"Was wäre anders, wenn es die Kirchen in Thüringen nicht gäbe?"

Diözesanadministrator Hauke wünscht sich in seiner Ansprache beim Kulturempfang des Bistums Erfurt, dass die Thüringer ihre angebliche Normalität des Nichtglaubens hinterfragen


Kirchtürme, die in den Himmel ragen


Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Meine Mutter war Bäuerin in Schlesien und Heimarbeiterin in Thüringen, weil wir in einer Stadt wohnten und landwirtschaftliche Tätigkeit nicht möglich war. Mein Vater war Lagerarbeiter in einer Fabrik, in der Mähdrescher gebaut wurden. Die Kultur der Familie wurde durch den Kult geprägt, d.h. durch den Gottesdienst in der Kirche und die häuslichen Feiern, vor allem durch die Feier des Heiligen Abend. Das Harmonium kam dabei zum Klingen. Die Mutter hatte eine gute Stimme und uns Kindern die Freude am Gesang vermittelt. Der Vater spielte nur zu Weihnachten das Harmonium. Als ich dann die Geige in die Hand genommen hatte, wurden die Lieder auch mit Geige begleitet.

Kultur und Kunst standen für mich immer eng beieinander. Schön war es in der Herz-Jesu-Kirche in Weimar, weil es dort die Orgel, den Gesang, die Blumen und die Liturgie gab. Ein Leben ohne Kult war für mich niemals denkbar. Ich habe es als Mehrwert erkannt, den manche meiner Freunde nicht kannten.
Über den Mehrwert des Kultes möchte ich heute mit Ihnen nachdenken. 19% werden bei den Kosten für Arbeit und Material als Mehrwertsteuer derzeit dazu gerechnet. Der Käufer zahlt das zusätzlich zu dem, was die Arbeitsleistung oder das Material wirklich kosten. Der Staat profitiert von dem, was ich mir leisten möchte. Es verändert sich damit nicht der Wert des Gegenstands oder der Leistung. Der Staat sagt aber: Mit diesem Mehrwert kann ich Gutes für dich tun und auch denen helfen, die sich die Leistung oder den Gegenstand nicht leisten können.

Der Mehrwert des christlichen Glaubens verändert den objektiven Wert der Dinge nicht. Sie sind materiell nicht besser oder kostbarer, wenn ich sie als Glaubender betrachte oder gebrauche. Dennoch gibt es eine Veränderung für den, der die Dinge im Licht des Glaubens sieht. Es gibt eine zusätzliche Deutung und Bedeutung, die jedoch ihm allein bekannt ist. Lassen Sie mich Beispiele nennen, die ich aufgrund meiner Arbeit mit und für Nichtchristen gefunden habe:

  • Da kommen 2013 92 ungetaufte Jugendliche zur "Feier der Lebenswende" in den Dom und in die Martinikirche. Sie bringen aus ihrem bisherigen Leben Erinnerungsgegenstände mit und erzählen, was diese ihnen bedeuten. Sie erzählen von dem, was sie sich für ihr eigenen Leben und für die Welt wünschen: Frieden, Geborgenheit, Gerechtigkeit und eine gute Familie. Was verändert sich für sie durch die Begegnung mit dem "Mehrwert Glauben"? Sie erkennen, dass sie mit ihren Erfahrungen auch im Raum der Kirche wahrgenommen und geschätzt werden. Hier blamierst du dich nicht, wenn du zugibst, dass dein Teddy oder das Kuscheltier auch heute noch für dich mit 15 Jahren ein Tröster ist, wenn es dir nicht gut geht. Hier kannst du auch sagen, dass dir die Scheidung deiner Eltern sehr wehgetan hat. Hier kannst du Christen erleben, die ihr Leben unter den Segen Gottes gestellt haben und dich ebenso unter diesen Segen stellen. Das tut gut, auch wenn ich es selbst nicht glauben kann, dass es diesen Gott gibt, der seinen Sohn in die Welt gesandt hat.
  • Da kommen 40 Bürgerinnen und Bürger der Stadt Erfurt in den Kosmas-und-Damian-Gottesdienst am 28. September in den Dom. Sie singen zwei Lieder; sie hören einen biblischen Text von der Heilung durch Jesus; sie hören drei Berichte von Kranken, wie diese mit ihrer Krankheit umgehen – dabei eine Frau mit MS, ein 16jähriger Jugendlicher, der schon acht Jahre Diabetes hat und eine Mutter mit ihrer sechsjährigen Tochter, die an Diabetes erkrankt ist. Dabei stehen mir die Tränen in den Augen, denn die Not und die Tapferkeit der Menschen sind zu spüren. Der Segen am Ende für Kranke und ihre Helfer tut gut.
  • Da kommen 600 Bürgerinnen und Bürger der Stadt am Heiligabend in den Dom. Viele lassen den Hut auf, weil es äußerlich kalt ist. Sie hören das Weihnachtsevangelium und singen drei bekannte Weihnachtslieder, deren Melodie sie vom Weihnachtsmarkt her kennen. Gerade beim Singen der Lieder spüre ich, wie selbstverständlich mir das gemeinsame Singen ist und mit wie viel Mühe manche Anwesende die Lieder zu singen versuchen. Der Wert des gemeinsamen Singens ist vielen Mitbürgern fremd geworden. Im Gottesdienst pflegen wir Kultur, die miteinander verbindet und das Gemeinschaftsgefühlt stärkt. Weiterhin wünschen die Mitfeiernden einander ein gesegnetes Fest und hören eine Predigt des Bischofs, der jedes Jahr versucht, Licht in das Nichtwissen am Weihnachtsfest zu bringen und zugleich aufzugreifen, was es an Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit an diesem Abend gibt. 2012 habe ich das Weihnachtslied "Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen" vorgestellt. In meinem sozialistischen Liederbuch gab es davon nur zwei Strophen. In Wirklichkeit aber gibt es sechs Strophen. Da ab der 3. Strophe Engel in die Weihnachtsstube kommen, waren diese Strophen im Sozialismus nicht mehr tragbar und wurden weggelassen. Ich konnte anknüpfen an vorhandenes Wissen und zu neuer Erkenntnis führen. Die Anwesenden beim Weihnachtslob sind etwa 30-40 Jahre alt. Obwohl wir seit 1987 diesen Gottesdienst anbieten, ist das Alter der Mitfeiernden weiterhin so geblieben. Ich denke: Die Anwesenden hätten auch in die warme Gaststätte gehen können, aber sie kommen um 23.30 Uhr in den kalten Dom, weil sie spüren, dass ihnen hier eine gute Nachricht zukommt.
  • Da gehen Trauernde in die Allerheiligenkirche, wenn es am ersten Freitag im Monat um 15.00 Uhr läutet, um das Monatliche Totengedenken zu feiern. Sie hören ein tröstendes Bibelwort, eine kurze Ansprache, singen zwei Lieder, zünden eine Kerze an und schreiben den Namen eines Verstorbenen in das kostbare Totenbuch. Bis zu 50 Trauernde sind da – manche zum ersten Mal, manche kommen wiederholt. Christen und Nichtchristen sind dabei. Jetzt ist die Feier in der Allerheiligenkirche, in der manche schon Angehörige bestattet haben oder sich selbst einen Platz ausgewählt haben, den sie dann auch schon betrachten können – memento mori!
  • Etwa 100 Verliebte kommen jedes Jahr seit 2000 zum Valentinsgottesdienst am 14. Februar in die Lorenzkirche. Sie betrachten ein Bild aus der Kunst, auf dem ein verliebtes Paar dargestellt ist; sie hören die Berichte von drei Ehepaaren über ihre Partnerschaft in guten und bösen Tagen; sie hören eine Predigt zum Hohen Lied der Liebe und lassen sich persönlich am Ende des Gottesdienstes segnen. Das Thema "Ehe" und "Freundschaft" wird hier bedacht und beleuchtet. Die Anwesenden sind eingeladen, für ihre Beziehung zu beten und sie segnen zu lassen. Alle Freude an der Partnerschaft und alle Sorge um die Partnerschaft kommen hier zum Ausdruck. Die Kirche möchte helfen, das Zerbrechliche im menschlichen Leben zu stärken und zu schützen. Das tut sie nicht selbstherrlich, sondern als Handlanger Gottes.
  • Wenn ungetaufte Ehepaare um den Segen in der Kirche bitten, wenn ungetaufte Eltern für ihre neugeborenen Kinder den Segen erbitten, dann spüren wir den Mehrwert des Glaubens und können mit Gebet und Segen helfen.
  • Die Kultur des Todes sehe ich in Gefahr. Darum ist es mir wichtig, mit Grabplätzen auf dem Friedhof und in den Kolumbarien zu helfen, dass ein Gedenken an die Menschen über den Tod hinaus möglich ist, auch wenn es keine Verwandten gibt, die eine 20jährige Grabpflege garantieren können. "Ich möchte nur, dass die Urne da hereingestellt wird. Ich will keine Feier!" – so hören wir manchmal die Angehörigen reden. Wir helfen als christliche Gemeinde mit einer Feierform, die den konkreten religiösen Bedürfnissen entspricht, aber auch das Angebot des Gebets der christlichen Gemeinde macht. Wir können das Leben eines Nichtchristen in das Licht Gottes stellen, die Gestaltung der Stelen im Kolumbarium möchte dieses Anliegen unterstützen.
  • An dieser Stelle müssen auch die Ereignisse von 1989 in Erinnerung gebracht werden. Jeder weiß um die Initialzündung der friedlichen Revolution durch die Demonstrationen, die von Leipzig ausgingen. In einer evangelischen Kirche haben sich Christen und Nichtchristen versammelt, um zu reden und auch zu beten. "Mit allem haben wir gerechnet, aber nicht mit Gebeten und Kerzen" – so war die Reaktion eines politisch Verantwortlichen der DDR-Regierung auf die Montagsdemonstrationen. Nach der politischen Wende ließ der Besuch in den Kirchen wieder nach und es stellte sich die bisherige Situation des Kirchenbesuchs wieder ein. Schade! – kann ich da nur sagen. Die Menschen hatten zwar gespürt, dass die Kirche eine Raum ist, in dem freiheitliche Gedanken möglich sind, aber nach der Wende schienen diese Gedanken nicht mehr so nötig zu sein, denn die Freiheit war ja da – zumindest die Presse- und Reisefreiheit.
  • Am 26. April 2002 tötete Robert Steinhäuser in Erfurt 16 Schüler, Lehrer, Schulangestellte und einen Polizisten. Danach nahm er sich selbst das Leben. Viele von uns kennen noch die Stimmung in Erfurt an diesem 26.4.2002 und den Tagen danach. Die Menschen – vor allem die Schülerinnen und Schüler – kamen in die Kirchen, um zu weinen, zu schweigen, Kerzen anzuzünden und Blumen abzulegen. Sie gingen nicht in eine Fabrikhalle oder auf den Petersberg. Sie gingen in die evangelischen und katholischen Kirchen der Stadt. Warum wohl? Vermutlich waren sie der Meinung, dass ihre Fragen im Raum der Kirche am besten aufgehoben sind. Der Mehrwert der Kirche besteht dann wohl auch darin, dass der Glaube Hilfe in den Fragen nach dem Sinn des Lebens geben kann, selbst dadurch, dass die Christen nur die Türen der Kirchen aufmachen. Die Präsenz der Kirche wurde als hilfreich angesehen. Ich sage: Die Menschen wissen, was sie an den Kirchen haben. Ohne es ausdrücken zu können anerkennen sie den Mehrwert des Glaubens.
  • Papst Franziskus hatte vor wenigen Wochen die Christen zu Gebet und Fasten eingeladen. Wir Christen sollten dadurch helfen, dass Frieden in Syrien möglich wird. Kurz darauf kam aus Moskau und New York der Impuls zu deeskalierenden Maßnahmen, die jetzt zu einer Resolution geführt haben, durch die eine Beseitigung der Giftgaswaffen in Syrien möglich wird. Es bedeutet noch nicht, dass Frieden wird, aber es bedeutet: Die großen Staaten wie Russland und Amerika reden wieder miteinander und ermöglichen Gespräche, die letztlich allein ein Ende des Krieges bewirken können. Die Kultur des Gebetes und des Fastens bewegt die Herzen der Politiker! Ich vermute, dass viele Christen kaum geglaubt haben, dass eine solche Macht im Gebet steckt. Wir müssen manchmal selbst vom Mehrwert des Glaubens überzeugt werden, bevor wir in der Lage sind, diesen weiter zu geben.

Mit unserem Glauben machen wir keine Revolution. Wir bieten an, was uns geschenkt wurde und kostbar geworden ist. Wir laden zu den Feiern in die Kirche ein und freuen uns, wenn Menschen, die bisher keine Berührung mit Kirche hatten, sich für den Glauben entscheiden und in einem einjährigen Unterricht Praxis und Theorie der Kirche und ihres Lebens kennenlernen. Der Kirchgemeinde ist die Begleitung dieser Taufbewerber als permanente Aufgabe bewusst, wenn sie sich auch damit weiterhin schwer tut. Die "Neueinsteiger" stellen so schwierige Fragen: "Warum ist es so, wie es immer war?" Dann kommt oft Erklärungsnot auf.

Ich sehe im christlichen Glauben einen Mehrwert, der in unserer Gesellschaft anerkannt ist. Kirchen, die diesen Glauben verkünden und leben, sind durch Gesetz und Ordnung geschützt. Dafür bin ich von Herzen dankbar, da ich ja auch noch andere Zeiten kenne, wo es nicht so war. Ich sehe aber auch, dass manche wegen der Beförderung derjenigen, die sich für diesen Mehrwert einsetzen, die Stirne runzeln oder sogar laut Protest erheben. Denken wir nur an die gegenwärtig wieder heftigen Diskussionen über die staatlichen Zahlungen an die Kirchen, auch wenn die geschichtlichen Hintergründe bekannt sind.  Ich bin dankbar für alle Förderung der jüdischen Tradition in Erfurt und in unserem Thüringer Land. Ich freue mich über die Kontakte, die zu den Muslimen durch das Bistum Erfurt aufgebaut werden konnten. Ich hoffe, dass auch weiterhin das öffentliche Auftreten der Kirchen, das unser Gemeinwesen bereichert und zum Gemeinwohl beiträgt, Wertschätzung erfährt. Die Berichte über die Nöte und Zwänge der Christen in Syrien und Ägypten machen uns bewusst, dass Christen hier in einer freien und demokratischen Gesellschaft leben. Wer am Gestaltungs- und Freiraum der Kirchen zweifelt, sollte das Gedankenspiel machen: Was wäre anders, wenn es die Kirchen in Thüringen nicht gäbe.

Ich wünsche mir weitere Ideen und wachsende Möglichkeiten, als Kirchen in der Öffentlichkeit präsent sein zu können. Ein besonderer Wunsch an die Stadtväter und –mütter ist es, das Krämerbrückenfest in Zukunft mit einer interreligiösen Feier eröffnen zu können. Ein diesbezüglich formuliertes Schreiben blieb bisher unbeantwortet. Inmitten der Kultur könnten der christliche Kult und auch der Kult anderer Religionen einen Platz finden und zum Nachdenken anregen. Vielleicht hilft der heutige Abend, dieses Anliegen weiterhin bis zum nächsten Jahr zu bedenken.

Wir sind es gewohnt, in den Städten Kirchen vorzufinden. Ich bin dankbar für alle Initiativen, die in den Thüringer Dörfern auch durch Nichtchristen geschehen, denen der Erhalt ihrer Dorfkirche wichtig ist, weil dadurch eine Identifikation mit der Geschichte des Ortes passieren kann. Wenn Kirchen abgerissen werden müssen oder einstürzen, dann geht auch Geschichte verloren. Viele Menschen spüren das, auch wenn ihnen der Glaube noch fremd ist. Ich möchte die Thüringer ermutigen, ihre angebliche Normalität des Nichtglaubens zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren, weil sie den Mehrwert des Glaubens sehen, den wir hoffentlich verständlich machen können. Ich habe in meine Seelsorge im Eichsfeld vier immer wiederkehrende Ansichten  kennengelernt, die aber auch die Ansicht von angeblich "normalen Nichtchristen" sein könnten:

  1. Das war noch nie.
  2. Das war schon immer so.
  3. Das geht bei uns nicht.
  4. Da kann ja jeder kommen.


Ich wünsche mir, dass alle Thüringer sich durch unser Leben aus dem Glauben in ihrer angeblichen Normalität verunsichern lassen und dann sagen:
Es geht auch für mich! Ich kann den Mehrwert verstehen und möchte beitragen, ihn an die künftigen Generationen weiterzugeben.

16.10.2013

Diözesanadministrator Hauke wünscht sich in seiner Ansprache beim Kulturempfang des Bistums Erfurt, dass die Thüringer ihre angebliche Normalität des Nichtglaubens hinterfragen



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