"Mit Christus träumen"

Predigt von Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke bei der Erfurter Bistumswallfahrt 2014


Weihbischof Hauke predigt unter einem Regenschirm


1. Wenn einer allein träumt…


„Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit“ – Dom Hélder Camara, Erzbischof von Olinda und Recife, formulierte diesen Satz. Er gründete die ersten kirchlichen Basisgemeinden in Brasilien und gehörte zu den profiliertesten Vertretern der Befreiungstheologie. Beim 2. Vatikanischen Konzil richtete er einen offenen Brief an alle Konzilsbischöfe und beschwor sie, den äußeren Reichtum abzulegen. Daraus entstand der sogenannte Katakombenpakt, dem 40 Bischöfe der ganzen Welt bei einer Feier  in den Domitilla-Katakomben in Rom beitraten. Erzbischof Dom Hélder Camara starb am 27. August 1999.

Das Anliegen dieses Bischofs aus Lateinamerika scheint mir neu lebendig zu werden im Wirken und in den Worten unseres Heiligen Vaters, Papst Franziskus. Die Option für die Armen, die schon vielfach ausgesprochen wurde, findet in seinen Worten, Gesten und Taten einen neuen Ausdruck. Er geht in die Slums von Rio de Janeiro und predigt auf einer improvisierten Bühne. Er umarmt Gesunde und Kranke, Kinder und alte Menschen. Er scheut sich nicht, ohne Panzerglas durch die Reihen zu fahren und die Menschen zu grüßen. Erfüllt sich hier das Anliegen des heiligen Franziskus, die Kirche zu erneuern, zu stabilisieren und zu heilen, indem die Option für die Armen stark gemacht wird und die bisher bedeutsamen Äußerlichkeiten keine große Rolle mehr zu spielen scheinen?

„Träume sind Schäume“ heißt ein Sprichwort und bezieht sich auf Seifenblasen, die zerplatzen und einen Schaum hinterlassen. Das ist nicht viel, was bleibt – eigentlich nichts. Ist es so mit den Träumen, die Dom Hélder Camara hatte, die der alttestamentliche Josef hatte, die der Pflegevater Jesu hatte und auch die Weisen aus dem Morgenland? Die Träume wurden ernst genommen, weil sie von Menschen geträumt wurden, die ihr Leben als erlösungsbedürftig erkannt hatten oder in einer bedrohlichen Wirklichkeit standen. In den Träumen wurde ein Ausweg gesucht und gefunden, der das Heil möglich machte. Sie waren keine Seifenblasen ohne Rückstände, sondern führten die Seher zu neuen Taten, durch die Zukunft möglich wurde.


2. Träume fordern zu Veränderungen auf

Für unsere heutige Bistumswallfahrt haben wir das Thema gewählt: „Träum weiter!“ Als wir das Thema der Wallfahrt festgelegt hatten, bestand noch der Traum und Wunsch, dass unser Bistum bald einen neuen Bischof bekommt. Dieser Traum ist schon in Erfüllung gegangen. Aber ich möchte die Gedanken auch weiterführen. Ich träume mit vielen und vielleicht sogar mit allen 151.863 Katholiken im Bistum Erfurt davon, dass Kirche eine Zukunft in Thüringen hat. Wir suchen und fragen, wie diese Zukunft aussehen wird. Es deuten sich Strukturen an, die miteinander besprochen und entschieden wurden – nicht immer zur großen Freude der Gläubigen, aber doch auch mit viel Verständnis. Doch die Strukturreform ist nicht alles, was zu tun ist. Es geht auch um die innere Seele der Pfarreien und Gemeinschaften, die gepflegt und gestärkt werden muss. Es darf uns nicht gleichgültig sein, ob in einer Versammlung von Christen gebetet wird oder nicht. Es muss zum Standard gehören, in der Heiligen Schrift zu lesen und die Psalmen zu beten. Es sollte allen kirchlichen Gruppen bewusst sein, dass die Gegenwart Christi in der Heiligen Eucharistie ein Geschenk Jesu Christi an seine pilgernde Kirche ist, das durch nichts übertroffen werden kann. Und wenn in einem Ort eine Kirche mit Tabernakel steht, dann muss es auch dort die Gelegenheit geben, dem Herrn in der Eucharistie zu begegnen und ihn zu ehren – auch durch das stille Gebet auf einer Kniebank vor der Glaswand, die den Kirchenraum tagsüber abschließt, wenn kein Gottesdienst gefeiert wird. Mit Christus müssen wir träumen von einer Kirche in Thüringen, die den Zeitgenossen den Himmel aufschließen kann und die Träume deutet, die diese haben – ausgesprochen oder vernebelt durch Konsumgüter, die ihnen das Heil versprechen. Wir dürfen die Güter der Erde dankbar nutzen als Helfer für das Leben, aber sie sind keine Heilsspender, für die ich Leib, Leben und Zeit in unbegrenztem Maß einsetzen darf. Ich bin traurig über die Tatsache, dass noch nicht alle in Thüringen den christlichen Glauben kennen lernen konnten. Ich sehe dabei auch unsere Schuld und Unvollkommenheit. Was kann helfen, dass wir zu Traumdeutern für unsere Zeitgenossen werden – wie der alttestamentliche Josef, der hier im Dom im Josefsfenster so anschaulich zu sehen ist? Die Deutung des Traumes des Pharao von den fetten und mageren Kühen und den prallen und dürren Ähren durch Josef hat Ägypten und dem ganzen Mittelmeerraum das Leben gerettet. Es brauchte den Pharao, der Josef vertraute genauso wie Josef selbst, der Mut hatte, die Wahrheit zu sagen, die er sah: „In fetten Jahren musst Du ansparen, damit es in den dürren Jahren reicht!“ Wer aber hört auf die Traumdeuter, die in guten Jahren zum Sparen einladen, damit Notzeiten in der Zukunft überstanden werden können? Denken nicht die meisten: So wird es weitergehen? Die Betrachtung des Josefsfensters im Dom sollte Politiker und Wirtschaftsfachleute zum Nachdenken und Entscheiden bringen.


3. Träume können retten

Die Träume des Pflegevaters Jesu – des Hausbauers aus Nazaret – haben Jesus das Leben gerettet. Wir hörten vom Traum des Josef, der ihn aufforderte, mit Maria und Jesus nach Ägypten zu fliehen, weil Herodes die Kinder töten wollte, unter denen er auch den angekündigten Messias zu ermorden hoffte. Herodes sah seine Macht bedroht durch ein Kind, aus dem nach seinem Denken ein Konkurrent für den Königsthron Davids werden könnte. Der zweite Traum des Josef führte die Heilige Familie nach dem Tod des Herodes wieder nach Hause – aber die bedrohliche Situation war noch nicht vorbei. Beim Evangelisten Matthäus klingt es zwar so, als ob die Heilige Familie zum ersten Mal in Nazaret ist. Wir wissen jedoch, dass Maria und Josef von dort stammen, was wir beim Evangelisten Lukas erfahren. Es schließt sich für uns ein Kreis und Jesus kann wirklich ein Nazoräer genannt werden, weil er dort seine Wurzeln durch Maria und Josef hat. Die Träume bewirkten die Flucht. Es brauchte jedoch sowohl denjenigen, der den Traum verursacht, als auch den, der dem Traum glaubt. Wir deuten die Träume des Josef als Werk Gottes, der den Weg Jesu mit Umsicht, Geschick und Liebe lenkt und leitet. Es ist der Umgang Gottes mit uns Menschen erkennbar, der den Menschen ernst nimmt, obwohl er nur ein schwacher Mensch ist. Wer den Träumen traut, kann Geschichte schreiben und wenn die Liebe im Herzen ist, dann wird es auch Heilsgeschichte.


4. Der Traum vom Himmel und die Welt

Der Apostel Paulus beschreibt in unserem Lesungstext seinen seelischen Zustand: Es zieht ihn nach zwei Seiten: das Leben mit Gott im Himmel und das Leben mit der Gemeinde in Philippi und anderswo. Was soll er wählen? Wahrscheinlich steht er in einer lebensbedrohlichen Situation und soll nun überlegen, was er Gott dazu sagen soll. „Euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.“ – ist sein Resümee. Er träumt sowohl vom Heil des Himmels als auch von der heilen und heiligen Gemeinde. Von dieser letztgenannten wird er immer wieder enttäuscht und so können wir seinen Traum vom Himmel und seine Sehnsucht verstehen.  Aber er weiß auch um die Notwendigkeit, die Gemeinde zu führen und vor Kräften zu bewahren, die in die Irre leiten. Er spricht sogar in einigen Zeilen vorher davon, dass seine Gefangenschaft Gutes bewirkt hat. Er schreibt:

„Die meisten der Brüder sind durch meine Gefangenschaft zuversichtlich geworden im Glauben an den Herrn und wagen umso kühner, das Wort Gottes furchtlos zu sagen“ (Phil 1, 14). 

Die Verfolgung des Apostels muss also nicht unbedingt eine Katastrophe sein, sondern in ihr steckt auch eine Kraft, die den Glauben stiftet.


5. Träume und die bittere Wirklichkeit

Liebe Wallfahrer, wir hören vom verborgenen Wirken Gottes in den Träumen der Menschen und in den Erfahrungen, die wir zunächst als Verfolgung und Not deuten. Wir spüren dadurch, dass wir niemals den Glauben aufgeben dürfen, dass hinter aller Not und Bedrängnis, hinter allen ausweglos erscheinenden Situationen nicht auch Gott steht, der das Heil bewirken möchte. Die Wege Gottes zu den Menschen erscheinen uns manchmal so unwirklich und fremd. Wir sehen vielleicht nicht sofort einen Sinn hinter dem, was geschieht – wie derzeit wieder die Welle an Kirchenaustritten vor allem von älteren Gemeindemitgliedern, die von den Banken angeschrieben wurden und ihre Konfession bekanntgeben sollen, damit die Kirchensteuer abgeführt werden kann. Beide Konfessionen leiden derzeit unter dem Schwund an Gemeindemitgliedern, denen ich sagen kann: es hat sich nur das Verfahren geändert, wie die Kirchensteuer bei einem hohen Vermögen eingezogen wird; es geht um keine neue Kirchensteuer. Ich leide mit allen deutschen Bischöfen unter den Folgen dieses  Miss- und Unverständnisses, aber es regt die neue Situation auch wieder an, über die Bedeutung von Kirche und ihrer konkreten Institution nachzudenken. Viele fragen uns Bischöfe, wie es mit dem christlichen Charakter von kirchlichen Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen bestellt sein wird, wenn immer weniger kirchliche engagierte Christen dort arbeiten, die zwar ihre Arbeit mit Engagement tun, aber die Quelle nicht schätzen gelernt haben, die zur Gründung dieser kirchlichen Einrichtungen geführt hat. Ich hoffe, dass die dort arbeitenden Christen sich durch die neue Situation herausgerufen fühlen, den Glauben zu bekennen und zu vermitteln. Ich sorge mich, wenn sich in diesem Jahr für das neue 1. Semester im Priesterseminar in Erfurt lediglich ein junger Mann aus dem Bistum Dresden-Meißen gemeldet hat und zwei junge Männer nach Lantershofen in die Priesterausbildung gehen.  Ich freue mich natürlich mit meinen Mitbischöfen über jeden einzelnen jungen Mann, aber ich sehe auch die Problematik, ein Haus mit Leben zu erfüllen, in dem 46 Betten zu Verfügung stehen. Hier träume ich von einer Warteschlange vor dem Eingang zum Priesterseminar und meine heutige Predigt gilt auch mir selbst: Ich setze darauf, dass es diese Warteschlange wieder einmal in Erfurt gibt.


6. Bischofsträume für das Bistum

Lasst mich meine Träume nennen, die ich für das Bistum Erfurt habe:
Als erstes natürlich, dass unser neuer Bischof im ganzen Bistum eine wohlwollende Aufnahme findet. Er hat ganz mutig „Ja“ gesagt bei der Frage, ob er die Wahl des Domkapitels zum neuen Bischof annimmt. Mutig „Ja“ sagen ist das Eine. Zu diesem Ja eine Annahme finden ist das Andere. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass alle Gläubigen im Bistum dieses „Ja“ sprechen und so mein Traum in Erfüllung geht.

Weiterhin träume ich von Christen in allen Orten des Bistums, wo zwei oder drei sich versammeln können – natürlich sollen und können es auch mehr sein. Ich bin sicher, dass durch das gemeinsame Gebet und Gespräch erkannt wird, was vor Ort an Glaubenszeichen und Glaubenszeugnis möglich ist. Vielleicht ist es das Engagement in der örtlichen Feuerwehr oder als Grüne Dame im Krankenhaus. Vielleicht ist es die Mitarbeit als Caritashelfer und –helferin. Vielleicht ist es die ehrenamtliche Verbandsarbeit, die Freude macht und den Horizont erweitert. Vielleicht sind es konkrete Hilfsprojekte, wie sie von der Kolpingsfamilie für Rumänien in Treue jedes Jahr zu Weihnachten und darüber hinaus geleistet werden. Vielleicht ist es auch die Mithilfe in kinderreichen Familien, um den Müttern einmal die Gelegenheit zu geben, in Ruhe in der Stadt einzukaufen und Kaffee mit einer Freundin zu trinken. Kirche wird konkret, wo die Güte und Liebe herrschen. Daran wurden schon die frühen Christen erkannt.

Weiterhin träume ich davon, dass junge Christen sich für den Dienst in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und Kirche engagieren. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es ein großes Potential gibt. Gerade die Ministrantenwallfahrt in Rom, an der auch 350 junge Christen aus dem Bistum Erfurt teilgenommen haben, lässt mich hoffen, dass uns die Kräfte nicht ausgehen, die wir in der Gesellschaft und in der Kirche brauchen, um ausreichend und vielfältig Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die in uns ist. Ich träume davon, dass jedes Jahr eine Priesterweihe gespendet werden kann. Es dürfen auch mehr sein, aber wir hoffen auf diese eine Weihe. Ich träume von Ordensgemeinschaften, die wie unsere Schwestern und Augustinermönche in Schleusingen, Erfurt, Friedrichroda und an vielen anderen Orten den Mut haben, hier in die Diaspora zu gehen, um als Ansprechpartner für Christen und Nichtchristen da sein zu können. Ich träume von der zahlenmäßigen Verstärkung der Heiligenstädter Schulschwestern, der Franziskaner auf dem Hülfensberg und der Redemptoristen in Heiligenstadt.

Vor allem träume ich von den wachen Christen in unseren Kirchgemeinden, die erkennen, wo Anknüpfungspunkte für das Evangelium sind. Ich sehe die Kirchenmusik als große Chance für die Vermittlung unserer christlichen Hoffnung, wenn auch Nichtchristen in den Kirchenchören mitsingen und dadurch die Glaubenswahrheiten kennenlernen.  Ich sehe unsere katholischen Schulen für Kinder und Jugendliche als eine große Chance, die Zugänge zum Glauben zu ermöglichen. Ich bin dankbar für die Kindergärten, Altenheime und Krankenhäuser, in denen Christen arbeiten, denen die Sorge um Leib und Seele der Anvertrauten am Herzen liegt.

Ja, und ich träume nach der Landtagswahl am vergangenen Sonntag, dass Thüringen auch künftig von klugen und verantwortungsbewussten Politikern regiert wird, damit sich unser Land als ein stabiles, handlungsfähiges und demokratisches Gemeinwesen weiter entwickeln kann.

Liebe Wallfahrerinnen und Wallfahrer, sicherlich könnte jeder von euch noch etwas hinzufügen, was er sich für die Kirche von Erfurt wünscht. Mir ist es jedoch wichtig zu sagen: Träume sind keine Schäume, sondern durch sie konnte Gott schon sein Heil schenken. Vertrauen wir darauf, dass uns Gott mit seinem Segen nahe ist. Die Fürsprache unserer Bistumspatronin, der heiligen Elisabeth, und der Gottesmutter Maria erbitte ich für uns, denn beide sind Zeugen für das Hinhören auf Gott, der durch uns Menschen sein Heil in die Welt Thüringens bringen will. Amen.


21.9.2014



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