"Mit Gott rechnen"

Interview mit der Generaloberin Sr. Aloisia Höing zum 150jährigen Bestehen der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel in Deutschland

Schwester Aloisia Höing, Generaloberin der Schwestern der heiligen Maria Magdalena PostelDie Ordensgemeinschaft der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP) feiert ein 150jähriges Jubiläum. Doch es gibt sie schon länger. Was feiern Sie?

Das stimmt. Unsere Ordensgemeinschaft wurde bereits 1807, also vor 205 Jahren gegründet, und zwar in Frankreich. Ihr Name lautete damals: "Arme Schwestern der Barmherzigkeit". Seit 150 Jahren ist unsere Ordensgemeinschaft jedoch in Deutschland tätig. Das wollen wir feiern. Einen Blick in die Geschichte, wie alles in Deutschland begann, kann man gut mit dem Wort "Fügungen" überschreiben.

Inwiefern?

Vier junge Frauen, alle Lehrerinnen und alle aus dem Eichsfeld, hatten sich zusammengeschlossen. Sie hatten ein gemeinsames Ideal: den Mädchen im Eichsfeld eine gute Bildung zukommen zu lassen, vor allem denen aus armen Familien. Es waren mutige und tatkräftige Frauen, denn in der damaligen Zeit wurde weiblichen Lehrkräften nicht allzu viel zugetraut. Ihr selbstloser Einsatz bei einer Cholera-Epidemie und einer Feuersbrunst in der Stadt Worbis überraschte jedoch die Bevölkerung positiv. Mit der Zeit wuchs das Vertrauen in die vier Lehrerinnen, zumal ihre Schülerinnen gute Leistungen vorweisen konnten. Die vier Frauen lebten wie in einer klösterlichen Gemeinschaft nach der Ordensregel des heiligen Jean-Baptiste de La Salle und hatten den starken Wunsch, sich einem Schulorden anzuschließen. Ein Franziskanerpater machte sie auf die Ordensgemeinschaft in Frankreich, die Julie Postel 1807 gegründet hatte, aufmerksam. Die Überraschung war groß, als beide Seiten feststellten, dass sie nicht nur dasselbe Ideal verfolgten, sondern auch nach derselben Ordensregel lebten. Auch noch in anderen Dingen gab es Übereinstimmungen, so dass man wohl sagen kann, dass Gott im Eichsfeld schon den Boden für die Gründung des deutschen Zweiges der Ordensgemeinschaft bereitet hatte. Der Versuch einige Jahre zuvor, sich in Westfalen niederzulassen, war fehlgeschlagen.

Die Nachfolgerin der Gründerin Julie Postel (die sich Schwester Maria Magdalena nannte), Placida Viel, kam also im Mai 1862 mit einigen Schwestern nach Heiligenstadt und nahm die vier Lehrerinnen als Postulantinnen in die Kongregation der Schwestern der christlichen Schulen von der Barmherzigkeit – wie die Schwestern nun hießen - auf. Jede von ihnen bekam eine der französischen Schwestern als Novizenmeisterin. Und jede wurde an dem Ort ins Ordensleben eingeführt, an dem sie tätig war. Das waren Heiligenstadt, Niederorschel, Worbis und Dingelstädt.

Am 7. Oktober 1862 wurden sie in der Heiligenstädter St. Ägidienkirche von Generaloberin Placida Viel eingekleidet, anschließend weihte der Bischof Konrad Martin das neue Bergkloster ein.

Welche Auswirkungen hatte der wenig später beginnende Kulturkampf (1871-1887) auf die Ordensgemeinschaft?

Zuerst einmal wuchs die deutsche Ordensgemeinschaft ganz stark. Unter dem Namen "Heiligenstädter Schulschwestern" – so sind sie ja auch im Eichsfeld bekannt – wurden sie auch in Westfalen tätig. Die Kulturkampfgesetze 1871 machten eine Tätigkeit der Schwestern im bisherigen Aufgabenfeld, d.h. in der Schule, unmöglich. Sie mussten auch Deutschland verlassen und konnten erst nach Ende des Kulturkampfes wiederkehren. Es kamen jedoch neue Tätigkeiten hinzu, nämlich in Kindergärten und in der Krankenpflege; außerdem wurden Koch- und Handarbeitsschulen eingerichtet. Und: nach wie vor gab es regen Zuwachs an Schwestern.

Wie kommt es, dass sich das Generalat Ihrer Ordensgemeinschaft in Heiligenstadt befindet?

Auch das hat eine wechselvolle Geschichte. Aufgrund politischer Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg wurde der deutsche Zweig von der französischen Stammkongregation getrennt. Und 1920 wurde in Heiligenstadt ein eigenes Generalat gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Mauerbau erschwerte die innerdeutsche Teilung die Verbindungen zum Mutterhaus in Heiligenstadt derart, dass das Generalat 1971 nach Bestwig (Sauerland) verlegt wurde. Erst 2003 kehrte es im Zuge der Gründung einer Europäischen Provinz mit Sitz in Bestwig wieder nach Heiligenstadt zurück.

Wie groß ist die Ordensgemeinschaft heute in Deutschland?

Zurzeit sind wir ca. 250 Schwestern. Davon leben 52 im Eichsfeld, 48 von ihnen in Heiligenstadt. Wir haben hier mehrere Konvente, in denen die Schwestern zusammen leben. Wir sind ja eine in Gemeinschaft lebende Ordensgemeinschaft. D.h. miteinander leben, gemeinsam beten usw. Aber manchmal erfordert es die Aufgabe, dass eine Schwester an dem Ort, wo sie arbeitet, allein lebt und nicht immer in ihrem Konvent anwesend ist.

Da wir nicht mehr so viele Schwestern sind, welche die anstehenden Aufgaben bewältigen können, werden diese mehr und mehr von freien Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen übernommen. Sie werden ganz im Sinne der Ordensgemeinschaft fortgebildet. Wir machen da sehr gute Erfahrungen. Es sind sehr engagierte Leute, die die Aufgaben aus der Tradition unserer Gemeinschaft heraus verantwortlich weiterführen und neue, zeitgemäße Wege suchen.

Wie sieht es mit dem Ordensnachwuchs aus?

Zurzeit haben wir drei Novizinnen und zwei Kandidatinnen. Darüber freuen wir uns. Zumal das Durchschnittsalter unserer Schwestern in Deutschland bei ca. 71 Jahren liegt. Ich halte aber die Zahlen erst einmal für nicht so wichtig. Wichtig ist für mich, und das gilt auch für die Kirche als solche, dass wir unsere Berufung treu und einladend leben. Wir als Ordensgemeinschaft müssen jungen Frauen die Möglichkeit geben, unsere Lebensform kennen zu lernen. Wenn sie uns nicht kennen, können sie sich ja auch nicht für uns entscheiden. Das gilt nicht nur für uns, sondern für alle Ordensgemeinschaften.

Was bieten Sie zum Kennenlernen Ihrer Ordensgemeinschaft an?

Wir machen z.B. Wochenendangebote oder Wallfahrten mit Jugendlichen, bieten Kloster auf Zeit und Ora et labora Tage an. Wir öffnen unser Haus und lassen interessierte Frauen Einblick nehmen. Seit etwa einem Jahr haben wir das Angebot „Kloster auf Zeit“ intensiviert. Es gibt die Möglichkeit für junge Frauen, in einer kleinen Gemeinschaft das Ordensleben eine Zeitlang mitzuleben. Wer will kann auch öfter wiederkommen. Zwei Schwestern stehen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung. Das ist für mich das Entscheidende und ich denke, unsere Pflicht, suchenden Menschen die Möglichkeit zu geben, uns und unsere Lebensform kennen zu lernen. Nur dann können sie sich bewusst für ein Leben in einer Ordensgemeinschaft entscheiden oder dagegen.

Wie wird das Leben Ihrer Ordensgemeinschaft finanziert?

Zum einen von den Gehältern unserer Schwestern und natürlich von den Renten der älteren. Unsere Projekte realisieren wir seit einiger Zeit mittels Fundraising. Dieses Fundraising wird professionell in Zusammenarbeit mit einer Firma gemacht. Früher hatten wir so viele Schwestern, dass die Gehälter auch noch für die Projekte reichten, das ist heute nicht mehr der Fall. Etwas Schönes an der neuen Situation ist: durch dieses Spendenwerben kommt es immer wieder zu neuen Kontakten zu Menschen, die unsere Anliegen auch ideell mittragen, z.B. wenn jemand sagt: "Ich kann leider nichts spenden, weil ich nicht so viel habe, aber ich bete für euch". Oder jemand schreibt z.B.: "Mein Sohn hat nächste Woche die und die Prüfung, einmal ist er schon durchgefallen – könnt Ihr für ihn beten?" oder andere Anliegen. Unsere alten Schwestern freuen sich – sie können etwas konkret tun, auch wenn sie sonst körperlich nicht mehr in der Lage sind, zu arbeiten. So ist etwas wie eine Gebetsgemeinschaft zwischen den Spendern und uns entstanden. Einmal im Monat feiern wir Schwestern eine hl. Messe in den Anliegen der Spender.

Haben sich die Aufgaben im Gegensatz zu früher geändert?

Wir führen unsere Werke weiter, sind also tätig in Seniorenheimen, Krankenhäusern, Schulen. Unsere Gemeinschaft hat in ihrer Geschichte immer versucht flexibel auf Herausforderungen der Zeit zu reagieren und auch besondere Ausbildungen und Begabungen der Schwestern berücksichtigt. Unsere Schwestern arbeiten jetzt auch mehr im pastoralen Bereich. Im Eichsfeld waren die Schwestern auf diesem Gebiet immer schon sehr aktiv und gut ausgebildet.

Ihre Ordensgemeinschaft ist auch international tätig, d.h. die Schwestern können auch in weit entfernte Länder versetzt werden.

Ja, wenn es die Situation erfordert. Dann wird mit der jeweiligen Schwester gesprochen, um herauszufinden, ob dort ihr Platz ist. Die persönliche Bereitschaft ist also ganz wichtig. Umgekehrt können die Schwestern auch den Wunsch nach Versetzung ins Ausland äußern. Wir sind in sechs Ländern tätig: in den Niederlanden, in Bolivien, Brasilien, Rumänien, Mosambik und natürlich in Deutschland. Zurzeit sind zwei junge Schwestern aus Bolivien in Heiligenstadt zur Ausbildung als Erzieherin. Das ist für uns alle eine große Bereicherung.

Die Internationalität brachte es auch mit sich, dass unsere Ordensgemeinschaft seit einigen Jahrzehnten nach mehrmaligem Namenswechsel "Schwestern der Heiligen Maria Magdalena Postel" (SMMP) heißt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir eine große Offenheit für die heutigen Anliegen der Menschen. Dass wir als Ordensgemeinschaft sensibel wahrnehmen, was heute für uns dran ist. Es wird uns ganz sicher weiterhin geben, aber wir müssen nach neuen Wegen Ausschau halten. Wir haben viele Schwestern, die aufgrund ihres Alters nicht mehr in konkreten Aufgabenbereichen stehen. Dennoch kann jede das Charisma unserer Gemeinschaft, Gottvertrauen und Barmherzigkeit, leben. Egal wie alt wir sind, wie viele oder wo wir sind – das Charisma fordert uns immer heraus. Wir dürfen nicht in Zahlen denken, sondern müssen uns immer fragen, wie wir unser Charisma treu leben. Ganz gleich wie die Umstände sind: Wir müssen immer mit GOTT rechnen! Das ist mir wichtig.

Haben Sie persönlich einen Leitspruch für Ihr Leben, der Sie trägt und begleitet?

Ja. Jesu Zusage: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." Ich lebe in der Gewissheit: Gott ist immer da.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Andrea Wilke



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