Bischof Joachim Wanke: "Ihr seid Gottes Bau!"

Predigt zur Kirchweihe des Mariendomes am 27. Oktober 2002 und zur BKU-Bundestagung

Lesung: 1 Kor 3,9-11.16f


Es ist nicht zuviel behauptet, wenn ich sage: Dieser Dom gibt der Stadt Erfurt ein Gesicht. Wer Erfurt besucht, der versäumt es nicht, neben allen anderen Sehenswürdigkeiten auch den Domberg zu ersteigen, den Mariendom und die St. Severi-Kirche zu besuchen und sich dann vom Domplatz her noch einmal am Anblick der beiden Kirchen und der vorgelagerten großen Treppe zu erfreuen. Besonders ist dieser Blick am Abend zu empfehlen - wenn Dom und Severi in das warme Licht der Scheinwerfer gehüllt sind - ein Anblick, den man nicht so schnell vergisst.


Dieser Dom, dessen Kirchweihfest wir heute feiern, ist mehr als ein Gebäude. Das haben wir gemerkt nach dem schrecklichen Geschehen in der Gutenbergschule am 26. April. Tagelang war der Dom belagert von Menschen, besonders jungen Leuten, die hier ihrem Schmerz, ihrer fassungslosen Trauer, ihren bohrenden Fragen nach dem Warum Ausdruck geben wollten. Blumen, Kerzen, Zeichnungen, Zettel mit Gebeten, Fragen, Klagen - als ob die Menschen spürten: Hier ist ein Ort, der Himmel und Erde verbindet. Hier - in diesem Gebäude, in dem Generationen ihrem Gottesglauben Ausdruck gegeben haben, können auch wir, die gegenwärtige Generation, an das Geheimnis unseres Lebens und Sterbens rühren!


Nach diesen bewegenden Tagen ist auch in unserer Stadt, ist auch hier auf dem Domberg wieder der Alltag eingekehrt. Doch meine ich: diese Tage, besonders der Trauergottesdienst mit den 100.000 Menschen auf dem Domplatz haben uns alle verändert - gläubige wie nichtgläubige Bewohner dieser Stadt. Die Frage nach dem Sinn unseres Lebens und Sterbens hat sich zurückgemeldet. Die Frage nach dem, was bleibt. Was trotz allem hoffen lässt, woran man sich angesichts der dünnen Eisdecke, auf der wir unser Leben führen - auf Dauer, eben auch im Sterben - halten kann. Dieser Dom inmitten einer sonst so normalen, lebenshungrigen und optimistischen Stadt ist eine Antwort auf diese Frage.


Der Apostel Paulus geht einen Schritt weiter, wenn er sagt: "Ihr seid Gottes Bau!" Ihr, die Christen von Korinth, seid für Eure Mitmenschen das, was dieser Dom für diese Stadt sein will: ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes mitten in unserem Leben und Sterben. Sicher: Steine können reden, Architektur kann eine Botschaft vermitteln. Aber unüberhörbar wird ein Zeugnis erst, wenn dahinter Personen stehen, lebendige Menschen, anschaubare Biografien. Er ist gut, dass wir in dieser Stadt diesen Dom haben. Aber es ist besser, dass es in dieser Stadt von 200.000 Einwohnern etwas mehr als 42.000 Christen gibt - einen geistlichen Dom, einen Dom aus lebendigen Steinen, durch den Gott sich den Menschen berührbar, erfahrbar machen will.


Was heißt das für Sie, liebe Freunde vom Bund katholischer Unternehmer, die Sie in diesen Tagen hier in Erfurt zu Ihrer jährlichen Bundestagung zusammengekommen sind? Sie, liebe Schwestern und Brüder, sind Zeugen Gottes in der Welt der Wirtschaft. Sie stehen für das Wertefundament, über das Sie bei dieser Tagung gesprochen haben. Es gibt ein Stichwort, das Ihren "Erfurter Appell", den Sie gestern verabschiedet haben, mit den Ausführungen des Apostels Paulus verbindet, das Stichwort: Fundament. Der Bau Gottes, der geistliche Dom, den Gott über die ganze Welt und alle Generationen hin errichtet, hat ein Fundament, eine solide Gründung. Ein guter Baumeister hat auch heute auf ein solides Fundament zu achten. Paulus sagt: "Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt." Sie sagen mit Recht in Ihrem "Erfurter Appell": "Die Wissensgesellschaft braucht ein Wertefundament." Und dazu passt, was Paulus weiter ausführt: "Jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus."


Wir können uns noch so sehr um Werte mühen, uns um ihren Erhalt mühen, nach neuen Werten Ausschau halten - es wird alles nichts bringen, wenn wir nicht auf dem Ostersieg Jesu Christi aufbauen. Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt, so hat es Dostojewski formuliert. Wenn es kein Ostern gibt, hat der Karfreitag das letzte Wort.


Wenn wir nicht auf Jesus Christus bauen, auf sein Wort, auf sein Erbarmen, auf seine Lebensmacht, die aus dem Tod erretten kann, dann wäre auch dieser Dom ein leeres, unnützes Gebäude, ein Zeichen, das täuschen und im Letzten die Menschen in die Irre führen würde.


Darum, liebe Schwestern und Brüder: Ihr seid Gottes Dom! Euer Leben aus der österlichen Zuversicht heraus ist das Zeugnis, das diese unsere Welt braucht, euer Vertrauen, dass sich ein Einsatz für dieses Land, für die Menschen, für Arbeitsplätze, für Anstand und Fairness auch in der Wirtschaft lohnt! Gefragt sind Menschen, die auf einem Fundament stehen, das nicht vom Auf und Ab der Aktienkurse bestimmt wird, sondern von der krisenfesten Wirklichkeit unseres Osterglaubens. Und selbst dort, wo es für uns hart auf hart kommt: Gott vermag auch unsere Niederlagen und unser Scheitern nochmals mit seiner Lebenszusage zu umfangen. Wir kennen die biblische Szene: Petrus steht das Wasser bis zum Hals - und er muss das Wort Jesu hören: "Warum hast du gezweifelt, du Kleingläubiger?" Und der Herr streckt ihm seine Hand entgegen und zieht ihn an sich.


Das ist der Urvorgang des gläubigen Vertrauens - damals, als die Jünger beim Fischfang und beim Predigen erfolglos blieben - und heute, da wir als Kirche und einzelne Christen gesellschaftlichen Gegenwind haben: Warum hast du gezweifelt, du kleingläubiger Bischof von Erfurt? Meinst du nicht, dass ich auch aus deinen kirchenfernen Erfurter Mitbürgern Söhne und Töchter Gottes machen kann?


Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Diese Zuversicht, dieses Vertrauen wünsche ich Ihnen. Das Fundament ist gelegt: Jesus Christus. Er in Person ist der leibhaftige Sieg Gottes über Sünde und Tod. In Jesus Christus sind die ermordeten Lehrer und Schüler des Gutenbergschule geborgen, die Terroropfer von New York, von Bali und Moskau und wo immer in der Welt gelitten und gestorben wird. In Ihm sind auch wir schon jetzt geborgen, die wir den Lauf des Glaubens noch nicht vollendet haben.


In dem Manager-Gebetbuch, das ich vorgestern von Ihnen geschenkt bekommen habe, fand ich auf Seite 171 diese Worte unseres Papstes an Jugendliche:

"Wir gehören Christus, und er ist es, der in uns siegt. Das müssen wir aus tiefstem Herzen glauben, diese Gewissheit müssen wir leben, sonst kommt es soweit, dass die nie ausbleibenden Schwierigkeiten den nagenden Wurm der Mutlosigkeit, der Gewohnheit und des Nachgebens gegenüber der Anmaßung des Bösen in unser Herz einlassen."


Ob es bei dem geistlichen Dom, der wir Christen selber sind, nicht auch so ist wie mit unserem Erfurter Dom aus Stein? Sie sehen die Baugerüste hinter mir. Ein solches Gebäude wie dieser Dom muss andauernd baulich betreut werden. Ich habe den Dom noch nie ohne Gerüste gesehen. - Schaut nach, wo es bei euch zu bröckeln anfängt und fangt an zu sanieren, damit ihr wieder das sein könnt, was Paulus uns zuspricht: "Ihr seid Gottes Bau!"

Amen.



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