Einander annehmen

Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr beim ökumenischen Gottesdienst zum Abschluss der Festwoche „500 Jahre Reformation“ im Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen auf dem Marktplatz in Eisenach 7. Mai 2017

Porträt Bischof Ulrich Neymeyr, ErfurtWenn ein Priesteramtskandidat auf die Priesterweihe zugeht, steht er vor der Herausforderung, einen sogenannten Primizspruch zu wählen, einen Bibelvers, der seinen priesterlichen Dienst begleiten soll. Als ich im Jahre 1982 zum Priester geweiht wurde, habe ich einen Vers aus dem Römerbrief ausgewählt: „Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes“ (Röm 15,7). Als ich im Jahre 2003 zum Weihbischof von Mainz ernannt wurde, stand ich wieder vor der Aufgabe, einen Leitvers für meinen bischöflichen Dienst zu wählen. Diesmal fiel mir die Wahl leicht. Mein Primizspruch hatte sich im 20-jährigen priesterlichen Dienst bewährt. Er ist mir immer eine wichtige geistliche Inspiration geblieben. Da der ganze Vers für einen bischöflichen Wahlspruch zu lang ist, wählte ich den mittleren Teil aus: „Christus hat uns angenommen!“

Die Aufforderung des Apostels Paulus: „Nehmt einander an!“ ist eine Aufforderung, die jeden Menschen betrifft. Wer ohne Religion lebt und humanistische Ideale hat, kann diese Aufforderung ohne weiteres in sein Leben übertragen, ja manchmal beschämt es mich, dass Menschen, die keine Religion haben, sich eifriger um ihre Mitmenschen sorgen und humanistische Ideale realisieren, als die Christen. Es ist ihnen wichtig, zu einem Ja-Wort, das sie einmal gesprochen haben, zu stehen und eine Beziehung auch in stürmischen Phasen, nicht aufzugeben.

Es gibt in Thüringen Hospize, die sich um sterbende Menschen kümmern und die von Nichtglaubenden ins Leben gerufen worden sind. Alleine aus humanistischen Motiven sind Menschen bereit, aufopferungsvoll für andere da zu sein. Das muss für uns Christen eine Herausforderung bleiben. Eigentlich dürfte uns niemand in der wachen Sorge für Andere etwas vormachen, im konkreten Nächstendienst und in der aufopferungsvollen Treue. Denn wir haben ja nicht nur humanistische Motive für unser Tun, sondern eine tiefe religiöse Motivation, die Paulus im zweiten Teil seines Satzes im Römerbrief zum Ausdruck bringt.

Er schreibt: „Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat.“ Christus hat uns angenommen! Der griechische Begriff meint mehr, als dass Christus uns irgendwie akzeptiert und so sein lässt, wie wir sind. Man kann auch übersetzen: „Christus hat uns erlöst!“. Er ist aus der Herrlichkeit des Himmels in unsere menschliche Existenz hinabgestiegen, aus Liebe zu uns Menschen. Er hat uns das Modell des Menschen vorgelebt. Er hat uns gezeigt, wie Gott den Menschen eigentlich geschaffen hat und uns sein Leben zum Vorbild gemacht.

Im Johannesevangelium ist uns der Satz Jesu überliefert: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh 15,13). Die Liebe Jesu zu uns Menschen übersteigt menschliche Fähigkeiten. Er hat nicht nur die Menschen geliebt, denen er zu seinen irdischen Lebzeiten begegnet ist. Seine Lebenshingabe schließt alle Menschen mit ein. Er hat sein Blut für alle vergossen. In seiner Passion ist er hinabgestiegen in menschliche Grausamkeiten und hat uns in einer Tiefe angenommen, geliebt und erlöst, wie nur Gott es kann.

Martin Luther hat dies – vor allem geprägt durch seine Studienjahre in Erfurt – geistlich erspürt und theologisch reflektiert. Die Antwort des Menschen auf diese Liebe ist, dass er sie dankbar annimmt. Die tiefe göttliche Liebe ist nicht nur eine allgemeine Liebe zur Menschheit insgesamt, sondern sie ist das Angebot der Liebe zu jedem einzelnen Menschen, der sich darauf einlässt. In der Taufe wurden wir mit unserem Namen angesprochen. Da ist jede und jeder einzelne von uns in diese göttliche Liebe Jesu hineingezogen worden.

Es ist schön, dass wir dieses Fundament unserer christlichen Existenz 500 Jahre nach der Reformation in einem Christusjahr gemeinsam begehen können. Als Christen müssen wir uns selbstkritisch fragen, wie weit wir uns von der Quelle der göttlichen Liebe in Christus Jesus entfernen, wie sehr wir die Gemeinschaft mit Jesus Christus suchen im Gebet, im Gottesdienst, im wachen Blick für den Nächsten. Auch für die Quelle der göttlichen Liebe gilt das Sprichwort: „Je weiter man sich von der Quelle entfernt, desto trüber wird das Was-ser.“ Wir müssen auch damit rechnen, dass unsere menschliche Bequemlichkeit, aber auch das geringe Ansehen der Religion in unserer Gesellschaft, uns von der Quelle des göttlichen Lebens wegtreiben. Auch hier gilt ein altes Sprichwort: „Der Weg zur Quelle führt gegen den Strom.“

Der dritte Teil des Satzes aus dem Römerbrief wirkt zunächst wie angehängt: „Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.“ Sicher tun wir alles zur Ehre Gottes. Die Alten unter uns haben noch die Antwort auf die Katechismusfrage: „Warum sind wir auf Erden?“, gelernt: „Um Gott zu loben und zu ehren und so die ewige Seligkeit zu erlangen.“ Diese letzten Worte des Paulussatzes sind aber alles andere als ein bedeutungsloser Nachklang. Wenn Paulus uns auffordert, uns der Menschen anzunehmen zur Ehre Gottes, dann ruft dies einen Aufschrei in der heutigen Gesellschaft hervor.

Das wichtigste Ziel der gesellschaftlichen Ordnung besteht darin, dass der Menschen sich selbst verwirklichen kann, dass er sich niederlassen kann, wo er will; dass er die Ausbildung machen kann, die er will; dass er den Beruf wählen kann, den er will; dass er seine Partnerschaft so gestalten kann, wie er will; ja dass er sogar das Geschlecht auswählen kann, das er will. Da wird es fast schon als Zumutung empfunden, dass der Mensch nicht entscheiden kann, wann und wo er geboren wird. Alles andere aber soll ihm überlassen sein. Dagegen sperren sich die drei letzten Worte im Paulussatz: Zur Ehre Gottes! Da fragt der Mensch nicht: Was will ich? Was tut mir gut? , sondern er fragt sich: Was will Gott? Was hat er vor? Da kann ein Ehepaar akzeptieren, dass es keine leiblichen Kinder bekommen kann und darauf verzichten, alle bedenklichen Methoden der modernen Fortpflanzungsmedizin anzuwenden. Da kann ein Ehemann es fertig bringen, treu zu seiner Frau zu stehen, die von einem Schlaganfall getroffen wurde. Da kann man sogar das fertig bringen, was die höchste Form der Gottesliebe ist, jene Liebe, die völlig frei ist von Selbstliebe und Nächstenliebe. Ich meine die Feindesliebe, die Jesus uns in der Bergpredigt zumutet. Er verlangt ja nicht nur, dass wir auf Vergeltung verzichten und den Feind verschonen, sondern er fordert uns auf: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen!“ (Mt 5,44). Das ist gegen jede Selbstliebe und eine absolute Überforderung der Nächstenliebe.

Feindesliebe ist nur möglich als Gottesliebe. Das Gebot der Feindesliebe geht deswegen auch so weiter: „[…], damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt 5,45). Ich kann den Feind nur deswegen lieben, weil Gott ihn nicht vom Erdboden verschwinden lässt. Feindesliebe geht nur zur Ehre Gottes. Wer sich dem Selbstverwirklichungswahn widersetzt und Gott Gott sein lässt, der kommt dabei nicht zu kurz. Im Gegenteil: Der Himmel ist deswegen der Himmel, weil Gott im Zentrum ist und die Erlösten ihm diesen Platz einräumen. Dies beschreibt der Seher Johannes in seiner Offenbarung: „Seht, das Zelt Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein. Und er, Gott, wird bei ihnen sein.“ (Off 21,3).

08.05.2017



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