrenamtes bei Erwachsenen mit Erfahrungen und Einbindungen in der Jugendzeit einhergeht. Die Zahlen unseres Bistums belegen viele verschiedene Möglichkeiten und Gelegenheiten dafür.
Natürlich spüren auch die Kirchen die gesellschaftlichen Veränderungen, die die Ü;bernahme eines Ehrenamtes erschweren: Anforderungen an Mobilität und Flexibilität des Einzelnen, Ökonomisierung der Lebens- und Berufswelten, die Ü;berbetonung der Erwerbsarbeit als Lebensmitte und, besonders hier im Osten, die hohe Arbeitslosigkeit, um nur diese wenigen Punkte zu nennen. Auch die Kirchen sind gefordert, neue Möglichkeiten zu suchen, die zur Ü;bernahme eines Ehrenamtes motivieren.
Ein Beispiel aus unserem Bistum ist das Freiwilligenzentrum Saalfeld in der Trägerschaft des Caritasverbandes. Dieses Zentrum wendet sich sowohl an Interessenten ehrenamtlicher bzw. freiwilliger Arbeit wie auch an Gruppierungen, die mit Ehrenamtlichen und Freiwilligen arbeiten. Hier werden nicht nur Tätigkeiten vermittelt, die jemand anbietet, hier kann auch Unterstützung abgefragt werden, die jemand gerne für sich hätte. Beratungs- und Vermittlungsangebote gehören ebenso zu den Leistungen des Freiwilligenzentrums wie die Möglichkeit und Vermittlung von Schulungen und Weiterbildungsmaßnahmen. Selbstverständlich steht das Freiwilligenzentrum auch nichtkirchlichen Interessenten zur Verfügung.
Das ist eine gute Sache. Allerdings dürfen wir uns nicht allein auf solche Freiwilligenzentren beschränken. Wir müssen auch in den Gemeinden selbst auf die Ermöglichung ehrenamtlichen bzw. freiwilligen Engagements achten. Das ist allein schon deshalb notwendig, weil die heranwachsende Generation Räume für soziale Erfahrungen und soziales Lernen braucht, Einübungsfelder, wie ich oben gesagt habe. In einer Gesellschaft, in der scheinbar alles käuflich ist und sich der Selbstwert über Materielles, Status und Fixierung auf die Erwerbsarbeit definiert, ist dies oft nur schwer möglich. Hier könn(t)en unsere Gemeinden und Verbände Gegenakzente setzen. Freilich können sie das vielfach nicht allein. Sie sind auf Hilfe angewiesen.
- Zunächst einmal brauchen wir den Mut, Menschen anzusprechen. Die Bereitschaft zur ehrenamtlichen Tätigkeit ist häufiger vorhanden, als wir denken. Erfahrungen zeigen, dass der Anstoß zu einer solchen Tätigkeit oft von außen kommen muss.
- Das setzt die Bereitschaft bei uns Hauptamtlichen voraus, mit Ehrenamtlichen zusammenzuarbeiten. Ehrenamtliche sind keine Hilfsarbeiter für Tätigkeiten, die wir nicht schaffen. Ihre Ideen und Kompetenzen sind eine Bereicherung. Andererseits liegt es auf der Hand, dass Ehrenamtliche nicht in allen gewünschten Bereichen einsetzbar sind, weil hauptamtliches Personal für ihre Begleitung fehlt. Hier gilt es abzuwägen.
- Ehrenämter stellen unterschiedliche Anforderungen an Ehrenamtliche. Oft bedarf es aufwendiger Qualifikationen, z. B. in der Telefonseelsorge oder in der Hospizarbeit. In vielen Bereichen organisieren die Kirchen selbst Ausbildungs- und Fortbildungsmaßnahmen. Ich denke z. B. an die Gruppenleiterkurse für Jugendliche. Manches übersteigt aber das (finanzielle) Leistungsvermögen der Kirchen. Hier sind wir auf die Mithilfe des Staates angewiesen. Das betrifft die Unterstützung der hauptamtlichen Multiplikatoren wie auch Aufwandsentschädigungen für Ehrenamtliche, beispielsweise für Reisekosten. Oder den Versicherungsschutz.
- Welchen Dank erfahren Ehrenamtliche? Wie werden sie nach Aufnahme einer Tätigkeit motiviert, gestützt und auch begleitet, wenn es eine Durststrecke zu überwinden gilt?
Das sind nur einige wenige Punkte, über die es weiter nachzudenken gilt. Unser Bistum will das Jahr der Freiwilligen verstärkt dazu nutzen, über das Ehrenamt ins Gespräch zu kommen. Die Wallfahrten werden eine Gelegenheit sein, die Caritas-Tage der Ehrenamtlichen eine andere. Unsere Gesprächspartner werden auch Menschen und Institutionen außerhalb der Kirche sein, Politiker z. B. Auch die Medien. All das als ein Beitrag zur Förderung der öffentlichen Diskussion über das, was die Gesellschaft zusammenhält und unser Leben menschlich macht.
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