Zum Glauben gehört Mut

Predigt von Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke bei der Männerwallfahrt des Bistums Erfurt zum Klüschen Hagis an Christi Himmelfahrt 2013


Standpunkt: Durch Taufe und Firmung bin ich befähigt...
Die Wallfahrt stand unter dem Leitwort: "Dein Glaube hat Dir geholfen"


Unzählige Male war eine junge Frau schon mit ihrer Mutter in Etzelsbach. Die Mutter erzählte, dass sie vor vielen Jahren ein kleines Mädchen bekommen hatte, das aber schwer krank war und kaum lebensfähig. Die Kleine lag im Kinderkrankenhaus Dingelstädt und die Eltern mussten um das zarte Leben fürchten. Die Mutter bat ihren Mann, zur Muttergottes nach Etzelsbach zu fahren und sie "abzuwischen", damit das Taschentuch dem Kind aufgelegt werden könnte. Der junge Vater strampelte mit dem Fahrrad nach Etzelsbach, erfüllte seinen Auftrag und brachte das Tüchlein in die Klinik. Dort legten es die Eltern mit Bitten und Vertrauen auf das Kind. Am nächsten Morgen stand der Arzt fassungslos bei der kleinen Patientin. Die schlechten Blutwerte und das Befinden hatten sich fast normalisiert. Er fragte die glückliche Mutter, ob sie dem Kind etwas gegeben und was sie gemacht hätte oder wie das zu erklären sei. Sie erzählte ihm von dem Taschentuch und dass sie von der Hilfe der Gottesmutter überzeugt sei. Da nahm der Arzt das Kind, hielt es in die Höhe und sagte: "Du bist ein Gotteskind!" So wird es in einem neuen Büchlein über Etzelbach berichtet.

Viele ähnliche Begebenheiten könnten wir jetzt zusammentragen, die sagen: "Ich bin von Gott getragen und in Liebe umsorgt!" Wallfahrtsorte wie Etzelbach sind Plätze, an denen Wunderbares berichtet wird. Es sind Erfahrungen, zu denen vielleicht Nichtglaubende sagen: "Zufall!" oder: "Glück gehabt!" Der Glaubende aber sieht es anders, denn er kennt den Himmel - eine Dimension des Lebens, die anderen verborgen ist.


1. Die Einladung der Heiligen Schrift

Die Heilige Schrift lädt uns an vielen Stellen ein, das Vertrauen in Gott zu haben. "Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen!... Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir!" – beten wir im Psalm 23. Die Evangelien berichten von Heilungen Jesu, die von Jesus mit den Worten gedeutet werden: "Dein Glaube hat Dir geholfen." Hier wird nichts von Medizin oder ärztlicher Kunst erzählt, die geholfen hat. Medizin hat Jesus nicht studiert. Weil die Kranken zu Jesus gegangen sind oder zu ihm als Prophet und Messias gebracht wurden, kann er sagen: Der Glaube an ihn und seine Beziehung zum Vater im Himmel hat das Wunder vollbracht. Es ist eine Heilung an der Seele geschehen, die auch eine leibliche Konsequenz hat: Der Lahme kann gehen, die Blinde kann sehen und der Gehörlose kann hören und sprechen. Wir sehen natürlich dann immer zuerst die leibliche Heilung. Jesus aber hat zuerst die Beziehung des Kranken zum Vater im Himmel geheilt. Als das Vertrauen in die Kraft Gottes gegeben war, konnte Heilung geschehen. Nach der Heilung der Gottesbeziehung war die Heilung des Leibes möglich. Ohne Heilung der Gottesbeziehung wäre es vielleicht ein schönes Zauberkunststück geworden. Wer also Anteil an Heilungen durch Gott sucht, muss Vertrauen haben, dass Gott dazu in der Lage ist und deshalb darum gebeten werden kann. Wer Gottvertrauen hat, der strömt Gelassenheit aus, die wir in dem Lied zum Ausdruck bringen: "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (GL 295), das in der 1. Strophe lautet: "Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut!"


2. Menschliche Reaktionen auf die "Zumutungen Gottes" - Glaube als Deutung des Alltags

2a. Der Ungläubige
Die Erlebnisse des Alltags fordern uns zur Stellungnahme heraus. Der Nichtglaubende versucht, alles innerweltlich zu erklären. Er sucht nach Gesetzmäßigkeiten und verlässt sich auf wissenschaftliche Untersuchungen. Wunderberichte der Heiligen Schrift wurden auch bisweilen mit Büchern zu erklären versucht, die feststellten: "Und die Bibel hat doch recht!" Der Gläubige braucht keine naturwissenschaftliche Erklärung der Wunder. Wir haben eine andere Herangehensweise an den Alltag. Wir deuten die Alltagsbegebenheiten im Licht Gottes und erklären sie nicht. Wir erleben das Gleiche wie unsere nichtchristlichen Mitschwestern und Mitbrüder, aber wir deuten es anders. Natürlich suchen wir auch nach Gesetzmäßigkeiten der Physik, der Chemie, der Geschichte oder der Biologie, aber wir wollen nicht bei der Frage nach dem "Wie" stehen bleiben, sondern wir fragen nach dem "Warum". Der Glaubende unterscheidet sich vom Nichtglaubenden – egal in welcher Religion er steht – durch diese Frage nach dem "Warum". Von Galileo Galilei stammt das Wort: "Die Absicht des Heiligen Geistes ist es, uns zu lehren, wie man in den Himmel kommt, und nicht, wie er funktioniert.".

2b. Der Gläubige in seiner Ungeduld mit Gott
Ich weiß aber auch um Christen, die sich von Gott enttäuscht sehen. Sie hatten Gott gesagt, was nach ihrer Ansicht gut wäre und was Gott nun tun sollte. Er hat es aber nicht so werden lassen. Darum sagen die Menschen: Es gibt keinen Gott. Ich sehe es als ein Problem an, wenn wir Gott sagen, was er tun oder lassen soll. Mancher kennt das schöne Buch über das Schicksal der indischen Ärztin Mary Verghese: "Um Füße bat ich und er gab mir Flügel." Kurz nach ihrem Staatsexamen hatte sie einen Autounfall und war querschnittsgelähmt. Ihre Erfahrungen als Querschnittsgelähmte, die nach vielem Bemühen wieder als Ärztin arbeiten konnte, werden in diesem Buch zusammengefasst. Wenn ein Gebet mit vollem Herzen und mit Liebe gesprochen wurde, dann ist es niemals umsonst, aber wir müssen damit rechnen, dass das Ergebnis ein anderes sein kann. Ich gebe zu, dass wir mit Gott bisweilen nicht einverstanden sind, weil wir nicht sehen, wie er wirkt und Veränderungen schafft. Uns fehlt die Übersicht. Daher empfehle ich immer: Habt Geduld mit Gott! Dann werdet ihr erkennen, wie er wirkt vielleicht anders, aber nicht weniger kräftig.


3. Was stärkt unser Gottvertrauen?

Wenn ich nach dem Grund meines Vertrauens forsche, kann es sein, dass ich schnell zu meinen Wurzeln komme. Weil ich in der Familie oder im Freundeskreis Menschen kennen gelernt habe, die Gottvertrauen haben, konnte ich selbst Vertrauen zu Gott aufbringen. Wir müssen uns aber vor dem Gedanken hüten: Vertrauen ist vererbbar wie rotblonde Haare oder Musikalität. Es kommt auch darauf an, ob Vertrauen gefördert und gefordert wurde.

Glaube äußert sich auch im Miteinander der Menschen, wenn der Mann zur Frau sagt: "Ich glaube an Dich! Gut, dass du da bist!" Was wird damit ausgedrückt? Es ist auch ein Ausdruck des Vertrauens in die Liebe und Aufopferungsbereitschaft des anderen Mitmenschen. Wer solches sagt, übt schon einmal ein, was wir auf Gott hin sagen und tun sollen. Wer so spricht, lebt aber weiterhin mit der Ungewissheit, ob dieser Glaube an den Menschen nicht auch enttäuscht werden könnte. Ich freue mich über solche Hingabe und Liebe und ich wünsche sie mir noch mehr, als ich sie derzeit erleben kann. Aber ich weiß auch: Wir dürfen den Mitmenschen nicht überfordern. Er ist kein Gott. Er ist nur ein Mensch mit Grenzen und Fehlern bei allem guten Willen. Der Glaube an den Mitmenschen ist jedoch dringend empfehlenswert, um den Glauben an Gott einzuüben und wert zu schätzen, denn Gott kann wesentlich besser wirken, worum sich der Mensch nur anfänglich bemühen kann.

Auch aus der Erfahrung, dass ich kein Vertrauen erlebt habe, kann Vertrauen erwachsen – wie bei einer bewussten Gegenreaktion. "Ich will es jetzt endlich einmal tun!" So habe ich es bei Taufbewerbern erlebt, die atheistisch erzogen wurden. Als der Sozialismus zu Staub zerfiel, obwohl dem Sozialismus Ewigkeit zugesagt worden ist, hat sich ein junger Mann aus Erfurt, der atheistisch erzogen worden war, gesagt: " ch melde mich jetzt beim Theologischen Fernkurs an. Jetzt will ich es wissen, wie das mit dem Glauben ist!" Nach 5 Jahren Grund- und Aufbaukurs sagte er dann: "Was hindert es, dass ich getauft werde. Es ist alles klar! Ich brauche jetzt nur noch einen Taufpfarrer."

Es liegt das Gottvertrauen nicht im Trend der Zeit. Inschriften an Häusern bezeugen das frühere Denken, das sich im Wort des Psalm 127 ausdrückt: "Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut" (127,1). Christen im Eichsfeld und in der Diaspora bringen die Ernte aus Garten, Wald und Feld ein und tragen die Erntegaben mit Dank in die Kirche. Es werden in Etzelsbach und an anderen Heiligen Orten Kerzen aufgesteckt zum Dank für das, was gelungen ist mit den Händen und mit dem Geist. Ich wünschte mir, dass es alle so tun und damit realistisch auf den Alltag schauen, der uns zum Handeln auffordert, aber auch die Grenzen aufzeigt, die wir immer mehr beseitigen wollen durch die Kraft der Hände und des Geistes, die aber auch bleiben werden und uns sagen: "Du bist nicht der Herrgott. Überlass die Weltregierung dem, der es wirklich besser kann, weil er die bessere Übersicht hat und nicht nur die Naturgesetze kennt, sondern auch die Herzen der Menschen bis auf den Grund!"

In seiner Predigt am Beginn des Jahres des Glaubens hat der damalige Papst Benedikt gesagt: "Der gelebte Glaube öffnet das Herz für die Gnade Gottes, die vom Pessimismus befreit." (KNA Dokumente 11/2012, S. 4). Papst Benedikt weist damit auf die Verantwortung der Christen hin, vorbildlich den Glauben zu leben, darüber zu sprechen und davon Zeugnis zu geben. Ich erlebe derzeit kleine Gruppen von Christen, bei denen es selbstverständlich ist, bei einem Treffen die Hände zu falten und zu beten. Sie haben auch keine Bedenken, in der Öffentlichkeit vor einem Kreuz oder Bildstock den Hut zu ziehen, wie es die Väter und Großväter im Eichsfeld noch getan haben. Sie haben keine Angst, den Kindern zu helfen, in der Fasten- oder Adventszeit den Verzicht einzuüben und Werke der Nächstenliebe auszudenken. Wir kommen aus dem Loch des Pessimismus nur heraus, wenn wir Menschen erleben können, die mit Gottvertrauen den Alltag gestalten und davon erzählen. Das können persönliche Erlebnisse sein wie die aus Kriegszeiten sein, die uns von den Eltern berichtet wurden, dass können auch biblische Erzählungen sein, die immer wieder gehört und gelesen werden: Vertrauenserzählungen wie die von Daniel und seinen Freunden in der Löwengrube, wie die vom Schatz im Acker, wie die von der armen Witwe, die alles verschenkte, was sie hatte. Wo finden wir diese Helden des Alltags? Sind es nur die großen Heiligen wie Elisabeth von Thüringen, wie Bonifatius, Kilian, Otto Neururer, Marcel Callo oder Mutter Teresa von Kalkutta? Sind es nicht auch unsere Bischöfe, Pfarrer, Diakone, Gemeindereferenten und –referentinnen, unsere Diakonats- und Kommunionhelfer, die ehrenamtlich tätigen Küster und Mitarbeiter in den alten und neuen Gremien der Gemeinden, die Organisten und Chorleiter, die Lektoren und Ministranten? Sie sagen uns: "Habt Glaube und Vertrauen! Es ist möglich!" Und fragt dann, liebe Väter, eure Söhne und Töchter, ob sie nicht mit Haut und Haar Gott und der Kirche dienen wollen. Denkt nicht, dass ihr ärmer werdet, wenn ihr keine Enkel und Enkelinnen auf den Armen schaukeln könnt. Jedes Jahr erlebe ich die Eltern unserer Priester bei einem Treffen in Heiligenstadt. Sie fiebern mit ihren Söhnen mit, wenn es um die neuen Aufgabenstellungen geht, die diese zu bewältigen haben, weil die Pfarrgebiete immer größer werden. Aber sie freuen sich auch mit ihnen, wenn sie sehen, wie sie als Eltern auf ihre Weise zum Aufbau des Gottesreiches mithelfen konnten. Ihr eigenes Fleisch und Blut dient so konkret dazu, dass Kirche lebt.


4. Schluss: Ernstmachen mit Gott

Zum Glauben gehört Mut zum Ernstmachen mit Gott und jeder kann es, wenn er sich von der Liebe Gottes ansprechen lässt. Dazu müssen wir uns gegenseitig ermutigen und dürfen nicht in das Klagelied aller einstimmen, die sich Verbesserungen vom Papst, den Bischöfen und Pfarrern erhoffen. Jeder und jede ist in der Lage, zu glauben und zu vertrauen. Unser Glaube braucht ein solides Fundament durch Glaubenswissen. Nur derjenige, der auskunftsfähig ist, wird auch die Fragen der Zeit angehen können und wollen. Wir leben in einer Zeit der großen Herausforderung des Glaubens. Die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift schenkt die Zuversicht, dass im Wandel auch die Chance zur Erneuerung steckt. Mit diesem Blick in den Himmel und seine Verheißungen werden wir nicht lebensfeindlich oder weltuntauglich. Die großen Heiligen haben das bewiesen. Liebe Eichsfelder, vergesst den Himmel Gottes nicht. Gott glaubt an uns, darum sollten auch wir an IHN glauben und auf seine Kraft vertrauen. Amen.


9.5.2013



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