Gott vergelt's und Gottes Segen!

"Man sieht nicht sofort, was in ihm steckt", bescheinigt Kardinal Lehmann seinem scheidenden Weihbischof, voll des Lobes über ihn. Ihn nach Erfurt gehen zu lassen, falle ihnen nicht leicht.

Porträt Kardinal Karl LehmannEs fällt uns nicht leicht, Weihbischof Dr. Ulrich Neymeyr nach Erfurt gehen zu lassen, auch wenn wir mit der Landeshauptstadt von Thüringen und der ganzen Region schon sehr lange verbunden sind. Darauf ist noch zurückzukommen. Ich möchte zunächst einmal Ulrich Neymeyr ein herzliches Vergelt´s Gott sagen für seinen 32-jährigen Dienst als Priester und für die elfjährige Tätigkeit als Bischof im Bistum Mainz.

Erlauben Sie mir, dass ich zunächst auf seine Verwurzelung in unserer Diözese zurückkomme. Ulrich Neymeyr ist am 12. August 1957 in Worms-Herrnsheim geboren. Sein Vater Konrad war Diplom-Kaufmann, seine Mutter Margot kümmerte sich vor allem um die Familie. Er hat noch zwei Schwestern. Die Pfarrei Worms-Herrnsheim gehört wohl auch heute noch zu den am meisten katholisch geprägten Gemeinden des Bistums, die viele Geistliche und vor allem auch Ordensfrauen hervorgebracht hat. Es ist eine Gemeinde in der immer ein fruchtbares Klima für geistliche Berufe vorgeherrscht hat. Nach dem Besuch der Volksschule hat Ulrich Neymeyr das Altsprachliche Gymnasium in Worms besucht und dort im Jahr 1976 die Reifeprüfung (Abitur) bestanden. Er hat darauf das Studium der Philosophie und Theologie an der Mainzer Universität und an der Universität in  Münster/Westfalen absolviert und wurde am 12. Juni 1982 zum Priester geweiht.

Nach der Priesterweihe wurde er für zwei Jahre Kaplan in Mainz-Lerchenberg und Mainz-Drais. In Mainz-Lerchenberg gab es in dieser Zeit den Neubau der St.-Franziskus-Kirche, heute zusammen mit Mainz-Drais unter dem neuen Pfarreinamen St. Marien.

Aufgrund seiner vorzüglichen Studienleistungen ist Ulrich Neymeyr 1984 zur Vorbereitung einer Promotion beurlaubt worden, die durch ein Graduiertenstipendium des Landes Rheinland-Pfalz unterstützt wurde. Im Jahr 1987 konnte er seine Promotion abschließen, die er unter Leitung des Mainzer Patrologen Professor P. Dr. Theofried Baumeister OFM erarbeitet hatte. Sie galt einem schwierigen, immer wieder umstrittenen Thema, nämlich der Stellung der Lehrer im 2. Jahrhundert. Er erhielt die höchste Note. Die Arbeit erschien 1989 in einer prominenten, internationalen Reihe und wird bis heute immer wieder anerkennend angeführt. Es ist eine sehr quellenbezogene Arbeit, die für die Sorgfalt der Arbeitsweise von Dr. Neymeyr spricht. Schon hier zeigt sich, dass Dr. Neymeyr in seiner Arbeitsweise ungewöhnlich konsequent und zielstrebig ist.

Nach dem Abschluss der Dissertation wurde Ulrich Neymeyr zum 1. August 1987 zum Subregens und Ökonomen am Bischöflichen Priesterseminar in Mainz ernannt und sechs Jahre lang dort hervorragend gewirkt. Ihm oblagen die Aufgaben der Studienberatung, die Sorge um die finanzielle Stabilität und die geistliche Betreuung der aus Bosnien stammenden Ordensschwestern. Er legte großen Wert auf ein gediegenes Studium. Er hat immer wieder eine Verbesserung der Studien- und Prüfungsleistungen angemahnt und hatte ein hohes Ansehen. Deswegen wurde er schon damals in den Priesterrat gewählt.

Ab 1993 war Pfarrer Dr. Neymeyr verantwortlicher Seelsorger in Rüsselsheim-Hassloch, und zwar für die beiden Kirchen Dreifaltigkeit und Auferstehung Christi. Rüsselsheim war durch seine industrielle Dimension und die sozialen Lebensverhältnisse vieler Menschen, durch eine starke evangelische Tradition und viele andere Umstände für die Katholiken und besonders für die Seelsorge ein schwieriges Pflaster. Hervorragende Geistliche haben vor allem unter der Leitung von Msgr. Karlheinz Beichert über Jahrzehnte die Lage erheblich verbessert und zu einem großen Ansehen der Kirche verändern können. Beide so verschiedene Pfarreien hat Ulrich Neymeyr im Lauf von sieben Jahren ausgezeichnet geleitet, wobei er auch eine sehr gute Führung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Tag legte.

Im Einvernehmen mit dem Bistum hat er sich entschlossen, im Jahr 2000 eine neue Pfarrgruppe zu übernehmen, nämlich Offstein, Worms-Horchheim und Worms-Wiesoppenheim. Herrn Pfarrer Dr. Neymeyr ist es in kurzer Zeit gelungen, in den Gemeinden eine hohe Anerkennung zu finden und auch im Dekanat Worms gut Fuß zu fassen. Dr. Neymeyr hat in dieser Zeit auch die Verantwortung für die Notfallseelsorge in diesem Bereich übernommen. Immer wieder ist er in den Priesterrat gewählt worden.

Mitten in dieser Arbeit ist Ulrich Neymeyr am 20. Februar 2003 von Papst Johannes Paul II. zum Titularbischof von Maraguia und Weihbischof in Mainz ernannt und am 21. April 2003 im Mainzer Dom zusammen mit dem unvergesslichen Mitbruder Weihbischof Dr. Werner Guballa zum Bischof geweiht worden. Kurze Zeit später wurde er zum Bischofsvikar und Leiter des Dezernates Jugendseelsorge ernannt. Im Jahr 2012 wurde er in der Nachfolge von Weihbischof Dr. Guballa auch Mitglied des Domkapitels.

Dr. Neymeyr stammt aus einer gläubigen Familie. Gebet und Gottesdienst prägten ihn von Jugend auf. Er war schon früh sehr aufgeschlossen für die Jugend- und Messdienerarbeit. Er hatte stets den Mut, auch im Gymnasium, sich als kirchlich und katholisch zu bekennen. Er hat durch seine sachliche und überlegte Art im Gespräch und in der Begegnung mit seinen Mitmenschen überzeugt. Er ist theologisch sehr gut ausgebildet und hat eine breite, gediegene Kenntnis über Geschichte und Gegenwart unseres Kulturraumes. Er steht fest in der Tradition der Kirche und hat auch Mut und Geschick, seine Überzeugungen sachlich und zuverlässig zu formulieren. Wenn er einmal etwas als richtig erkannt hat, lässt er sich von der Realisierung nicht abbringen, sondern ist konsequent im Erreichen eines Zieles oder bei notwendigen Korrekturen.

Dr. Neymeyr ist ein sehr sachlicher und ruhiger Mensch. Man sieht nicht sofort, was alles in ihm steckt. Er entfaltet seine Qualitäten im Lauf der Jahre bzw. beim Verfolgen einer Aufgabe. Er drängt sich selbst nie vor. Darum muss man seine Qualitäten erst entdecken. Sobald er angesprochen wird oder selbst Verantwortung übernimmt, ist er bei aller Zurückhaltung, die er sich auferlegt, geistesgegenwärtig und handlungsfähig. Er ist ein sehr anerkannter Prediger und feiert würdig die Gottesdienste. Alle pastoralen Felder des Pfarrers von den Taufgesprächen bis zur Beerdigung, vom Einzelgespräch bis zum Religionsunterricht, von der Liturgie bis zur Caritas sind ihm sehr vertraut. Er hat stets eine authentische Freude am geistlichen Dienst und kann bei aller Sachlichkeit und Zurückhaltung andere überzeugend für Glaube und Kirche begeistern und gewinnen.

Ulrich Neymeyr hat in diesen elf Jahren seines bischöflichen Wirkens in unserem Bistum eine herausragende Arbeit geleistet. Er hat mich in der Zeit, als ich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war, jederzeit bereitwillig und selbstlos entlastet. Er hat unermüdlich wohl bald alle Dekanate unseres Bistums umsichtig besucht. Er kennt das pastorale Personal der Diözese aus vielen persönlichen Begegnungen. Dies gilt auch für die zahlreichen ehrenamtlichen Laien. Er hat auch mit einer seltenen Treue alle Sitzungen und Arbeitsgruppen, besonders der diözesanen Räte, besucht und intensiv mitgearbeitet. Er hat mir jederzeit auch Aufgaben abgenommen und mit der größten Selbstverständlichkeit erfüllt.

Besonders erwähnenswert ist – von besonderer Bedeutung für jedes Bistum – seine unermüdliche Sorge um die Jugend. In seiner Zeit wurde das Bischöfliche Jugendamt erneuert, aber nicht nur nach außen und am Bau, sondern auch in der Konzeption in die Zukunft hinein. Er hatte bei aller Autorität stets eine ganz große Offenheit zu den Seelsorgern und den jungen Menschen selbst. Er hat sie bei vielen Treffen, Wallfahrten und Reisen begleitet, nicht zuletzt z. B. bei der Ministranten-Wallfahrt nach Rom in diesem Sommer. Er hat Freizeiten und Lager besucht. Er hat das enge Miteinander zwischen dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und der Jugendpastoral des Bistums – es gibt nur wenige Bistümer mit dieser Form der Zusammenarbeit – ausgewogen und zur Zufriedenheit aller unterstützt und schließlich auch geleitet. Durch seine Erfahrungen im Bistum hat er in herausragender Weise auch die Anliegen der Jugend in der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz vertreten. Es bleibt noch die Nähe von Ulrich Neymeyr zur Schule zu erwähnen, besonders die Zusammenarbeit zwischen den Dezernaten für die Jugendseelsorge und für die Schulen und Hochschulen. Er ist selbst ein erfahrener und bewährter Religionslehrer, hat aber durch die enge Lebensgemeinschaft mit seiner Schwester Petra die Möglichkeit des beständigen Austausches und der Information über die Situation unserer Schulen. Auch Frau Petra Neymeyr gilt an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank für die Unterstützung und Solidarität der gesamten Arbeit ihres Bruders.

Es gab kaum eine Aufgabe, der er nicht sehr gut gewachsen war. So hat er z. B. das Bistum im Vorstand der Gesellschaft für mittelrheinische Kirchengeschichte vertreten. Dass er mit beiden Beinen in unserer modernen Welt steht, hat er auch seit vielen Jahren in der Medienkommission der Deutschen Bischofskonferenz bewiesen. Dies gilt nicht minder für den Bereich von Caritas und Diakonie, wo er ein sehr aufmerksamer Vorsitzender des Kuratoriums der Wilhelm-Emmanuel-von Ketteler-Stiftung war.

Wollte ich alles aufzählen, käme ich an kein Ende. Darum gebührt Herrn Weihbischof Dr. Ulrich Neymeyr für seinen gesamten Dienst in unserem Bistum ein ganz herzliches Vergelt´s Gott. Wohl jeder, der hier ist und von ihm Abschied nimmt, hat seine eigenen guten Erfahrungen mit ihm. Jeder kann ihm großen Dank abstatten.

Lieber Mitbruder Ulrich, ich sage auch persönlich meinen ganz herzlichen Dank für die nahtlose, gute Zusammenarbeit, nicht nur in den letzten elf Jahren, sondern auch in der ganzen Länge Deines und meines Dienstes im Bistum. Es war immer ein großer Verlass auf Dich. Wir zogen ohne künstliche Verabredung und Taktik immer am selben Strick. Ich habe mich stets gefreut, wie sehr Du im Bistum, vor allem auch bei der Jugend, und außerhalb der Diözese großen Anklang und Anerkennung gefunden hast.

Ich habe mich gefreut, dass man bei Deiner Berufung zum Bischof von Erfurt durch den Heiligen Vater im Bistum Bedauern aussprach, aber nie eigentlich Enttäuschung. Jeder wusste, dass Du zum Amt eines Diözesanbischofs das Zeug hast. Erfurt ist uns in Geschichte und Gegenwart zu nahe und auch zu wichtig, um nur unseren Verlust zu sehen. Wir freuen uns auch, dass das Bistum Erfurt durch Dich einen herausragenden Nachfolger für die Bischöfe Hugo Aufderbeck und Joachim Wanke haben wird. Du kannst Dich bei Deiner Erfahrung und bei Deiner Flexibilität sowie Sensibilität in die ganz andere Pastoral, die beide Mitbrüder so eindrucksvoll in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik entwickelt haben, einfühlen und sie mit den Mitbrüdern in Erfurt weiterentwickeln. Wir wollen Dir dabei helfen, soweit wir nur können und Du es wünschst.

Die Beziehungen des Bistums Mainz zu Erfurt in Vergangenheit und Gegenwart möchte ich als Fundament auch unserer künftigen Beziehungen bei anderer Gelegenheit etwas entfalten, nämlich im Zusammenhang Deiner Amtseinführung in Erfurt. Da passt es gut hin.

Lieber Ulrich, Du bekommst für Deine Erfurter Wohnung von uns ein Bild des Domes von Mainz mit dem bunten Treiben auf dem Marktplatz. So hast Du uns immer vor Augen und in lebendiger Erinnerung. Ich blicke etwas stärker nach vorne und möchte Dir für Deinen Dienst in Erfurt zwei Bücher als persönliches Geschenk und Zeichen meines Dankes nach Erfurt mitgeben. Es ist die wohl gewichtigste Luther-Biografie unserer Zeit aus der Hand des Berliner Historikers Heinz Schilling, denn über Luther kann man in Erfurt nie genug wissen. Zugleich möchte ich Dir mit der neuesten Auflage des Karl-Rahner-Lesebuches auch heute noch lebendige Anregungen und Impulse empfehlen, die zu unserer gemeinsamen Aufgabe gehören, hier in Mainz, dort in Erfurt und gemeinsam im Rahmen der Kirche unseres Landes. Herzliches Vergelt´s Gott und Gottes Segen!



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