Kleine Schar mit viel Selbstbewusstsein

Besuch bei den Katholiken in Südthüringen 25 Jahre nach dem Mauerfall


Die Kirche in Schleusingen


Von Markus Hauck (POW)

Schleusingen/Meiningen/Wolfmannshausen/Würzburg (POW) Wer achtlos durch die Georg-Neumark-Straße der südthüringischen Kleinstadt Schleusingen fährt, übersieht die katholische Kirche Sankt Marien leicht. Von außen verweist nur die Schautafel vor der Eingangstüre darauf, dass sich in dem dunkelgrauen Wohnhaus ein Gotteshaus verbirgt. Repressalien wie zu Zeiten der DDR haben die Katholiken in Südthüringen 25 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht mehr zu befürchten. Heute leben sie im Herzen Deutschlands, doch ihre Zahl ist klein, die Pfarreien sind weit über Grabfeld, Rennsteig und Thüringer Wald verstreut. Zum Teil nur wenige Kilometer von den Grenzen des Bistums Würzburg entfernt, zeigt sich hier eine ganz andere Kirche als im volkskirchlich geprägten Mainfranken.

Südthüringen, dessen Dekanate Meiningen und Saalfeld bis zur Neugründung des Bistums Erfurt im Jahr 1994 zum Bistum Würzburg gehörten, war bis 1945 mehrheitlich protestantisch. Katholische Pfarreien gab es in Meiningen, Sonneberg, Hildburghausen, Pößneck, Saalfeld, Bad Salzungen – und die traditionsreiche Pfarrei Wolfmannshausen. Auf dem Friedhof des katholisch geprägten Dorfes, das einst im Sperrgebiet am Eisernen Vorhang lag, ist Pfarrer Joachim Kügler begraben. Er gehörte zur verschworenen Gemeinschaft Würzburger Diözesanpriester, die in DDR-Zeiten Dienst in der Diaspora leisteten. „Wir Priesterseminaristen im Erfurter Seminar nannten diese Gruppe in den 1970er Jahren scherzhaft ‚Bocksbeutelmafia‘, waren aber sehr froh, dass sie sich für uns engagierten, und dankbar für die Unterstützung durch das Bistum Würzburg“, berichtet Domkapitular Bernhard Bock, Dechant des Dekanats Meiningen und Pfarrer von Bad Salzungen.

Durch Flüchtlinge aus dem Osten entstanden nach dem Krieg viele katholische Gemeinden neu. Eigene Gottesdiensträume oder erst recht eigene Kirchen gab es für diese Menschen praktisch nicht. Die evangelische Kirche stellte vielfach in christlicher Verbundenheit ihre Gotteshäuser zur Verfügung. In der Kleinstadt Schleusingen wurden die katholischen Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen von einem Steyler Missionar seelsorgerlich betreut, in einem Gasthaus nutzten sie den Saal als Kirche. 1961 wurde dieser Mietvertrag auf Geheiß der SED nicht mehr verlängert. Als eine wohlhabende Familie kurz vor dem Mauerbau floh, nutzten die Gläubigen die Chance und kauften das Haus in der Georg-Neumark-Straße. Mit viel persönlichem Einsatz wurden in den folgenden Jahren Wände weggebrochen, Stützpfeiler eingezogen und im Erdgeschoss ein L-förmiger Kirchenraum geschaffen, der 1964 kurz vor Weihnachten geweiht wurde.

„Heute liegt der Schwerpunkt unserer Gemeindearbeit bei den Senioren“, sagt Schwester Gudula Bonell von der Congregatio Jesu, die zusammen mit ihrer Mitschwester Gundhilde Mayerhöfer und Christa Huber, einer Witwe, die sich als „Gefährtin“ dem Orden angeschlossen hat, seit 2008 im oberen Teil des Hauses in Schleusingen lebt. Dort bieten die Ordensfrauen unter anderem Einzelexerzitien und Tage der Stille an. „Junge Familien sind nach der Wiedervereinigung wegen besserer Berufsaussichten in den Westen gezogen. Waren es 1948 in unserer Pfarrei 38 Kommunionkinder, so hatten wir 2014 nur eines.“ Zu den Angeboten, die auch von Ungetauften nachgefragt werden, zählen Kurse, bei denen in das kontemplative Jesusgebet eingeführt wird. „Erst kürzlich hat sich eine 50-Jährige, eine der Jüngsten, die hier regelmäßig ein- und ausgeht, taufen lassen“, berichtet Bonell sichtlich begeistert.

Otto Stöber, Pfarrer von Suhl und in dieser Funktion auch für die Gemeinde in Schleusingen zuständig, berichtet von der besonderen Situation der Katholiken vor Ort. Sie machten im südlichen Thüringen nur drei Prozent der Bevölkerung aus, 17 Prozent seien evangelisch, die restlichen 80 Prozent gehörten keiner Konfession an. In seiner Heimat im Eichsfeld dagegen, einem Landstrich im Norden des Bistums Erfurt, stellten die Katholiken die deutliche Mehrheit. „Hier im Süden der Diözese arbeiten wir in einem atheistischen Umfeld ökumenisch zusammen, wo immer es geht. Ich habe sogar schon in Vertretung meiner evangelischen Kollegin einen Predigtgottesdienst in ihrer Kirche gehalten“, erzählt er. Auch beim Religionsunterricht sei es besser, alle Christen gemeinsam zu unterrichten statt getrennt nach Konfession. „Ein Mädchen aus Schleusingen muss alle 14 Tage nach Suhl fahren, weil es in der näheren Umgebung nur dort katholischen Religionsunterricht gibt.“

Farbenprächtige Glasfenster an drei Seiten, eine frei von Säulen überspannte Weite von über 20 Metern: Die Gegensätze zwischen der Schleusinger Hauskirche und der katholischen Pfarrkirche in Meiningen könnten kaum größer sein. Sie entstand zwischen 1967 und 1972. Die neugotische Kirche aus dem Jahr 1881, im evangelischen Meiningen als Antwort auf den Zuzug katholischer Soldaten aus Elsaß-Lothringen in die Garnisonsstadt errichtet, war durch Hochwasserschäden marode und wurde zusammen mit dem Schwesternhaus neu erbaut. Offiziell beantragt wurde nur der Neubau des Schwesternhauses, in dem bis 1986 Würzburger Erlöserschwestern als wichtige Stütze des christlichen Lebens wirkten. „Die Baugenehmigung gab es unter dem Vorbehalt, dass keine Kapazitäten – sprich: Baufirmen und Handwerker – dafür in Anspruch genommen werden durften“, erzählt Martin Montag, Pfarrer von Meiningen.

Tatsächlich konnte daher nur mit Hilfe von Freiwilligen gebaut werden, die aber zu DDR-Zeiten auch ohne Probleme mal ihrer Arbeitsstelle fernbleiben konnten, wenn sie beim Kirchenbau gebraucht wurden. Das Material wurde zum Teil auf abenteuerlichen Wegen aus dem Bistum Würzburg geliefert und der Tarnung wegen mitunter auch nachts verbaut. „Ihr habt ein Klo beantragt und einen Dom errichtet“, zitiert Pfarrer Montag einen SED-Funktionär. Die Wende habe auch in Meiningen zum Wegzug von vielen Gläubigen geführt. „Ein unschätzbar schwerer Verlust.“ Dank des Klinikums im Stadtteil Dreißigacker und des Theaters seien nach der Wende aber auch viele Katholiken neu nach Meiningen gekommen. Diese seien heute die Säulen der Pfarrei. „Im Pfarrgemeinderat ist nur ein Mitglied ursprünglich aus Meiningen.“

„Ohne die ehrenamtlichen Kommunion- und Diakonatshelfer geht es in unserem Bistum nicht. Seelsorger sind alle Getauften und Gefirmten, nicht nur der Pfarrer und die Gemeindereferentin“, sagt Raimund Beck, derzeit ständiger Vertreter des Diözesanadministrators von Erfurt. Der frühere Mathematiklehrer wurde 1993 zum Priester geweiht. Er hat in seiner Amtszeit als Generalvikar unter Bischof Dr. Joachim Wanke den Umstrukturierungsprozess begleitet. Unter dem Motto „Das Kleid anpassen“ wurden seit 2004 aus ehemals 14 Dekanaten sieben geformt. In den zu insgesamt 63 Pfarreien zusammengefassten Gemeinden werden gut 150.000 Gläubige betreut. Bis 2020 soll die Zahl der Pfarreien auf 33 reduziert werden, um dem demographischen Wandel zu folgen.

Auch wenn sie zahlenmäßig klein sind, haben die Katholiken in Südthüringen Selbstbewusstsein. Als in Schleusingen rumänische Mitschwestern zu Besuch waren, haben sie laut Schwester Gudula den Priestermangel beklagt und schnell angeboten, doch ein paar rumänische Priester nach Thüringen vermitteln zu können. „,Wir kommen auch so prima zurecht‘, habe ich ihnen gesagt.“

Fotos vom Besuch in Südthüringen


Quelle: Pressestelle Bischöfliches Ordinariat Würzburg (POW)

1.10.2014

Besuch bei den Katholiken in Südthüringen 25 Jahre nach dem Mauerfall



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