Elisabethjahr 2007

Grußwort von Bischof Joachim Wanke zum Elisabeth-Jahr im Bistum Erfurt

Der 800. Geburtstag der Landgräfin und Heiligen Elisabeth von Thüringen (1207-1231), unserer Bistumspatronin, ist ein guter Anlass, dieser bis heute weit über die Grenzen von Thüringen hinaus auch nicht christlichen Menschen bekannten Frau ein Jahr lang zu gedenken. Als Bischof plädiere ich dafür, es nicht nur beim Ge-denken zu belassen. Vielmehr wollen wir im Bistum Erfurt be-denken, was die hl. Elisabeth uns in der heutigen Zeit zu sagen hat.

Weil Gott das Wichtigste in ihrem Leben war, waren ihr die Menschen, ungeachtet ihres sozialen Standes, wichtig. Elisabeths tätiger Glaube linderte in ihrer unmittelbaren Umgebung Not und Elend. Auch heute sind wir mit einer Vielzahl von Nöten, die mitunter nicht sofort ins Auge fallen, konfrontiert. Ihnen auch über das Jubiläumsjahr hinaus wirksam zu begegnen, wäre ganz im Sinne der hl. Elisabeth. Mit verschiedenen Aktionen und Projekten wollen wir im Elisabethjahr die karitative Dimension christlicher Existenz beleuchten. Dazu lade ich Sie herzlich ein.

Joachim Wanke
Bischof von Erfurt

Werke der Barmherzigkeit

Die christliche Tradition kennt je sieben leibliche und geistige Werke der Barmherzigkeit, die von ihren Ursprüngen an als Hilfe gegen existentielle und situationsbedingte Nöte zu verstehen sind. Die Aufzählung von Werken der Barmherzigkeit jedoch ist älter als das Christentum: Schon die alten Ägypter kannten sie, und im Alten Testament finden sich an vielen Stellen Beispiele für barmherzige Werke. Die geläufigste neutestamentliche Aussage steht im Matthäus-Evangelium (Kapitel 25, Verse 34-46). Hier wird hervorgehoben, dass die Gerechten gute Werke vollbringen, ohne Lohn zu erwarten. Der Kirchenvater Augustinus (354-430), auf den die "klassischen" geistigen Werke der Barmherzigkeit zurückgehen, unterstrich unter Berufung auf Matthäus 25, dass sowohl die leiblichen als auch die geistigen Werke je nach der Not des Nächsten variiert werden müssen. In diesem Sinne sind auch die "Sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute" zu verstehen, nämlich als Handlungsmaximen aufgrund der Situation heutiger Menschen in Thüringen.

Was die Werke der Barmherzigkeit aus christlicher Sicht motiviert und ermöglicht, ist die zuvor erfahrene und in Jesus Christus offenbar gewordene Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die beim Menschen barmherziges Handeln hervorruft.

Die "klassischen" leiblichen Werke der Barmherzigkeit:
Hungrige speisen, Durstige tränken, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene befreien, Tote bestatten.

Die "klassischen" geistigen Werke der Barmherzigkeit: Unwissende lehren, Zweifelnden raten, Irrende zurechtweisen, Trauernde trösten, Unrecht ertragen, Beleidigungen verzeihen, für Lebende und Tote beten.

Die sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute: Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu, ich höre dir zu, ich rede gut über dich, ich gehe ein Stück mit dir, ich teile mit dir, ich besuche dich, ich bete für dich.

Elisabeth
von Thüringen
Leben und Deutung

800 Jahre liegen zwischen uns und Elisabeth von Thüringen. Ihr Lebenszeugnis beeindruckt
noch heute - trotz der gewaltigen zeitlichen Distanz. Manches aber befremdet auch und bleibt dem Menschen des 21. Jahrhunderts vielleicht sogar unerklärt und befremdlich. Die Texte dieser Seite wollen helfen, die hl. Elisabeth ein wenig besser zu verstehen. "Erfassen" kann man sie wohl kaum: "In diese Tatsache, dass wir einer dem andern Geheimnis sind, haben wir uns zu ergeben" (Albert Schweitzer).

Sieben Werke der Barmherzigkeit
für Thüringen heute

Bei der Eröffnung des Elisabeth-Jahres am 18.11.2006 im Erfurter Dom hat Bischof Joachim Wanke "Sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute" bekannt gegeben. Ursprung dieser sieben Werke war eine Umfrage im Bistum, welches Werk in der heutigen Zeit besonders notwendig sei.  Dabei handelt es sich um "sieben Angebote, sich sehr konkret auf den Geist und die Gesinnung der heiligen Elisabeth einzulassen", sagte der Bischof.

Auf dieser Seite werden die "Sieben Werke der Barmherzigkeit für Thüringen heute" vorgestellt. Außerdem finden sich Gedankenanstöße für die politische Praxis der Barmherzigkeit. Die Grafiken auf den "Werke-Seiten" stammen von Jugendlichen aus dem Bistum und wurden während eines Kurses im Jugendhaus St. Sebastian entworfen.

Das Seelsorgeamt des Bistums Erfurt hat zu den "Sieben Werken der Barmherzigkeit für Thüringen heute" ein Leporello unter dem Titel "Sei barmherzig wie der Vater im Himmel" erstellt, welches im Elisabeth-Jahr in den Gemeinden und an Interessierte verteilt wurde.

"Was unsere Gesellschaft oft kalt und unbarmherzig macht, ist die Tatsache, dass in ihr Menschen an den Rand gedrückt werden: die Arbeitslosen, die Ungeborenen, die psychisch Kranken, die Ausländer etc. Das Signal, auf welche Weise auch immer gesendet: "Du bist kein Außenseiter!" "Du gehörst zu uns!" - z. B. auch zu unserer Pfarrgemeinde - das ist ein sehr aktuelles Werk der Barmherzigkeit."

Ein Beispiel gelebter Barmherzigkeit:
Du gehörst dazu: Das Café International
"Christine von Kessel war nicht die einzige, die die afrikanische Familie im Dom-Gottesdienst bemerkt hatte, aber sie war die erste, die die Afrikaner ansprach..."

„Eine oft gehörte und geäußerte Bitte lautet: "Hab doch einmal etwas Zeit für mich!"; "Ich bin so allein!"; "Niemand hört mir zu!" Die Hektik des modernen Lebens, die Ökonomisierung von Pflege und Sozialleistungen zwingt zu möglichst schnellem und effektivem Handeln. Es fehlt oft - gegen den Willen der Hilfeleistenden - die Zeit, einem anderen einfach einmal zuzuhören. Zeit haben, zuhören können - ein Werk der Barmherzigkeit, paradoxerweise gerade im Zeitalter technisch perfekter, hochmoderner Kommunikation so dringlich wie nie zuvor!"

„Aber hören wir nur das, was wir wollen, was uns passt? Achten wir auch auf die Untertöne, die Hintergrundmelodie? Natürlich: Die Kontroverse und der Streit um die besten Lösungen muss sein. Aber auf Dauer wird wohl jener an Gewicht gewinnen, der den anderen wirklich bei dem abholt, was er eigentlich meint. Und der sich nicht zu schade ist, auch einmal politischen Rat anzunehmen. Eben das setzt Zuhören-Können voraus.“

Aus der Predigt von Bischof Joachim Wanke am 18.11.2006 im Erfurter Dom zur Eröffnung des Elisabeth-Jahres im Bistum Erfurt und der Ansprache beim Elisabeth-Empfang des Bistums Erfurt für Thüringer Politiker am 21.11.2007.

"Jeder hat das schon selbst erfahren: In einem Gespräch, einer Sitzung, einer Besprechung - da gibt es Leute, die zunächst einmal das Gute und Positive am anderen, an einem Sachverhalt, an einer Herausforderung sehen. Natürlich: Man muss auch manchmal den Finger auf Wunden legen, Kritik üben und Widerstand anmelden. Was heute freilich oft fehlt, ist die Hochschätzung des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen für ihn und seine Anliegen und die Achtung seiner Person. Gut über den anderen reden - ob nicht auch Kirchenkritiker manchmal barmherziger sein könnten?"

Aus der Predigt von Bischof Joachim Wanke am 18.11.2006 im Erfurter Dom zur Eröffnung des Elisabeth-Jahres im Bistum Erfurt

„Du schaffst das! Komm, ich helfe dir beim Anfangen!“

Vielen ist mit einem guten Rat allein nicht geholfen. Es bedarf des Mitgehens. Mitgehen ist der erste Schritt, bis der andere Mut und Kraft hat, allein weiterzugehen.
„Aber es geht hier nicht nur um soziale Hilfestellung. Es geht um Menschen, bei denen vielleicht der Wunsch da ist, Gott zu suchen. Sie brauchen Menschen, die ihnen Rede und Antwort stehen und die ein Stück des möglichen Glaubensweges mit ihnen mitgehen."Umgekehrt heißt das aber auch: Ich kann loslassen, wenn meine Hilfe nicht notwendig ist. Ich konzentriere mich auf das Notwendige.

"Und nicht zuletzt: Wer den Wegcharakter des politischen Handelns verinnerlicht, der wird sich trotz aller Kurzatmigkeit um nachhaltige Ansätze in Politik und Gesellschaft mühen. Es ehrt einen politisch Handelnden (auch einen Bischof), wenn er sich ab und zu einmal fragt: Wie kann es nach mir gut weitergehen?“


Aus der Predigt von Bischof Joachim Wanke am 18.11.2006 im Erfurter Dom zur Eröffnung des Elisabeth-Jahres im Bistum Erfurt  und aus der Ansprache  beim Elisabethempfang des Bistums Erfurt für Thüringer Politiker am 21.11.2007.

"Es wird auch in Zukunft keine vollkommene Gerechtigkeit auf Erden geben. Es braucht Hilfe für jene, die sich selbst nicht helfen können. Das Teilen von Geld und Gaben, von Möglichkeiten und Chancen wird in einer Welt noch so perfekter Fürsorge notwendig bleiben. Ebenso gewinnt die alte Spruchweisheit gerade angesichts wachsender gesellschaftlicher Anonymität neues Gewicht: "Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude!"

Aus der Predigt von Bischof Joachim Wanke am 18.11.2006 im Erfurter Dom zur Eröffnung des Elisabeth-Jahres im Bistum Erfurt

„Den anderen in seinem Zuhause aufsuchen ist besser, als darauf warten, dass er zu mir kommt. Der Besuch schafft Gemeinschaft. Er holt den anderen dort ab, wo er sich sicher und stark fühlt. Die Besuchskultur in unseren Pfarrgemeinden ist sehr kostbar. Lassen wir sie nicht abreißen! Gehen wir auch auf jene zu, die nicht zu uns gehören. Sie gehören Gott, das sollte uns genügen."

Aus der Predigt von Bischof Joachim Wanke am 18.11.2006 im Erfurter Dom zur Eröffnung des Elisabeth-Jahres im Bistum Erfurt

„Wer für andere betet, schaut auf sie mit anderen Augen. Er begegnet ihnen anders. […] Ein Ort in der Stadt, im Dorf, wo regelmäßig und stellvertretend alle Bewohner in das fürbittende Gebet eingeschlossen werden, die Lebenden und die Toten – das ist ein Segen. Sag es als Mutter, als Vater deinem Kind: Ich bete für dich!“

„Wer betet, erkennt Grenzen an. Er bleibt demütig. […]Tun wir es füreinander, gerade dort, wo es Spannungen gibt, wo Beziehungen brüchig werden, wo Worte manchmal nichts mehr ausrichten.
Gottes Barmherzigkeit ist größer als unsere Rat- und Hilflosigkeit.“

Aus der Predigt von Bischof Joachim Wanke am 18.11.2006 im Erfurter Dom zur Eröffnung des Elisabeth-Jahres im Bistum Erfurt und der Ansprache beim Elisabethempfang des Bistums Erfurt für Thüringer Politiker am 21.11.2007.