Keine Scheu vor klaren Worten

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke beim Requiem für Joachim Kardinal Meisner am 14. Juli 2017, 18.00 Uhr im Erfurter Dom

Metallplatte, in der das Wort Tod ausgestanzt ist. Dahinter ist das Grün der Bäume zu sehenLesungen aus der Heiligen Schrift: 2 Kor, 1, 3-11; Joh 12, 23-28

„Unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich“

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, dass ich am Anfang eines neuen Jahres allen, die mir einen Weihnachts- und Neujahrgruß geschickt haben, einen Dankesbrief mit einem kurzen Jahresbericht schicke. So war es auch am Anfang dieses Jahres.
Da zu den Glückwünschen auch eine Karte von Kardinal Meisner gehörte, hatte er mir nach meinem Brief eine dreiseitenlange sehr persönliche Antwort geschickt. Darin ist u.a. zu lesen:

„Einmal im Jahr, am dritten Adventsonntag, komme ich immer zu einem kleineren Familientreffen nach Körner. Es hat sich eingespielt, dass ich am Samstagabend in Volkenroda die heilige Messe feiere, an der durch die Nähe zum Eichsfeld sehr, sehr viele Eichsfelder teilnehmen, oft noch Frauen, die ich als Schülerinnen im Kindergärtnerinnen-Seminar hatte. Mit der Kollekte bekomme ich dabei den einen oder anderen Feld-kiker geschenkt. Am Abend ist dann bei unserem Peter im Haus ein körner’sches Schlachtwurstessen, an dem sehr, sehr viele Familienmitglieder, aber auch Mitbrüder, die nach Volkenroda kommen, dabei sind. Am nächsten Tag ist dann die heilige Messe in Schlotheim. Und nach dem Friedhofsbesuch ist dann als letzter Punkt ein feierliches Mittagessen in einem Restaurant in Körner unsere Praxis. Ich staune, dass das Restaurant fast zu klein geworden ist, da die Familie immer mehr wächst, sodass die Kinderzahl immer größer wird und wir wohl eines Tages noch ausziehen müssen.

Zu meinen regelmäßigen Aufgaben im Januar gehört dann immer der Gedenkgottesdienst in Hellefeld für Bischof Hugo Aufderbeck. Ich hatte vor einigen Jahren gefragt, ob wir diesen Gedächtnisgottesdienst an einem Sonntagnachmittag nicht einstellen sollten? Aber die Gemeinde war einstimmig dagegen. Ich denke, dass ich dieses Jahr wohl des letzte Mal in Hellefeld zelebrieren werde, weil es für mich kräftemäßig sehr beschwerlich ist.

Ich bin dir noch sehr dankbar, dass du die Tore zum Dom geöffnet hattest, als ich vor drei oder vier Jahren mit meinem Sekretär am Samstag vor dem 3. Advent bis zum Dom hochfahren konnte, so dass ich nach langer Zeit wieder einmal den Dom erleben konnte. Es hat mich gefreut, meinem Sekretär, der übrigens 10 Jahre bei mir war und noch nie in Erfurt war, den Blick und das Interesse für unsere Kirche in Thüringen und im Ostteil unseres Vaterlandes öffnen konnte“. Soweit das Zitat.

Joachim Kardinal Meisner ist über seinen Dienst in Berlin und Köln hinaus mit den Gemeinden und Gläubigen des Bistums Erfurt weiterhin verbunden geblieben. Sicherlich waren es vor allem Hundeshagen und Körner, zu denen er aufgrund der Finanzierung zur Priesterausbildung als auch aufgrund der Liebe zum Wallfahrtsort Etzelsbach verbunden blieb. Aber auch die Tätigkeit als Priester und Weihbischof im Bistum Erfurt ermöglichte über diese Zeit hinaus viele Kontakte persönlicher und geistlicher Art, für die wir heute als Bistumsgemeinde dem lieben Verstorbenen und damit Gott von Herzen danken wollen.

Für mich persönlich sind es wohl zwei Erfahrungen, die mich mit Kardinal Meisner verbinden: als Jugendlicher war ich in der Elisabethgruppe in Weimar tätig, um die Caritasbeiträge bei Gemeindemitgliedern einzusammeln. Dabei entdeckte mich bei einem Einkehrtag der damalige Caritasrektor Meisner und verwunderte sich, dass ein junger Mann unter den Frauen in caritativem Anliegen tätig war. Öfter sprach er mich auf diese Erfahrung hin an, von der ich eigentlich nur noch wenig wusste. Weiterhin ergab es sich, dass er bei meiner Bischofsweihe am 26. November 2005 anwesend sein konnte, da er sich schon als Gast, Konzelebrant und Prediger für das Silberne Bischofsjubiläum von Bischof Dr. Wanke angemeldet hatte und wir ja dieses Jubelfest mit der Bischofsweihe verbinden konnten, was Bischof Wanke und ich als sehr praktisch und ökonomisch erkannten. Da bei einer Bischofsweihe nach römischer Ordnung mindestens 3 Bischöfe anwesend sein müssen, war Kardinal Meisner einer der Mitkonsekratoren zusammen mit Weihbischof Hans-Reinhard Koch und dem Hauptkonsekrator Bischof Dr. Wanke.

Die Gemeinschaft im bischöflichen Dienst war für Kardinal Meisner ein wichtiges Kriterium für die Katholizität der Kirche. Da schon die Apostel in ein Kollegium zusammengeschlossen waren, sollte dieses Prinzip auch auf Zukunft hin die Kirche prägen. Somit war die Bischofsweihe für Kardinal Meisner ein Verbindungsglied zu den Bischöfen in Ost und West. Sein Engagement in der Weltkirche wird sich sicherlich auch morgen bei der Beisetzung in Köln, an der ich als Vertreter des Bistums teilnehmen werde, sichtbar sein.

„Spes nostra firma“ (2 Kor 1,7) – „Unsere Hoffnung für euch ist unerschütterlich“ – so lautete der bischöfliche Wahlspruch von Joachim Kardinal Meisner, den er sich anlässlich seiner Ernennung zum Weihbischof in Erfurt ausgesucht hatte. Der Apostel Paulus schildert seine Nöte, die er aufgrund des Verkündigungsdienstes in der Provinz Asien erlitten hat. Er beginnt jedoch seinen Brief nicht mit der Schilderung der Plagen, sondern mit einem Lobpreis an Gott, den Vater Jesu Christi, den er als Vater des Erbarmens und Gott allen Trostes erkannt hat. Für den Apostel sind sowohl persönliche Not als auch der missionarische Erfolg Grund zum Dank an Gott, da er weiß, wie sich das Kreuz in Segen verwandeln kann. Es ist dies ja eine besondere Sichtweise des Christentums, die oft als Duckmäuserhaltung missverstanden wird, obwohl jeder, der in der Erziehung tätig ist, weiß, dass Erziehung nicht nur auf dem Ponyhof geschieht, wobei selbst schon erkannt wird, dass Selbstlosigkeit und Mühe in der Sorge um die Tiere aufgebracht werden müssen, damit das Leben und Miteinander gelingt.

Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung aus der schlesischen Heimat wie auch die Erfahrung der politischen Bedrängnis im Sozialismus haben Kardinal Meisner zu einem Verkünder heranreifen lassen, der das klare Wort nicht gescheut hat und den Grund dafür angeben konnte: Seine Christus- und Marienliebe. Nicht sich selbst wollte er verkünden, sondern Christus, der Hoffnung trotz aller Bedrängnis gibt, weil er Tod, Not und Leid überwunden hat, indem er alles auf sich genommen hat aus Liebe zu uns Menschen. Wir haben keinen anderen Grund, die Kreuzesnachfolge als sinnvoll und segensreich zu bezeichnen, als eben diese Haltung Jesu, die prägend war für Jesus – sicherlich auch in der Nachfolge der Propheten des Alten Bundes, in deren Fußstapfen Jesus durch seine Bundestreue und Gottesliebe getreten ist.

Das Wort Jesu im Johannesevangelium ist Ausdruck dieses Selbstverständnisses Jesu: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Hingabe an Gott und die Menschen bleibt nicht ohne Wirkung. Die Wahrheit dieses Wortes erkennen wir dann, wenn wir diese Haltung praktizieren. Das Beispiel der Hingabe unserer Bistumspatronin, der heiligen Elisabeth von Thüringen, wurde durch ihre Verwandten nicht verstanden und als wahnsinnig bezeichnet. Die meisten, denen sie geholfen hat, erkannten in ihr eine Hoffnung, die von Gott kommt, und selbst zur Nächstenliebe anstiftet.

Was bestimmt die Themen in unseren Pfarreien? Sind es die Sorgen um die Jugend und die Kinder? Sind es die Sorgen um das Geld? Sind es die Planungen der geistlichen und geselligen Veranstaltungen der Pfarrei? Sicherlich ist immer von allem etwas dabei. Was wir aber durch das Lesen der Heiligen Schrift erkennen müssen ist die Tatsache, dass es keinen Grund für Resignation und Pessimismus gibt, weil hinter allem, was Kirche betrifft, der Herr der Kirche selbst steht und durch den Heiligen Geist die Wege zeigt, die wir gehen müssen. Es kommt nur darauf an, hellhörig zu sein für die Regungen des Heiligen Geistes und ihm Raum zu geben. Wir haben in einer Bistumsordnung für Sitzungen der Kirchort- und Pfarreiträte das Gebet am Anfang der Sitzung als wesentlicher Teil der Zusammenkunft hineingeschrieben. Bis in die höchsten kirchlichen Kreise erweckt es Verwunderung, wenn um ein Gebet am Anfang oder Ende der Zusammenkunft gebeten wird. Wir laufen Gefahr, aus der Kirche eine Organisation zu machen, die ganz dem menschlichen Kalkül unterliegt, wenn wir das Gebet ausfallen lassen. Durch das Erheben oder Falten der Hände geben wir deutlich an, wer das Sagen hat.

Die Kreuzesnachfolge wird möglich, wenn wir schon dann, wenn das Kreuz noch erträglich ist, mit dem Aufblick zum Himmel beginnen. Mit Kindern üben es bisweilen die Eltern schon beim Abendgebet ein: Denke nach darüber, was heute nicht gut war und was dir gelungen ist. Alles wollen wir vor Gott stellen und darum bitten, dass das Gute mächtig und das Böse ohnmächtig wird.“ Wir haben es nicht in der Hand, was aus unserem Reden und Tun wird. Daher ist es durchaus sinnvoll, die Hände zu Gott zu erheben.
Im Leben und im Sterben, mit klarem Kopf beim Schreiben seines geistlichen Testamentes und in der Todesstunde hat Joachim Kardinal Meisner dazu eingeladen, die Gedanken und Herzen in allen Lebenslagen zu Gott zu erheben, damit das Leben und die Welt gelingen.

Diese Gebetshaltung macht deutlich, von welchen Quellen wir leben und welche wir wirklich brauchen. So will ich am Schluss aus diesem Geistlichen Testament von Kardinal Meisner zitieren:
„Nicht die Gnade, die der Apostel Johannes empfangen, begehre ich, nicht die Vergebung, mit der du dem Petrus verziehen, die nur, die du am Kreuz dem Schächer gewährt hast, erflehe ich: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Möge dem lieben Verstorbenen diese Sehnsucht erfüllt werden. Unser Glaube sagt: Wir können dabei helfen, soweit es nötig ist. Unser Gebet und die Feier von Tod und Auferstehung Jesu in dieser Eucharistiefeier mögen dazu dienen. Amen.

14.07.2017

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke beim Requiem für Joachim Kardinal Meisner am 14. Juli 2017, 18.00 Uhr im Erfurter Dom



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