Der Domküster aus dem Westen

Eine West-Ost-Geschichte

Heinz Schewe

Von Peter Weidemann

Im Jahr 2001 verließen jeden Tag 128 Menschen den Freistaat Thüringen, 46.983 insgesamt. Ein gewaltiger Aderlass, der noch immer anhält. Doch es gibt auch Zuzüge, wenngleich in geringerer Zahl. 35.264 Menschen kamen 2001 ins Land. Einer davon war der damals 55jährige Heinz Schewe. Für ihn war es so etwas wie ein Sprung ins kalte Wasser, denn seine Familie hatte weder vor, noch nach der friedlichen Revolution in der DDR Freunde und Verwandte im Osten, und nur einmal hatte nach der Wiedervereinigung eine Reise ostwärts geführt, nach Berlin.

Ob das wohl gutgeht, fragte Schewe - trotz aller Freude - seine Frau Christine, als er mit ihr fasziniert den Mauerfall im Fernsehen verfolgte. Dass es gutgehen und er zwölf Jahre später mit seiner Familie nach Erfurt ziehen sollte, hätte er sich nicht träumen lassen. Damals arbeitete Schewe als Gemeindehelfer im Bistum Aachen. Ursprünglich hatte er Priester werden wollen, sich aber nach dem Studium anders orientiert und war Diplom-Ingenieur für Mess- und Regeltechnik geworden. Das blieb er auch 25 Jahre lang, bis die "alte Liebe" wieder durchbrach. "Ich fand es schon immer spannender, mit Menschen umzugehen statt mit Technik", erklärt Schewe.

Was ihn in die Neuen Bundesländer gezogen hat, weiß er dagegen weniger klar zu sagen. Die Entscheidung fiel wohl ebenso mit dem Bauch wie mit dem Kopf. "Ich hatte mich immer schon in der Kirche engagiert, und es reizte mich zunehmend, das auch in der ehemaligen DDR zu versuchen. Da liefen doch unheimlich spannende Prozesse ab", erinnert sich Heinz Schewe. Schließlich beabsichtigte er, alle Bistümer der Neuen Bundesländer anzuschreiben und nach einem Posten zu fragen. Die Erfurter antworteten bereits, als noch gar nicht alle Briefe verschickt waren, und boten einen Arbeitsplatz als Domküster und Domführer an. Schewe fuhr zum Bewerbungsgespräch in die Thüringer Landeshauptstadt.

Die bezauberte ihn von Anfang an. "In Erfurt kann man sich wohlfühlen", erzählte er seiner Frau nach der Rückkehr. Auch das Gespräch in freundlicher Atmosphäre im Ordinariat beflügelte ihn. Er sagte zu. "Ganz so einfach war es natürlich nicht", räumt er im Rückblick ein. Schließlich gaben die Schewes einiges auf: den sicheren Arbeitsplatz, die kurzen Wege zu Freunden und Verwandten und die Heimat, das geliebte Rheinland. Eine Tochter studierte bereits und wohnte auswärts, die andere würde mit nach Thüringen ziehen müssen. "Da muss man gut überlegen, was man tut", sagt Schewe und seine Frau nickt.

Für Christine sei der Ortswechsel eine größere Herausforderung als für ihn gewesen, meint Schewe. "Ich lernte dank der Arbeit viele Leute und die Gemeindemitglieder kennen und fühlte mich nie einsam. Christine dagegen arbeitete als Hausfrau und musste sich ihre Kontakte selbst suchen." Zum Beispiel im Dombergchor, in den sie 2003 eintrat. Doch auch ihr Mann hatte Hindernisse zu überwinden. Warum muss es unbedingt ein "Wessi" auf diesem Posten sein, fragten sich manche in der Gemeinde. Für beide Seiten war es wohl so etwas wie die Begegnung der dritten Art. "Es dauerte ungefähr ein halbes Jahr, dann fühlte ich mich akzeptiert."

Heinz Schewe vermutet bei der Wahl eines Westdeutschen Absicht beim Arbeitgeber. "Die Küsterstelle im Dom machte nur ein Fünftel meiner Arbeit aus, die Domführungen dagegen den Hauptteil. Ich glaube, das Domkapitel wollte jemanden Der Erfurter Domhaben, dem die Besonderheiten der katholischen Kirche im Osten wie von selbst auffallen, weil er von außen kommt", sagt er. Schließlich sollen bei den Führungen nicht nur Architektur- und Kunstgeschichte vermittelt werden, sondern auch die Situation und das Leben der Ortskirche.

Viele Besucher könnten sich gar nicht vorstellen, was es heißt, als Katholik in einer doppelten Diaspora zu leben. "Diaspora im Westen bedeutet, eine Minderheit gegenüber den evangelischen Christen zu sein. Das sind die Katholiken in Thüringen auch. Aber zugleich sind alle Christen hier eine viel kleinere Gruppe im Vergleich zur konfessionslosen Bevölkerung", sagt Schewe. Bayerische Verhältnisse gebe es hier nicht. Die Thüringer Christen müssten selbst aktiv werden, wenn sie sich in die Gesellschaft einbringen und für ihren Glauben werben wollten. "Manches ist hier eben weniger selbstverständlich als jenseits der ehemaligen DDR-Grenze."

Das merkte der Domküster aus dem Westen auch, wenn er ostdeutsche Schulklassen durch den Dom führte. "Da sind viele zum ersten Mal in der Kirche und wissen natürlich nicht, wie sie sich benehmen sollen." Heinz Schewe legte bei der Beschreibung des Domes und seiner Geschichte Wert darauf, die Fragen nach dem Warum zu beantworten und die Linien in die Gegenwart auszuziehen. Warum stehen ein Tisch und ein Pult an einem herausgehobenem Ort? Was passiert im Hohen Chor? Warum brennt dort ein rotes Licht? Warum werden Kerzen im Dom angezündet? Wer sitzt heute im Chorgestühl? "Wenn die Fragen von den Schülern selbst kamen, wusste ich, jetzt hast du sie, jetzt beginnen sie wenigstens zu ahnen, dass es mit dem Christentum eine Alternative zur eigenen Weltanschauung geben kann."

Kamen Touristen aus dem Westen, musste sich der Domküster oft um Verständnis für die Folgen der Deutschen Einheit bemühen. "Die Besucher schimpften häufig über das viele Geld, das in den Osten geschickt würde, und waren neidisch auf die Sanierung von Städten wie Erfurt oder Weimar - zu Hause fehle ‚wegen denen im Osten' das Geld dafür." Klingelschild von Familie ScheweHeinz Schewe hatte keine Probleme, auch mit solchen Zeitgenossen ins Gespräch zu kommen, denn sein rheinischer Akzent weist ihn eindeutig als "von drüben" aus.

Als Thüringer geht er jedenfalls nicht durch und will es auch gar nicht. "Das käme mir wie Anbiedern vor. Ich mag die Thüringer, ihre Offenheit, ich habe es auch nie bereut, hierher gekommen zu sein, aber ich bin und bleibe ein Rheinländer", gibt er offen zu. Im Rheinland möchte er mit seiner Frau den Lebensabend verbringen, wobei man eigentlich vom späteren Lebensabend sprechen muss, denn nach Eintritt in den Ruhestand 2008 ist Heinz Schewe eine Art Pastoral-Rentner geworden. "Der Kreis schließt sich. Ich arbeite jetzt wieder als Gemeindehelfer. In Bad Berka. Dort gibt vor Ort keinen Priester mehr, und da kümmere ich mich jetzt um die Kirche, bin Ansprechpartner, mache Hausbesuche und bereite Gottesdienste vor." Sein Einsatz kommt bei den Leuten an. So gründen jetzt die Eltern "seiner" zehn Erstkommunionkinder einen Familienkreis.

Schewe freute sich, als die Bistumsleitung anfragte, ob er sich eine Tätigkeit als Gemeindehelfer für zwei, drei Jahre nach dem Rentenantritt vorstellen könne. Das konnte er, seine Frau auch, und so zogen beide nach Bad Berka. "Wir fühlen uns schon richtig heimisch hier", sagt das Ehepaar und bietet dem Besucher einen Kaffee an.

Kirche St. Marien in Bad Berka
Die Kirche St. Marien in Bad Berka liegt sehr idyllisch



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