"Es geht elementar um den christlichen Glauben"

Der Papstbesuch in Deutschland – eine erste Nachlese vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch

Erzbischof Robert Zollitsch, Erzbistum Freiburg, Vorsitzender der Deutschen BischofskonferenzAm Sonntagabend reiste Papst Benedikt nach Rom zurück. In vier prall gefüllten Tagen ist er zahllosen Menschen in persönlichen Gesprächen, bei über zwanzig Ansprachen und in bewegenden Gottesdiensten begegnet. Heute Mittag hat der Papst selbst eine Rückschau auf seine Reise nach Deutschland gehalten. Er hat sich dabei dankbar geäußert für die offene Aufnahme, die er in seinem Heimatland gefunden hat. Es fügt sich gut, dass heute der Michaelempfang stattfindet und ich die Gelegenheit habe zu einer ersten, kurzen Bilanz und zu einem Ausblick.

So begrüße auch ich Sie alle von ganzem Herzen zum heutigen Abend – wobei mein Gruß in diesem Jahr in besonderer Weise durch eine herzlich empfundene Dankbarkeit geprägt ist. Das politische Berlin hat den Heiligen Vater mit offenen Armen empfangen. In einem Gespräch gleich zu Beginn der Reise hat er mir anvertraut, wie tief ihn die Begrüßung im Schloss Bellevue berührt hat. Sie hat ihm ein Gefühl großer Nähe vermittelt. Dasselbe gilt für die die Erfahrungen in den Bundesländern Berlin, Thüringen und Baden- Württemberg. Auch hier haben die politischen Autoritäten Papst Benedikt spüren lassen, dass er willkommen ist und mit Freude erwartet wird. An diesem herzlichen Empfang haben sehr viele Menschen Anteil, auch viele Anwesende.

Ich will an dieser Stelle unseren Dank einer Person sagen, die ihn stellvertretend für alle anderen entgegennehmen möge: Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident! Sie haben Papst Benedikt zu seinem offiziellen Besuch unseres Landes nachdrücklich eingeladen. Und Sie haben großen Anteil daran, dass er ungeachtet aller Strapazen einer solchen Reise gerne zu uns gekommen ist. Sie haben den Heiligen Vater mit sehr persönlichen Worten begrüßt, ihn an die zentralen Orte seiner Reise begleitet und auch in Freiburg verabschiedet. Bitte lassen Sie alle Repräsentanten der Verfassungsorgane wie auch die Verantwortlichen in den Bundesländern wissen: Unser Heiliger Vater hat sich in Deutschland sehr zu Hause und beheimatet gefühlt.

Der Besuch des Heiligen Vaters entzieht sich einer vordergründigen politischen Deutung und auch manchen Denkschablonen, die in den Medien da und dort angewandt werden. Papst Benedikt ging es ganz elementar um den christlichen Glauben. Ihm ging es um den Kern des Evangeliums: Der Mensch findet seine letzte Erfüllung bei Gott. Der Glaube an Jesus Christus befreit aus der Enge bloß innerweltlicher Bezüge. Er ist die Antwort auf die existenziellen Fragen nach dem Woher und Wohin des menschlichen Lebens. Die Menschen, die an den großen Liturgien in Berlin, im Eichsfeld, in Erfurt und bei uns in Freiburg teilnahmen, konnten spüren: Papst Benedikt warb unter Einsatz seiner ganzen Kraft und mit der Autorität nicht nur seines Amtes, sondern der Glaubenserfahrung seines eigenen langen Lebens für diese Botschaft; und er machte Mut, den persönlichen Glauben an Gott zu wagen. Es ist der Glaube an einen Gott, der uns Menschen – so sagte der Papst schon im Schloss Bellevue – auch heute in vielfältiger Form begegnet, nicht zuletzt im Antlitz und in der helfenden Hand von Menschen, die sich in Nächstenliebe und Solidarität für andere einsetzen. Es ist der Glaube an einen Gott, für den die heiligen Patrone der vom Papst besuchten Bistümer Zeugnis ablegen – allen voran die Mutter Gottes, deren Fürsprache Papst Benedikt gemeinsam mit über 90.000 Gläubigen in einem von allen früheren politischen Grenzen nun frei gewordenen Eichsfeld erflehte.

In den Tagen nach der ökumenischen Begegnung im Erfurter Augustinerkloster bin ich oft nach der Bedeutung und dem Ertrag dieses Treffens gefragt worden. Manche haben Gefühle der Enttäuschung darüber geäußert, dass Papst Benedikt keine konkreteren Schritte ökumenischer Verständigung vorgeschlagen hat. Vielleicht missversteht man die Geste, die ein solches Treffen darstellt, wenn man es – in der Logik politischer Prozesse – auf handhabbare Ergebnisse hin befragt. Auf jeden Fall ist die Aufdeckung der konkreten Impulse, die aus dem Erfurter ökumenischen Treffen erwachsen, nun dem Gespräch zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland aufgegeben. Dies gilt gerade auch im Hinblick auf das Reformationsgedenken des Jahres 2017.

Den Schlüssel für diese weiteren Gespräche aber hat Papst Benedikt, dessen bin ich mir ganz sicher, uns gegeben durch sein beharrliches Bestehen darauf, dass für das gemeinsame Leben aller Christen der Glaube die erste Priorität haben muss. Der Heilige Vater ließ keinen Zweifel daran, dass es Martin Luther mit seiner immensen geistlichen Kraft um diesen Glauben und um einen Gott der Gnade, Barmherzigkeit und Liebe zu tun war – und nicht etwa um die Spaltung der westlichen Christenheit. Diese Frage nach der Gnade und nach der Freiheit von einem heute oft so gnadenlosen Zwang zur Selbstbehauptung und Selbstoptimierung ist von höchster Aktualität. Diese Frage beschäftigt auch das gesellschaftspolitische Denken der Kirchen, wie viele Debatten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, zur Familienpolitik und zum Schutz des menschlichen Lebens in allen Phasen seiner Existenz beweisen.

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Ansprache beim St. Michael-Jahresempfang in Berlin am 28.9. 2011
Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz. Für den Inhalt ist der Absender verantwortlich.

Der Papstbesuch in Deutschland – eine erste Nachlese vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch



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