"Mission ist kein religiöser Hausfriedensbruch"

Interview mit dem Erfurter Kirchenhistoriker Prof. Dr. Josef Pilvousek, der nach über drei Jahrzehnten Lehrtätigkeit in den Ruhestand geht

Porträt Prof. Dr. Josef PilvousekErfurt (BiP). Vor wenigen Wochen feierte Prof. Dr. Josef Pilvousek seinen 65. Geburtstag. In diesen Tagen endet seine rund 30jährige Lehrtätigkeit als Professor für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit.


BiP: Herr Professor, Sie wurden 1977 zum Priester geweiht und waren nur wenige Jahre als Kaplan in der Seelsorge tätig. Wie kam es zu Ihrer Lehrtätigkeit?

Pilvousek: Der damalige Bischof Hugo Aufderbeck berief mich zum Aufbaustudium nach Erfurt und hatte mich wohl als einen Kandidaten für den Lehrstuhl für Kirchengeschichte im Blick. So kam es zur akademischen Laufbahn. Es war jedoch selbstverständlich, dass ich auch als Priester in der Seelsorge tätig blieb, im Speziellen als Religionslehrer für die Aspirantinnen des damaligen Kindergärtnerinnenseminars. Seit 1990 bin ich neben meiner Lehrtätigkeit auch Seelsorger in der Filialgemeinde St. Raphael in Neudietendorf.

Sie sind Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit und auch durch ihre Arbeiten über beide Epochen als Fachgelehrter anerkannt. Dennoch wird Ihr Name oft zuerst mit der zeitgeschichtlichen Forschung verbunden. Zum Thema der Geschichte der katholischen Kirche in der Sowjetischen Besatzungszone(SBZ)/DDR kommt man an Ihren Arbeiten und Publikationen ja auch nicht vorbei. Aus welchem Grund beschäftigen Sie sich so intensiv mit der Zeitgeschichte?

Für Forschungszwecke war ich 1989/90 für einen einjährigen Aufenthalt in Rom. Einen Tag nach dem Mauerfall, also am 10. November kamen Vertreter der Berliner Bischofskonferenz, so hieß die Konferenz der Bischöfe und Apostolischen Administratoren in der DDR, mit der Bitte, zwecks Sicherung und Sichtung kirchlicher und staatlicher Akten eher zurückzukehren. Es begann die Zeit der angeblichen "Aufdeckungen" und "Enthüllungen" - Nun war es erst möglich, eine quellenfundierte Geschichte der katholischen Kirche in der DDR zu schreiben. Zudem gab es in dieser Zeit noch kein Stasiunterlagengesetz, jedoch kursierten schon unerlaubt Akten des MfS. Es war also dringend geboten zu handeln, um nach dem Grundsatz "Alles offenlegen!" kirchliche Gegenüberlieferungen zu veröffentlichen. So beschloss die vereinte Deutsche Bischofskonferenz (DBK), alle Akten der ostdeutschen „Bistümer“ in einem Sonderarchiv, dem Regionalarchiv Ordinarien Ost (ROO) in Erfurt mit einem eigenen Archivar zu verwahren. In diesem Zusammenhang  wurde das Seminar für Zeitgeschichte, welches an den Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit angebunden und 2007 in Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte umbenannt wurde, gegründet. Zahlreichen akademischen Arbeiten, das heißt Aufsätze, Abhandlungen, Diplomarbeiten und Promotionen, bot diese Stelle eine wichtige Grundlage der wissenschaftlichen Forschung.

40 Jahre DDR – historisch betrachtet ein sehr kurzer Zeitraum. Bezogen auf die katholische Kirche in der DDR – sind die Themen nicht allmählich erschöpft?

Nach wie vor besteht ein großes Interesse an zeitgeschichtlicher Forschung; das sehen wir an den Anfragen potentieller Nutzer der Forschungsstelle. Zudem wurden bislang überwiegend Leitungspersonen der Katholischen Kirche und deren Struktur untersucht. Jetzt richtet sich der Focus auf die Mikroebene: die Gläubigen kommen stärker in den Blick, etwa die unterschiedlichen Lebensgeschichten und Gemeindebildungen. Allerdings ist hier die Forschungslage mangels umfassender Quellen schwieriger.

Welche Entdeckung in der Erforschung der DDR-Kirchengeschichte hat Sie am meisten überrascht?

Die entscheidendste Erkenntnis ist für mich, dass das "Kirchenkonzept" des Berliner Bischofs Wilhelm Weskamm bis heute Gültigkeit besitzt. Sein Vorgänger Kardinal Konrad von Preysing war westlich eingestellt, für ihn war Kirche auf Dauer in einem kommunistischen System nicht denkbar. Von daher unternahm er nichts, um die katholische Kirche in der DDR zu stabilisieren. Weskamm dagegen verglich Anfang der 1950er Jahre die Kirche in der DDR, die ja eine Kirche in der Diaspora, also in einer Minderheitensituation war, mit einer Gärtnerei im Norden; diese zu betreiben, ist seiner Meinung nach viel schwieriger als in wärmeren Gefilden. Es braucht Geduld und Pflege, aber es ist nicht unmöglich. Genauso verhält es sich mit der Kirche in der Diaspora – egal wie schwierig die Verhältnisse, und Weskamm beschrieb sie als areligiös und antireligiös, wie rau das Klima auch sei – Kirche und Christsein ist immer sowie an jedem Ort möglich und nötig.

Was ist Ihrer Meinung nach – aufgrund Ihrer Forschungsarbeit – eine Herausforderung für die Kirche auf dem Gebiet der ehemaligen DDR?

Drei Dinge würde ich benennen. Erstens: Die katholische Kirche in der DDR verstand sich immer als Kirche in einer doppelten Diaspora. Das heißt: Gegenüber der evangelischen Kirche war sie in der Minderheit und mit ihr zusammen war sie der Gesellschaft gegenüber in der Minderheit. Darüber hat sie ein Wesensmerkmal von Kirche partiell vernachlässigt: Mission. Kirche, also wir als Kirche müssen mehr nach außen wirken. Wir brauchen das Bewusstsein, dass Mission kein religiöser Hausfriedensbruch ist. Zweitens sind wir herausgefordert, nicht nur Christen füreinander und miteinander zu sein, sondern für alle Menschen in diesem Land. Und schließlich drittens: wir sollten es aufgeben, Volkskirche zu spielen. Wir sind schon lange keine Volkskirche mehr – auch keine geschrumpfte.

Vielen Dank für das Gespräch!


Zur Biografie von Prof. Pilvousek: Josef Pilvousek wurde 1948 in Thalwenden/Eichsfeld geboren. Prägend für ihn als Seelsorger wie auch als Historiker ist seine sudetendeutsche Familiengeschichte, zu der auch das Vertriebenenschicksal gehört. 1977 wurde er in Erfurt zum Priester geweiht; wo er wenige Jahre später ein Aufbaustudium begann, das er mit Lizentiat und Promotion abschloss. Nach Lehraufträgen für Kirchengeschichte seit 1984, wurde er 1988 Dozent und Verwalter des Lehrstuhls für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit und 1994 zum ordentlichen Professor ernannt. In seine Biografie gehören zahlreiche Mitgliedschaften in verschiedenen Institutionen, in denen er bei einigen zeitweilig den Vorsitz innehatte, z.B. war er 2006-2010 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Kirchenhistoriker des deutschen Sprachraums; zudem ist er Mitherausgeber verschiedener wissenschaftlicher Reihen. Zentrales Anliegen seiner akademischen Lehrtätigkeit und Bildungsarbeit im Bistum Erfurt ist es, Kirche verstehbar zu machen. Dies gelinge nur, so Pilvousek, bei Kenntnis der Geschichte, die entscheidend zur eigenen Identitätsfindung beiträgt.


16.7.2013

 



Impressum | Sitemap | Kontakt
powered by St. Benno-Verlag