Karfreitag feiern?

Ein Interview mit dem Liturgiewissenschaftler Professor Benedikt Kranemann, Universität Erfurt

gekreuzigter Chrsistus Detail

 

Karfreitag: Für die einen ist es ein hoher Feiertag, den sie still begehen, für die anderen ein freier Tag, an dem sie nicht feiern dürfen, wie sie wollen. Das wirft Fragen auf zur Feiertagskultur in Deutschland, auf die Benedikt Kranemann, Professor für Litugiewissenschaft an der Universität Erfurt, Antworten gibt.

Herr Prof. Kranemann, kann man den Karfreitag eigentlich feiern, wenn schon sein Name einen traurigen Anlass vermuten lässt?

KRANEMANN: Die Feier des Karfreitages ist ursprünglich religiös motiviert. Christen gedenken an diesem Tag des Leidens und Sterbens Jesu Christi am Kreuz. Ich würde daher lieber sagen, der Karfreitag wird festlich begangen. Er ist der Tag der "Trauer" und "Klage", wie das althochdeutsche Wort "kara" übersetzt heißt. Als solcher steht er quer zu allen sonst üblichen Feiertagsgewohnheiten, besonders wenn es um Events im öffentlichen Raum geht.

In der Tat gehen am Karfreitag in Deutschland die Lichter aus – zumindest für alle Spektakel im öffentlichen Raum. Manche stören sich daran.

In Deutschland kennen wir drei sogenannte "stille Tage", an denen der Gesetzgeber bundesweit Musik- und Unterhaltungsprogramme in Gaststätten sowie öffentliche Sportveranstaltungen und andere "Spektakel" untersagt. Bei diesen stillen Tagen handelt es sich um den Karfreitag, den Volkstrauertag und den Totensonntag. Von 365 Tagen sind es also gerade einmal drei, an denen auf Lautes, Grelles und Buntes verzichtet wird. Es sind in unserer Festkultur Tage, die einen besonderen Charakter tragen.

Dennoch gibt es immer wieder Forderungen, die Gestaltung des Karfreitags als stillen Tag in Kirchen und private Räume zu verlegen und die Allgemeinheit damit nicht zu behelligen.

Ob es wirklich die Allgemeinheit ist, die diesen Tag wie jeden anderen begehen will, steht für mich nicht fest. Doch die Frage nach Mehrheiten und Minderheiten führt letztlich nicht weiter. Gerade in einer pluralen Gesellschaft sollte auch der Respekt vor der religiösen Praxis, wie sie Juden, Christen und auch Muslime leben, selbstverständlich sein. Und das gilt besonders dann, wenn Traditionen wie die von Judentum und Christentum die Kultur eines Landes maßgeblich geprägt haben. Wer den Karfreitag als stillen Feiertag abschaffen will, muss sich bewusst sein, dass er einen deutlichen Eingriff in unsere Festkultur vornimmt. Dieser wäre mit Verlusten verbunden. Eine über Jahrhunderte gewachsene Festkultur ist leicht zu beschädigen, aber nur schwer zu reparieren.

Was spricht für den Karfreitag?

Jeder Feiertag bedeutet eine Unterbrechung und schafft uns einen Freiraum im täglichen Einerlei, um wieder zu uns selbst zu kommen und Grundgegebenheiten des Lebens erneut ins Bewusstsein zu heben. Die "Themen" des Karfreitages, die letztlich jeden Menschen angehen, sind Leiden, Tod und Trauer. Im Vergleich zu früheren Zeiten tun wir Menschen uns heute schwerer, damit umzugehen, und das erklärt vielleicht auch manche Ablehnung des Karfreitags. Der Karfreitag ist für Christen und Nichtchristen eine Zeit, um sich mit existenziellen Fragen konfrontieren zu lassen. Wenn man auf die lange Tradition dieses Tages schaut, könnte man auch von einem Denk-Mal sprechen. Der Karfreitag lädt Jahr für Jahr für einen Moment zum Nachdenken ein. Er bietet eine Unterbrechung des Alltags und auch der Festkultur für die ganze Gesellschaft, gleich ob jemand einer Kirche angehört oder nicht.

Droht bei einer solchen Beschäftigung nicht die Gefahr, dass der Charakter des Karfreitags als Gedenktag des Leidens und Sterbens Jesu verwässert wird?

Bedeutende Feste und Feiertage bieten einen großen Interpretationsspielraum, sie geben dafür Impulse und sind vielfach deutbar, wie man gut an Weihnachten und Ostern beobachten kann. Das gehört zu Festen wie grundsätzlich zu Ritualen hinzu. In einer pluralen Gesellschaft wie der unseren sollte es aber für die Kirchen selbstverständlich sein, den Karfreitag nicht nur festlich und für sich zu begehen, sondern auch nach außen hin zu kommunizieren, was für Christen das Zentrale dieses Tages ist. Und da schwingt am Karfreitag bei aller Klage und Trauer wegen des schrecklichen Leidens Jesu die österliche Hoffnung mit: Wir werden sterben, gewiss, aber wie Jesus Christus auch auferstehen. Das ist die Perspektive, die Christen wichtig ist: Über den Tod siegt das Leben.

Fragen: Peter Weidemann 


Hinweis für Pfarrbriefmacher und kirchliche Öffentlichkeitsarbeiter: Das Interview und die Grafik können auf www.pfarrbriefservice.de kostenfrei heruntergeladen und zu den dort genannten Bedingungen veröffentlicht werden (zu finden unter dem Stichwort "Karfreitag" in den Rubriken "Kostenlose Texte“ und "Kostenlose Fotos und Grafiken“). Eine kommerzielle Nutzung ist ausgeschlossen.

9.4.2014



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