Der Synodale Weg

Am 1. Dezember 2019, dem 1. Adventssonntag, startete der Synodale Weg in der katholischen Kirche in Deutschland. Der Begriff „Synode“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet: gemeinsamer (syn) Weg (hodos).

Der Synodale Weg ist ein Gesprächsprozess innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland. Er soll der Aufarbeitung von Fragen dienen, die sich im Herbst 2018 nach der Veröffentlichung der MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche ergeben haben. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken verantworten gemeinsam diesen Prozess, der auf zwei Jahre angelegt ist und am 1. Dezember 2019 eröffnet wurde. www.synodalerweg.de

Mitglieder der Synodalversammlung www.synodalerweg.de

Termin der zweiten Synodalversammlung: 03. bis 05. September 2020
Termin der ersten Synodalversammlung: 30. Januar bis 1. Februar 2020

© Deutsche Bischofskonferenz

Wie bringt man 230 Menschen, die sich nur teilweise oder gar nicht kennen, ins Gespräch? Was bei einer so großen Zahl ohnehin schon schwierig ist, wird noch schwieriger, wenn es sich um Menschen handelt, die es gewohnt sind, ganz bestimmte Untergruppen zu bilden und sich entsprechend zu verhalten.

Zur ersten Synodalversammlung trafen Ende Januar 2020 in Frankfurt am Main 69 Bischöfe, 35 Priester und 4 Diakone, insgesamt also 105 Kleriker, und 121 „Laien“ zusammen. Unter den Synodalen sind 159 Männer, 70 Frauen und eine diverse Person. Mehr als die Hälfte von ihnen ist hauptamtlich in der Kirche tätig, andere ehrenamtlich, auch Universitätstheologen sind dabei. Die einen spricht man mit „Herr Bischof“ an, andere mit „Frau Professorin“. Fast alle Priester erschienen in Klerikerkleidung, einige Bischöfe zusätzlich mit Brustkreuz bewehrt. Einige der 16 Ordensleute trugen ihr Ordensgewand, die „Laien“ kamen in zivil, die Frauen insgesamt eher bunt, die Männer meist in schwarz.

Wie gelingt eine gute Debattenkultur?

Alles nur Äußerlichkeiten? Wohl kaum. Kleider machen Leute und Titel spiegeln Hierarchien. Es gibt viele eingeübte Verhaltensweisen, welche Kommunikation fördern oder behindern. Es gibt in der Kirche „Mitbrüder“ (Kleriker) und „Schwestern und Brüder“ (Laien), „hochwürdigste Herren Bischöfe“ und die anderen „Damen und Herren“. Wie soll man da auf Augenhöhe miteinander reden? Wie gelingt ein echter Austausch? Wie überbrückt man eine innere Zensur? Kurz: Wie übersetzt man, was sogar das Kirchenrecht bekundet – dass alle Gläubigen, ob Kleriker oder „Laie“, gleich seien in Würde und Tätigkeit – in eine gute Debattenkultur?

Gesprächsgruppen statt Seilschaften

Eine bestürzend einfache Methode, die sich schon während der ostdeutschen Meißner Synode (1969-1971) bewährt hatte, half: das Alphabet. Müller sitzt neben Müller, egal, ob Müller Priester ist oder Schülerin. So entstehen Gesprächsgruppen statt Seilschaften und man lernt Leute kennen, die man sonst nicht angesprochen hätte. Ein weiteres höchst taugliches Instrument zur Verbesserung der Kommunikationskultur: Alle dürfen reden, aber keiner länger als der andere. Nach verabredeter Zeit klingelt auch beim Erzbischof die Glocke, wenn er nicht zum Punkt kommt.

Vorteil für die freie Rede

Dass zwischenzeitlich die Redezeit von drei auf zwei und schließlich eine Minute verkürzt wurde, zeigte den großen Redebedarf und das hohe Engagement der Synodalen. Wer sich traute, frei zu sprechen statt zuhause vorbereitete Vorträge abzulesen, war doppelt im Vorteil: Er stand mitten in der Debatte statt ihr belehrend gegenüber. Er konnte respektvoll auf die Vorredner reagieren und lief nicht Gefahr, über sie hinwegzureden.

An Stelle vorformulierter 3-Minuten-Texte spontane 60-Sekunden-Statements zu halten, ist natürlich herausfordernd – aber es bringt die Dinge auf den Punkt und das Gespräch in Schwung. Dass man dazu kein Berufsredner sein muss, bewiesen die jungen Leute der Synodalversammlung, die sich engagiert einbrachten – wie auch die Frauen, die, obgleich zahlenmäßig in der Minderheit, in eindrücklichen Redebeiträgen bewiesen, dass in der Kirche nicht nur Männer etwas zu sagen haben.

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de

Die erste Vollversammlung der Delegierten des Synodalen Wegs hat getagt. Sie wurde per livestream in alle Welt übertragen und entsprechend rasch und vielfältig kommentiert. Es entstanden Interviews und Portraits zahlreicher Synodaler, besonders der jungen Teilnehmer. Der Synodale Weg hat ein anderes Gesicht als bisherige Bischofs- oder Diözesansynoden: Es ist bunter, vielfältiger, jünger und weiblicher.

Was zeichnete diese erste Plenarversammlung aus? Ein Wort zieht sich durch viele Kommentare: Freimut. Tatsächlich: Ungewohnt viele Stimmen kamen zu Wort und sie sprachen klar und deutlich: Von der „Täterkirche“ war die Rede, von der Empörung über die kirchliche Diskriminierung von Frauen, vom demütigenden kirchlichen Umgang mit Homosexuellen, von struktureller Überforderung der Priester, die vor ihrer Weihe gehypt und danach verheizt werden, von der kaum mehr zu ertragenden Ungeduld der Gläubigen, dass sich endlich etwas bewege.

Kontrovers, aber respektvoll

Solch offene Debatte, die zwar kontrovers, aber immer respektvoll verlief, gefiel natürlich nicht allen. Wo der eine „eine großartige Zukunftswerkstatt“ erkannte, sah der andere Verrat an den Grundfesten des Glaubens. Was der eine als „Zeugnis echter Katholizität“ erlebte, diskreditierte der andere als „protestantisches Kirchenparlament“. Dass sich natürlich auch die katholische Kirche in einer „Welt der Freiheit“ bewähren muss, konnte der eine frohgemut bejahen, während andere beantragten, Diskussionsbeiträge nur zuzulassen, wenn sie der Lehre der Kirche entsprechen. Während der eine die moralische Verbindlichkeit einer Mehrheitsentscheidung betonte, setzte der andere auf formale Autorität: „Laien beraten, Bischöfe entscheiden.“

Klare Worte finden Beifall

In den Debatten selbst war von innerer Zensur aber nichts zu spüren, obgleich von der Angst, in der Kirche frei zu reden, häufig die Rede war und alle kirchlichen Mitarbeiter ihre Dienstvorgesetzten im Raum wussten. Und noch etwas war neu: Wenn „Laien“ sprachen, taten sie dies nicht auf Geheiß der Bischöfe, sondern als vollwertige Synodale. Ihr Wort galt in der Debatte so viel wie das eines Bischofs oder Kardinals. Was zählte, war die Kraft des Arguments, das Gewicht der Erfahrung und die Qualität der Expertise. Pastorale Floskeln und Katechismuswissen fanden entsprechend wenig Beifall; das authentische klare Wort umso mehr. Das war für viele ungewohnt, aber auch befreiend.

„Die gute Erfahrung aus Frankfurt“

So ist die Bilanz der meisten Teilnehmer und Beobachter sehr positiv. Gott sei Dank, denn nichts zermürbt Motivation und Engagement der Gläubigen stärker als der Eindruck, von Priestern und Bischöfen nicht ernstgenommen, sondern belehrt und im Wortsinn abgekanzelt zu werden. Umso wichtiger ist den Teilnehmern des Synodalen Wegs die gute Erfahrung aus Frankfurt, dass man auch in der katholischen Kirche ernsthaft miteinander reden und aufrichtig um Antworten auf Fragen unserer Zeit ringen kann. Die Erfahrung, dass keiner alles weiß, aber auch niemand nichts. Dass der gemeinsame Weg im gemeinsamen Gehen entsteht und entstehen darf. Dass Glaubwürdigkeit ohne Freimut, ohne das offene Wort nicht zu haben ist.

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de

Vom 30. Januar 2020 bis 1. Februar 2020 fand die erste Synodalversammlung des Synodalen Weges statt. 230 Delegierte zwischen 16 und über 70 Jahren kamen nach Frankfurt, um Themen, Aufgaben und Perspektiven des Synodalen Weges zu beraten.

Den Auftakt bildete eine heilige Messe im St. Bartholomäus-Dom, der der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Reinhard Kardinal Marx, vorstand. Anschließend wurde die Synodalversammlung ebenfalls im Dom eröffnet. Prof. Dr. Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), führte ein. Danach kamen sechs Synodale zu Wort, die verschiedene Perspektiven und Generationen, Berufsgruppen und Stände der katholischen Kirche in Deutschland vertraten. Warum sie sich am Synodalen Weg beteiligen, ist wie viele andere Wortmeldungen der Synodalversammlung in Text und als Video auf der Homepage www.synodalerweg.de abrufbar.

Übertragung in alle Welt

Die Debatten selbst fanden am nächsten und am Folgetag im evangelischen Dominikanerkloster statt. Die Synodalen saßen im langgestreckten Saal an längs gestellten Tischreihen, das Präsidium quer dazu am Kopfende. Auf einer Empore fanden Journalisten und Beobachter aus den Schwesterkirchen aus Deutschland und Europa Platz. Im Flur hatte weitere Presse und Technik ihren Ort, denn die Konferenz wurde vollständig per livestream in alle Welt übertragen und übersetzt. Interviews und Portraits mit Synodalen wurden hier aufgezeichnet.

Wie wohl immer in einer ersten Sitzung nahmen Formalia – Anträge zur Änderung der Geschäftsordnung – mehr Zeit ein als geplant. Inhaltlich ging es dann aber bald um eine Vergewisserung über Erwartungen und Möglichkeiten des gemeinsamen Unternehmens. Die vier Themen, die der Synodale Weg sich zur Aufgabe gemacht hat – Macht, Sexualität, Priester, Frauen –, wurden von den Vorsitzenden der vorbereitenden Arbeitsgruppen vorgestellt. Außerdem berichteten „Anwälte“ der Gläubigen von den mehr als 5.300 Eingaben, die zur Umfrage auf der Homepage gegeben worden waren.

Gute Basis für einen gemeinsamen Weg

Zwischen diesen Einschätzungen und der Expertise der Arbeitsgruppen gab es durchweg große Parallelen; es wurden dieselben Probleme identifiziert und verwandte Lösungen vorgeschlagen. Das ist eine gute Basis für einen gemeinsamen Weg zur Erneuerung der Kirche in Deutschland. Sichtbar wurde freilich auch, wo Konfliktlinien verlaufen – alle „Anwälte“ berichteten von Polemik und beleidigenden Ausfällen, die neben der Mehrzahl engagierter und konstruktiver Wortmeldungen eingegangen sind.

Dann folgte jeweils die große Aussprache im Plenum. Hier herrschte beste Diskussionskultur mit teils sehr persönlichen, durchweg freimütig, fast immer auch frei formulierten Redebeiträgen. So viele Synodale beteiligten sich, dass die Redezeit drastisch gekürzt werden musste, um möglichst viele zu Wort kommen zu lassen. Die geistlichen Begleiter des Prozesses sorgten mit regelmäßigen Impulsen dafür, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und das Unternehmen immer wieder ins Gebet und vor Gott zu bringen.

Abstimmungsquorum für Frauen vereinbart

Bis zur nächsten Plenarversammlung werden nun die neu gebildeten „Foren“ arbeiten. Im September 2020, wenn die zweite Synodalversammlung tagt, können die ersten Textvorlagen diskutiert werden. Nach einer zweiten Lesung können Beschlüsse gefasst werden. Sie brauchen eine zweifache Zweidrittelmehrheit: des Plenums und der Bischöfe, außerdem, wie in Frankfurt vereinbart wurde, auf Antrag noch die Mehrheit der anwesenden Frauen.

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de

Missbrauchsstudie als Anlass

Anlass dieses Weges, den die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) verantwortet, ist die Krise, in der sich die Kirche im Ganzen und das kirchliche Amt im Besonderen befindet: Im Herbst 2018 waren die Ergebnisse der so genannten MHG-Studie publiziert worden, in der sexualisierte Gewalttaten von Klerikern an Schutzbefohlenen dokumentiert und analysiert worden waren. Die DBK hatte diese Studie selbst in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse waren erschütternd: Im Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2014 fanden sich in den kirchlichen Personalakten von ca. 5 Prozent der Diözesanpriester, also in der Akte jedes 20. Priesters, Hinweise darauf, dass er des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt wurde. Damit ist lediglich eine untere Schätzgröße benannt, zumal erhebliche Mängel in der bischöflichen Aktenführung bis hin zur Aktenmanipulation sichtbar geworden waren.

Forscher: Spezifisch katholische Faktoren begünstigen Missbrauch

Die Forscher haben in ihrer Studie spezifisch katholische Faktoren herausgearbeitet, die Missbrauch durch Kleriker und seine Vertuschung durch kirchlich Verantwortliche nicht verhindert und womöglich sogar begünstigt haben: einen prekären Umgang mit Macht in der Kirche, die exklusiv zölibatspflichtigen Männern zugemessen wird, und „ambivalente Aussagen und Haltungen der katholischen Sexualmoral zur Homosexualität“. Sie empfahlen zudem, „die Bedeutung des Zölibats zu diskutieren“.

Der Synodale Weg und seine vier Foren

Der Synodale Weg greift diese Themen auf, ohne den Prozess auf das Drama sexualisierter Gewalt von Klerikern zu reduzieren. Es handelt sich um Themen, für die viele Gläubige schon lang Reflexions- und Erneuerungsbedarf benannt hatten. Ihr deutliches Votum hatte bisher allerdings keinen ernsthaften kirchlichen Reformprozess initiiert. Aber nun ist von externer wissenschaftlicher Seite in diesen Fragen ein besonderes Gefährdungspotenzial für sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch identifiziert worden. Man darf ihnen nicht mehr ausweichen. Das kirchliche Priesterbild, das kirchliche Frauenbild, sexualethische Vorgaben und die Verurteilung bzw. Tabuisierung von Homosexualität müssen auf den Prüfstand. Denn sie stützen ein System, in dem die körperliche und seelische Integrität von Jungen, Mädchen und Frauen massiv Schaden genommen hat und weiter Schaden nehmen kann.

Der Synodale Weg stellt sich dieser Herausforderung. In vier Foren wird zu den Themen Macht und Gewaltenteilung in der Kirche, Sexualmoral, priesterliche Lebensform und Frauen in Diensten und Ämtern gearbeitet. Diese Foren haben in einer vorläufigen Besetzung bereits begonnen zu arbeiten und Papiere vorgelegt (www.synodalerweg.de/dokumente-reden-und-beitraege). Bei der ersten großen Synodalversammlung Ende Januar 2020 wird ihre endgültige Zusammensetzung durch die Delegierten beschlossen werden.

Text: Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de

In der Satzung des Synodalen Weges werden Aufgaben, Strukturen und Beteiligte dieses Prozesses beschrieben. Dieses Statut ist von den beiden verantwortlichen Institutionen, der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), jeweils mehrheitlich verabschiedet worden.

Die Organe des Synodalen Weges

Organe des Synodalen Wegs sind die Synodalversammlung, das Synodalpräsidium, das erweiterte Synodalpräsidium sowie die Synodalforen.

Das Synodalpräsidium besteht aus dem Vorsitzenden sowie dem stellvertretenden Vorsitzenden der DBK, und der Präsidentin / dem Präsidenten und einer / einem Vizepräsidenten des ZdK. Aufgabe des Präsidiums ist es, die Synodalversammlung vor- und nachzubereiten; dazu wird es von einem Sekretariat unterstützt.

Zum Erweiterten Synodalpräsidium gehören neben diesen vier Personen die Vorsitzenden der Synodalforen sowie die beiden geistlichen Begleiter des Prozesses.

Die vier Synodalforen bestehen aus je ca. 30 Mitgliedern – Bischöfen, Gläubigen und Fachexpertinnen und -experten – und werden jeweils von einem Mitglied der DBK und einem Mitglied des ZdK geleitet. Sie arbeiten zu den vier im Vorfeld vereinbarten Themen des Synodalen Wegs:

(1) Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag;
(2) Priesterliche Existenz heute;
(3) Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche;
(4) Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft.

Synodalversammlung als zentrales Gremium

Zentrales Gremium des Synodalen Wegs ist die Synodalversammlung, der 230 Personen angehören. Hier werden die Beschlüsse des Synodalen Weges gefasst. Die Synodalversammlung besteht aus allen (69) Mitgliedern der DBK, ebenso vielen Vertretern des ZdK sowie 92 Vertreterinnen und -vertretern verschiedener Berufs- und Interessensgruppen der Kirche, beispielsweise der Priester, der Gemeindereferentinnen und -referenten und der Orden, aber auch der jungen Generation und der Theologie. Der Verteilungsschlüssel sieht vor, dass knapp die Hälfte der Synodalen geweihte Männer sind. Die Empfehlung der Satzung, eine geschlechter- und generationengerechte Besetzung anzustreben (Art. 3.1), wird daher allenfalls symbolisch eingelöst werden können.

Die Frage der Macht bei Entscheidungen

Zur Beschlussfassung muss am Ende eine doppelte Zweidrittelmehrheit vorliegen: unter den Bischöfen und im Plenum. Damit ein Beschluss verabschiedet wird, braucht es also wenigstens 46 Ja-Stimmen aus dem Kreis der Bischöfe und zugleich wenigstens 154 Ja-Stimmen (inklusive möglicher bischöflicher Stimmen) aus dem Plenum. Um einen Beschluss zu verhindern, reichen aufgrund der nötigen doppelten Zweidrittelmehrheit hingegen nur 24 bischöfliche Stimmen (d.h. gut 10 Prozent der stimmberechtigten Mitglieder der Synodalversammlung) aus.

„Beschlüsse der Synodalversammlung entfalten von sich aus keine Rechtswirkung“ (Art. 11.5). Fragen, die nur weltkirchlich umgesetzt werden können, werden dem Apostolischen Stuhl als Votum übermittelt. Ob Mehrheitsbeschlüsse, die vor Ort in Kraft gesetzt werden können, tatsächlich umgesetzt werden, entscheiden die örtlichen Instanzen, also die Bischofskonferenz oder der jeweilige Ortsbischof. Ist ein einzelner Bischof mit einem von einer doppelten Mehrheit getragenen Beschluss nicht einverstanden, muss er ihn in seinem Bistum nicht umsetzen. Der Synodale Weg hat zwar ausdrücklich die Aufgabe, Machtverhältnisse in der katholischen Kirche kritisch zu reflektieren und ggf. neue Wege zu erarbeiten, klerikale Macht zu teilen, zu begrenzen und zu kontrollieren. Im Synodalen Prozess selbst schlägt sich das aber noch nicht nieder. Am Ende entscheiden die Bischöfe.

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de

Im Vorfeld des Synodalen Weges wurde, besonders von Seiten der Kritiker dieses Prozesses, immer wieder eine Alternative aufgemacht: Geht es um Evangelisierung, also um Verkündigung und Verbreitung des christlichen Glaubens, oder um eine Reform kirchlicher Strukturen? Manche mutmaßten, dass das Anliegen des Synodalen Wegs, strukturelle Probleme in der Kirche kritisch aufzugreifen, von „liberaler“ Seite eingespeist worden sei, um nun auf diesem Weg endlich altbekannte Forderungen zur Veränderung der Kirche und ihres Priesterbildes durchzusetzen. Stattdessen, so sagten sie, müsse es darum gehen, im Glauben zu wachsen und der kirchlichen Verkündigung mehr Nachdruck zu geben. Echte Erneuerung dürfe man nicht von äußeren Faktoren erwarten; sie müsse im Inneren aller Gläubigen beginnen. Kirche erneuere sich durch Bekehrung, nicht durch Anpassung an „weltliche“ Standards von Gewaltenteilung und Organisationsentwicklung.

Strukturelle Ursachen für sexuelle Gewalt

Diese Alternative ist falsch. Sie verschiebt zudem das Problem, das überhaupt erst dazu geführt hatte, einen gemeinsamen (synodalen) Weg der kirchlichen Erneuerung gehen zu wollen. Anlass war nicht der vermeintlich schwache Glaube der Gläubigen. Sondern Anlass waren die bestürzenden Ergebnisse der MHG-Studie, die das Ausmaß von Gewalttaten und ihrer Vertuschung durch Kleriker offengelegt hatte. Die Forscher hatten systemische, d.h. strukturelle Ursachen benannt, die solche Verbrechen begünstigten, zumindest nicht nachhaltig verhindern und seine Ahndung erschweren: prekäre Machtverhältnisse in der Kirche und kirchliche Vorgaben zu Geschlechterrollen und Sexualität, die potenziellen Tätern anstelle ihrer Opfer einen kirchlichen Schutzraum bieten.

Die Glaubwürdigkeit der Kirche steht auf dem Spiel

Was die Kirche eigentlich verkünden könnte und sollte – die Würde und Freiheit der Kinder Gottes, das Evangelium Jesu Christi vom Anbruch des Gottesreichs, ein Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes –, wird dadurch konterkariert. Was die Kirche sein könnte und sollte – ein Ort, an dem Gottes Zuwendung und Erbarmen erfahrbar und glaubhaft wird –, wird dadurch ins Gegenteil verkehrt. Denn wie kann eine Kirche glaubwürdig davon sprechen, dass nicht Macht und Herrschaft, sondern Liebe und gegenseitiger Dienst ihr Maßstab seien, wenn in ihrem Binnenraum Strukturen herrschen, die klerikale Ermächtigung gegenüber Schutzbefohlenen begünstigen und die körperliche und seelische Integrität von Jungen, Mädchen und Frauen gefährden?

Die Alternative „Evangelisierung oder Strukturreform“ ist falsch. Was ansteht, ist eine ehrliche Überprüfung und Korrektur kirchlicher Strukturen am Maßstab des Evangeliums. Es geht darum zu klären, welche kirchlichen Strukturen, welche Priesterbilder, welche sexualethischen Vorgaben dem Auftrag der Kirche, die Liebe Gottes glaubwürdig zu verkünden, zum Schaden gereichen. Diese Faktoren müssen korrigiert werden – um des Evangeliums Jesu Christi willen.

Julia Knop, In: Pfarrbriefservice.de


Der Synodale Weg im Bistum Erfurt

Eindrücke vom Informationsabend am 05.12.2019

Information - Diskussion - Beteiligung: Der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland

Mit Prof. Dr. Julia Knop, Dogmatikerin an der Universität Erfurt, Dr. Ulrich Neymeyr, Bischof von Erfurt, Wolfgang Klose, Vizepräsident des ZdK, Dr. Michael Karger, Büro Synodaler Weg und Alois Wolf, Katholikenrat im Bistum Erfurt.

 

 

Bilder: Peter Weidemann In: Pfarrbriefservice.de

Hörenswertes:
Podcast aus dem Bistum Erfurt

Der Synodale Weg soll auch in Zeiten von Corona weiter begleitet werden. Dazu sprachen miteinander Prof. Dr. Julia Knop, Dogmatikerin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, und Bischof Dr. Ulrich Neymeyr. Sie schilderten im Podcast des Bistum Erfurt ihre Eindrücke von der ersten Vollversammlung und benannten künftige Perspektiven.

Beteiligung
am synodalen Weg

Wir sind der synodale Weg

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Gebet für den synodalen Weg

Den Gebetszettel finden Sie in den Materialien zum Synodalen Weg.
www.synodalerweg.de/materialien