Punkt 1: Der Papstbesuch

Ansprache von Bischof Joachim Wanke beim Jahrespresseempfang des Bistums Erfurt 2008

Bischof Joachim Wanke, Bistum ErfurtWir dokumentieren die Ansprache, die Bischof Joachim Wanke anlässlich des Jahrespresseempfangs des Bistums Erfurt am 29.10.2008 im Regional-Priesterseminar Erfurt gehalten hat:


Kommt der Papst nach Deutschland?

Journalisten interessieren News, Neuigkeiten, und das Thema "Papstbesuch" hat in Thüringen bereits Redakteure wie Öffentlichkeit gleichermaßen elektrisiert. Leider kann ich aber nicht mit neuen Nachrichten aufwarten. Bislang gibt es aus dem Vatikan kein verbindliches Signal, ob Papst Benedikt im nächsten Jahr zum dritten Mal nach Deutschland kommt und dabei vielleicht auch nach Thüringen – oder eben nicht.

Realistischerweise muss man hinzufügen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Besuches (zumindest) in der ersten Jahreshälfte 2009 mit jedem Tag, der ohne erklärte Reiseabsicht des Papstes verstreicht, geringer wird. Damit kann und will ich keiner Entscheidung im Vatikan vorgreifen. Doch dass ein Papstbesuch einer mehrmonatigen Vorbereitungszeit bedarf, dürfte jedermann einsichtig sein. Nach wie vor gilt aber: Wir würden Benedikt XVI. gerne bei uns im Bistum Erfurt begrüßen dürfen.


Zwanzigster Jahrestag des Mauerfalls

2009 jährt sich der Tag des Mauerfalls am 9. November zum zwanzigsten Mal. Eigentlich könnte ein Satz genügen, um auszudrücken, was sich mit diesem Tag und seinen Folgen verbindet: Die Freude über das Geschenk der Einheit hält an.

Doch werden mittlerweile auch Stimmen anderer laut, die ein verklärtes Bild der untergegangenen DDR malen und dabei übersehen (wollen), dass es sich bei diesem Staat um eine Diktatur gehandelt hat. Allein schon der Respekt vor den Opfern sollte nostalgische Schwärmereien verbieten. Viele Menschen und ihre Angehörigen und Freunde leiden heute noch an dem, was ihnen im Namen der Deutschen Demokratischen Republik und ihrer
sozialistischen Ideologie angetan worden ist.

Aber immerhin, so ist in Diskussionen oft zu hören, hatte jeder in der DDR einen Arbeitsplatz und sein Auskommen, anders als heute. Ich will gewiss nicht die schwierige soziale und wirtschaftliche Situation in den Neuen Bundesländern kleinreden, vor allem nicht mit dem Blick auf Einzelschicksale. Aber man mache sich auch nichts vor: Was uns heute als Probleme auf den Nägeln brennt, ist nicht selten Folge des alten Systems und seines Regierens und Wirtschaftens. Zudem war die DDR 1989 buchstäblich bankrott - und das nicht nur wirtschaftlich. Was daraus entstanden wäre, hätte es die friedliche Revolution nicht gegeben, möchte ich mir lieber nicht vorstellen.

Nein, es täuscht sich selbst, wer die DDR in prächtigen Farben malen will. Dieser Staat ist nicht untergegangen - wie es zuweilen heißt -, weil er seiner Zukunftschancen beraubt wurde. Das ist falsch. Dieser Staat ist untergegangen, weil er überhaupt nicht zukunftsfähig war.


Katholische Kirche im Hier und Jetzt

Durch die Ereignisse des Jahres 1989 haben sich auch für die Kirchen neue Horizonte eröffnet. Hier im Osten dürfen wir nach dem Geschenk der deutschen Einheit und neu gewonnener politischer Freiheit ohne gesellschaftliche Repressionen unser kirchliches Leben nach eigenen Vorstellungen entfalten und uns dabei der gesamtdeutschen Solidarität
unserer Kirche gewiss sein. Allerdings gibt es kein "Weiter so wie immer", nur unter anderen Vorzeichen.

Es ist absehbar, dass die herkömmliche Gemeindeseelsorge an Intensität verlieren wird. Die Fakten sind eindeutig: In den kommenden Jahren wird es weniger Priester geben, weniger Katholiken, größere pastorale "Räume", eine noch stärkere Mobilität der Menschen und zudem ein geistig-gesellschaftliches Klima, das sich in Richtung Pluralismus und Bindungsschwäche verändert.

Ich sehe fünf Aufgabenfelder, die sich daraus für die Kirche ergeben:

1. Ehrenamtliche Seelsorge stärken: Die Kirche in Deutschland wird eine Kirche der Ehrenamtlichkeit sein, oder sie wird nicht mehr sein. Bei aller Unersetzbarkeit des Weiheamtes, brauchen wir vor Ort eine Ehrenamtlichkeit, die sich selbst zur Seelsorge am Menschen berufen weiß. Glaube, Hoffnung und Liebe realisieren sich nicht nur dort, wo geweihte Amtsträger wirken. Und in Glaubensdingen auskunftswillig und auskunftsfähig zu sein - das ist eine Herausforderung, die alle Glieder der Kirche betrifft.

2. Zu Vernetzungen anstiften: Über viele Generationen hinweg waren es die Pfarreien, die Gläubige zusammengeführt und die Verbundenheit im gemeinsamen Glauben gefördert haben. Aber kann und muss das alles sein? Werden die Katholiken weniger, vergrößert sich auch die räumliche Entfernung zueinander. Es werden sich darum, unabhängig von pfarrlichen Territorien, Gruppen bilden (müssen), wo die christliche Gemeinschaft gelebt wird, die zuvor (fast nur) in den Gemeinden erfahrbar war. Und vielleicht fällt es interessierten Nichtchristen leichter, sich in solche Gemeinschaften zu integrieren, weil sie kleiner und übersichtlicher sind als die großen Gemeinden.

3. "Leuchttürme" aufrichten: Darunter verstehe ich, Häuser, Orte, Ereignisse (wie unsere Bistumswallfahrten) und Gemeinschaften, die eine geistliche Strahlkraft haben und helfen, Menschen den christlichen Weg zu erhellen. In diesem Zusammenhang möchte ich mit großer Freude erwähnen, dass sich im Bistum Erfurt zwei neue Ordensgemeinschaften niedergelassen haben: in Buttstädt Kapuziner-Tertiarinnen und in Schleusingen Maria-Ward-Schwestern. Es mögen zwar "nur" sieben neue Schwestern in Thüringen sein, aber Jesus selbst "genügen" zwei oder drei, die sich in seinem Namen versammeln, um mitten unter ihnen zu sein.

4. Kirchliche Einrichtungen als Knotenpunke der Pastoral: Manche kirchliche Einrichtungen, besonders sozialer Art, sind zwar oft in anderen Zeiten und Notsituationen entstanden, haben aber mit alten und gewandelten Aufgabenstellungen bis heute große Bedeutung. Solche Einrichtungen erreichen bei uns täglich viele auch nichtkirchliche Menschen, zum Beispiel unsere Kindergärten, Schulen, Heime, Betreuungseinrichtungen. Und es ist ein Segen, dass wir die Caritas haben. Eine Kirche, die von Gott redet, braucht Orte, wo sie "den Dienst der Fußwaschung" verrichtet.

5. Den "geistlichen Grundwasserspiegel" heben: Das Christliche wird sich in Zukunft stärker qualitativ präsentieren und weniger quantitativ. Es braucht in eine sich ins Subjektive und Beliebige weiter verlierende Moderne hinein eine Spiritualität, die dem einzelnen Christen Stehvermögen verleiht und ihm hilft, sich dem anderen gegenüber zu öffnen. Die alte Selbstverständlichkeit gewinnt wieder neue Evidenz: Nur die Beter werden als Christen bestehen. Und nur eine Kirche, die im Gottesgeheimnis fest verwurzelt ist, bleibt für die Menschen interessant. Das dies so ist, darauf gründet meine Hoffnung.


100. Geburtstag von Bischof Hugo Aufderbeck (1909-1981)

Die Kirche war und ist immer unterwegs. Doch wer weiß, wohin er will, wird in rechter Weise die Segel zu setzen wissen, auch wenn sich die Windrichtung ändert. Das traf besonders auf Bischof Hugo Aufderbeck zu, meinem unmittelbaren Vorgänger als Apostolischer Administrator in Erfurt, der aus dem Sauerland stammte und seit 1938 als Priester in Ostdeutschland gelebt und gewirkt hat. Anlässlich seines 100. Geburtstages (23. März) veranstalten die Bistumsakademien von Erfurt und Magdeburg sowie die hiesige Katholisch-Theologische Fakultät im März 2009 ein Symposium, dass sich mit Aufderbecks Person und Wirken auseinandersetzt.

Ob als Studentenseelsorger und Jugendseelsorger in Halle, als Seelsorgeamtsleiter in Magdeburg oder als Bischof in Erfurt – Hugo Aufderbeck verstand es, das Kirchenschiff auch im Sturm auf Kurs und die "Mannschaft" bei der Stange zu halten. Sein wichtigstes Ziel der Diasporaseelsorge in der DDR war, Gemeinden und Gemeinschaft zu bilden. Bei allen Vorbehalten dem sozialistischen Staat gegenüber, sah Aufderbeck als wichtige Voraussetzung für den Gemeindebau, nicht auf eine baldige Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu setzen. Wer ständig auf dem Sprung sei, könne keine Gemeinde bilden, war seine Überzeugung.

Hugo Aufderbeck hat uns auch heute noch viel zu sagen. Ich freue mich darum, dass sein christliches Lebenszeugnis mit dem Symposium im März und einer Ausstellung, die in seinem Heimatort Hellefeld erstellt worden ist und im August und September in Erfurt und Heiligenstadt zu sehen sein wird, ins rechte Licht gerückt wird.


Das Paulus-Jahr der katholischen Kirche

Mit dem Motto "umsonst: geliebt" unserer Bistumswallfahrt im vergangenen September wurde ein Thema aufgegriffen, das aus meiner Sicht ein Beitrag zum gegenwärtig laufenden Paulus-Jahr unserer Kirche darstellt. Es ist bekannt: Nicht nur der Apostel Petrus, sondern auch der Apostel Paulus mit seiner im Neuen Testament bezeugten Glaubensbotschaft gehört zum Fundament der Kirche. Zentrum der paulinischen Theologie ist das Thema der Rechtfertigung, das man am besten für den heutigen Menschen als Antwort auf die Frage verständlich machen kann: "Wie komme ich heutzutage mit mir selbst und mit der Welt, wie ich sie konkret erfahre, zurecht?"

Diese Frage treibt viele Menschen um, religiöse wie nichtreligiöse. Denken wir nur an die Ängste und Fragen, die sich mit den gegenwärtigen Unsicherheiten im Finanz- und Wirtschaftsbereich verknüpfen. Das Thema der Wallfahrt, das im Grunde die biblische Rechtfertigungslehre aufgreift, ist insofern auch gesellschaftlich hoch aktuell. Der Mensch definiert sich nicht von seiner Leistung oder seinem Vermögen her, sondern von seinem Angenommen-Sein (durch Menschen an seiner Seite und durch Gott).

Angesichts der aktuellen Diskussionen über Sterbehilfe, Spätabtreibungen und das Gendiagnostik-Gesetz muss unterstrichen werden: Der Mensch definiert sich auch nicht durch seinen Entwicklungsstatus, wie ebenso seine Menschenwürde nicht durch Alter, Krankheit und Gebrechlichkeit beeinträchtigt wird. Und nach der Geburt des ersten "Designerbabys" in Spanien möchte ich an Kants kategorischen Imperativ erinnern, der in Festtagsreden gern zitiert, aber im Alltag leider immer weniger geachtet wird: Der Mensch muss immer Zweck, darf niemals Mittel sein. Anders gesagt: Er hat seine Würde einfach deshalb, weil er Mensch ist, nicht weil man mit ihm (oder aus ihm) etwas machen kann.

Falls Sie über neue Reden des Bischofs informiert werden wollen, bitte hier anklicken!

Ansprache von Bischof Joachim Wanke beim Jahrespresseempfang des Bistums Erfurt 2008



Impressum | Sitemap | Kontakt
powered by St. Benno-Verlag