Ein wichtiger, besonderer und hilfreicher Ort

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke zur Altarweihe in der Wallfahrtskirche „Maria im Busch“, Dingelstädt am 10. September 2017

Porträt des Erfurter Weihbischofs Reinhard HaukeErfurt/Dingelstädt. Die Kleine Kirche von Dingelstädt mit ihrem Wallfahrtsbild der Pietà und dem Ehrentitel „Maria im Busch“ erhält heute eine neue Weihe nach der umfänglichen und grundhaften Sanierung und einen neuen Altar. Daneben wird die Gedächtniskapelle für die Gefallenen der Weltkriege gesegnet, die für viele Dingelstädter ein Ort des Gedenkens an Familienangehörige ist, die nicht mehr in der heimatlichen Erde bestattet werden konnten oder in Folge der Weltkriege gestorben sind und hier in Dingelstädt ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Wir segnen Orte, an denen wir uns verorten können, d.h. wieder Boden unter die Füße bekommen, wenn der Boden zu wanken und zu schwanken beginnt. Alle Generationen haben diese Erfahrungen gemacht. Kein Leben ist ohne Erschütterungen wie Krankheit, Tod oder andere Not, die sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, aber immer lebensbedrohlich bleibt. Das mächtige Auftreten von Politikern und Drohen mit Waffengewalt beunruhigt alle Völker auch heute, da wir um die Macht der Bomben und Raketen wissen oder es erahnen. Darum gilt unser aller Sorgen und Beten dem Frieden und der Besonnenheit – im Großen und Kleinen.

„Es braucht keinen Ort des Gebetes auf ewig!“  - sagt Jesus zur Samariterin. Macht er uns damit heute traurig? Haben wir etwas falsch gemacht, als der Beschluss des Kirchenvorstands in Dingelstädt gefällt wurde, die Marienkirche zu sanieren?  Wenn wir uns der relativen Bedeutung des Gebetsortes bewusst sind, dann war die Entscheidung richtig. Da wir Menschen sind, die äußere Dinge und Orte brauchen, um das Innere zu orten und zu richten, sind solche Orte wie die Marienkirche wichtig. Wenn Christus, der Herr, wiederkommen wird, verlieren sie ihre Bedeutung, denn wir werden dann den Herrn sehen und hören, wie er ist.

Wir brauchen jetzt Bilder und Gleichnisse, aber dann schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Wer Orte und Bilder gestaltet, versucht immer wieder, dem Urbild nahe zu kommen. Wir benutzen das Licht, um das Licht Gottes zu erahnen. Wir benutzen die Farben, um die Herrlichkeit Gottes uns vorstellen zu können, die ja in wunderbaren Bildern – vor allem mit dem Hinweis auf die Farbenpracht von Edelsteinen – in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird. Wir benutzen die Musik der Bläser, der Orgel und unserer Stimmen, um jetzt schon die himmlische Musik zu erahnen, von der immer berichtet wird, wenn es um den Himmel und die himmlischen Chöre geht. Das Singen verbindet uns im Sanctus der heiligen Messe mit den Engeln im Himmel, und wir alle mühen uns in allen Zeiten und in allen Völkern, durch die Musik diesem himmlischen Gesang möglichst nahe zu kommen.

Der Altar ist nun ein besonderer Ort. Das Buch der Makkabäer berichtet von der Altarweihe im Tempel von Jerusalem nach der Rückeroberung Jerusalems durch die Makkabäer im Jahr 164 v. Chr. Der Brandopferaltar war der Ort, an dem das Volk seine Hingabe, Liebe und Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck bringen konnte. Sicherlich waren Musik und Gebet schon ein gutes Zeichen für Dankbarkeit, Liebe und Hingabe, aber das Opfer von Tieren sollte noch ein besonderes Zeichen darüber hinaus sein. In der christlichen Kirche hat der Altar eine neue Bedeutung bekommen, die der bisherigen ähnelt, sich aber auch davon wesentlich unterscheidet.

Auch bei uns ist der Altar das Abbild des Abendmahlstisches, an dem Jesus Christus das letzte Abendmahl gefeiert hat. Zu diesem Gedächtnis hat er eingeladen bis zum heutigen Tag, und deshalb errichten wir auch neue Altäre, um diesen Ort des Gedächtnisses zu haben. Die Hingabe an Jesus Christus drückt sich zusätzlich aus durch das Reliquiengrab, das heute neu gestaltet wird.

Märtyrerreliquien und die Reliquien anderer Heiliger werden dort eingeschlossen, um durch sie eine Verstärkung unserer Hingabe an Gott zu erhalten, denn wir verlassen uns auf das fürbittende Gebet der Heiligen, da wir mit unserem Gebet oft zu schwach sind. Heute werden altehrwürdige Reliquien in den Altar eingefügt, die eine über 300jährige Tradition haben und durch Weihbischof Johann Jacob Senfft, der zwischen 1696 und 1717 als Mainzer Weihbischof in Erfurt residierte, in Dingelstädt in einen Altar eingefügt wurden. In einer Urkunde heißt es, dass es damals auch Reliquien des hl. Apostels Petrus waren, die nach Dingelstädt kamen. Auch eine Reliquie des heiligen Apostels Bartholomäus wurde in Dingelstädt in einen Altar eingefügt. Die mit dem Siegel dieses Mainzer Weihbischofs verschlossenen und dokumentierten Reliquien fügen wir heute hier in den neuen Altar ein und schaffen damit eine Brücke nicht nur zu den Heiligen Aposteln, sondern auch zu den Glaubenszeugen wie dem Mainzer Weihbischof Johann Jacob Senfft im 17. Jahrhundert. Die Liebe und Hingabe von Christen aller Generationen drückt sich damit aus und stiftet unsere Liebe und Hingabe an.

Wir brauchen einen Altar, um uns mit Christus in der Hingabe an den Vater im Himmel stärken zu lassen. Diese Unterstützung endet mit der Wiederkunft Christi, aber sie ist wegen unserer menschlichen Schwachheit nötig. Wir vergessen oft, dass wir von Christus geliebt und gewollt sind. Die Verkündigung seiner Liebe und Hingabe am neuen Ambo und die Anbetung seiner Hingabe im Allerheiligsten Sakrament des Altares unterstützen uns, bis wir ihn schauen dürfen, wenn er wiederkommt in Herrlichkeit oder wir ihm persönlich begegnen dürfen in der Stunde unseres Todes.

Wir hoffen, dass diese Begegnung uns nicht zum Gericht wird. Damit es eine frohe Begegnung wird, versuchen wir Zeit unseres Lebens in der Freundschaft mit ihm zu wachsen. Eltern bezeugen ihren Kindern ihre Freundschaft, wenn sie die Kinder mitnehmen zum Gottesdienst oder auch außerhalb des Gottesdienstes hier beten und eine Kerze anzünden. Die Mitfeier des Gottesdienstes und der Empfang der Sakramente sollen eine Hilfe sein für uns auf dem Weg. Ich bedauere, dass viele Christen es als Zeitverschwendung bezeichnen und deshalb andere Dinge tun, von denen sie sich einen größeren Mehrwert erhoffen. Ich bin nicht sehr glücklich, wenn allein die Not die Menschen in die Kirchen und zu den Bildstöcken führt. Hochzeiten, Taufen, Firmungen, Primizen und viele andere kirchliche Feiern wie z.B. die Kirmes sagen uns, dass wir auch immer ausreichend Grund haben zu Dank und Lobpreis. Und es ist ja das ursprüngliche Gebet des Christen in Anlehnung an die jüdische Praxis Lobpreis, Dank und Bitte – und eben in dieser Reihenfolge und Zusammengehörigkeit. Eucharistia ist Danksagung, die verknüpft ist mit dem Gedenken an das Leiden und Sterben Jesu. Wir sind nicht zum Klagen getauft und gefirmt, sondern zum dankenden Lobpreis des dreifaltigen Gottes, aus dessen Liebe wir geboren sind und in dessen Liebe wir wieder aufgenommen werden sollen.


Wir weihen heute wieder einen Ort, an dem die Gottesmutter Maria verehrt wird. Das Gnadenbild stammt aus der Zeit um 1430. Es  hat die großen Brände von 1688 und 1838 überstanden, auch wenn damals die ganze Kirche mit ihrer Ausstattung ein Raub der Flammen geworden ist. Am 14. Mai 1424 hat ein gewisser Heinrich Kulle dem Erzbischof Konrad von Mainz ein Grundstück überlassen, an dem ein Gebäude stand, das der Gottesmutter Maria geweiht war. Fast 600 Jahre ist dieser Ort also ein Ort der Verehrung Mariens und damit haben wir allen Grund, diese Tradition in Ehren zu halten, denn sie hat die Gläubigen in Dingelstädt in ihrem Glauben über Kriege, Reformation und Nöte mit einem festen Fundament versehen.

Wir betrachten heute diese Pietà als ein unangenehmes Bild, dass das Leiden einer Mutter zeigt, die um ihren toten Sohn weint. Wie viele Mütter haben vor diesem Bild um ihre Söhne gebangt, die im Krieg waren, und wie viele haben geweint, wenn sie die Todesnachricht erreicht hat. Die Darstellung der Pietà hat vermutlich im thüringischen Raum ihren Anfang genommen, denn die ältesten erhaltenen Darstellungen der Schmerzensmutter finden sich hier. In Erfurt befindet sich die lebensgroße Pietà aus dem Jahr 1330 im Ursulinenkloster, und die Pietà im Dom wird auf das Jahr 1370 geschätzt.
Meister Eckhart, der große Dominikanerpater und Mystiker wirkte in Erfurt zu dieser Zeit und scheint zumindest der Ideengeber gewesen zu sein, dass aus dem Weihnachtsbild der Mutter mit dem Kind das Passionsbild der Mutter mit dem toten Sohn geworden ist, das ja biblisch nicht bezeugt wird, denn die Evangelisten berichten lediglich von der Anwesenheit Mariens bei der Kreuzigung, Kreuzabnahme und Beisetzung Jesu. Weil aber eine Mutter ihren Sohn gern in den Arm nimmt, um ihre Liebe zu zeigen, wurde auch Christus ihr in den Schoß gelegt – sowohl im Krippenstall als auch unter dem Kreuz.  Mutter und Sohn gehören zusammen im Leben und im Tod – und nun, wie wir glauben, in der Herrlichkeit des Himmels.

Maria wurde Johannes unterm Kreuz als Mutter gegeben: „Siehe da, dein Sohn!“ – sagte Jesus zu Maria. Sie wurde damit der Kirche gegeben als Helferin und Beterin. Wer sie in dieser Berufung ernst nimmt, hat eine starke Hilfe erwählt.

Ich freue mich mit allen Dingelstädtern, dass dieser Ort neuen Glanz erhalten hat. Ich danke allen, die mit Kunstverstand und mit ihrem Geldbeutel geholfen haben, dass dieser Ort neugeschaffen werden konnte. Es ist und bleibt ein Ort mit relativer Bedeutung bis zur Wiederkunft Christi, seinen Heiligen und Mariens. Es ist jedoch ein Ort der Gnade und Hilfe, damit wir in den Irrungen und Nöten der Welt nicht den Halt verlieren. Möge besonders die Fürsprache der Gottesmutter Maria uns beim Suchen, Fragen und im Lobpreis unterstützen, damit wir das Ziel erlangen, zu dem wir berufen sind: die ewige Freude. Amen.

11.09.2017

Predigt von Weihbischof Reinhard Hauke zur Altarweihe in der Wallfahrtskirche „Maria im Busch“, Dingelstädt am 10. September 2017



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