"Es gibt keine Alternative zur Ökumene"

In einem Interview der Thüringischen Landeszeitung antwortet Bischof Joachim Wanke auf Fragen nach dem Papstbesuch und zur gegenwärtigen Lage der Kirche

Bischof Joachim Wanke, Bistum ErfurtDer Papstbesuch in Erfurt hat einen starken ökumenischen Akzent. Was erwarten Sie konkret von dem Treffen zwischen Papst und den Spitzen der Evangelischen Kirche Deutschlands im Augustinerkloster?

Von dieser Begegnung könnten zwei Signale ausgehen: Zum einen zeigt das Treffen, dass sich beide christlichen Kirchen gegenseitig wahrnehmen und hochschätzen. Zum anderen erhoffe ich mir eine Verständigung darüber, im Ringen um die Einheit der Christenheit nicht nachzulassen und die theologischen Gespräche darüber fortzusetzen.

Zu welchen Themen?

Beispielsweise über die Frage des Kirche-Seins. Hier differieren die Ansichten zwischen katholischer und evangelischer Seite. Ich würde mir eine Verständigung über die Frage des Kirche-Seins und der Bedeutung des Weiheamtes in ihr wünschen so wie 1999 über die damals noch kontroverse Rechtfertigungslehre, also die Frage, ob der Mensch selbst etwas dazu beitragen kann, mit sich und Gott „ins Reine“ zu kommen.

Ist die Begegnung eine Ermutigung zur Ökumene?

Ohne Zweifel. Es gibt keine Alternative zur Ökumene. Wir müssen an der sichtbaren Einheit der Kirche weiterarbeiten und auch zu einer theologisch verbindlichen Einheit finden. Alles so zu belassen, wie es ist, ist keine Option. Sie entspräche auch nicht dem, was die Heilige Schrift (vgl. das Gebet Jesu in Joh 17) von uns fordert.
 
Hat es Sie überrascht, dass der Papst selbst einen so klaren ökumenischen Akzent gesetzt hat?

Dass der Papst selbst Einfluss auf das Programm seiner Reisen nimmt, ist nichts Außergewöhnliches und in diesem speziellen Fall etwas sehr Erfreuliches.
 
Wie schätzen Sie das bisherige Engagement des Papstes in Sachen Ökumene ein?

Benedikt XVI. ist ein Mann der theologischen Klarheit, der auch nicht davor zurückscheut, seinen Finger in offene Wunden zu legen. Dabei steht er auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils und weiß sich natürlich der Ökumene verpflichtet. Die Erklärung zur Rechtfertigungslehre, ein Meilenstein der Ökumene, wurde von Josef Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation gefördert und letztlich ermöglicht.
 
In Bezug auf das Treffen im Augustinerkloster und den gemeinsamen Wortgottesdienst war auch teilweise von einem historischen Moment die Rede. Sind diese Erwartungen zu hoch?

Wenn Christen miteinander sprechen, gehört auch immer das Gebet dazu, im Grunde etwas Selbstverständliches. Bedeutsam ist aber die Wahl des Ortes.

Inwiefern?

Das Augustinerkloster ist ein Ort der Reformation, wo Luther noch katholisch war, aber sich die Anfänge seiner theologischen Überzeugungen herausgebildet haben, die dann zur Trennung von der kathlischen Kirche führten.
 
Schrauben Sie die Erwartungen an dieses Gespräch bewusst niedrig?

Man darf die die Begegnung im Augustinerkloster nicht wie ein politisches Gipfeltreffen verstehen. Der Papst allein kann hier nicht Entscheidungen herbeiführen, die das Leben und die Lehre der katholischen Kirche in ihrer Gesamtheit betreffen. Ich erwarte Fortschritte, aber keine spektakulären Entscheidungen.
 
Auch nicht beim gemeinsamen Abendmahl?

Nein. Das entscheidet man nicht mal eben mit einem Federstrich.
 
Müssen die Kirchen in einer weitgehend nichtchristlich geprägten Umgebung wie in Thüringen nicht schon aus eigenem Interesse enger zusammenarbeiten?

Eindeutig ja, zumal die christlichen Kirchen nicht nur durch den Atheismus, sondern auch durch die selbstbewusste Präsenz anderer Religionen herausgefordert sind, sich auf Gemeinsamkeiten zu besinnen. Besonders bei ethischen und sozialen Fragen werden die Kirchen am ehesten gehört, wenn sie mit einer Stimme reden.
 
Sind Sie zufrieden, wie die Ökumene vor Ort funktioniert oder sehen Sie noch Potenzial?

Natürlich ist das immer weiter zu entwickeln. Aber wir haben hier vor Ort ein ökumenisch positives Grundklima.
 
Inwiefern kann sich die katholische Kirche in die Lutherdekade einbringen?

Wir gehen diese Dekade gerne mit, wenn sie einen in die Zukunft weisenden Charakter hat. Dabei geht es um die Frage, welche Lehren wir aus der 500 Jahre alten Trennung ziehen, um wieder zueinander zu finden.
 
Je näher der Papstbesuch rückt, um so mehr kritische Stimmen gibt es. Was bringt der Papstbesuch für Thüringen?

Der Papst ist eine Person der Weltöffentlichkeit, und Besucher ehren immer auch die Besuchten. Sicherlich wird die Aufmerksamkeit der Welt in diesen Tagen auf Thüringen gelenkt, und gewiss wird Benedikt die Aufbauleistung der Menschen in den Neuen Bundesländern würdigen. Da ist Vieles geschehen, auf das die Menschen stolz sein können.

Gibt es auch geistigen Gewinn?

Ja. Der Papst zwingt uns, uns mit wichtigen Zukunftsfragen auseinanderzusetzen. Man muss seine Ansichten nicht teilen, aber er regt zum Nachdenken an, beispielsweise wenn es um die Frage der europäischen Identität geht oder darum, ob man der Wissenschaft wirklich alles zu tun erlaubt, wozu die Forscher in der Lage sind. Für die Gläubigen wird der Papstbesuch eine Ermutigung für die Gegenwart sein, zugleich für den Papst eine Gelegenheit, ihnen für die christliche Standhaftigkeit zu DDR-Zeiten zu danken.

Ist dieser Dank für die Standhaftigkeit zu DDR-Zeiten der Grund für den Besuch im Eichsfeld?

Es ist eine Anerkennung dieser Region und ihrer Bedeutung im kirchlichen Bereich. Am Beispiel des Eichsfeldes kann man ablesen, wie selbst gesellschaftswidrige Verhältnisse Menschen stärken können, am Glauben festzuhalten.
 
Was könnte am Ende des Papst-Besuches als Botschaft stehen?

Eine Anerkennung für das, was in den vergangenen 20 Jahren hier geleistet wurde. Hier wurde Einheit gestaltet, die Chancen der Freiheit wurden innerlich angenommen. Und kirchlich: Das Evangelium bleibt die Orientierungshilfe auch für die Herausforderungen, die jetzt auf uns zukommen.
 
Die Kirche in Deutschland hat Jahre der Krise hinter sich. Ist die Situation jetzt wieder gefestigt?

Wann war die Situation der Kirche je gefestigt? Die Modernisierungsschübe, denen wir ausgesetzt sind, bringen Polarisierungen und gefährden die kirchliche Gemeinschaft. Es entwickelt sich kirchlich wie gesellschaftlich ein gefährlicher Subjektivismus. Auf die sich wandelnden Verhältnisse müssen wir aus dem Geist des Evangeliums heraus neue Antworten finden. Aus dem Erbe muss ein neues Angebot werden.

Was meinen Sie konkret?

Die bisher vom Klerus dominierte Kirche bricht auf zu einem neuen Miteinander aller Getauften. Rollenbilder werden sich ändern. Als Ortskirche in Thüringen werden wir - ich bringe das immer auf die Formel: ein Missionsbistum neuzeitlichen Typs. Wir sind hier Minderheitenkirche und haben uns darauf einzustellen. Aber auch Minderheiten haben als „Salz in der Suppe“ wichtige Aufgaben.
 
 Ist die Debatte um die Missbrauchsfälle erledigt?

Auf keinen Fall! Das Phänomen wird uns weiter begleiten, hoffentlich mit gestärkter Sensibilität. Momentan rückt das Thema Prävention in den Vordergrund , ohne dass dabei die Opfer vergessen werden . Durch Gespräche, durch seelsorgliche Zuwendung, durch Anerkennung ihres Leidens wird versucht, die entstandenen Wunden bei betroffenen Menschen zu lindern.
 
Das große Thema in Deutschland derzeit ist die Energiewende. Das passt doch zum Auftrag der Kirche und der Gesellschaft zur Bewahrung der Schöpfung.

Das ist eine Grundherausforderung, vor der wir stehen. Aber die naturwissenschaftlichen Fachfragen können nicht von Theologen und Kirchenleitungen beantwortet werden. Sie können aber dazu beitragendie Diskussion zu erweitern. So hat schon der Kölner Kardinal Höffner vor 30 Jahren danach gefragt, ob man eine Technik einsetzen darf, wenn man nicht die Folgen im Griff hat.
 
Die Energiewende ist doch vor diesem Hintergrund eine Diskussion, die es sich lohnt zu führen?

Ohne Zweifel. Wichtig ist, dass wir als Gesellschaft in dieser Frage einen Konsens finden , welche Begründungen auch immer in unsere Antworten einfließen. Katholischerseits gibt es die Gestalt des heiligen Franziskus. In seiner Frömmigkeit spielte die Welt als gute Schöpfung Gottes eine große Rolle. Von ihm können wir gerade heute noch viel lernen.
 
Die Grundrichtung ist aber klar?

Die großen Fragen sind von der ethischen Bewertung her klar. Wir müssen mit den Ressourcen schonend umgehen und von daher auf regenerative Energien setzen. Wir brauchen aber eine politische Stabilität und einen gesellschaftlichen Konsens, die solche Möglichkeiten erst in die Wirklichkeit umsetzen kann.

Weitere Meldungen zum Papstbesuch im Bistum Erfurt

www.papst-in-deutschland.de


Erschienen in der Thüringischen Landeszeitung vom 23.4.2011. Fragen: Hartmut Kaczmarek.



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