Bedrängte Mitte

Impulsvortrag von Bischof em. Joachim Wanke beim Ökumenischen Gespräch des Katholischen und Evangelischen Büros Thüringen am 21. Januar 2016 in Erfurt

Altbischof Joachim Wanke, ErfurtDer Gesprächsbeitrag von Bischof em. Joachim Wanke setzt bei der Strategie des Apostels Paulus an, der schon in der Frühzeit des Christentums in seinen Gemeinden mit religiösen Extremen konfrontiert wurde.  Einerseits erlebt er (etwa in Korinth) eine schwärmerische religiöse Begeisterung, die sich vor der Mühsal der Bekehrung "drückt" und in einen ethischen Liberalismus abgleitet ("Alles ist erlaubt!"). Andererseits bekommt er es bei Christen in Galatien mit einem ethischen bzw. rituellen Rigorismus zu tun, der meint, man könne sich durch Askese und Magie das Seelenheil selbst absichern.
Mit welchen Kriterien sucht der Apostel die "Mitte" der christlichen Botschaft zu sichern? Er schaut auf die Lebenspraxis, die aus den jeweiligen Überzeugungen erwächst – und misst daran, ob diese zum "Evangelium", wie er es von Jesus Christus empfangen hat, passt.
Was sich schon damals und auch später als gegensätzliche Spannung abzeichnet, begleitet die Kirche bis in unsere Tage: hier eine überhebliche "Gnosis", die meint, Gott "in die Karten schauen" zu können, dort eine ängstliche "Werkefrömmigkeit", die einem angeblich schwächlichen Gott mit eigenen Anstrengungen "unter die Arme greifen" will. Die Wahrheit liegt eben in der "Mitte".

Zwischen Einheit und Vielfalt, zwischen Fundamentalismus und Relativismus.
Wie mit Extremismen in der Kirche umgehen?

In vielen Bereichen der Gesellschaft kennzeichnen Spannungen oft gegensätzlicher Natur das Gespräch. Populistische, ja extremistische Positionen drängen derzeit z.B. auf dem Feld der Politik in den Vordergrund. Ähnliches ist auch in den Religionen bzw. den christlichen Kirchen zu beobachten.

Eine schon aus der griechischen Antike überkommene Einsicht besagt, dass die Tugenden zwischen den Extremen anzusiedeln sind. Tugendhaft sei, was die rechte Mitte zwischen den Gegensätzen finde.  Die Volksweisheit sagt: "Überall da, wo ein zu davor ist – das geht nicht!" Man sollte nicht zu faul sein, aber eben auch nicht zu fleißig. Aber kann man auch sagen: Man sollte nicht zu fromm sein, aber eben auch nicht zu liberal?

Da sind wir mitten in unserer Fragestellung. Gerade Religion steht neuerdings wieder unter dem Verdacht, einen menschenfeindlichen Fundamentalismus zu befördern. Jeder, der sich etwa  darum müht, konsequent eine religiöse Grundhaltung im eigenen Leben zu verwirklichen, wird heutzutage schnell als verkappter Taliban eingestuft und entsprechend kritisiert. Übrigens erfuhren dies auch die frühen Christen in der römischen Kaiserzeit, die mit ihrem eindeutigen Christusbekenntnis die eingespielte  religiöse Toleranz innerhalb des griechisch-römischen Götterhimmels störten und deshalb als "Atheisten" beschimpft wurden.

Freilich ist auch der christliche Glaube nicht von der religiösen Urversuchung gefeit, selbst Gott spielen zu wollen. Die Jünger Jesu etwa, die Feuer vom Himmel auf die ungastlichen Samariter herabrufen (vgl. Lk 9,51-56), müssen von Jesus zurechtgewiesen werden. Ich bin sehr dankbar, dass dies im Evangelium nachzulesen ist.

Nun geht es uns heute nicht so sehr um das Thema Religion und Toleranz, wiewohl das angesichts einer zusammenwachsenden Welt zunehmend an Bedeutung gewinnt. Es soll mehr um die (freilich damit zusammenhängende) Frage gehen, inwieweit sich eine religiöse Überzeugung  kraft ihres eigenen Selbstverständnisses von Extrempositionen freihalten kann, also von sich aus die Kraft hat (ähnlich wie beim antiken Tugendbegriff) die rechte Mitte ihrer Grundbotschaft auf Dauer festhalten zu können.

1.
Hier könnte uns eine Beobachtung aus der Frühzeit der Kirche weiter helfen.  Aus den Briefen des Apostels Paulus wissen wir, dass der Apostel in der Gemeinde von Korinth mit einem schwärmerischen religiösen Enthusiasmus konfrontiert war. Dieser zog aus der Botschaft des Evangeliums von der Auferstehung die Schlussfolgerung, dass wir alle schon mit Christus "zur Herrschaft gekommen" (vgl. 1 Kor 4,8), also schon in die himmlische Auferstehungswelt versetzt seien. Daher würden für die wahrhaft Glaubenden, die "Wissenden",  andere Lebensmaßstäbe gelten als für die einfachen Gläubigen. Es kursierte in der Gemeinde das Schlagwort: "Alles ist erlaubt" (vgl. 1 Kor 6,12; 10,23). Die Konsequenz, die jene  Enthusiasten aus ihrer Überzeugung ableiteten, war die Ablehnung anerkannter sittlichen Normen, die ja nach Paulus durchaus auch für die Getauften gelten. Und so muss der Apostel gerade in Korinth massive sittliche Verfehlungen in der Gemeinde tadeln, von Streit und Parteienbildung angefangen über Ausschweifungen bei der Feier des Herrenmahles bis hin zu massiven sexuellen Verfehlungen einzelner.  Es ist interessant zu sehen, wie er dabei vorgeht.

Auf der anderen Seite, gleichsam als anderes Extrem, hat Paulus bei den kleinasiatischen Galatern mit dem Phänomen zu kämpfen, dass es dort nach der Erstbekehrung in den Gemeinden (vermutlich durch paulusfeindliche Missionare angestoßen) einen Rückfall in diverse jüdische und wohl auch heidnisch-magische Bräuche zu tadeln gab. Es war wohl so, dass die galatischen Christen der Kraft des empfangenen Geistes nicht trauten und zusätzlich in ihrer Heilssorge wieder Zuflucht nahmen zur Beschneidung, zu einer engen jüdischen Gesetzlichkeit, ja zu magischen Praktiken, zum Beachten von "Tagen, Monaten, bestimmten Zeiten und Jahren" (vgl. Gal 4,10),  also zu astrologischen Techniken, um auf diese Weise den "Elementarmächten dieser Welt" zu entkommen. Hier muss Paulus energisch jene "Freiheit des Christenmenschen" anmahnen, die er bei den Korinthern zu zügeln hatte.

2.
Wenn man diese beiden Fehlhaltung bzw. Missverständnisse des christlichen Glaubens in die Frömmigkeitsgeschichte hinein verlängert, so könnte man sagen: Das christliche Credo hatte sich auch später sowohl von einer sich enthusiastische gebärdenden Gnosis zu distanzieren ("Wir sind schon gerettet", darum gilt: "alles ist erlaubt!") als auch von einer "Werke- Frömmigkeit", die besagt: Wir müssen einem scheinbar kraftlosen Gott bei seinem Heilswirken mit eigenen Anstrengungen unter die Arme greifen, so etwa der Tenor der von der Kirche im 4./5. Jhd. verurteilte Lehre des Pelagius.

Beide Ansichten gefährden auf unterschiedliche, ja gegensätzliche Weise das Festhalten an der Mitte des Glaubens, die ja lautet: Wir sind aus Gnade, aus reinem Erbarmen heraus gerettet (vgl. Eph 2,5), (was nicht heißt, dass wir bei dieser Rettung keine eigenen  Beitrag zu leisten hätten…..). Die "Gnosis" (in ihren jeweiligen, auch modernen Maskierungen), meint, Gott in die Karten schauen zu können. Sie wiegt sich in einer falschen Heilssicherheit und verliert den Blick für das bleibende Angefochtensein des Glaubens. Das sind die enthusiastischen Christen, die meist vom Boden der Realitäten abheben und meinen, wir könnten schon jetzt beim andauernden Alleluja-Singen bleiben.

Der religiöse "Integralismus" dagegen, heute in kirchlichen Traditionalistengruppen verbreitet, zweifelt an Gottes rettende Macht. Er traut Gott zu wenig zu und meint, ihm beim Werk der Erlösung helfen zu müssen. Mir steht dabei die Gestalt des Großinquisitors aus Dostojevskis  Roman "Die Brüder Karamasov" vor Augen,  der über den erfolglosen und schwächlichen Jesus der Bergpredigt zu Gericht sitzt und meint, er selbst könne besser als Jesus der christlichen Religion zum Erfolg verhelfen.

Hans Urs von Balthasar hat kurz vor seinem Tode (+1988) hellsichtig die Wurzeln eines derartigen kirchlichen Integralismus aufgezeigt (vgl. ders., Integralismus heute: Diakonia 19(1988)121-129). Er nennt als dessen Quellen drei Versuchungen: 1. Die Versuchung zur Macht, 2. ein starres Traditionsverständnis, 3. Den Hochmut der menschlichen Vernunft, die sich anmaßt, Gottes Ratschlüsse zu beurteilen und ggf. "nachzubessern".

Für die 1. Versuchung (zur Macht) wäre ein erschreckendes Beispiel die innerkirchliche Bekämpfung der sog. "Modernisten" Anfang des 20. Jahrhunderts, bei der vor Denunziationen, Verleumdungen und Ausgrenzungen nicht zurückgeschreckt wurde.  1914 hatte gottlob der neue Papst Benedikt XV. diese Gruppe von Integralisten in Rom entmachtet. Für die 2. Versuchung stehen heute die sog. Traditionalisten, die aus der lebendigen Tradition des Glaubens ein starres System von Sätze und Normen machen, einschließlich der tridentinischen Liturgie, die in ihrer Unveränderbarkeit zum Markenzeichen der Orthodoxie erklärt wird.  

Mit Hinweis auf die Konziliengeschichte schreibt Balthasar: "Ist man sich klar, dass alle Schismen der Kirchengeschichte – bei aller vorsichtigen Beurteilung, die auch die positiven Anliegen der "Unterlegenen" anerkennt – traditionalistischen Ursprungs sind? Was (irgendwie) bei den Vornizänern galt, hat weiter zu gelten, deshalb verlassen die Arianer die Kirche. Was auf dem Konzil zu Nizäa galt, hat in Ephesus zu gelten: die Nestorianer verlassen die Kirche. Was in Ephesus galt, muss in Chalzedon gelten: die Monophysiten aller Färbung isolieren sich. Das Ost-West-Schisma: bis zum zweiten Nizänum, aber keinen Schritt weiter. Die Reformation: was (buchstäblich) in der Schrift steht, aber sine glossa. Die Altkatholiken: was bisher nicht als Dogma definiert wurde, soll es auch heute nicht werden. …Das heißt jedes Mal: die Tradition liegt im Buchstaben. Und man sieht nicht, dass der geistlose Buchstabe tötet. Dass Tradition zuerst etwas Lebendiges, Weiterdrängendes ist, ein suchendes Sich-hinein-Beten und -Betrachten in das lebendige Wort …" (226f).

               Natürlich gibt es eine ganze Liste auch "progressistischer" Missstände, die ihrerseits traditionalistische Gegenreaktionen auslösen. Denken wir nur an manche nachkonziliaren liturgischen Fehlentwicklungen, bei denen die Hl. Messe zu einem Experimentierfeld religionspädagogischer Eiferer wurde. Die Extreme treiben sich manchmal gegenseitig hervor. Da ist dann auf einmal den einen Rom zu progressiv (vgl. Assissi-Gebet mit Moslimen, Hinduisten und Buddhisten, anstößige Fraternalisierung mit den Juden etc) - und den anderen ist Rom zu konservativ (Duldung der alten Liturgie;  Festhalten an Ablass und Exorzismus u.ä.). Balthasar: "Eine Bewegung für Papst und Kirche macht sich durch die Reihenfolge der Hauptworte heute selbst lächerlich" (228).

              Tradition im katholischen Sinn ist nicht ein Weiterreichen des immer Gleichen. Tradieren ist vielmehr ein lebendiger Wachstumsvorgang. Es geht um immer neue Aneignung, nicht um Konservierung. Das Offenbarungsdekret des 2. Vatikanums "Dei verbum" hat dazu Wichtiges gesagt und Fehlentwicklungen im Offenbarungs- und Traditionsverständnis korrigiert.

Und schließlich nennt Balthasar die 3. Versuchung, die dazu verleiten will, mit Hilfe unserer Vernunft Theologie und Glauben zeitverträglicher zu machen. Da wird dann gesagt: Man müsse die Theologie von angeblichem Ballast befreien, die historischen Streitigkeiten ad acta zu legen, hie und da in Sachen Sexualmoral die Messlatte niedriger hängen und die angeblich unverständliche Eucharistiefeier durch allerlei religiöse Erbauungsübungen ersetzen – dann würde das Christentum schon wieder eine neue Klientel finden. Auch verweist Balthasar auf die Versuchung, dem Weltatheismus eine aus den Religionen zusammengebastelte Weltreligion entgegen zu stellen. "Haben wir nicht alle nur einen Gott, zu dem wir aufblicken, auch wenn Allah tausend Namen hat?" (229) Wie kann da einer herkommen und von sich behaupten "Ich bin die Wahrheit"? Gibt es nicht viele Wahrheiten? Solovjew´s Antichrist lässt grüßen!

Zugegeben: Balthasar redet hier holzschnittartig. Aber er bezieht klar Position. Die Wahrheit ist zwar symphonisch (so der Titel eines Büchleins von ihm), aber sie liegt nicht in der Reduzierung auf den kleinesten gemeinsamen Nenner des heute Vermittelbaren oder gar im Festhalten von Lehrbegriffen, von Formeln und Riten, ein Verharren im Überkommenen, das sich nicht auf wagendes Handeln in einer vorwärts drängenden Geschichte einlässt. Nach dem Johannesevangelium werden ja auch die schon Glaubenden durch den Parakleten-Geist noch in die volle Wahrheit  eingeführt werden. Der Glaube ist also ein Lernweg und das Credo in seiner Bedeutung für die Umwandlung der Welt und der Menschheit noch längst nicht ausgeschöpft.

3.
Schauen wir aber jetzt abschließend auf die seelsorgliche Strategie, die der Apostel Paulus in seinem Umgang mit den Korinthern einerseits und den Galatern andererseits folgt. Paulus hat, wie wir sahen, an zwei Fronten zu kämpfen: er muss den schwärmerischen Enthusiasmus der Korinther dämpfen und er muss die Flucht der Galater in eine falsche Gesetzlichkeit, ja in einen das Evangelium verleugnenden "Pelagianismus"  (in eine "Werkelei-Frömmigkeit") verhindern.

Er tut das im Wesentlichen durch zwei Bemühungen: Er mahnt zum einen an, das jeweilige Verhalten daran zu messen, ob daraus "Frucht des Geistes" erwächst oder ob sich darin – wie er es ausdrückt – "die Werke des Fleisches" zeigen. ("Fleisch" steht in diesem Kontext für das Vergängliche, für das Ungenügende, für die Gottvergessenheit des Menschen). Und zum anderen legt er in Konsequenz dieser Unterscheidung für die Bewertung des Verhaltens der Gläubigen als Beurteilungskriterium an, ob das konkrete Verhalten die Gemeinde "aufbaut" oder zerstört.

a)Im Galaterbrief weist der Apostel die Neubekehrten an, auf die Kraft des Geistes Gottes zu bauen. Diese Kraft war als mächtiger Impuls in den Anfängen der Gemeindegründung am Werk. Daran erinnert Paulus. Er kleidet seine Warnung vor dem Rückfall in eine falsche Gesetzlichkeit in die rhetorische Frage: "Am Anfang habt ihr auf den Geist vertraut, und jetzt erwartet ihr vom Fleisch die Vollendung" (Gal 3,3). Und darum kommt der Apostel in seinem Schreiben auf die den beiden Bereichen "Fleisch" und "Geist" entsprechenden "Werke" zu sprechen.  Dabei greift er auf ihm vorgegebene Aufzählungen zurück, die auch an anderen Stellen seiner Briefe auftauchen (vgl.2 Kor 6,6; Phil 4,8; auch Kol 3,12; Eph4,2f. 32). "Die Werke des Fleisches", die aus der Geistvergessenheit folgen, sind demnach: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid  und Missgunst, Trink- und Essgelage und ähnliches mehr" (Gal 5,19ff). Aus einem dem Geist Christi entsprechenden Verhalten erwachsen dagegen positive Verhaltensweisen, eben: "die Frucht (Singular!) des Geistes": Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung" (Gal 5,22).

Paulus gebraucht sehr überlegt den Bild-Ausdruck "Frucht", wohl um den Geschenkcharakter eines  solchen Verhaltens anzudeuten. Einer "Frucht" kann man nicht befehlen zu wachsen. Sie ist ein Geschenk, hier: eine Geschenk des Geistes Gottes. Man wird an Jesu Wort erinnert: "Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte" (Mt 7,17). Für Paulus ist diese Einsicht ein Kriterium, das ihm zur Unterscheidung der Geister dient. "An ihren Früchten werdet ihr sie (sc. die falschen Propheten) erkennen" (Mt 7,20).

Jesus hat die ihm wohl vertraute jüdische Tora, das Mosegesetz, hoch geschätzt. Er hat den reichen jungen Mann, der ihm nachfolgen wollte, zur Einhaltung  der Gebote aufgefordert (vgl. Mt 19,16-22). Aber er hat über das Mosegesetz das Liebesgebot gestellt. Das war für ihn die entscheidende Präambel der Tora, die Licht auf alle nachfolgenden Gebote wirft. Und diese Einsicht fehlte eben dem reichen Jüngling. So zog er traurig von dannen.  

Ich sage es etwas vereinfacht: Wo der angeblich so gottgefällige Gesetzesgehorsam Hass, Unmenschlichkeit, Erbarmungslosigkeit, brutalen Egoismus produziert, schlägt er der Intention der biblischen (und der daraus abgeleiteten kirchlichen) Gebote ins Gesicht. Ohne  selbst barmherzig zu werden, können wir dem barmherzigen Gott und Vater Jesu Christi nicht gefallen. Ob das nicht auch ein Handlungskriterium für die Kirche und ihre Seelsorge heute, gerade bei Streitfragen sein könnte? Und zwar ohne in ein "Lassez-faire-Christentum abzugleiten?

b)Dieses "Früchte"-Kriterium wird bei Paulus noch ergänzt im Blick auf seine Auswirkungen für den Gemeindeaufbau. Der Apostel gebraucht gern in diesem Zusammenhang das griechische Wort oikodomé: Bau, Aufbau. Dazu kann und soll jeder mit seinen Begabungen, seinen "Charismen" etwas beitragen. So wird nach Paulus das Haus der Kirche, der Gemeinde geistlich
auferbaut. Der Parole: "Alles ist erlaubt!" hält Paulus darum entgegen: "Aber nicht alles nützt!" bzw. "Nicht alles baut auf!"(1 Kor 10,23, auch 6,12 ). So empfiehlt Paulus auf die damals hochgeschätzte Gabe der Zungenrede lieber zu verzichten und eher wenige Worte verständlich zu reden, damit alle etwas davon haben, nämlich Ermutigung im Glauben und Zuspruch im Geist. Denn es geht bei den Gaben des Geistes nicht um die persönliche Vollkommenheit des Einzelnen, sondern darum, dass sie dem anderen helfen, sich fester und nachhaltiger in Christus zu verwurzeln (vgl. 1 Kor 14,12).

Diese Aussage findet sich auch in anderen Briefen des Apostels, etwa  Röm 14,19 oder Röm 15,2, wo wir lesen: "Jeder von uns soll Rücksicht auf den Nächsten nehmen, um Gutes zu tun und (die Gemeinde) aufzubauen." Und 2 Kor 10,8 sagt der Apostel über seine eigene Vollmacht, dass sie ihm verliehen sei, "damit ich bei euch aufbaue, nicht damit ich niederreiße".

Was diese Beobachtungen für die Kirche heute bedeuten, liegt auf der Hand. Immer wieder wird die kirchliche Verkündigung und die Seelsorge, die sich dem konkreten Menschen zuwendet, von Extrempositionen abwenden müssen. Es gilt einer Absicherungstaktik zu wehren, die am Buchstaben festklebt, die eigentliche Intention des Gottesgebotes vergisst und an den menschlichen Realitäten vorbeisieht. Und andererseits gilt es doch, die mit der Erwählung durch Gott einhergehende Umkehrforderung nicht zu verschweigen, die ethischen Maßstäbe nicht zu nivellieren und immer neu nach dem Willen Gottes hier und heute zu fragen. Es gibt kein Christentum zu verbilligten Preisen, auch morgen nicht. Und sich der Nähe Gottes auszusetzen ist (wie schon der Verfasser des Hebräerbriefes wusste) durchaus gefährlich – aber auf gleiche Weise gefährlich, wie auf steilen Alpenpfaden, an Abgründen vorbei, einen hohen Gipfel zu erklimmen, der mir freilich neue, beglückende Horizonte eröffnet.

Was kann der Kirche helfen, nicht in die Extremismusfalle zu tappen?

•    Sie muss immer wieder selbstkritisch auf die eigene Tradition und Praxis schauen und aus eigenen und fremden Erfahrungen lernen.

•    Sie sollte das Gespräch mit den Weltreligionen und den säkularen Kulturen suchen, und zwar in gegenseitigem Respekt und im Wissen, dass es Werte und Zukunftsziele gibt, für die sich gemeinsame Anstrengungen lohnen.

•    Und jeder von uns und die Kirchen insgesamt sollten noch empfindsamer ("empathiefähiger") für das unermessliche Leid in der Welt werden, bei dessen Überwindung und Heilung wie von selbst sich Extrempositionen ad absurdum führen (wie die gescheiterten Großideologien des 20. Jhd. gezeigt haben).

Die Suche nach Gerechtigkeit in Verbindung mit Barmherzigkeit und Menschlichkeit hilft, in der Mitte des Evangeliums festzustehen. Und übrigens: Talibane gibt es bekanntlich nicht nur unter religiösen Menschen!



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