Universitätsgeschichte geschrieben und gelebt

Professor Dr. Dr. h.c. Erich Kleineidam wird 100 Jahre alt

Erfurt (BiP). Der Gründungsrektor des Philosophisch-Theologischen Studiums, der heutigen Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Professor Dr. Dr. h.c. Erich Kleineidam vollendet am 3. Januar in Erfurt sein 100. Lebensjahr.

Der zum Priester geweihte und promovierte Oberschlesier war 1952 nach Erfurt gekommen und wirkte hier maßgeblich am Aufbau einer theologischen Ausbildungsstätte und einem Seminar für den Priesternachwuchs in der DDR mit. "Dass heute Studentinnen und Studenten an der Universität Erfurt in verschiedenen Studiengängen Theologie studieren können und die theologische Wissenschaft hier einen Ort gefunden hat, muss im letzten auf das weitsichtige Wirken Kleineidams zurückgeführt werden", würdigt der Rektor der Katholisch-Theologischen Fakultät, Professor Benedikt Kranemann, das Lebenswerk von Erich Kleineidam.

Bis zu seiner Emeritierung 1970 lehrte Kleineidam in Erfurt Philosophie und machte sich durch zahlreiche Publikationen und eine reiche Herausgebertätigkeit international einen Namen. Als Höhepunkt und Abschluss seiner wissenschaftlichen Publikationen gilt das vierbändige und in mehreren Auflagen erschienene Werk "Universitas Studii Erffordensis. Überblick über die Geschichte der Universität Erfurt", an dessen Aktualisierung er noch bis 1992 arbeitete.

Professor Kleineidam lebt heute zurückgezogen und durch eine schwere Krankheit gezeichnet im Erfurter Seniorenheim St. Elisabeth. Zu seinem 100. Geburtstag bitten der Erfurter Bischof Joachim Wanke und der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, Professor Kranemann, zur Feier der Heiligen Messe und einem Empfang für geladene Gäste ins Elisabeth-Heim.

Anlage:

Prof. Dr. Dr. hc. Erich Kleineidam

von

Prof. Dr. Josef Pilvousek, Erfurt


Den Weisen erkennt man an der Fähigkeit, zu ordnen und zu urteilen. Diese Fähigkeiten besitzt, wer das Niedere dem Höheren unterzuordnen und so zum Höchsten aufzusteigen vermag: "Sapientis est ordinare!" Unter diesen Aphorismus des Hl. Thomas stellten die Herausgeber 1969 die Festschrift zum 65. Geburtstag von Professor Dr. Dr. hc. Erich Kleineidam. Der Seelsorger, Gelehrte und Lehrer mehrerer Theologengenerationen besaß in unverwechselbarer Weise diese Gabe des Ordnens und Urteilens, nach der Theologie als Weisheit definiert werden kann.

Erich Kleineidam wurde am 3. Januar 1905 im oberschlesischen Bielschowitz geboren und wuchs in Brieg auf. Nach dem Studium der Theologie und Philosophie in Breslau, Freiburg i. Br. und Innsbruck empfing er zusammen mit 33 weiteren Weihekandidaten am 27. Januar 1929 durch Adolf Kardinal Bertram in der Kapelle des Theologenkonvikts in Breslau die Priesterweihe. Er wurde zunächst Alumnatssenior in Breslau, 1930 zum Dr. phil. an der Philosophischen Fakultät der Universität Breslau promoviert (Thema: Das Problem der hylomorphen Zusammensetzung geistiger Substanzen) und Leiter des Schülerkonvikts der Aufbauschule in Liebenthal.

Im Erzbischöflichen Theologenkonvikt Breslau arbeitete er seit 1934 als Repetitor und wurde 1935 dessen stellvertretender Direktor. Kardinal Bertram berief ihn 1939 zum Professor für Philosophie in Weidenau im sudetenschlesischen Teil der Erzdiözese Breslau. Hier hatte 1895 Kardinal Kopp ein eigenes Priesterseminar mit einer Hochschule für den bei Österreich verbliebenen Teil der Erzdiözese Breslau errichtet. Zu seinem Auftrag als Philosophieprofessor übernahm Kleineidam in Weidenau auch das Amt des Vizerektors, das er bis zum Ende des Krieges und bis zur Auflösung der Anstalt innehatte.

Als "Reichsdeutscher" sollte er nach Kriegsende sofort abgeschoben werden, doch erhielt er zunächst vom Bezirkskommandanten eine vorläufige Erlaubnis zu bleiben. Am 11. Juli 1945 nahm er an der Beerdigung von Kardinal Bertram in Jauernig teil. Am 3. Oktober 1946 wurde er endgültig ausgewiesen. Nach Vertreibung und Flucht erhielt er 1946 eine Anstellung als Administrator der Pfarrei Oberhausen (Kreis Neuburg/Donau). Der erste Vertriebenenbischof Maximilian Kaller berief ihn Ende Mai 1947 als Professor an die neu gegründete Philosophisch-Theologische Hochschule nach Königstein. Seit 1948 wurde er zusätzlich Regens, 1949 Rektor der Philosophisch﷓Theologischen Hochschule in Königstein.

1952 folgte der Ruf der Berliner Ordinarienkonferenz zum Rektor, Regens und ordentlichen Professor für Philosophie an das neu zu errichtende Regionalpriesterseminar in Berlin﷓Biesdorf. Nach Verbot der Eröffnung dieser Anstalt in Berlin am 2. Mai 1952 musste er die DDR verlassen, erhielt aber schon im Juli 1952 die Einreisegenehmigung nach Erfurt. Hier wurde er der Gründungsrektor, (bis 1954) Gründungsregens (bis 1959) und war bis zu seiner Emeritierung 1970 Professor für Philosophie.

Im März 1961 war er zum Mitarbeiter in der Vorbereitunsgkommission des Zweiten Vatikanischen Konzils "De Studiis et Seminariis", berufen worden, erhielt aber zunächst keine staatliche Genehmigung zur Ausreise aus der DDR. Als Berater des Berliner Kardinals Alfred Bengsch konnte er lediglich an der 2. Sessio des Konzils 1963 teilnehmen.

1935 hatte Kleineidam mit Professor Otto Kuss das Buch "Die Kirche in der Zeitenwende" herausgegeben, das drei Auflagen (1936, 1939) erlebte und in dem Themen, die der damaligen antichristlichen Polemik ausgesetzt waren, durch fachwissenschaftlich ausgewiesene Autoren anspruchsvoll behandelt wurden. Dem gleichen Ziel – die Zeittendenzen kritisch zu verarbeiten - diente der ebenfalls mit Kuss 1938 herausgegebene Sammelband "Die Kirche und die Welt". Zwei auf die Seelsorge ausgerichtete Sammelwerke beider Autoren wurden während des Krieges verfasst, konnten aber nicht erscheinen.

Der von Kleineidam, Kuss und Erich Puzik 1942 herausgegebene Sammelband "Sacramentum ordninis. Geschichtliche und systematische Beiträge" mit Aufätzen schlesischer Weltpriester war dem sechzigjährigen Priesterjubiläum Kardinals Bertrams geweiht. Als letztes Werk der "schlesischen Zeit" war von den drei Autoren 1944 ein Sammelband "Amt und Sendung. Beiträge zu seelsorglichen und religiösen Fragen" fertig gestellt worden, der aber erst 1950 erscheinen konnte.

Einen bedeutenden Aufsatz "Bemerkungen zur Eucharistielehre Hugos von St. Viktor" verfasste Kleineidam 1949. Aus seiner Feder stammen eine Reihe von Abhandlungen über Bernhard von Clairvaux, so die Studie "Wissen, Wissenschaft, Theologie bei Bernhard von Clairvaux" (1950). Eine "Geschichte der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Breslau 1811-1945" schrieb er 1961.

Mit Heinz Schürmann war er Herausgeber der Reihe "Erfurter Theologische Studien" und "Erfurter Theologische Schriften". Höhepunkt und Abschluss seiner wissenschaftlichen Publikationen wurde das vierbändige in mehreren Auflagen erschienene Werk "Universitas Studii Erffordensis. Überblick über die Geschichte der Universität Erfurt", an dessen Aktualisierung er noch bis 1992 arbeitete.

Zahlreiche kirchliche, akademische und politische Auszeichnungen wurden ihm zuteil. Päpstlicher Hausprälat wurde er 1954, Apostolischer Protonotar 1978. Die Universitäten Münster und München verliehen ihm die Ehrendoktorwürden in Theologie, die Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt wählte ihn 1990 zum Ehrenmitglied. 1992 wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen.

Zurückgezogen und durch eine schwere Krankheit gezeichnet lebt er in den letzten Jahren im Erfurter Seniorenheim St. Elisabeth. Im Alter von 99 Jahren konnte er am 27. Januar 2004 sein 75-jähriges Priesterjubiläum feiern.

Otto Kuss, der Kleineidam aus seiner Studienzeit in Breslau kannte, schreibt über ihn: "; wir haben viel zusammen diskutiert, gestritten, gelernt, gelesen und sind auf solche Weise schon während des Studium gute Kameraden geblieben. Kleineidam war stets ohne Wenn und Aber streng kirchlich ausgerichtet, ein "Dogmatiker" von Geblüt, aber seine ungewöhnlichen, stets ganz unauffällig ins Spiel gebrachten pädagogischen Fähigkeiten zeigten sich immer wieder darin, daß er niemals den Eindruck von Enge und Rückwärtsgewandtheit erweckte, sondern mit wohlwollender Kritik auch für Ansichten Verständnis aufzubringen schien, die mit der seinigen nicht nur nicht übereinstimmten, sondern ihr gar widersprachen; ich habe häufig davon profitiert." (O. Kuss, Dankbarer Abschied, München 1982, 45-46.)


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