Lasst euch versöhnen mit Gott

Predigt über 2. Kor. 5,17 - 21 im Ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst am 26. März in der Klosterkirche zu Volkenroda  von Landesbischöfin Ilse Junkermann


Landesbischöfin Ilse Junkermann (EKM) predigt

Predigttext (2 Kor 5,17-21 nach der Einheitsübersetzung)

"Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat. Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden."

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, und der der war und der da kommt. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!
„Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.“
Das ist das Geheimnis für unser Feiern. Ja, in diesen Worten des Apostels Paulus von der Versöhnung finden wir das Geheimnis darüber, wie unser Feiern gelingen kann, unser Gedenken und Feiern des Beginns der Reformation vor bald 500 Jahren.

Wir feiern es in diesem Jahr nicht gegeneinander, Gott sei Dank! Nicht gegeneinander wie alle früheren Jahrhundert-Jubiläen.
Wir feiern es auch nicht auf Kosten des andern. Nicht so, dass wir herausstellen, was der andere nicht hat oder nicht genug hat. Auch dafür sei Gott gedankt!

Wir feiern es auch nicht nebeneinander, auch nicht in geteilten Rollen; also auch nicht so, dass die einen der Kirchentrennung und –spaltung gedenken und die anderen die Wiederentdeckung des Evangeliums feiern. Auch dafür: Gott sei Dank!
Und, das ist die vierte Möglichkeit, wir feiern es auch nicht, weil wir uns heute besser verstehen und weil wir heute freundlicher miteinander umgehen, uns jedenfalls darum bemühen, freundlicher als noch eine Generation vor uns. Das tun wir, Gott sei Dank. Und das soll auch nicht minder geachtet werden. Im Gegenteil.

Aber das alles kann nicht dazu beitragen, dass unser Miteinander gelingt. Denn bei all diesen vier Möglichkeiten hinge alles an uns, allein an uns! Und das ist zu wenig.
So ist das besondere Glück des 500. Reformationsjubiläums und –gedenkens, dass wir es als Christusfest feiern. Das ist die einzige, echte, weil verlässliche Möglichkeit: Wir feiern es gemeinsam als Christusfest.

Und damit sind wir genau in die Spur gestellt, die Paulus mit den wenigen Worten beschreibt:
„Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat.“
„Schenke uns den Geist der Versöhnung, der wegnimmt, was uns trennt, und uns glaubwürdige Schritte zur Einheit der Kirche gehen lässt“, so haben wir vorhin gemeinsam gebetet. „Schenke uns den Geist der Versöhnung!“

Genau diesen Geist der Versöhnung können wir uns nicht selber geben. Wenn Menschen sich versöhnen können, wenn sie neu aufeinander zugehen, dann geschieht ein Wunder. Es ist, wie Hannah Arendt formuliert hat, das „Wunder des Neuanfangs“ .
Dieses Wunder kommt mitten im Leben einer Geburt gleich. Dieses Wunder wirkt ein anderer Geist als unser menschlicher.
Dieses Wunder wirkt Gottes Geist selbst.  Der Geist Gottes, der Leben schafft und Leben erhält; der Geist, der lebendig macht;  der Geist Gottes, der den Toten Jesus von Nazareth zum Leben auferweckt hat.

Dass wir daran Anteil haben, das ist ein Wunder, das Wunder der Neuschöpfung in Christus: „Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“, so erinnert Paulus die Gemeinde in Korinth und uns. In Christus bin ich eine neue Schöpfung. „In Christus“ bin ich durch die Taufe. Ich bin in seinen Tod und in sein Leben getauft, alles was mein Leben zum Tode führt, meine Verfehlungen, meine Schuld, mein Versagen, mein Streit, meine Rechthaberei – all das steht nicht mehr zwischen mir und Gott. Gott nimmt es aus der Mitte zwischen ihm und mir, und macht an dessen Stelle  das Wort von der Versöhnung groß. Dieses Wort von der Versöhnung ist Christus selbst. Er geht dazwischen, er geht zwischen unsere Verfehlungen und uns – und nimmt sie auf sich. So macht er uns immer wieder frei von unseren Werken, dem Versagen wie dem Gelingen.

Deshalb kann Altes immer wieder vergangen sein und Raum für Neues tut sich auf.
Deshalb können wir Gott und einander unsere Schuld bekennen, ganz nüchtern, ohne Beschönigung, auch ohne rechtfertigende Erklärungen, ohne Selbstrechtfertigungen und Selbst-Entschuldigungen.

Deshalb müssen wir nicht einander die Schuld zuschieben und auch nicht einander verantwortlich machen für unsere Einigkeit. Sie ist schon gegeben, immer wieder neu: in Christus.

Das haben die Reformatoren neu entdeckt, dieses Geheimnis des Glaubens, dieses Geheimnis der Versöhnung.
Und das feiern wir gemeinsam, 500 Jahre später: Ein Christusfest.

Was heißt das?

Das heißt zuallererst:
Christus ist die Quelle unserer Gemeinschaft. Auf seinen Tod und seine Auferstehung sind wir alle getauft und zu neuem Leben berufen. So haben wir uns vorhin gegenseitig mit dem Zeichen des Wasserkreuzes erinnert. Er schenkt Versöhnung. Und er ruft uns in diesen Dienst, den Dienst der Versöhnung. Dass wir gemeinsam, an Christi statt, den Dienst der Versöhnung ausrichten.

Das Wort von der Versöhnung verbindet uns zu einer Ökumene des Zeugnisses und des Dienstes, es verbindet uns zu einer Ökumene der Sendung.

Wir sehen mit Blick auf den gekreuzigten Christus uns selbst und unsere Wirklichkeit nüchtern. Wir verharmlosen und beschönigen nichts, weder was uns miteinander Beschwer macht noch was den Menschen und der Erde Beschwer macht.  

Ja, damit beginnt der Dienst der Versöhnung:
Dass wir klar erkennen und benennen, woran wir selbst kranken und unsere Gesellschaft, ja, die ganze Welt. So sehen wir
•    die Angst, zu kurz zu kommen – und wie diese Angst die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehen lässt und Empathie und Mitmenschlichkeit an den Rand drängt;
•    wir sehen die große Energie, die eingesetzt wird, auf eigene Leistung zu setzen – und dabei zur gnadenlosen Ausbeutung von Mensch und Schöpfung führt;
•    wir sehen den Drang, groß sein zu wollen, sich über eigene Größe zu definieren – und dabei andere kleiner zu machen und als ‚minderwertiger’ zu deklarieren, und deshalb Mauern und Zäune zu errichten, um Menschen in Not abzuhalten vom eigenen ‚großen’ Reich;
•    und wir sehen die Fixierung auf Geld und Förderung der Gier, die hemmungslos zerstört, sowohl die Menschen, wie das Klima, wie das ganze empfindliche Gewebe der Schöpfung.

Die Reihe, was wir sehen und im Licht von Christi Kreuz und Leiden benennen, lässt sich – leider – fortsetzen.
Und mit Blick auf den auferstandenen Christus sehen wir über diese Wirklichkeit hinaus auf sein kommendes Reich. Von dort her bitten wir um Versöhnung.
Von dort her setzen wir uns ein für Gerechtigkeit und Frieden.

Im Horizont von Gottes Reich stellen wir uns gemeinsam klar gegen alle Angstmacherei vor Fremden, auch vor einer anderen Religion, gegen Vereinfachungen und Rechtspopulismus und Rückfall in Nationalismen.

Im Horizont von Gottes Reich setzen wir uns ein für den Vorrang des Zivilen vor dem Militärischen, für Schlichten und Vermitteln.

Und nicht zuletzt: Im Horizont von Gottes Reich sind wir als Christen selbst gefragt, genügsam zu leben, unseren Lebenswandel so auszurichten, dass alle leben können.

In diesem Jahrhundert  - dem Jahrhundert der Ökumene - spüren wir in ganz besonderer Weise, wie dringlich dieser Dienst der Versöhnung ist: Es ist dringlich, zusammen unser „gemeinsames Haus“ zu schützen; oikos heißt: das Haus, es heißt auch: der ganze bewohnte Erdkreis.

Papst Franziskus spricht mit großer Dringlichkeit von unserem gemeinsamen Haus, das so bedroht ist.
So tragen wir im Jahrhundert der Ökumene den Ruf zu Umkehr und Buße gemeinsam in diese Gesellschaft und Welt.

So lassen wir uns Christi Dienst der Versöhnung an uns und zwischen uns gefallen.
Und so bitten wir, ja, bitten, mehr nicht, aber auch nicht weniger: Lasst euch versöhnen mit Gott. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

27.03.2017

Predigt über 2. Kor. 5,17 - 21 im Ökumenischen Buß- und Versöhnungsgottesdienst am 26. März in der Klosterkirche zu Volkenroda  von Landesbischöfin Ilse Junkermann



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