Am Anfang stand eine Vision

Predigt von Altbischof Joachim Wanke anläßlich der Verabschiedung des Gründungsdirektors der Edith-Stein-Schule, Dr. Siegfried Schnauß in den Ruhestand


Bischof Wanke predigt im Erfurter Dom vor den Schülern und Lehrern der Edith-Stein-Schule


Es war erst im Oktober des vergangenen Jahres – da waren wir in ähnlich festlicher Gemein-schaft hier im Dom zu einem Dankgottesdienst versammelt: Schüler und Lehrer der Edith-Steinschule,  Eltern, Freunde und Förderer der Schule, damals, um in Dankbarkeit an den 20. Jahrestag der Schulgründung zu erinnern. Heute nun ist der Anlass unserer Zusammenkunft ein anderer: die Verabschiedung von Dr. Siegfried Schnauß, dem Gründungsdirektor der Schule. Auch das ist ein Grund zum Danken.

Am Anfang der Schulgründung damals vor über 20 Jahren stand eine Vision: Lasst uns an traditionsreicher Stätte mitten im Zentrum unserer Stadt Erfurt eine Schule gründen, die aus dem Geist des christlichen Glaubens heraus dabei hilft, aus Kindern Persönlichkeiten werden zu lassen. Es war eine kleine Gruppe von Frauen und Männern, unter ihnen der unvergessene schon verstorbene  Prof. Konrad Feiereis, Sr. Katharina, die Oberin der Ursulinen, eines Ordens mit langer Schultradition hier in Erfurt, aber eben auch das Ehepaar Schnauß, die eines Abends bei mir am Herrmannsplatz 9 anklopften und mich mit dieser Vision  ansteckten.

Ich weiß noch, wie es uns damals zu Mute war: Zuversicht und Hoffnung wechselten sich ab mit bangen Fragen und Zweifeln, ob wir das aus eigenen Kräften schaffen können. Es war gut, dass wir damals noch nicht alles wussten, was sich an Problemen auftürmen würde. Die Vision gab den Ausschlag – wir wollten es anpacken und wir haben es angepackt. Selbst der kritische Generalvikar Dr. Georg Jelich, der ahnte, was das alles finanziell bedeuten würde, gab seine Zustimmung, ja er wurde seitens des Trägers die Seele des Projektes. Und bald fanden sich Wegbegleiter und Freunde, die sich beim Aufbau der Schule mit einbrachten, etwa der erfahrene Schulmann Direktor Theo Binninger aus Mainz vom Willigis-Gymnasium, der mit vielen anderen zusammen uns half, die ersten Schritte zu gehen. Ein Lehrerkollegium fand sich, dass sich von der Vision der Gründungsmütter und Gründungsväter anstecken ließ und mit den ersten Jahrgängen von Schülern unter schwierigsten baulichen Bedingungen anfing, geistig und geistlich Schule zu gestalten. Wahrlich – ein Grund zum Staunen und zum Danken, dass dieses gemeinsame Werk "Edith-Stein-Schule" nun schon ins dritte Jahrzehnt gehen darf.

Lieber Herr Dr. Schnauß, als frommer Christenmensch wissen Sie, dass vor allem Dank an Menschen der Dank an Gott stehen muss. Anlässlich Ihres Ausscheidens aus dem aktiven Schuldienst mit Ende dieses Schuljahres tragen Sie und wir gemeinsam diesen Dank zu Gott für alles, was er durch Ihren beruflichen Einsatz hat wachsen und reifen lassen. Er, unser Herr,  ist der Geber aller guten Gaben, wie die Hl. Schrift sagt – aber er gibt eben auch so, dass er uns beim Austeilen seiner Gaben als Helfer in Dienst nimmt. So gilt mein und unser aller Dank auch Ihrer Person, und mit Ihnen Ihrer lieben Frau und der Familie, die Ihnen bei diesem beruflichen Einsatz treu zur Seite standen.

Ich möchte diese Stunde einmal zum Anlass nehmen, an Ihrem Dienst und der Art und Weise, wie Sie ihn ausgefüllt haben, exemplarisch aufzuzeigen, was "Welteinsatz" aus der Kraft des Gottesglaubens heraus kennzeichnet.
Ich sehe drei charakteristische Merkmale für diese Art von "Welteinsatz": Zur Tat zu schreiten – Mitstreiter zu suchen – und bei allem Tun und Schaffen Gott im Blick zu behalten.

Zur Tat schreiten, d.h. sich nicht damit begnügen, zu jammern und die üblen Zeitverhältnisse wortreich zu beklagen, sondern selbst Hand anzulegen und konkret etwas zum Guten hin zu bewegen – z.B. eine Schule aufzubauen. Natürlich: der politische Neuanfang hier im Osten hatte uns damals Rückenwind  gegeben. Wir suchten in vielen Bereichen nach Neuanfängen, um die erstarrten Verhältnisse der DDR-Zeit aufzubrechen und eine geistige Wende herbei zu führen, auch in dem besonders stark von der alten Partei ideologisierten Bildungsbereich. Aber, lieber Dr. Schnauß, für Sie blieb es nicht beim Beklagen der korrumpierten Verhältnisse. Sie überließen diese dringliche "Wende" nicht anderen, sondern wussten sich selbst herausgefordert, das, was ihnen als Vision vor Augen stand, an einer konkreten Stelle zu ver-wirklichen. Gut, dass Sie sich damals so haben in Dienst nehmen lassen. Ohne Ihren Einsatz wäre unsere Schule nicht das, was sie nun ist: eine Stätte umfassender Bildung mit einem weiten, offenen Horizont, in dem es um ernsthaftes z.B. mathematisches Wissen geht, aber eben auch um gemeinsames Spielen, Musizieren und Feiern; eine Schule, in der die fachliche Bildung ernst genommen, aber auch der Sinn für Verantwortung und Solidarität geweckt wird, in der die Starken zu ihrem Recht kommen, aber die Schwachen nicht allein gelassen werden; eine Schule, in der auf die Neugier der Schüler gesetzt wird, die Wirklichkeit kennen zu lernen, eine Wirklichkeit, die immer größer und reicher ist, als sich in die Deckel von Lehrbüchern einfangen lässt. Und nicht zuletzt: eine Schule, in der gelernt – aber auch gebetet wird. Ja, ich freue mich über unsere Schule – und viele, auch über die Grenzen unserer Kirche hinaus, mit mir.

Eine zweite Grundhaltung für christlichen "Welteinsatz": nach Mitstreitern Ausschau halten.  Das war Ihnen, lieber Herr Schnauß ein wichtiges Anliegen: ein Kollegium zu formen, dass nicht nur den notwendigen "Dienst nach Vorschrift" leistet, sondern von Ihrer und unserer Schulvision sich immer neu anstecken ließ. Und das ließ sich nicht allein in Ihren Dienststunden bewältigen. Das setzte einen "Einsatz mit Herzblut" voraus, ein werbendes und sich selbst einbringendes existentielles Zeugnis für ein gemeinsames Lehren und Erziehen, bei dem alle für die Schule und ihr Gedeihen gemeinsam einstanden und ein-stehen, Lehrer und Mitarbeitende, die Schüler und die Eltern – und auch ein manchmal störrischer Bischof, der sich dann aber doch von Ihren Anliegen überzeugen ließ. Es ist ein Kennzeichen der Reich-Gottes-Arbeit: Gott schickt seine Jünger in die Erntearbeit des Reiches Gottes immer gemeinsam. Zwar werden  Einzelne berufen – aber nicht um Einzelkämpfer zu bleiben, sondern um Mitstreiter zu suchen und zusammen mit Gefährten an ihrer Seite einen Weg zu gehen, der neue Horizonte öffnet und die Welt verändern kann. Welteinsatz aus christlichem Geist heraus ist immer Gemeinschaftseinsatz, ist gemeinsames Werk, bei dem der einzelne den anderen stützt und selbst Stärkung und Ermunterung von anderen empfängt. Und so möchte ich an dieser Stelle meinen Dank an Sie, lieber Herr Schnauß, weiten auf das ganze Lehrerkollegium und die Mitarbeitenden in Verwaltung und Hauswirtschaft hin. Ein Werk kann gelingen, wenn viele das wollen und daran ihr "Herz" hängen. Bei meinen Besuchen und Gesprächen in der Schule durfte ich dankbar erfahren, dass es dieses Engagement gibt. Möge das auch in Zukunft so bleiben!

Und schließlich: "Welteinsatz" aus christlichem Geist braucht das Grundwasser der Gottverbundenheit .  Hier gilt die biblische Weisheit: "Wenn nicht der Herr das Haus baut, bau´n die Bauleute vergeblich!"  Und das gilt nicht nur vom Hausbau mit Stahlträgern, Zement und Ziegeln, sondern noch mehr von einem geistigen Bau wie der einer Schule. Ich weiß, wie sehr Sie und Ihre Familie, lieber Dr. Schnauß,  aus diesem Grundwasser einer persönlichen Frömmigkeit leben und wie dieses Grundwasser ihre dienstliche Tätigkeit befruchtet hat. Die dienstlichen Herausforderungen für Schuldirektoren sind auch an Schulen in staatlicher Trägerschaft im Kern nicht anders als in unserem Haus in der Trommsdorffstrasse. Aber dennoch – und da schließe ich bewusst auch alle Mitarbeitenden an unserer Schule ein, auch jene, die aus anderen kirchlichen Traditionen kommen und auch jene, die keiner Kirche angehören und vielleicht noch auf der Suche nach Gott sind -: Wer über sich den Himmel offen weiß, der kann vor alles, was ihn fordert und belastet, was ihm gelingt und erfreut, ein großes Pluszeichen setzen – und ein Plus vor einer Klammer verändert bekanntlich den Wert all dessen, was in der Klammer eingeschlossen ist. So kann menschliches Tun und Wirken zum Gotteslob werden, und der pädagogische Einsatz für junge Menschen zu einer Beglaubigung von Nächstenliebe. Und nicht zuletzt: so kann auch Misslingen und Versagen eingebettet bleiben in eine Grundzuversicht, dass der wichtigste Erzieher junger Menschen Gott selbst ist, sein Heiliger Geist, der immer am Werk ist – auch heute. Diese gläubige Gelassenheit, die engagiert ist in der Sache, die es voranzubringen gilt, aber dennoch aus dem Grundwas-ser der Gottverbundenheit gespeist bleibt – das brauchen nicht nur Schuldirektoren und Erzieher, das brauchen wir alle in der Kirche und jeder von uns dort an dem Platz, auf den wir im Leben gestellt sind.

Liebe Festgemeinde, der Herr spricht in der Bergpredigt vom Salz, das vieles würzen kann, von der Stadt auf dem Berg, die nicht übersehen werden kann und vom dem Licht, das es auf den Leuchter zu stellen gilt. Das sind anspruchsvolle Bilder, die auch heute durchaus sprechen.  Gemeint ist mit all dem: Es gilt, in jeder Generation aus dem Erbe des christlichen Glaubens ein immer neues Angebot zu machen. Und das gelingt am besten dort, wo wir bereit sind, dem Evangelium unser ganz persönliches Gesicht zu geben. Das haben Sie, lieber Herr Schnauß getan. Dass dies uns allen gelingen möge, sei unsere Bitte an Gott. Amen.

Die Predigt hielt Altbischof Wanke am 12. Juli im Dom St, Marien in Erfurt.

Gründungsdirektor der Erfurter Edith-Stein-Schule wird in den Ruhestand verabschiedet

16.7.2013



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