El Arranque – der Startschuss in ein neues Leben

Eine Reportage von Thomas Milz mit Fotos von Jürgen Escher


Jugendlicher vor der Fahne von El Arranque


In dem kleinen Klassenzimmer des Stadtteilzentrums Premier in der Innenstadt von Buenos Aires erklären drei freiwillige Helfer von El Arranque einem Dutzend Schüler die Geheimnisse der Mathematik. „Vor einigen Monaten hat uns die Stadtverwaltung gebeten, die Schüler des Stadtviertels in unser Nachhilfeprogramm aufzunehmen", erklärt Paula Iramain, die Leiterin von El Arranque. Man habe daraufhin die öffentlichen Schulen des Viertels besucht und die Schüler eingeladen, nach dem Unterricht in das Stadtteilzentrum Premier zu kommen.

Seit 2001 widmet sich El Arranque, was so viel wie „Anschub" oder „Starthilfe" heißt, den sozial schwachen Schülern der öffentlichen Schulen von Buenos Aires. „Das war damals eine schwierige Zeit für Argentinien, man stand mitten in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Und am schlimmsten hatte es die Jugendlichen getroffen. Deshalb beschlossen wir, etwas zu tun."

Gegründet wurde die Initiative von Ordensschwestern der Misioneras de Cristo Resucitado, die aus dem Landesinnern in die Hauptstadt kamen, darunter auch Paula. „Wir fragten damals den Erzbischof Jorge Mario Bergoglio, wo wir am dringendsten gebraucht würden. Paula Iramaín hilft einem Jungen bei den HausaufgabenUnd er bat, dass wir uns der sozial schwachen Schüler der öffentlichen Schulen annehmen mögen."

Der heutige Papst Franziskus habe stets ein Augenmerk auf die Randgruppen der Gesellschaft gehabt, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen habe ihm besonders am Herzen gelegen, berichtet Paula. Um Zugang zu den öffentlichen Schulen zu haben, deren Türen für religiöse Organisationen stets verschlossen waren, entwickelte sich El Arranque von einer Pastoralgruppe zu einer unabhängigen Aktion. „Aber natürlich basiert unsere Arbeit stets fest auf den religiösen Grundlagen", so Paula.

„Die erste Organisation, die uns finanziell unterstützte, war Adveniat, die uns von Anfang an begleitete", erzählt sie. Mittlerweile konnte auch die öffentliche Hand davon überzeugt werden, wie wichtig die Arbeit an der Basis ist. So erhält El Arranque Unterstützung von der Stadt Buenos Aires sowie von der Zentralregierung. Wichtig ist Paula aber auch, dass die Bürger der Stadt sich solidarisch zeigen. Neben Geld erhalte man Lebensmittelspenden, die die Verpflegung der Jugendgruppen garantierten.

Paula ist stets vom Wunsch getrieben worden, etwas in der Gesellschaft zu bewegen. „Ich selbst kann nur gut leben, wenn alle Mitglieder der Gemeinschaft gut leben können", erzählt sie. In jungen Jahren schloss sie sich deshalb dem Orden der Misioneras de Cristo Resucitado an. Ihr gefalle ein bescheidenes Leben, sie wolle authentisch sein.


Buenos Aires aus der Luft gesehen


Ihr Arbeitsfeld ist das Zentrum der Hauptstadt. „Buenos Aires ist eine wunderschöne Stadt, voller Licht", schwärmt sie. „Aber sie versteckt auch die große Armut und die sozialen Ungerechtigkeiten. Du denkst, dass es den Jugendlichen gut geht. Doch je tiefer du in ihre Lebenswelten eintauchst, desto klarer wird, dass dem nicht so ist."

Viele der in der Innenstadt zur Schule gehenden Kinder stammen aus sozial benachteiligten Familien, sind aus anderen Regionen und Ländern hierhergezogen, vor allem aus Bolivien. Unter ihnen ist die Arbeitslosigkeit hoch, genau wie die Analphabetenrate. Button: Adveniat-Aktion 2014: Ich will Zukunft„Die Jugend ist die Zeit, in der Menschen am verletzlichsten sind. Deshalb wollen wir ihnen einen Raum bieten, in dem sie ihre Kindheit und Jugend leben und ausleben können, und das in begleiteter Form", so Paula.

Viele Familien könnten dies nicht selbst leisten. Weder ist Geld für die Freizeitgestaltung da noch können die Eltern ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen. „Meist haben sie ja selber keinen Schulabschluss", so Paula. Die Hausaufgabenbetreuung ist eine der Kernaufgaben von El Arranque. Und eine Einstiegstür für die Jugendlichen.

„Wir bieten den Nachhilfeschülern an, an unseren anderen Aktivitäten teilzunehmen, an den Besinnungstagen, den Jugendgruppen, dem Orchester, den Zeltlagern." Dabei wolle man in Buenos Aires unterschiedliche Welten zusammenbringen, die Kinder aus den wohlhabenden und die aus den armen Familien. „Wir wollen einen Austausch ermöglichen, ihnen anbieten, die Lebenswelt des jeweils anderen kennenzulernen, damit ein jeder von diesen so unterschiedlichen Realitäten etwas für das eigene Leben mitnehmen kann."


Musizierende Jugendliche von El Arranque


Mit seinem Team aus neun Festangestellten und etwa 40 Freiwilligen betreut El Arranque rund 200 Jugendliche. Besonders liegt Paula dabei das kleine Orchester am Herzen. „Oft ist die Schule eine schlechte Erfahrung für die Jugendlichen, sie schreiben schlechte Noten, bleiben sitzen, kommen nicht voran, scheitern. Aber im Orchester erleben sie, dass sie eine Violine spielen können, ein schwieriges Instrument. Da erfahren sie: Ja, ich kann etwas."

Zudem helfe die Erfahrung mit Kunst und Musik, neue Horizonte zu eröffnen. „Im Orchester können sie sich mit der Welt der Kunst verbinden, auch mit der Kunst in ihrem Inneren. Und da entdecken sie Aspekte ihrer Persönlichkeit, die sie bis dahin selbst nicht kannten."

Paula Iramaín mit ihrem Lebensgefährten in der KücheAuch Paula selber hat im Laufe ihrer Arbeit Aspekte ihres Lebens entdeckt, die ihr neu sind. In der Jugendarbeit lernte sie Facundo kennen, der als Ordensbruder in einem anderen Jugendprojekt arbeitete. Sie entschlossen sich, aus ihren Orden auszutreten und sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. „Wir teilen die gleichen Sorgen um die Zukunft der Jugendlichen, arbeiten im gleichen Bereich und können unsere Erfahrungen austauschen und beide davon profitieren", so Facundo.

Gemeinsam leben sie in einem kleinen Apartment im Zentrum von Buenos Aires. Auch nach ihrem Austritt aus dem Orden lebt Paula weiterhin bescheiden, leiste sich nur das, „was zum Leben wirklich nötig" sei. „Wäre mein Privatleben nicht genauso bescheiden und sinnvoll wie meine Arbeit, würde der innere Konflikt einfach zu groß werden. Denn wie könnte ich den Jugendlichen sonst nahe sein, wie sollte ich ihnen denn sonst etwas vermitteln?"

Paula Iramaín besucht die Lobdeburgschule Jena

Video: Das kleine Wunder von El Arranque (5:43 Minuten)


Jugendliche und Mitarbeiter von El Arranque


10.12.2014



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