Papstbesuch in Thüringen – und was ist geblieben?

Beitrag von Bischof Joachim Wanke in der Thüringischen Landeszeitung (TLZ)


Papst Benedikt XVI. grüßt die Gläubigen bei seinem Deutschlandbesuch im Jahr 2011


Papst Benedikt hatte es bei seiner Reise im September 2011 nach Deutschland mit Sicherheit leichter gehabt als jetzt bei seinem Libanonbesuch.

Hier in Deutschland traf er auf eine Kirche, die in geordneten Verhältnissen, in einer funktionierenden Demokratie leben kann. Dort im Libanon und in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens besuchte er eine Kirche in Bedrängnis, z. T. in einer echten Verfolgungssituation, in der es für manche Christen um Leib und Leben geht.

Hier in Deutschland sah der Papst Grund, eine mancherorts im Glauben an Gott müde gewordene Kirche an ihre "erste Liebe" zu erinnern und sie für die Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft, in der Religion und Glauben wenig gelten, zu stärken. In Beirut, angesichts solcher Länder wie Libanon, Syrien, Irak oder Ägypten musste sich Papst Benedikt schützend vor die dort von Alters her ansässigen Ortskirchen stellen und für sie Religionsfreiheit einfordern.

Hier in Deutschland erinnerte der Papst, etwa in seiner Rede im Bundestag daran, bei allem Vertrauen auf die Kraft der menschlichen Vernunft nicht zu vergessen, dass "die Schöpfung" uns vorgegeben ist und nachhaltigen Schutz und Bewahrung erfordert, einschließlich der Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben. Dort in der arabisch geprägten Welt galt seine Sorge einem friedlichen Zusammenleben unterschiedlicher Völker und Religionen, die lernen müssen, in gegenseitiger Anerkennung und geduldigem Dialog zueinander zu finden.

Ob die Worte des Papstes gehört werden? Ob Macht- und Ölinteressen der Mächtigen durch Einsicht und Selbstbesinnung eingedämmt werden können? Ob die Religionsführer die Kraft finden, die Fundamentalisten in ihren eigenen Reihen für das wahre Wesen ihrer Religion neu zu gewinnen? Fanatismus und wahre Religion schließen einander aus. Die wahre Religion besteht darin, Gott zu dienen, nicht Gott zu spielen. Und Gott dient man nicht, indem man andere opfert, sondern sich selbst – und zwar nicht durch Terror und Attentate, sondern in freier Hingabe, im Alltag des Lebens und im Einsatz für den Nächsten an meiner Seite.

Und damit ist der Bogen zu dem Papstbesuch vor einem Jahr hier bei uns in Deutschland geschlagen. Auch da kann man fragen: Was bleibt von einem solchen Besuch? Können Reden, und mögen sie noch so überzeugend sein, überhaupt etwas bewirken?

In der Tat: Man kann einen Papstbesuch nicht festhalten. Das Leben geht weiter. Was mich im Rückblick dennoch auf eine Nachhaltigkeit dieses Besuches vertrauen lässt, ist einerseits die bleibende Freude unserer Gläubigen darüber, dass dieser Besuch möglich war, in Thüringen sogar an zwei Orten, Erfurt und Etzelsbach. Viele meinten: Es war an der Zeit, dass ein Papst, dessen Vorgänger maßgeblich den Fall der Mauer und die Öffnung Osteuropas mitbewirkte, endlich einmal auch in die neuen Bundesländer gekommen ist. Dieser Papstbesuch in Thüringen hatte sicher keine bayerischen oder rheinländischen Dimensionen gehabt – aber was die Festfreude der Gläubigen und die Herzlichkeit der Aufnahme unseres Gastes aus Rom betraf, konnten wir uns durchaus mit anderen Regionen unseres Vaterlandes messen. Papst Benedikt hat diese Herzlichkeit sehr gespürt, wie er mir selbst sagte.

Und zum anderen höre ich immer wieder auch von Thüringern, die keiner Kirche angehören: Der Papst hat weltweit auf Thüringen und die neuen Länder im Osten Deutschlands aufmerksam gemacht. Er war ein "Werbeträger" im besten Sinne des Wortes. Und er hat angesprochen, was heute angesichts der Tagesdebatten oft untergeht: Unsere Zukunft gründet nicht allein auf ökonomischen Faktoren. Wir brauchen eine gerechte und solidarische Gesellschaft, die auf gemeinsamen Wertüberzeugungen aufruht. Diese Botschaft ist m. E. bei vielen auch nichtchristlichen Thüringern angekommen.

Und gern rechne ich den Besuch des Papstes im Augustinerkloster, der weltweit bekannten Lutherstätte, auch zu dieser nachhaltigen Wirkung des Papstbesuches. Es ist ja bekannt, dass der Papst ganz persönlich auf die Bitte von Präses Schneider einging, dieses Zeichen zu setzen. Der Papst schrieb im Februar 2011 als Antwort auf die evangelische Einladung: "Den zuständigen Instanzen habe ich inzwischen mitgeteilt, dass in dem Land, in dem die Reformation ihren Ursprung nahm, ein stärkerer ökumenischer Akzent notwendig ist. Ich werde alles tun, damit die Begegnung mit den evangelischen Christen gebührenden Raum erhält." Das ist, so meine ich, keine Show, sondern ehrliches Entgegenkommen!

Bei der Ökumene kommt es sicher auch auf theologisches Nachdenken und die Aufarbeitung der Vergangenheit an. Aber daneben zählen auch die Zeichen, die Menschen setzen. Der Besuch des Papstes an dieser Lutherstätte, sein Reden von Martin Luther als Gottsucher und großen Beter, dessen Beispiel auch uns heute etwas zu sagen hat, die brüderliche Umarmung des Papstes mit dem obersten Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland, die von den Kameras in alle Welt getragen wurde, hat vermutlich mehr "Nachhaltigkeit" als manch trockenes theologisches Konsenspapier. Wer miteinander betet und sich geschwisterlich begegnet, geht im Nachhinein anders miteinander um als vorher. Darauf vertraue ich – in Geduld, aber auch im Wissen darum, dass es in den letzten 50 Jahren mehr ökumenischen Fortschritt gegeben hat als in den 500 Jahren zuvor. Was der wirkliche ökumenische Fortschritt freilich braucht, ist das "Grundwasser" einer gemeinsamen lebendigen Gottessehnsucht, die uns von innen her verwandelt. Und da sind die Christen "konfessionsübergreifend" gefragt.  


Erschienen in der Ausgabe der Thüringischen Landeszeitung vom 20.09.2012.



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