Luther und der Papst

Fünf Thesen von Bischof Joachim Wanke für einen öffentlichen Disput mit dem Braunschweiger Domprediger Joachim Hempel*

Gemälde von Paul Thumann: Luther verbrennt 1520 in Wittenberg die Bannandrohungsbulle
Paul Thumann, Luther verbrennt 1520 in Wittenberg die Bannandrohungsbulle (Papst Leos XIII.). Öl auf Leinwand, 1872/73 (Abbildung: wikipedia)


1. Was war und was ist für Sie die Rolle und Aufgabe des Papstes?

Der Papst ist für mich Nachfolger des Petrus, des ersten unter den von Jesus eingesetzten zwölf Aposteln. Jesus hat ihm zwei Aufgaben gegeben: Er soll die Kirche im Glauben stärken und für die Einheit der Jünger Christi Sorge tragen. Es gibt das Jesuswort an Petrus: "Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt." Auf diesen Glauben des Petrus hat Jesus die Kirche gebaut. Daran halten sich die katholischen Christen bis heute. Der Papst muss für die weltweite Verkündigung des Evangeliums sorgen und bei Streitfragen, die den Glauben betreffen, zusammen mit den anderen Bischöfen (durch ein Konzil oder eine Lehrentscheidung) abklären, was unaufgebbar zur Substanz des christlichen Glaubens gehört.


2. Wo sehen sie den Kern von Luthers Kritik am Papsttum?

Luther hat die Autorität des Papstes zunächst nicht in Frage gestellt. Erst als eine bestimmte Richtung römischer Hoftheologen die Autorität des Papstes über die der Heiligen Schrift stellte, protestierte er. Später übernahm Luther die damals schon aus anderen Gründen bestehende Polemik gegen den Papst als Antichrist. Der Kernpunkt der Kritik Luthers war freilich die Sorge, der Papst könne etwas gegen die Heilige Schrift im Glauben verpflichtend machen, etwa die Aussage, dass wir uns durch eigene Anstrengung den Himmel verdienen könnten (was nicht ausschließt, dass ein von Gott "umsonst" geliebter Mensch auch Gutes tun soll). Es gibt noch späte Äußerungen Luthers, in denen er prinzipiell das Papsttum für möglich hält, wenn es denn "das Evangelium zulässt".


3. Wie wird die reformatorische Papstkritik in Ihrer Theologie und Kirche aufgenommen?

Die Forschung hat die damalige Polemik gegen den Papst in ihrer Zeitbedingtheit erkannt und zurechtgerückt. Insgesamt hat der reformatorische Einspruch gegen das Papstamt zu einer Weiterentwicklung in der katholischen Theologie geführt. Heute wird stärker die Einbindung des Petrusdienstes in das Gesamt der Kirche betont und weniger die isolierte Stellung des Papstes als oberster Hirte und Lehrer. Auch die Papstaussagen des 1. Vatikanischen Konzils (1870/71), die damals  gegen nationalistische Vereinnahmungen der Kirche dem Papst Unfehlbarkeit in Glaubensfragen und letzte Autorität in der Leitung der Gesamtkirche zusprachen, werden heute als Ausdruck der Überzeugung verstanden, dass die Kirche insgesamt nicht aus der Glaubenswahrheit herausfallen kann.


4. Wie wichtig ist das Papstamt für die heutige Debatte zwischen den christlichen Kirchen und den Weltreligionen?

Für uns Katholiken gehört der Petrusdienst zur Wesensgestalt von Kirche. Insofern ist eine Verständigung über das Papstamt für die Ökumene durchaus bedeutsam. 1995 hatte Johannes Paul II. dazu eingeladen, Vorschläge für eine ökumenisch vermittelbare Ausübung seines Amtes zu machen. Dazu gibt es derzeit eine lebhafte theologische Diskussion. Denn es wächst auch bei Nichtkatholiken die Überzeugung, dass ein universales kirchliches Leitungsamt der Heiligen Schrift nicht widerspricht und zudem in einer zusammenwachsenden Welt immer wichtiger wird. Im Gespräch mit den Weltreligionen wäre ein offizieller Repräsentant des Christentums mit geistlicher Autorität, der sich in zentralen Fragen auf die Zustimmung aller Kirchen und Christen stützen könnte, von großem Gewicht.


5. Was erhoffen Sie sich vom Besuch von Papst Benedikt XVI. im Lutherland Thüringen?

Genau das, was ich zur ersten Frage gesagt habe: dass Papst Benedikt den Glauben aller Christen an den Ostersieg unseres Herrn stärkt und uns hilft, uns nicht mit der Trennung der Christen in verschiedene Kirchen abzufinden. Ich bin überzeugt, dass der Papst die reiche evangelische Frömmigkeitstradition hier bei uns würdigen wird. Er wird alle Christen einladen, mit ihrem Leben für das Evangelium unseres Herrn einzustehen, also über unserem schönen Thüringen den Himmel Gottes offen zu halten. Und das können wir Christen nur gemeinsam. Und für Menschen, die meinen, nicht an Gott glauben zu können, wird sein Besuch vielleicht ein Denkanstoß werden zu überlegen, an was sie denn eigentlich glauben. Und dies wäre, so meine ich, ganz im Sinne Luthers.


*im Rahmen des Petersberger Luther Disputes am 17.2.2011 in Mühlhausen. Erstveröffentlichung der Thesen: Thüringer Allgemeine vom 12.2.2011



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