1185 Pfeifen für Gotteslob und Menschenfreude

In der Sonneberger Kirche St. Stefan wird mit einem Festgottesdienst die neue Orgel eingeweiht

neue Orgel in Sonneberger KircheSonneberg. Nach zwei Jahren Planungs- und Bauzeit ist es am 29. September 2013 soweit, dass in der katholischen Kirche St. Stefan die neue Orgel geweiht werden kann. An dem Bau der Orgel waren zwei Firmen beteiligt, die sich unter dem Namen "FORMKLANG" zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen hatten.
Es ist nicht die erste Orgel, die unter dieser Firmierung gebaut wurde. Der Schwarzwälder Orgelbauer Claudius Winterhalter hat den Entwurf und die Konzeption geliefert und hat fachlich den Orgelbau begleitet. Sein Regensburger Kollege Thomas Jann hat in seiner Werkstatt die Orgel gebaut und auch intoniert.
In siebenwöchiger Arbeit wurde die Orgel in den zurückliegenden Wochen eingebaut. Neben dem Aufstellen und der Farbfassung hat die Intonation, die klangliche Abstimmung auf den Kirchenraum, die meiste Zeit in Anspruch genommen.

Orgelweihe am 29.9.2013
10.00 Uhr Festgottesdienst mit Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, Erfurt
        an der Orgel Prof. Silvius von Kessel, Organist am Dom in Erfurt und Orgelsachverständiger
anschließend Frühschoppen auf dem Pfarreigelände
14.30 Uhr Einführung in die Orgel durch Prof. Silvius von Kessel und die Orgelbauer
16.00 Uhr Weihekonzert mit Prof. Silvius von Kessel


Kleine Orgelkunde
Wo immer auf der Welt Dinge entstehen, die eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit erregen, haben Menschen ein gesteigertes Interesse an dem "wie und warum". Auch Orgelprojekte machen hier keine Ausnahme, erst recht, wenn sie schon äußerlich nicht in das allgemeine Bild dieses bekannten Großinstrumentes passen. Der geneigte Orgelfreund erkundigt sich fast ausnahmslos nach Zahlen und Fakten, bei denen der Orgelbauer auf Anhieb eigentlich überfragt ist. Entweder weil er es für seine Arbeit nicht unbedingt braucht oder weil es so selbstverständlich ist für ihn.
Hier nun einige Antworten und Erklärungen auf die am häufigsten gestellten Fragen.         
Die neue Sonneberger Orgel besitzt genau 1.185 Pfeifen. Die Größte von ihnen misst beinahe drei Meter Länge, die kleinste hingegen nur wenige Millimeter. Während die großen Basspfeifen aus klangintensivem Fichtenholz gefertigt sind, bestehen alle anderen Pfeifen aus einer speziellen Zinn/Blei-Legierung. Aus diesem traditionellen "Orgelmetall" werden ca.80-90% des Pfeifenwerks hergestellt.
Die genaue Zahl aller Einzelteile der neuen Orgel haben wir nicht errechnet. Aber wir haben eine recht genaue Schätzung durchgeführt. Demnach sind es (ohne Schrauben, Nägel und anderes Kleinzeug) über 20 000! Die meisten davon wurden eigens für dieses Instrument angefertigt. Die rund 5000 geleisteten Arbeitsstunden haben zu einem Ergebnis geführt, das selbst uns Orgelbauer immer wieder staunen lässt. Doch reich werden kann man davon nicht. Zur Preisfrage sei so viel verraten: Die Sonneberger Orgel kostet mehr als ein Mitteklasseauto, aber deutlich weniger als ein Düsenflugzeug…
Aber wie funktioniert und klingt eine Orgel?  
Orgelpfeifen benötigen Luft um einen Ton zu erzeugen. Der Orgelbauer sagt dazu Wind. In den historischen Zeiten wurde der Wind durch treten des Blasbalges "geschöpft". Inzwischen entsteht der Orgelwind seit mehr als hundert Jahren durch ein elektrisches Gebläse. Es liefert eine vorher berechnete Menge "Wind" als Vorrat in einen oder mehrere Blasbälge, wo durch Federkraft und/oder Gewichte der gewünschte (Wind-)Druck entsteht. Von dort gelangt der Wind durch Windkanäle in die Windladen. Auf diesen wie eine dicke Tischplatte aussehenden "Laden" stehen die (Orgel)-Pfeifen. Damit zum richtigen Zeitpunkt der richtige Ton erklingt, sind diese Laden mit einem genialen Verteilungssystem aus Windkammern und Ventilen ausgestattet. Zur Einschaltung der einzelnen Stimmen in der Orgel, zieht der Organist ein einsprechendes "Register", in dem er eine dünne "Lochleiste" (Schleife) deckungsgleich über das Verteilungssystem positioniert. Dadurch leitet er den Windfluss aus den Windkammern (Kanzellen) durch die vom Organisten geöffneten Tonventile zu den jeweiligen Orgelpfeifen. Die Ventile werden von den Klaviaturtasten betätigt. Die Verbindungen von den Tasten zu den Ventilen sind mechanisch. Das war schon so, lange bevor ein gewisser Johann Sebastian Bach seine unsterblichen Orgelkompositionen schuf. Bei aller Elektrik und Elektronik ist es bis heute die einzige Methode für den Organisten, die Entstehung des Tones direkt zu beeinflussen. Entgegen früherer Zeiten verwenden wir heute zur Übertragung der Tastenbewegung kein Holz mehr sondern ein klimaneutrales, hochfestes Karbonmaterial.
Das klingt alles komplizierter als es ist, denn es wird im abendländischen Orgelwesen tatsächlich seit dem späten Mittelalter mehr oder weniger so gemacht. Allerdings ist nur durch genaue Kenntnisse über die Zusammenhänge der teilweise stark unterschiedlichen Windverbräuche, Windwege und Windgeschwindigkeiten innerhalb des Systems, eine präzise Tonentwicklung mit einem atmenden Orgelwind möglich. Natürlich haben auch andere Baugruppen innerhalb der Gesamtkonstruktion einer Orgel bestimmte Prioritäten. Die Trakturen der Spielanlage werden zum Beispiel immer so direkt wie möglich an die Windladen geführt. Auch das mechanische Registergestänge lässt sich nicht um die halbe Orgel herum führen. Alles ist zu einer "organischen" Einheit zusammen zu fügen. Wer in die neue Orgel hineinschaut, wird das sofort erkennen.   
Doch im Mittelpunkt steht der Klang, die Seele jedes Musikinstruments und Mythos vieler berühmter Orgeln und Orgelbauer. Vom ersten konstruktiven Gedanken an gelten die Bemühungen des Orgelbaus stets dieser Königsdisziplin. Vom Klangplan (der sog. Disposition), der Berechnung der Orgelpfeifenmaße (Mensuren), der Werkaufteilung, der Winderzeugung, der Balganlage, der Windverteilung, über die Pfeifenherstellung, die Pfeifenaufstellung bis zur Vor- und Fertigintonation im Kirchenraum folgt alles dem Ziel, einen möglichst großartigen Klang zu erschaffen. Die Geschichte des Orgelklangs hat im Laufe der Zeit viele Höhepunkte erlebt und dabei unterschiedlichste Stile hervorgebracht. Die musikalischen Wünsche und Intentionen unzähliger Komponisten haben den Klang der Orgel beeinflusst und Orgelbauer haben ihn immer wieder verändert und "neu erfunden". Nach wie vor geht von der Orgel mit ihrem zauberhaften Klang eine große Faszination aus. Für viele Menschen ist sie das schönste und erhabenste Musikinstrument überhaupt.      
Claudius Winterhalter/Thomas Jann

neue Orgel in Sonneberger Kirche"Alle Kunst ist der Freude gewidmet"
Dieses Schiller-Wort fasst zusammen was uns Orgelbauer bewegt, ein derart wunderbares Musikinstrument zu schaffen: Freude verbreiten.
Jetzt, wo es wieder einmal soweit ist, wo die Orgel funktioniert und klingt wie wir uns das vorgestellt haben, sagt sich das leicht. In Wahrheit ist es für uns jedes mal auf’s Neue ein befreiendes Gefühl der Erleichterung. Weil auch wir, mit all unseren instrumentenbaulichen Fähigkeiten, erst kurz vor Beendigung dieser komplexen Arbeit wirklich erkennen können, wie gut das Instrument tatsächlich gelungen ist.  
Als ich seinerzeit die Ausschreibung zum Bau einer neuen Orgel in die neuromanische Pfarrkirche Sankt Stefan erhielt, fuhr ich nach Sonneberg und war angenehm überrascht von einem bis in’s Detail fein proportionierten, renovierten, geradezu wohlriechenden Kirchenraum. Keine architektonischen Umdeutungsauswüchse aus den 1960-70er Jahre trübten das Bild, alles war klar und stimmig, strahlte ein Gefühl von "daheim sein" aus. Nur eines wollte gar nicht passen: Die alte Orgel. Mit ihrem unter der Rosette des Westfensters herum geführten "Pfeifenzaun" aus matt bronciertem Zinkblech wirkte sie wie ein Relikt aus einer schlechten Zeit. Und so war es tatsächlich. Das Instrument war verbraucht und seine Stimmen brüchig. Offensichtlich war es schon seit langer Zeit ein wenig kränklich und litt an allerlei Beschwerden. Und schön war es noch nie. Für diese Kirche musste etwas Neues her, ungewöhnlich in Form und Klang, in sich stimmig wie die Kirche selbst.
Schon wenige Monate später erhielt FORMKLANG von den Verantwortlichen der Pfarrgemeinde den Auftrag für eine neue Orgel. Es war von Beginn an eine von Offenheit und gegenseitigem Vertrauen geprägte Zusammenarbeit, die von uns Orgelschaffenden als besonderer Ansporn für das Gelingen eines neuen Instrumentes sehr geschätzt wird.     
Eine Orgel ist ihrem Wesen nach ein großes Blasinstrument und besteht grundsätzlich aus den drei Hauptbereichen Klang, Technik und Gestalt, die zu einem möglichst homogenen Gesamtwerk zusammen zu fügen sind. Die Planung einer Orgel beginnt mit ihrem Äußeren und endet auch dort. Doch bis dahin sind tausend Fragen zu beantworten und Probleme zu lösen. Eine Besonderheit in der Konstruktion der neuen Sonneberger Orgel liegt in ihrer runden Form. Die Entwurfsidee ging davon aus, die runden Formen der Romanik aufzugreifen und das Westfenster in das Gesamtbild einzubeziehen, um sein Vorhandensein zu zeigen und es als Lichtquelle für den oberen Rückraum zu erhalten. Das Orgelgehäuse selbst ist ein Zitat für eine schräg abgeschnittene "Orgelpfeifenröhre" mit "Durchblick". Das sehr weitgehend aus Zinn-Blei-Metall bestehende Klangwerk bildet eine Art "Freipfeifen-Werkprospekt" dessen optischer Abschluss und akustische Reflexionsfläche das Emporengewölbe ist. Diese Besonderheit wird künstlerisch ergänzt durch eine Gehäusespachtelung aus den Farbtönen von Wänden und Steinen und mit einer Innenausmalung im Blauton des Altarbereichs. So wirkt das neue Orgelbild nun zugleich präsent und leicht, markant und freundlich. In Summa zeigt sich der Rückraum jetzt in einer kaum für möglich gehaltenen Homogenität aus Vorhandenem und Hinzugefügtem. Der Gesamtraum wurde durch die neue Orgel ausbalanciert und vollendet. Damit hat sich die Gestaltungsabsicht erfüllt.
Durch die stetige und intensive Weiterentwicklung unserer orgelbaulichen Zielsetzungen kommen wir mehr und mehr davon ab, Orgelklang in historische Kategorien einzuordnen. So wie sich unsere neuen Instrumente durch ungewöhnliche Prospektgestaltungen und aktuellste Techniken an der Spitze heutiger Möglichkeiten orientieren, empfinden wir auch den "Sound" unserer Orgeln als individuelle Neuschöpfungen. Auf der Grundlage von Raumakustik, musikalischer Nutzungsabsicht und einer daraus gewonnenen Disposition, entstehen fein dosierte Extrakte aus den Klangidealen von Jahrhunderten. Die wertvollsten Parameter des klassischen Orgelklangs aus Barock, Romantik und Sinfonik (vorwiegend mitteldeutscher und französischer Herkunft), werden neu gedeutet und berechnet. Warme, sonore Bässe, strahlende Principale, feine Flöten, glänzende Mixturen und feierliche Zungenstimmen vereinen sich zu einem opulenten und gleichzeitig außerordentlich nuancenreichen Wohlklang. Hier wirkt der Intonateur als Künstler, wird der Orgelbau zur Kunst.
Möge sich die neue Orgel die Liebe und den Respekt der Nachwelt erobern und zur Ehre Gottes und Freude der Menschen ein hohes Alter erreichen.         
Claudius Winterhalter

Pressemitteilung des Katholischen Pfarramtes Sonneberg. Den Inhalt verantwortet der Absender.

25.9.2013

In der Sonneberger Kirche St. Stefan wird mit einem Festgottesdienst die neue Orgel eingeweiht



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