"Zwischenbilanz"

Ansprache von Bischof Joachim Wanke beim Jahrespresseempfang des Bistums Erfurt 2010

Zeitungsstapel mit dem Titel In der Kirche

Sehr herzlich begrüße ich alle Anwesenden, insbesondere die Damen und Herren aus dem Bereich der regionalen und überregionalen Medien. Der heutige Empfang soll meinerseits wieder Ausdruck der Wertschätzung Ihrer journalistischen Arbeit sein und ein Zeichen der Dankbarkeit für Ihre Berichterstattung, auch aus dem kirchlichen Bereich. Ich hoffe, dass die Begegnung heute in gewohnter Weise zu einem guten Austausch führt und das gegenseitige Verstehen fördert.
Ich habe vier Stichworte für meine Ansprache vorgesehen.


Eine Zwischenbilanz zu den Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Erfurt

Soeben sind die überarbeiteten Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum Umgang mit sexuellem Missbrauch innerhalb unserer Kirche veröffentlicht worden. Das ist mir ein Anlass, eine kurze Zwischenbilanz zu den hier im Bistum bekannt gewordenen Fällen solchen Missbrauchs durch Kleriker und kirchliche Mitarbeiter vorzulegen.

Die Missbrauchsfälle sind aus unterschiedlichen Zeiträumen angezeigt worden. Es gab fünf glaubhafte Hinweise auf Missbrauch von Kindern durch Geistliche, die schon verstorben sind, davon drei aus der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit, zwei aus den 60er bzw. 70erJahren. Das Bistum hat mit den anzeigenden Personen Kontakt aufgenommen und eigene Recherchen, soweit noch möglich, durchgeführt. Ich bin bemüht, persönlich oder durch den Beauftragten für Missbrauchsfälle, Dr. med. Rudolf Arnrich, weiterhin mit den betroffenen Personen im Gespräch zu bleiben.

Drei Anzeigen gegen noch lebende Personen, zwei Geistliche und ein Laienmitarbeiter, sind vom Bistum an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden. Bei zwei Fällen hat die Staatsanwaltschaft mir mitgeteilt, dass die Untersuchungen eingestellt worden sind. In einem dritten Fall, der in sich unklar ist und vom Beschuldigten bestritten wird, laufen noch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen. Gegen einen weiteren Geistlichen aus Fulda, der als Person mit pädophilen Neigungen als therapiert galt und in den 90er Jahren einige Jahre im Bistum Erfurt wirkte und wieder auffällig wurde, ist im Bistum Fulda eine Anzeige erfolgt.

Ich habe in jüngerer Zeit mehrfach öffentlich zu der Missbrauchsproblematik Stellung genommen und auch zur Anzeige solcher Fälle aufgefordert. Opfer sexuellen Missbrauchs bedürfen besonderer Achtsamkeit. Sie stehen im Vordergrund. Mir ist aber auch bewusst, dass jeder einzelne Fall eine schwere Schädigung des Ansehens unserer Kirche darstellt und Vertrauensverlust für die Seelsorge mit sich bringt. Wir bemühen uns, im Sinn der neuen Leitlinien im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit, in unseren Schulen und auch der Caritas die Prävention zu verstärken. Alle in der Seelsorge Tätigen legen jetzt z. B. ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vor. Und im schulischen Bereich wird es zum Thema Präventionsarbeit Weiterbildungen für Lehrerinnen und Lehrer geben, um Kindesmissbrauch so früh wie möglich zu unterbinden oder besser noch zu verhindern.

Doch ist mir bewusst, dass Missbrauchsfälle in unserer Kirche, wie in der übrigen Gesellschaft, nicht völlig zu verhindern sind. Es wäre freilich ein Gewinn, wenn sich aus dieser bitteren Erkenntnis von echter Schuld einzelner Mitarbeiter unserer Kirche eine erhöhte Aufmerksamkeit für diese Fragen in unserer Kirche und auch insgesamt in der Gesellschaft ergeben würde.


Kirchenaustritte 2009 und 2010 (bis einschließlich August)

Im Zusammenhang mit der Diskussion von Missbrauchsfällen in der Kirche wird gern nach den Kirchenaustrittszahlen gefragt. Ich habe Ihnen die jüngsten Zahlen vorlegen lassen (s. Pressemappe, bitte anklicken!). Gezählt wurden Kirchenaustritte von Personen, deren Hauptwohnsitz im Bistum Erfurt liegt (unabhängig von ihrem Taufort).

Es zeigt sich, dass im März, April und Mai dieses Jahres, also auf dem Höhepunkt der Missbrauchsdiskussion, die Zahl der Kirchenaustritte sich erhöht hatte, sich jetzt aber wieder dem gewohnten niedrigen Stand angleicht. Interessant ist auch die Beobachtung, dass sich bei höheren Kirchenaustrittszahlen das Durchschnittsalter der Austretenden leicht erhöht.

Jeder Kirchenaustritt ist für mich als Bischof betrüblich. Mir ist freilich klar, dass unter heutigen Lebensverhältnissen viele Institutionen, die Menschen an sich binden wollen, es ähnlich schwer haben wie die Kirchen. Umso erfreulicher ist, dass es immer wieder auch die Umkehrbewegung gibt. Im Jahr 2009 hatten wir im Bistum z. B. 37 Taufen Erwachsener, 25 Konversionen, 32 Wiederaufnahmen in die Kirche.


Den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit feiern

Die "Gloriosa", die große Domglocke im Erfurter Dom, läutet nur an besonderen Tagen des Kirchenjahres. Dieses Jahr gibt es einen außerordentlichen Läutetermin - am 3. Oktober, zur Feier des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit. Ich sage bewusst "Feier" und beschränke diesen Tag nicht auf Gedenken und Erinnern, weil wir trotz aller Herausforderungen des Einigungsprozesses weitaus mehr Grund zur Freude und Dankbarkeit haben als zur Klage.

Dem Mut, den die Menschen bei der friedlichen Revolution bewiesen haben, entspricht, was dabei gewonnen wurde: das wichtige Gut der Freiheit. Diese Freiheit erst ermöglichte den Weg in die Deutsche Einheit, auch wenn hier und da die Idee einer noch länger andauernden deutschen Zweistaatlichkeit (mit einer "verbesserten DDR") vertreten wurde. 1991 schrieb der Historiker Hermann Weber: "Ganz offensichtlich wünschte die große Mehrheit der Bevölkerung keine ‚andere' DDR, sondern jetzt die Einheit Deutschlands. Der Wille, die Vereinigung ganz rasch herzustellen, wuchs in der DDR 1990." (H. Weber, DDR. Grundriss der Geschichte. Hannover 1991, 225.)

Was immer die Menschen im Einzelnen motivierte: Die Einheit war gewollt. Sie ist uns DDR-Bürgern nicht aufgezwungen worden. Das sollten wir keinesfalls vergessen, auch wenn sich jetzt manchmal Müdigkeit breit macht. Der Einigungsprozess mit seinen Folgeproblemen, der den Menschen besonders im Osten viel abverlangt hat, war und ist kein Zuckerschlecken. Freiheit ist nicht immer bequem, aber sie ist die menschlichere Option - für den Einzelnen und für die Gesellschaft insgesamt.


Katholische Sozialarbeit im geeinten Deutschland:
Das Beispiel der "Schwestern vom Guten Hirten" in Erfurt

Zu den erfreulichsten Entwicklungen der friedlichen Revolution 1989 und der Deutschen Einheit zählt, dass sich Freiheitsräume und Handlungsmöglichkeiten auftaten, die es in der DDR nie gegeben hatte - auch für die Kirchen, zum Beispiel auf dem Feld der katholischen Sozialarbeit.

In Heiligenstadt baute der Salesianer-Orden mit engagierten Bürgern die "Villa Lampe" auf und betreibt dort bis heute (und mittlerweile in gemeinsamer Trägerschaft mit unserem Bistum) katholische Jugendsozialarbeit. Die Caritas richtete allen Menschen zugängliche Beratungsstellen ein. Die Sozialverbände Katholische Arbeitnehmer-Bewegung und das Kolping-Werk ermöglichen in ihren Bildungszentren schwer vermittelbaren Jugendlichen einen Einstieg in die Berufswelt.

Es ließen sich noch andere, erfreuliche Beispiele anführen. Aus gegebenen Anlass möchte ich aber das Engagement eines Ordens besonders hervorheben: die Arbeit der "Schwestern vom Guten Hirten", einer Gemeinschaft, die sich vornehmlich um Frauen und Mädchen am gesellschaftlichen Rand kümmert.

Keine zwei Monate nach der Deutschen Einheit entschlossen sich die Schwestern, in die Neuen Bundesländer zu gehen und in Erfurt ein Haus aufzubauen, in dem Frauen und Mütter mit ihren Kindern Zuflucht finden können, wenn sie einer Gewaltsituation ausgesetzt sind. Die Schwestern ließen sich nicht rufen oder gar lange bitten. Sie kamen aus eigenem Antrieb und weiteten ihr Aufgabenfeld im Laufe der Zeit sogar noch aus, um sich (auch in Zusammenarbeit mit anderen) für Mädchen und Frauen in Schwangerschaftskonflikten, in der Telefonseelsorge und der Gemeindepastoral zu engagieren. Zuletzt schufen sie eine staatlich anerkannte "Fachberatungsstelle für Frauen aus Zwangsprostitution und Menschenhandel".

Ich möchte hier einmal besonders herausstellen: Die Schwestern waren nicht "nur" eine Ansprechstelle, mit geregelten Bürozeiten. Nein, Frauen und Mädchen konnten bei ihnen rund um die Uhr anklopfen, am Tag wie in der Nacht, und die Tür wurde immer geöffnet. Denn den Schwestern galten diese Menschen in Not nicht als "Fälle", die man erledigen und dann zu den Akten legen kann. Die intensive Nachsorge, das sympathische Interesse, wie es mit "ihren" Frauen weitergeht, und die Pflege oft jahrelanger Beziehungen haben gezeigt, dass die Schwestern dem Beispiel des Guten Hirten, Jesus Christus, gefolgt und gerecht geworden sind. Dafür ein herzlicher Dank!

Nachwuchssorgen und Personalmangel zwingen freilich jetzt den Orden, seine Tätigkeiten in Erfurt einzuschränken und die Leitung des Frauenhauses aufzugeben. Wie es damit weitergeht, steht noch nicht fest. Drei der Schwestern werden aber, Gott sei Dank, auch weiterhin in Erfurt präsent bleiben.

Und das sei an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht: Sozialarbeit in vielfältigen Formen, auch in Ehrenamtlichkeit, wird uns im Bistum weiterhin ein wichtiges Anliegen bleiben.


Ansprache am 14.9.2010 in der Erfurter Bildungsstätte St. Martin

Ansprache von Bischof Joachim Wanke beim Jahrespresseempfang des Bistums Erfurt 2010



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