Auf wen wartet ihr?

Es gibt jemanden, der schon längst da ist, meint Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke in seiner Predigt zur Jugendwallfahrt 2014

Weihbischof Hauke predigt bei der Jugendwallfahrt"Makaber" wird im Duden mit "unheimlich, schaudererregend und frivol" übersetzt. Unheimlich ist schon, was wir da in der Lesung aus dem 2. Buch der Makkabäer gehört haben. Wegen der Reinheitsvorschriften, die im Judentum galten und das Bemühen ausdrücken sollten, ganz für Gott offen und bereit zu sein, gehen sieben Brüder und deren Mutter in den Tod. "Auf wen wartet ihr?" ruft der letzte der sieben Brüder seinen Henkern zu. Der König hatte versucht, ihn zu überzeugen, abzuwerben, einzuschüchtern oder zu bestechen. Gold und Ehrenämter würden ihm winken, wenn er die Tradition der Väter und seines Glaubens aufgibt. "Da könnt ihr lange warten!" will er den Henkern sagen. "Ich falle nicht um!"


Zwei Schnappschüsse zum Thema "Warten"

Das Thema der Jugendwallfahrt 2014 "Auf wen wartet ihr?" ist dieser makaber anmutenden Lesung entnommen. Zum Nachdenken regen die Schnappschüsse an, die ihr eingesandt habt und mit denen ihr das Warten ausdrücken wolltet. Worauf warten junge Menschen? – das hat mich interessiert. Ich habe ein Foto dazugestellt, auf dem ein Jugendlicher zu sehen ist, der auf einer Straße sitzt, die kein Ende zu haben scheint. Es ist mein Lieblingsbild, das in einem Korridor meiner Wohnung hängt. Ich habe es von Jugendlichen geschenkt bekommen, die in Leinefelde in einem Projekt für Schul-Abbrecher betreut werden. Wo komme ich her und wo gehe ich hin? – diese Frage steht für mich dahinter. Was ist mein Ziel und wer nimmt mich dahin mit? Ihr werdet vielleicht sagen: "Das musst Du mit deinen 60 Jahren doch schon wissen!" Aber da kann ich heute antworten: "Ich weiß es nicht genau, denn wir haben keinen Bischof und was mal aus mir als Weihbischof wird, ist unklar! Wer wird in Rom auf die Liste geschrieben? Welches sind die drei Kandidaten, aus denen das Domkapitel in Erfurt einen Bischof auswählen soll? Wird dieser auch Ja sagen und die Wahl annehmen oder müssen wir noch lange warten, weil er sich nicht entscheiden kann?" Es bewegen mich auch andere Fragen: Bleibe ich gesund?  An Arbeit wird es sicher niemals mangeln und ich freue mich über alle, die in der Seelsorge des Bistums als Priester und Gemeindereferentinnen mitarbeiten wollen. Auch frage ich: Wie wird meine letzte Lebensstunde sein? Ich weiß jedoch, dass ich nicht allein auf dem Weg bin und sitze wie der Jugendliche auf meinem Schnappschuss. Ich glaube: Es hat sich schon Jesus neben mich gesetzt oder er hat mich sogar schon manchmal auf seine Schultern genommen, so dass der Weg nicht zu lang und zu schwer geworden ist, z.B. als meine Mutter und mein Vater starben, als ich gefragt wurde, ob ich Weihbischof werden will und als ich vor wenigen Tagen von der 27jährigen Frau aus dem Sudan erfuhr, die wegen ihres christlichen Glaubens erhängt werden soll, denn nach dem Gesetz der Scharia gilt der Wechsel vom Islam zum Christentum als Glaubensabfall und wird mit dem Tod bestraft. Die Frau aber sagt: "Ich habe den Islam niemals kennenglernt oder praktiziert". In solchen Situationen ist es für mich und andere gut zu wissen: Ich bin nicht allein auf dem Weg. Dann könnte ich sogar mutig sagen: "Egal was jetzt kommt, ich halte es aus!"

Einen zweiten Schnappschuss habe ich eingefügt: Am unteren Bildrand des Gemäldes von Raffael "Die Sixtinische Madonna" in der Dresdener Gemäldegalerie lehnen zwei Engel. Sie werden in vielfältiger Weise separat auf Pralinen, Briefmarken und Einkaufstüten abgebildet. Sie schauen wartend und vielleicht schon ungeduldig in den Raum. Eine Deutung dieser Engel lautet: Das Bild befand sich über einem Altar der Kirche San Sisto in Piacenza . Unterhalb der Engel wurde der Gottesdienst gefeiert. Die beiden Engel warten auf das Ende der heiligen Messe, um dann die Eucharistie wieder in den Himmel tragen zu können. Sie warten auf Christus, der in der Eucharistie auf dem Altar gegenwärtig ist und doch eigentlich im Himmel sein Zuhause hat. Wir Menschen sind dankbar, dass er zu uns auf die Erde und in die Kirche gekommen ist.


Der Messias wartet auf mich im Alltag

Im Evangelium sind uns die wartenden Jungfrauen wieder in Erinnerung gerufen worden. Jesus erzählt ein Gleichnis vom Himmelreich und weist auf die fünf klugen Jungfrauen hin, die zu ihren Lampen auch Öl als Nachschub mitgenommen haben und auf die fünf anderen Jungfrauen, die das nicht gemacht hatten. Den Grund kennen wir nicht. Jesus will einfach sagen: Seid wachsam, dass ihr das Kommen des Bräutigams nicht verpasst, denn wenn ihr zu spät kommt, bestraft euch das Leben und die Tür ist für immer geschlossen. Wenn Jesus vom Bräutigam erzählt, dann meint er sich selbst damit. Er ist der Bräutigam, der in den Hochzeitssaal des Himmels die Menschen hereinlassen kann und will, die auf ihn warten und zu jeder Zeit bereit sind, ihm zu begegnen.

Damit ist nicht sofort und ausschließlich der Tod gemeint und die Begegnung mit ihm im Himmel, sondern auch jetzt schon gibt es die Möglichkeiten, ihm zu begegnen und die Kurzsichtigkeit der Menschen, die sagen: "Das hat noch Zeit mit dem Glauben und der Kirche!" Liebe Jugendliche: Wie war das noch mit dem Traum des Fußballers, der träumte, dass ein Engel ihm begegnet und sagt: "Ich habe zwei Nachrichten für Dich vom Himmel, eine gute und eine schlechte. Welche willst du zuerst hören?" Der Fußballer sagte: "Zuerst die gute!" Da sagte der Engel: "Auch im Himmel wirst du Fußball spielen!" "Und was ist die schlechte Nachricht", fragte der Fußballer? "Du bist morgen schon für die Mannschaft aufgestellt!" Morgen schon! – erfährt der Fußballer! Ich bin noch so jung! - wird er einwenden.

Niemals bist du zu jung, jetzt schon als Jugendlicher seine Gemeinschaft und Nähe zu suchen, denn dann kann für dich die Begegnung im Himmel niemals zur Katastrophe und Überraschung werden.

Ich möchte euch sagen, wo solche Begegnungen mit Jesus, dem Messias und Herrn, möglich sind.

Die heilige Elisabeth von Thüringen hatte erkannt, dass sie in den Armen und Kranken Christus begegnen kann. Darum hatte sie Hospize gebaut und dort selbst die Kranken gepflegt. Das hat sie sicherlich auch Überwindung gekostet, wenn da ganz verschmutzte und zerlumpte, übel riechende und mit Aussatz behaftete Menschen zu ihr kamen. Legenden malen diesen Glauben aus, dass sie in den Armen und Kranken Christus dienen wollte, wenn es da z.B. heißt, dass sie einen Armen in das Bett ihres Mannes legte und als dieser sich von diesem Faktum überzeugen wollte, sah er nur ein Kreuz mit dem Bild Christi in seinem Bett. Wenn es stimmt, was wir glauben, dass in jedem Menschen Gott sein Ebenbild uns geschenkt hat, dann gibt es also niemanden auf der Welt, in dem wir Jesus und Gott nicht finden könnten. Dieser Gedanke fordert mich immer wieder zum Nachgrübeln heraus. Besonders dann, wenn ich Menschen begegne, mit denen ich mich schwer tue. Dann kann ich mich nur in den Gedanken retten: "Herr, auch in ihm bist du da und forderst mich auf, Geduld zu haben und Verleumdung und Unrecht zu ertragen!"

In einer Zeitschrift las ich von einer tapferen und selbstlosen krebskranken jungen Frau. Sie war mit Chemotherapie und mit einer OP behandelt worden und alles sah gut aus. Dann wurde sie schwanger und die Krankheit brach wieder auf. Die Ärzte wollten sie operieren, aber damit hätte sie das Kind verloren. Sie entschied mit ihrem Mann: das Kind soll leben. Nach der Geburt starb sie in den Armen ihres Mannes und das Kind lag auf ihrem Schoß. Diese Frau muss man heilig sprechen! – habe ich mir gedacht. Sie hat ihr Leben für das ihres Kindes gegeben. Sie ist für mich ein Christus, ein Messias und Zeuge für die Liebe Gottes zu uns Menschen.

Auch wissen wir aus unserem Erstkommunionunterricht und aus den vielen Predigten der Pfarrer, dass wir in jeder Eucharistiefeier in der heiligen Kommunion, im verkündeten Wort und in der Erfahrung der Gemeinschaft mit dem Priester und der Gemeinde Christus und dem Messias nahe sind. Spielt das aber in unserem Denken und Handeln eine Rolle?

Besonders beeindruckend ist, wenn sich jemand nicht vor dem Tod fürchtet und er sogar auf ihn wartet, wie auf einen Freund. Im Tod will er Jesus begegnen. In der Serie "Willi will’s wissen" gibt es den Beitrag von 2009: "Wie ist das mit dem Tod". Da ist ein Gespräch mit einem alten Mann aufgezeichnet, der bald sterben wird. Auf die Frage, ob er sich fürchtet, sagte er klar: "Nein!" Das Leben kann er als satt und erfüllt betrachten. Jetzt hofft er auf das, was er als Christ immer schon im Blick hatte – das Leben mit Christus in der Ewigkeit. Die junge Christin im Sudan wird sicherlich um ihr Leben fürchten und ich bete, dass alle Interventionen und unser Gebet heute bei der Wallfahrt die Wende bringen und wir bald von ihrer Freilassung hören. Berichte von Menschen, die schon einmal tot waren und reanimiert wurden, geben gleichlautend die Auskunft: "Es war sehr schön! Es gab viel Licht! Ich habe mein Leben noch einmal mit anderen Augen gesehen!" Weil wir sagen können: Wir warten auf die Erlösung durch Jesus Christus, auf die Vollendung unserer Taten und deren Läuterung und Klärung! – darum brauchen wir uns nicht zu fürchten vor dem Tod, höchstens dann, wenn wir bekennen müssen: Ich habe die Chancen der Nähe zu ihm verpasst wie die törichten Jungfrauen.

Wallfahrt heute: Warten auf Jesus in der Gemeinschaft lohnt sich

Wir müssen wachsam sein, dass wir uns nicht von dem abbringen lassen, was uns bisher im Leben geholfen hat. Dazu zähle ich auch den Glauben, denn sonst wäret ihr ja nicht hier. Verstehen alle eure Freunde, dass ihr euch heute hierher zur Wallfahrt aufgemacht habt? Gibt es nicht diejenigen, die euch schief anschauen oder belächeln? Auf wen wartet ihr dann? Vielleicht auf den Freund oder die Freundin, der oder die sagt: "Ich komme mit! Das lass ich mir nicht entgehen!" Ich wünsche es euch von Herzen, dass ihr auch solche Freunde habt, die euch in eurem christlichen Bemühen unterstützen. Vielleicht ergibt sich aber auch ein gutes Gespräch, in dem ihr deutlich machen könnt: "Mir geht es mit meinem Glauben und meiner religiösen Praxis gut. Ich habe mehr Freude am Leben als vorher. So lade ich dich auch ein, es einmal zu versuchen!" Das sind Sternstunden des eigenen Glaubens. Jesus sagte einmal, dass wir uns dann nicht schon vorher überlegen müssen, was wir antworten, sondern uns dann die guten Gedanken eingegeben werden wie schon dem siebten Bruder, der sagte: "Worauf wartet ihr?" Damit hatte niemand gerechnet. Verwundern wird sich derjenige, dem nach der Weisung Jesu die andere Wange auch hingehalten wird, nachdem es schon einen Schlag auf die erste Wange gegeben hat (vgl. Lk 6,29). Verwunderung wird es auslösen, wenn die Frau dem Dieb auch ihre Scheckkarte anbietet, als man ihr das Portemonnaie stehlen wollte. Damit hatte niemand gerechnet und derjenige, der Böses tun wollte, kommt – so hoffe ich - zum Nachdenken.

Mut zum Warten auf Jesus

Ich sehe in der Überlegung und in der Praxis mancher Christen eine Überforderung, wenn es da heißt: "Ich gehe nur zur Kirche, wenn mir danach ist und wenn ich Zeit habe!" Ich nenne ein solches Denken eine Überforderung meiner eigenen Person, weil ich ja dann mich immer neu entscheiden muss und keinen festen Lebensrhythmus habe, der mir Sicherheit gibt. Ich sehe auch eine Überforderung der christlichen Gemeinde, denn ich gehe ja mit einer solchen Denkweise davon aus, dass es immer auch andere gibt, die eine Kontinuität im Gottesdienst garantieren, wo ich mich dann bei Bedarf einklinken kann. Ich halte das nicht für fair, denn ich erwarte von anderen, wofür ich nicht bereit bin. Besser wäre es doch zu sagen: "Ich gebe jeden Sonntag Gott die Chance, mich anzusprechen und für die Weitergabe des Evangeliums zuzurüsten!" Ich bin froh, dass der Messias diese Zusage seiner Gegenwart gemacht hat. Dann brauche ich keine Magie und keine Drogen, um mich in seine Gegenwart zu versetzen. Hier ist er wirklich da!

Das Warten hat viele Gesichter

"Auf wen wartet ihr?" – das Thema der heutigen Wallfahrt hat viele Gesichter. Es lädt uns ein, dem Leben auf den Grund zu gehen und die Frage nach Gott in meinem Leben neu zu stellen. Wir alle warten auf die Begegnung mit Gott, der verschiedene Gesichter haben kann. Die Kranken, die Armen, die Freunde, die Feinde und die Sterbenden können mir sein Gesicht zeigen. In der Eucharistie will er bei mir sein und ich denke so selten daran. Heute sollte ein Tag sein, wo wir seine Gegenwart suchen, um ihm zu danken dafür, dass er unsere Nähe sucht und auf unser Kommen wartet und sich auf die Gemeinschaft mit uns freut. Warten wir auf ihn und danken wir ihm für seine Geduld mit uns, weil wir ihn oftmals aus dem Blick verlieren, obwohl er uns so nahe ist. Amen.

Es gibt jemanden, der schon längst da ist, meint Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke in seiner Predigt zur Jugendwallfahrt 2014



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