Mutter und Tante trugen den Sieg davon

Kölner Erzbischof, Joachim Kardinal Meisner, in der Serie: "Mein liebstes Kirchenlied" (10)

Joachim Kardinal Meisner

Mein Lieblingslied im neuen Gotteslob ist "Segne du, Maria, segne mich, dein Kind" (535).
Es ist – das habe ich mir sagen lassen – das am meisten gewünschte Lied im neuen Gotteslob.

Meine Liebe zu dem Lied hängt mit meiner Geschichte zusammen. Als wir 1945 unsere schlesische Heimat verlassen mussten, sind wir nach Thüringen gekommen. Wir waren im Dorf die ersten Katholiken seit der Reformation. Es gab keine katholische Kirche. Der Pastor kam jeden zweiten Sonntagnachmittag zur Heiligen Messe. Wir durften aber auch ohne Priester in die evangelische Kirche hinein. Das haben wir immer im Mai und Oktober getan. Dort haben wir uns zur Maiandacht und zum Rosenkranz versammelt. Weil wir viel Zeit hatten, haben wir die Andachten sehr lange gehalten. Wenn die Andacht zu Ende war, sagte der eine: "Singen wir doch noch dieses Lied!" Und eine andere sagte: "Singen wir doch noch jenes Lied!"

Später wurde uns im Priesterseminar das Lied "Segne du, Maria" lächerlich gemacht. Ich habe mich davon so beeindrucken lassen, dass ich noch mit meiner guten Mutter und mit meiner Tante, mit meiner Familie zuhause in Streit geriet. Aber sie haben sich – Gott sei Dank – gegen mich durchgesetzt.

Die Liebe zum Lied habe ich als Kaplan wieder gefunden. Als ich öfter Sterbenden beim Todeskampf beistand, haben diese – wenn es ihnen noch möglich war – gesagt: "Singen Sie doch: Segne du, Maria." Ich hoffe, dass es auch bei meinem Sterben gesungen wird.

Im Gesangbuch ist es ein Höhepunkt des Volkes Gottes in seiner Marienverehrung.

Informationen zur Serie: Mein liebstes Kirchenlied

6.12.2013



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