Taten, die aus der Freude am Evangelium kommen

Predigt von Diözesanadministrator Reinhardt Hauke beim Ponifikalamt anläßlich des 200. Geburtstags Adolph Kolpings

Kolpingflagge am Kreuz

Spektakuläre Taten sprechen sich schnell herum. "Die Besetzung des Stasi-Untersuchungsgefängnisses am 4.12.1989 bewirkte eine Kette von Aktivitäten gleicher Art in verschiedenen Städten Deutschlands." So wurde bei der Eröffnung der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße am Mittwoch berichtet. Es waren Männer und Frauen, die sich ein Herz gefaßt hatten und die Vernichtung von Akten der Stasi mit der Besetzung des Gefängnisses verhinderten.

Spektakulär war 2.000 Jahre vorher das Auftreten von Johannes dem Täufer. Er lebte in der Wüste, ernährte sich von dem, was er dort finden konnte und predigte die Bekehrung von Sünden. Er hatte keine große äußere Attraktivität. Er konnte die Menschen durch seine klare Rede und besonders durch seine einfache Lebensart begeistern. Unter denen, die ihm zuhörten, war auch König Herodes Antipas, von dem es heißt, dass er einerseits den Propheten gern hörte, aber andererseits sich auch vor seinen Worten fürchtete.

Spektakulär ist, was der Prophet Jesaja weitere 700 Jahre vorher ankündigt. Er konnte noch nichts zeigen, aber was er sagte, ist so bildreich, dass wir es uns gut vorstellen können. Gott wird eine neue Welt schaffen, in der es keine Gewalt und Ungerechtigkeit mehr geben wird.  Wenn jemand Taten setzt, die eine solche Welt gestalten wollen, wird man ihm gern zuhören und folgen. Das kann auch gefährlich werden. Hier sind die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind und das Gute für alle wollen. Die Koalitionsgespräche sind zunächst einmal Worte, die verschriftlicht wurden. Jetzt warten alle auf die Taten. Hier wird sich zeigen, ob die Gespräche zu einem guten Handeln führen, das viele Menschen in ihrem Leben stabilisiert und stärkt.

Spektakulär ist für uns heute das Lebenswerk des seligen Gesellenvaters Adolf Kolping. Am 8. Dezember 1813 wurde er als das vierte von fünf Kindern in Kerpen bei Köln geboren. Seine Eltern waren der Lohnschäfer Peter Kolping und dessen Ehefrau Anna Maria, geborene Zurheyden. In bescheidenen Verhältnissen wuchs Adolf Kolping auf und lernte auf Wunsch seiner Eltern das Schuhmacherhandwerk. Wenn auch die Familie arm war an finanziellen Mitteln, so schätzte Adolf Kolping doch die frohe und gläubige Atmosphäre in seiner Familie. Wenn wir heute aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen sagen, dass die ersten drei Lebensjahre eines Kindes prägend sind für den weiteren Lebensweg, so können wir diese Prägung bei Adolf Kolping in den Begriffen festmachen: Einfacher Lebensstil, arbeitsames Leben, aus dem Glauben gestalteter Alltag und Feiertag. Adolf Kolping wurde während seiner Arbeitsjahre als Schuhmacher mit den menschenunwürdigen Lebensbedingungen und Lebensverhältnissen der Handwerksgesellen bekannt. Diese Erfahrung war Grundlage für sein späteres Engagement für die Handwerksgesellen. Mit immerhin schon 24 Lebensjahren entschloss er sich, Theologie zu studieren und besuchte zuerst ein Gymnasium, um das Abitur nachholen zu können. In München, Bonn und Köln studierte er Theologie und wurde am 13. April 1845 in der Kölner Minoritenkirche – seiner späteren Grabeskirche - zum Priester geweiht.

Als Kaplan und Religionslehrer war er in Elberfeld – heute ein Stadtteil von Wuppertal – von 1845 bis 1847 tätig! Heute habe ich die Freude, der Kolpingsfamilie des Bistums Erfurt ein kleines Büchlein schenken zu können, das mir von einem Priester des Bistums übergeben wurde und in dem Adolf Kolping eine Widmung für ein Erstkommunionkind aus Elberfeld eingetragen hat. Dort heißt es:

"Vergiß nimmer deiner ersten heiligen Communion und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen.  Zum Gedenken an die erste heil. Communion für Albert Neilies von Adolf Kolping, Kaplan und Religionslehrer, Elberfeld den 22. Juni 1848."

Das Büchlein selbst beginnt mit einer Ermahnung an die Eltern der Erstkommunionkinder, durch das eigene Glaubensleben eine überzeugende Botschaft zu senden: "Der Herr ist mein Antheil (sic!)!" Da leider das Titelblatt des Büchleins fehlt, kann man vermuten, dass das Buch einem gewissen Alexander gewidmet war, der ebenfalls sich auf die Erstkommunion im 19. Jahrhundert  vorbereitete. Es folgen im Büchlein Berichte von Christen, die aus dem Glauben leben und somit ein Beispiel geben für die nachwachsende Generation.  Die Kapitel scheinen gesammelte Briefe zu sein, die alle mit dem Satz beginnen: "Der Herr ist mein Antheil (sic!)"

Wer ein solches Büchlein verschenkt und einem Kommunionkind widmet, der bringt damit auch sein Interesse am geistlichen Wachstum der Familien und besonders des Kindes zum Ausdruck. So können wir uns Adolf Kolping in seiner pastoralen Tätigkeit vorstellen: Ständig besorgt um das Wachstum an Leib und Seele seiner Gemeindemitglieder und besonders der Kinder. Durch die Gründung des Kölner Gesellenvereins 1849, der nach wenigen Monaten schon 550 Mitglieder hatte, führte Adolf Kolping sein Werk fort und weitete sein seelsorgliches Interesse auf die heranwachsende Jugend aus. Im Gesellenverein sollten die Handwerksgesellen quasi eine Familie finden, wo sie religiös, politisch und fachlich gebildet wurden und in der Gemeinschaft eine Stütze für das Leben finden konnten, die sonst die Familie bietet. Mit Zeitschriften erweiterte Adolf Kolping nochmals seinen Raum der seelsorglichen Verantwortung. Bildung der Christen war sein vorrangiges Interesse, denn der gebildete Christ kann in der Welt ein besseres Zeugnis geben, weil er davon reden kann, wovon sein Herz voll ist. Am 4. Dezember 1865 starb Adolf Kolping vier Tage vor seinem 52. Geburtstag. Am 27. Oktober 1991 wurde er durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Die Kolpingsfamilie wünscht sich die Heiligsprechung ihres Gesellenvaters und betet darum.

Spektakuläre Taten von starken Menschen werden auch heute erwartet. Sie werden nicht immer so bekannt wie Adolf Kolping, aber sie sind im Alltag große Zeugen für die Kraft des Glaubens in ihren Familien und am Arbeitsplatz. Das kleine Büchlein erzählt davon. Ebenso können wir in Berichten von Menschen unserer Zeit die Kraft Gottes erkennen, die auch heute Menschen auf den Weg des Glaubens führt oder vielleicht eine zweite Bekehrung im Erwachsenenalter bewirkt.

Der Advent ist eine besondere Zeit, in der wiederum zum Bewusstwerden der Grundlage des Glaubens eingeladen wird und durch zeichenhaftes Leben die Orientierung auf diesen Grund zum Ausdruck kommt. Der Advent ermutigt in seinen biblischen Lesungen zum Vertrauen darauf, dass auch aus einem trockenen Baumstumpf neues Leben kommen kann. So erkennt es der Prophet Jesaja in seiner Vision. Er weist damit auf den Messias hin und die nachfolgenden Diskussionen über ihn. Beim Auftreten Jesu in Nazareth oder am See Genezareth wird  darüber gestritten, ob denn der Messias aus Nazareth und vom See Genezareth kommen kann. Galiläa wird als Unmöglichkeit für das Auftreten des Messias angesehen. Wenn der Messias kommt, dann kann es nur in Judäa sein – so ist man überzeugt. Kann von Galiläa etwas Gutes kommen? Kann aus dem Leben eines einfachen Gesellen etwas Gutes kommen? Kann aus dem Leben eines Kindes in einer armen Familie etwas Gutes kommen, wo doch die Bildungschancen so gering sind? Adolf Kolping hatte eine Tiefensicht des Menschen, die es ihm ermöglichte, in jedem Menschen einen verborgenen Schatz  zu sehen, der gehoben werden muss.  Für ihn war es dabei wichtig, dass eine Gottesbeziehung besteht und entsteht. In seiner 4. Frage an die Eltern heißt es in unserem Büchlein:

"Ist es nicht die Religion, die im Unglück und in jeder Widerwärtigkeit dem Menschen den besten Trost gewähren kann…?"

Wir wehren uns gegen den Vorwurf, den 1843 Karl Marx in seiner Schrift "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" formuliert hat, dass die Religion Opium des Volkes sei, denn Opium nimmt dem Menschen die Wahrnehmung seiner Realität. Im körperlichen Schmerz mag Opium eine Hilfe sein, um den Kopf frei zu haben für Entscheidungen und damit ein Heilmittel. Karl Marx aber, der ja ein Zeitgenosse von Adolf Kolping ist, möchte mit seinem Ausspruch aussagen: Christen sind aufgrund ihres Glaubens alltagsuntauglich. Das Leben und Wirken von Adolf Kolping und einer nicht zählbaren Schar von Glaubenszeugen aller Jahrhunderte beweist jedoch das Gegenteil. Ein realistischer Blick in die Welt und in die Arbeit der Kolpingfamilien belehrt uns heute und könnte eigentlich alle Feinde des Christentums überzeugen, wenn sie gut hingesehen und hingehört hätten.

Johannes der Täufer steht in der biblischen Lesung des 2. Advents im Mittelpunkt. Er verbindet die Hoffnung des Alten Bundes mit der Erfahrung der Erfüllung im Neuen Bund durch Jesus Christus. In seinem Auftreten erinnert er an spektakuläre Menschen, die zu einem neuen Denken einladen und alle Traditionalisten zum Nachdenken über ihre bisherigen Lebensgrundlagen auffordern. Bis heute braucht es Menschen, die kritisch innerhalb und außerhalb von Religion nach dem Wert der Lebensmaßstäbe fragen. In Papst Franziskus erleben wir derzeit innerhalb unserer katholischen Kirche einen Mann, der Mut hat, das Traditionelle zu hinterfragen und damit zu neuem Denken einzuladen. Wenn auch manche Mitmenschen Erwartungen hegen, die er sicherlich nicht erfüllen wird, so ist doch sein Auftreten in Wort und Tat Anlass zum Nachdenken über die eigene Lebensform – bis zur Frage hin, ob eine Vatikanbank nötig ist. Dass das Evangelium Freude bringen soll, hat Papst Franziskus uns in seinem letzten großen Schreiben ans Herz gelegt. Adolf Kolping hat mit seinem Leben und Wirken diese Freude am Evangelium ausgelöst und zum Leben im Glauben eingeladen.  Es sollte unser Bestreben sein, diese Freude zu finden und zu leben. Das ist eine Freude, die tiefer begründet ist als der Spaß auf dem Riesenrad des Weihnachtsmarktes oder der Lottogewinn – so sehr ich diese Freude den Menschen gönne.  "Der Herr ist mein Antheil (sic!)" heißt es am Beginn jedes Briefes im Büchlein mit der Widmung Adolf Kolpings. Das soll allein Ursache unserer Freude sein. Amen.


Predigt gehalten am 8. Dezember 2013 im Erfurter Dom St. Marien



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