Anständig leben ist hilfreich für Zeit und Ewigkeit

Ansprache von Diözesanadministrator Weihbischof Reinhard Hauke zum Elisabethempfang des Bistums Erfurt

Nachfolgend dokumentieren wir die Ansprache des Diözesanadministrators Weihbischof Reinhard Hauke in der vorab den Medien zur Verfügung gestellten Fassung. Es gilt das gesprochene Wort!

Porträt Weihbischof HaukeEhre sei Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade (Lk 2,14)
Oder:  Wie werde ich ein anständiger Mensch?

Das Anliegen

"Das gehört sich nicht!" sagt die Mutter zu ihrem heranwachsenden Sohn, weil er zu seiner Freundin ziehen will – eine Äußerung, die in diesem Zusammenhang heute kaum noch verstanden wird. Die Mutter hat eine Vorstellung von dem, was sich gehört und was nicht. Sie wünscht sich, dass auch ihr Sohn ein anständiger Mensch wird. Sie will etwas Gutes, ohne dass sie genau sagen kann, was denn gut oder besser ist. Eine solche Aussage fordert zum Widerspruch heraus. Sie führt mich zur Frage: Was ist heute anständig und was nicht?

Beim Elisabethempfang sind in jedem Jahr Frauen und Männer eingeladen, die sich um den Anstand in der Gesellschaft bemühen. Wir können auch sagen: um Gerechtigkeit und Frieden in der Gesellschaft. Das Wort "Anstand" hat eine moralische oder moralisierende Einfärbung. Wir wissen, dass sich im Laufe der Menschheitsgeschichte dabei wesentliche Veränderungen vollzogen haben. Die Frage ist dann: Fügen wir uns den Anstandsnormen der Masse oder haben wir noch einen anderen Haltepunkt, um darüber zu entscheiden?

Am Festtag der heiligen Elisabeth von Thüringen drängt sich natürlich auf, nach dem zu fragen, was diese große Heilige als anständig angesehen hat. Wir wissen aus ihrer Lebensbeschreibung, dass sie nur die Speisen angerührt hat, von denen sie wusste, dass sie redlich erworben und bezahlt wurden. Wir wissen, dass sie die Ungerechtigkeit und Armut durch Wohltätigkeit über alle Maßen ausgleichen wollte. Wir wissen, dass für sie die Christusbeziehung und das Gebet von Kindesbeinen an eine große Bedeutung hatte. Aus tiefer Liebe zu Christus hat sie in ihrer Witwenschaft alles verschenkt, was ihr zustand. Anständig war für sie, was der Gottes- und Nächstenliebe diente. Damit stand sie außerhalb dessen, was zu ihrer Zeit am Hof üblich und anständig war.


Der biblische Befund

Wer nach dem Wort "Anstand" in der Bibel forscht, macht die Erfahrung, dass es Übersetzungsprobleme gibt. Ausgehend vom deutsch-griechischen Wörterbuch findet sich der Hinweis auf die Vokabel im griechischen Text des Neuen Testaments: euschemosyne. Diese Vokabel lesen wir bei der Beschreibung des Joseph von Arimathäa, der als "vornehmer Ratsherr" beschrieben wird (Mk 15, 43) und bei ihm diese Vokabel zur Beschreibung seines Anstands verwendet wird. Weiterhin findet sie sich im 1. Korintherbrief, als der Apostel Paulus den Umgang des Menschen mit den Gliedern seines Leibes beschreibt und sagt, dass wir den "anständigen" Körperteilen des Leibes mit Anstand begegnen (1 Kor 12, 24). In der lateinischen Übersetzung beider Texte finden wir unterschiedliche Vokabeln: bei Joseph von Arimathäa heißt es: "nobiles" und bei Paulus "honestatem", also Noblesse und Ehrfurcht. Der Ratsherr stand in hohem Ansehen beim Volk, weil er wohl sehr sensibel umgegangen ist mit der Frage, ob Jesus der Messias ist oder nicht. Er war reich (Mt 27, 60), gut und gerecht (Lk 23, 50), Mitglied des Hohen Rates (Lk 23, 51) und ein Jünger Jesu (Mt 27, 57), der dem Vorgehen des Hohen Rates gegen Jesus nicht zugestimmt hatte. Im Johannesevangelium wird er sogar als geheimer Jünger bezeichnet (Joh 19, 38). Nach dem Tod Jesu ließ er sich von Pilatus den Leichnam Jesu übergeben, um ihn in seinem Felsengrab zu bestatten, das er für sich hatte herstellen lassen. Noblesse besteht bei ihm darin, dass er Charakter hat und sich nicht von einer Mehrheit bestimmen lässt. Er weiß um seine Verantwortung vor Gott, aber er weiß auch um die Notwendigkeit, dem Volk durch gerechte und kluge Entscheidungen zu dienen.

Bei der anderen lateinischen Vokabel "honestatem" kommt bei mir die Erinnerung an zahlreiche biblische Stellen, bei denen von der Ehre Gottes die Rede ist. Anständig ist es, Gott im Himmel die Ehre zu geben und den Frieden auf Erden zu wünschen und zu schaffen (Lk 2, 14; 1938). Wer so handelt, gilt für mich als nobel und anständig. Er hat für mich ein solides Fundament im Entscheiden. Er weiß, wem er verantwortlich ist in seinem Tun und worauf er sein Augenmerk richten soll. In der Weihnachtsgeschichte, die wir wieder bald hören werden, finden wir diesen Satz im Jubel der Engel von Betlehem. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Text an der Krippe zu lesen ist. Für mich ist es eine Aufforderung, zu einem guten Maß im Verhalten zu kommen: Gott die Ehre geben und dem Menschen dadurch Frieden auf der Erde zu ermöglichen. Der Einsatz der Christen in einer Umgebung, die mehrheitlich ohne Evangelium lebt, hat für mich gesellschaftsrelevante Bedeutung. Ich sehe unser christliches Tun nicht als schmückendes kulturelles Beiwerk der Gesellschaft, sondern als Hilfe zu einem "anständigen" Leben, das Gott und den Menschen in gleichberechtigter Weise im Blick hat und damit zu Frieden und Gerechtigkeit beiträgt.


Das Ringen um die Ehre Gottes

Wie finden wir heraus, wie wir der Ehre Gottes entsprechen oder dienen können? Als Christ, der einer Offenbarungsreligion angehört, die ein Buch der Offenbarung zur Verfügung hat, ist das wohl recht einfach. Es wurde verschriftlicht, was der Wille Gottes ist: Die Zehn Gebote befassen sich mit der Frage, wie Gott die Ehre gegeben werden kann: Der Zusage trauen, dass Gott der Herr des Menschen sein will. Keine anderen Götter neben ihm verehren. Den Sabbat heiligen.

Alles geht aus von der Aussage, dass Gott sich für den Menschen entschieden hat. Wir müssen ihn uns nicht geneigt machen, sondern ER hat sich schon dafür entschieden, uns glücklich und selig zu machen. Das Ringen um die Ehre Gottes beginnt also mit einem Stillwerden und Hinhören auf das, was Er schon für uns getan hat. Wem diese Liebe Gottes bewusst geworden ist, der kann gar nicht anders, als Gott zu ehren und zu achten. Am Festtag der heiligen Elisabeth erkennen wir aus einem konkreten Leben, wie dieser Prozess vor sich geht. Weil die Landgräfin Elisabeth eine tiefe Beziehung zu Gott und besonders zum gekreuzigten Christus geschenkt bekam, wollte sie nichts anderes mehr besitzen. Als sie die Möglichkeit hatte, verkaufte sie alles, was sie besaß und lebte ganz für Gott, indem sie den Armen nahe sein wollte. Ihr Ringen um die Ehre Gottes zeigte sich im karitativen Tun. Das ist bis heute für viele Menschen ein Weg und eine Lebensform, die leuchtet und den Glauben glaubwürdig macht.

Die Ehre Gottes wird aber auch möglich durch den Gottesdienst. Dabei denke ich nicht nur an die Hochform des Gottesdienstes – die Eucharistiefeier. Wenn sie auch vom II. Vatikanischen Konzil als Quelle und Gipfel allen Tuns der Kirche bezeichnet wird, so ist sie doch auch schon aufgrund der geringer werdenden Zahlen von Priestern keine Selbstverständlichkeit. In unseren Kirchgemeinden suchen wir nach gottesdienstlichen Formen neben der Eucharistiefeier, die ohne Priester in den Ortsgemeinden möglich sind. Die katholische Tradition kennt eine Vielzahl von solchen Formen, die auch durch das neue Gebet- und Gesangbuch GOTTESLOB unterstützt werden sollen. Das Stundengebet, das Rosenkranzgebet oder einfache Andachten, die auch zu Hause am Heiligabend oder im Advent möglich sind, sollen die Ehre Gottes in den Blick rücken und uns zu einer realistischen Sicht des Lebens führen, d.h. eines Lebens unter den Menschen in Verantwortung vor Gott. Wenn Kirchgemeinden Anträge auf Förderung von Kirchensanierungen, Orgelsanierungen oder Glockenreparaturen bei staatlichen Stellen abgeben, dann geht es nicht zuerst darum, Vorhandenes nur zu bewahren, sondern durch die Achtsamkeit auf die Ehre Gottes diese für uns Christen realistische Sicht des Lebens zu fördern. Wenn bei einem Elisabethempfang auch zum Gottesdienst eingeladen wird, dann ist das nicht schmückendes Beiwerk, sondern Hinweis auf den eigentlichen Grund des Feierns: ein Gott, der zu ehren ist, weil er dem Menschen Kraft zu einem selbstlosen Leben gibt.

Nun könnten Sie hier entgegenhalten, dass der Mehrheit der Menschen in Thüringen das Ringen um die Ehre Gottes eher fremd ist, gleichwohl eine große Zahl der Gäste dieses Elisabethempfanges Christen sind.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auf ein Datum verweisen, dass vor vier Wochen auf der Wartburg im Mittelpunkt stand: der 20. Jahrestag der Verabschiedung der Thüringer Verfassung durch den Landtag. Frau Landtagspräsidentin, Sie haben auf die Präambel der Verfassung hingewiesen, insbesondere auf die "vocatio dei", dass sich das Volk diese Verfassung auch in Verantwortung vor Gott gegeben hat, ohne damit in Gänze einer Religion angehören zu müssen. Vielmehr ist diese in der Verfassung verankerte "Verantwortung vor Gott" ein Bekenntnis zu einem ethischen Fundament der politischen Ordnung, das diese nicht als letztgütige absolut setzt und auch politisches Handeln als vorläufiges und dienendes betrachtet, sicherlich auch aus der Erfahrung leidvoller Geschichte mit überstandenen Diktaturen. Auf diesen Hintergrund ergänzen sich auch in Thüringen gloria dei im Glauben und vocatio dei in der Verfassung.


Das Ringen um den Frieden auf Erden

Die Brandherde des Krieges sehen wir in den arabischen Ländern. Wir wissen auch um die gesellschaftlichen Spannungen in Spanien und Griechenland. Wir kennen das Bemühen um Gerechtigkeit im Prozess gegen die NSU. Der gesellschaftliche Friede scheint immer wieder in Gefahr zu sein, wenn sich politische Kräfte verschieben oder sich soziale Nöte ergeben.

Das Bemühen der Kirchen um soziale Hilfen dient letztlich diesem gesellschaftlichen Frieden. Das war schon zu Zeiten von Cosmas und Damian so, als diese sich am Anfang des 4. Jahrhunderts (+ um 303) um Kranke kümmerten und ihnen dabei das Evangelium vom Heil Gottes verkündeten, das war so im 13. Jahrhundert, als die heilige Elisabeth in Thüringen und Hessen tätig war und das ist heute so, wenn in karitativen und diakonischen Einrichtungen Hilfe angeboten wird. Das Engagement von Christen im sozialen und politischen Bereich ist ein Zeugnis für den Glauben an die Liebe Gottes, die jedem Menschen zukommt – sei er Christ oder Nichtchrist, sei er arm oder reich. Darum bemühe ich mich z.B. als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Vertriebene und Aussiedler auch um die Anerkennung von in Russland erworbenen Berufsabschlüssen, damit die Russlanddeutschen hier bei uns eine neue Lebensmöglichkeit erhalten. Ich danke für alles bisherige Bemühen in dieser Frage, aber ich weiß, dass aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeit von Ministerien in dieser Frage Entscheidungen schwierig und langwierig sind. Ich bitte auch heute nochmals alle Verantwortlichen, den Deutschen aus Russland durch eine mutige Entscheidung den Einstieg in unsere Gesellschaft leichter zu machen.

Ich sehe unsere Verantwortung als Europäer in der Frage nach der Aufnahme von Asylanten, die über das Meer aus Afrika zu uns kommen. Auch als Katholische Kirche in Thüringen möchte ich nicht nur Forderungen stellen, wir bemühen uns derzeit auch, bei der Unterbringung von Flüchtlingen behilflich sein zu können. Papst Franziskus hat durch seinen Besuch in Lampedusa und durch seine Appelle an die Regierungen deutlich gemacht, dass hier eine Veränderung der Politik nötig ist.
Ich appelliere an alle Politiker, sich der Aufgabe für die Sicherung des Lebens der Familien verantwortlich zu zeigen. Natürlich geht es dabei oftmals zuerst um die finanzielle Sicherung. Es geht aber auch um die Frage, wie viel Verantwortung den Familienmüttern und –vätern bei der Erziehung der Kinder zugetraut wird. Ich sehe in allen Aktivitäten, die vielleicht als Entlastung der Familien in der Erziehung gedacht sind, aber das Ersterziehungsrecht der Eltern behindern, als eine Gefahr. Ich möchte die Verhältnisse im Bereich der Erziehung, wie wir sie vor der politischen Wende hatten, nicht noch einmal erleben. Es müssen sich keine Eltern dafür entschuldigen, wenn sie ihre Kinder zu Hause erziehen möchten. Wir sehen uns aber auch verantwortlich für die Eltern, die anders entscheiden und ihre Kinder in unsere Tageseinrichtungen bringen. Wir werden auch in unseren Einrichtungen, die Kleinstkinder betreuen, uns um eine gute Pädagogik bemühen, weil es uns um das Heil für Leib und Seele des Menschen geht. Mit Hochachtung sehe ich den Einsatz aller Pädagogen in unseren kirchlichen Einrichtungen, die das christliche Menschenbild vermitteln wollen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft, die auf diese Weise spüren soll, wie sich das Bemühen um die Ehre Gottes für das Heil der Menschen auswirkt.

Meine Wertschätzung gilt auch den Pädagogen und Erziehern im kommunalen und staatlichen Erziehungs- und Bildungsbereich. Ich bin guter Hoffnung, dass ein ganzheitlicher Erziehungs- und Bildungsauftrag im neuen Thüringer Bildungsplan zum Tragen kommt, der auch religiöse Bildung einschließt und einen Raum für ethische Orientierung ermöglicht.

Beim Thema "Inklusion" der Kinder mit besonderem Förderbedarf bzw. der Umsetzung der UN-Behindertenkonvention bitte ich, in erster Linie das Kindeswohl im Blick zu haben und das Ersterziehungsrecht der Eltern angemessen zu berücksichtigen.

Josef von Arimathäa war reich (Mt 27, 60), gut und gerecht (Lk 23, 50), Mitglied des Hohen Rates (Lk 23, 51) und ein geheimer Jünger Jesu (Mt 27, 57; Joh 19, 38). Bei dieser Beschreibung spüre ich, dass hier ein frommer Jude handelt, der seinen Reichtum zum Segen für andere verwenden will, weil er weiß: "Gott hat mich damit gesegnet. Es ist nicht mein Verdienst. Es ist seine Gnade." Es ist auch ein Gläubiger, der an der Schwelle steht wie Johannes der Täufer. Er unterstützt den Messias Jesus Christus durch sein Ringen um gerechte Be- und Verurteilung. Ob er den Schritt in eine bekennende Jüngerschaft Jesu gegangen ist, wissen wir nicht. Ich sehe so in ihm einen Menschen, der an der Schwelle steht. Ich sehe in ihm ein Beispiel vieler unserer Mitbürger, die vielleicht selbst gern auch einen Schritt auf Gott hin tun würden, sich aber nicht trauen, weil sie dann von einer Mehrheit in die Minderheit eintreten. Wie kann ich diesen Menschen zur Entscheidung helfen? Manchmal ist das karitativ diakonische Handeln ein Weg. Manchmal braucht es unser gutes Zeugnis als Kirche und als einzelne Christen.

Ich gebe zu, dass Kirche nicht immer strahlt und zum Bemühen um Gott, Glauben und Kirche einlädt. Ich sehe aber auch in allen Krisen eine Herausforderung an den Glauben und die Vertreter der Kirche, so gut es geht das Evangelium Jesu Christi zum Leuchten zu bringen – besonders mit einem Leben, das dem entspricht, was sich der Durchschnitt einer Bevölkerung leisten kann, so dass weder der Begüterte noch der Arme sich scheut, ein kirchliches Haus zu betreten. Ich danke den Medien für gerechte Berichterstattung und wünsche mir auch weiterhin eine faire, noble und anständige Behandlung der Kirche und ihrer Vertreter.


Fazit: Anständig leben ist hilfreich für Zeit und Ewigkeit

Ich habe zum Nachdenken über die Frage eingeladen: Was ist anständig? Diese Frage habe ich auf dem Hintergrund des Wortes aus dem Lukasevangelium gestellt, wo es heißt: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade." Vielleicht konnte ich helfen, das Verständnis für die Verantwortung aufzuzeigen, die ich spüre, wenn ich auf die gegenwärtige Gesellschaft schaue. Lassen Sie uns auch weiterhin unsere Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen und etwas davon deutlich machen, was ich als Christ beim Blick auf diese Welt bekenne: Gott liebt seine Welt als sein Eigentum und nimmt uns in die Pflicht, sorgsam damit umzugehen.

19.11.2013



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