"Durch den Glauben Kraft zur Zivilcourage"

Predigt von Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke im Festgottesdienst anlässlich des 100. Geburtstages von Cläre Barwitzky


Zwei Frauen-Skulpturen: Trauer und Trost


Gemeinschaft der Religionen im mittelalterlichen Erfurt

Mit einem Marienlied und einem jiddischen Lied wurde in diesem Jahr der Mittelaltermarkt des Krämerbrückenfestes eröffnet. Die Bühne befand sich auf einem Platz zwischen dem evangelischen Augustinerkloster, der katholischen Schottenkirche, der methodistischen Ägidienkirche und der jüdischen Mikwe, die aufwendig wieder als Denkmal hergestellt worden ist. Die Stadt Erfurt bemüht sich derzeit um Anerkennung als Weltkulturerbe, weil in dieser Stadt im Mittelalter ein Zeugnis dafür gegeben wurde, wie Christen und Juden friedlich zusammenleben können. Die Tatsache der Judenpogrome hat dieses friedliche Zusammenleben zunichte gemacht. Es waren sicherlich keine religiösen Gründe in erster Linie, die das Miteinander zerstörten, wenn auch diese immer zuerst vermutet werden. Bis heute werden konfessionelle Spannungen in den Vordergrund gestellt, wenn es politische Probleme gibt. Die Wahrheit liegt oft dahinter: Neid und Missgunst, weil es dem Mitglied einer anderen Konfession oder Religion wirtschaftlich besser geht.


Konsequenzen aus dem Evangelium für Cläre Barwitzky

Heute ist ein Tag, wo wir aufgrund eines konkreten Lebens das Engagement einer Christin für jüdische Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus bedenken und feiern können. Cläre Barwitzky, die schon wurde 1991 in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Yashem in die Liste der "Gerechten unter den Völkern" aufgenommen worden war, soll heute an ihrem 100. Geburtstag durch die Diözesen Würzburg und Erfurt gewürdigt und gefeiert werden. In der Kurzbiografie auf dem Gedenkbildchen wird ihr Einsatz für 30 jüdische Kinder in der Zeit zwischen 1943 und 1944 gewürdigt und ihr Einsatz als Seelsorgehelferin in den Gemeinden Leipzig, Saalfeld und Meiningen in Erinnerung gebracht. Mit Beschämung stellen wir fest, dass die deutsche Geschichte den Einsatz des Lebens für Menschen anderer Religion nötig machte. Mit Freude stellen wir aber auch fest, dass die Kraft des Glaubens an den Sieg der Gerechtigkeit und Wahrheit einen solchen Einsatz für jüdische Kinder bewirkt hat. Bis heute werden Menschen verfolgt, die eine andere Konfession oder Religion haben, und somit steht bis heute auch die Frage zur Beantwortung an: Was gibt den nötigen Mut zum Widerstand? Braucht es eine besondere Ausbildung zu einem Handeln, wie wir es bei Cläre Barwitzky feststellen? Können wir uns auch gegebenenfalls herausreden mit der Begründung, eine solche Ausbildung nicht erhalten zu haben? Oder hat es zu tun mit persönlicher Biografie und den damit verbundenen Erfahrungen, die ich nicht habe und deshalb anders handeln darf? Ich denke, wir sind uns einig: Bei Cläre Barwitzky hat es zu tun mit ihrer Kenntnis der Heiligen Schrift, ihrem gesunden Menschenverstand und ihrem gesundem Herzen, wobei vermutlich Verstand und Herz durch die Heilige Schrift von Kindesbeinen an geformt und geprägt wurden. Darum ist zur Erforschung des Verhaltens von Cläre Barwitzky der Blick in die Heilige Schrift unerlässlich.


Konsequenzen aus dem Evangelium bis heute

Fragen wir einen Christen nach dem 1. Gebot, dann wird er antworten: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst". Fragen wir einen Juden nach dem 1. Gebot, dann wird er genauso antworten, wenn auch in der heutigen Lesung aus dem Buch Deuteronomium allein das Gebot der Verehrung Gottes zu hören war. Aus der Antwort des Schriftgelehrten gegenüber Jesus, wie sie im Markusevangelium festgehalten wurde, ist jedoch erkennbar, dass dem jüdischen Gelehrten und damit allen Juden auch das Gebot der Nächstenliebe bekannt ist. Die alleinige Nennung der Gottesliebe hat vermutlich darin ihren Grund, dass hier doch eine gewissen Priorität genannt werden soll, die zwar mit dem Gebot der Nächstenliebe zusammen gehört, aber den Ursprung und die grundsätzliche Motivation angibt. Bis heute engagieren sich auch unsere Mitmenschen in der Nächstenliebe und nennen es Samariterdienst oder Solidarität ohne den Bezug zur Gottesliebe. Zumindest scheuen sie sich davor, die Gottesliebe als Motiv anzugeben, aber ich behaupte, dass sie diese Liebe im Herzen haben, auch wenn sie sich nicht dazu bekennen. Karl Rahner hat sie "anonyme Christen" genannt. Ich würde sie eher als "Suchende" bezeichnen, denn ihre Motivation besteht nicht allein im Humanismus. Da steckt mehr dahinter, das sie entweder noch nicht für sich geklärt haben oder wo sie sich scheuen, die Konsequenzen zu ziehen. Für Cläre Barwitzky war die Liebe zum Nächsten und damit auch der Schutz von Menschenleben Ausdruck ihrer Liebe zu Gott, der den Wert jedes Menschen allein durch die Tatsache seiner Existenz vorgibt. Weil Gott den Menschen liebt, darf er leben. Jeder lebt nur deshalb, weil Gott ihn in sein Herz geschlossen hat – und sei er noch so missraten oder sei er noch so krank und behindert. Die menschenverachtende Beurteilung des Wertes von Geschöpfen Gottes, wie sie die Nationalsozialisten und auch die Sozialisten vorgenommen haben, muss ein für allemal beendet werden. Wir müssen darauf achten, wenn wir Witze machen oder geschichtliche Ereignisse bewerten sollen, das wir niemals vergessen: Weil Gott die Würde des Menschen allein zu bestimmen hat, steht es uns nicht zu, mit Hochmut auf andere zu schauen – seien es Juden, Muslime oder Nichtchristen.

Wenn der Glaube an Gott, der den Menschen als seine Geschöpfe in Liebe geschaffen hat und diese auch am Leben lässt, selbst dann, wenn sie ihn nicht lieben oder sogar verachten und verspotten, dann haben wir mit diesem Glauben doch auch zum Ausdruck gebracht, wie bedeutsam er ist. Wir haben damit auch zum Ausdruck gebracht, wie bedeutsam unser Dienst in der Gesellschaft ist, den Glauben als Einladung Gottes an alle Menschen auszusprechen, auch wenn wir wissen, dass sich nicht alle auf diese Einladung einlassen. Für alle hat Jesus Christus sein Opfer am Kreuz dargebracht, auch wenn es nur viele sind, die dieses Angebot seiner stellvertretenden Hingabe würdigen und nachahmen wollen. Wenn Cläre Barwitzky nach ihrem Einsatz für das Leben jüdischer Kinder in die Seelsorge gegangen ist, dann ist das die Fortführung ihrer Gedanken und ihres Einsatzes für die Bewahrung der Menschenwürde, denn nichts anderes tun Seelsorger und Seelsorgerinnen: Die Liebe zu Gott und zum Nächsten verkünden und leben. 1937 hatte sie in Freiburg im Breisgau die Ausbildung als Seelsorgehelferin abgeschlossen und zunächst in Bistum Grenoble gearbeitet. Als die Nationalsozialisten mit der Vernichtung der Juden begannen, versteckte sie 30 jüdischen Kinder. Sie rettete sie, indem sie ihnen falsche Papiere besorgte und in Pflegefamilien unterbrachte. In Frankreich lernte sie auch die Gemeinschaft der "Gefährten des heiligen Franziskus" kennen, die 1927 als ökumenische Gemeinschaft gegründet worden war. Der Glaube an Gott gab ihr die weite Sicht auf Christen unterschiedlicher Konfessionen, die in der Gemeinschaft versuchten, die Ideale des heiligen Franziskus zu erkennen und zu leben.


Das Evangelium als kritische Basis des Lebens

Wenn wir vielleicht manchmal auch mit unserer Botschaft weltfremd erscheinen mögen, wenn wir uns für Treue in der Ehe, für Ehrlichkeit im Umgang, für Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, für die Bewahrung der Schöpfung und für die Würde des Menschen von der Zeugung bis zum Tod einsetzen, dann dienen wir damit der Gesellschaft, denn ohne diese Werte ist sie in ihrem Bestand gefährdet, was wir bisweilen derzeit andeutungsweise spüren, wenn Politiker als korrupt und auch Seelsorger als unglaubwürdig enttarnt werden. Zugleich erleben wir Erstaunen, wenn Papst Franziskus Missstände in der Kurie als möglich bezeichnet und zur Umkehr einlädt. Das erstaunt und befremdet zugleich, aber es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass wir durch den Glauben Kraft zur Zivilcourage finden – auch angesichts von Zuständen und Verhaltensweisen, die unsere Kirche nicht im hellen Schein erstrahlen lassen. Wir müssen auch dazu stehen, dass ein Verhalten, wie es Cläre Barwitzky gezeigt hat, nicht hundertprozentig zur Zeit des Nationalsozialismus in der katholischen Kirche Zustimmung gefunden hat. War das nicht auch Missachtung der Würde eines Staates? Wer das 1. Gebot vergisst, der ist in Gefahr, in seinem Urteil menschenverachtend zu werden, weil er sich dann selbst an Gottes Stelle setzen will. Das jedoch birgt immer die Gefahr des Missbrauchs von Macht oder Kompetenz in sich. Wenn wir uns unter Gottes Gebot der Liebe zu ihm und zum Nächsten stellen, dann geben wir dem Leben eine Chance – dem irdischen nun dem ewigen Leben.


Brückenbauerin aus dem Evangelium

Auf dem Gebetsbildchen wird uns das Evangelium entgegen gehalten. Der Mann auf dem Bild will uns sagen: Hier steht es geschrieben: "Herr du hast Worte ewigen Lebens." Wir müssen nicht weiter suchen, wenn wir die Wahrheit für unser Leben finden wollen.

Cläre Barwitzky starb am 10. März 1989 in Meiningen. Sie verbindet mit ihrem Leben die Christen im schlesischen Neiße, wo sie geboren wurde, mit den Christen in Freiburg, Grenoble, Leipzig, Saalfeld und schließlich Meiningen. Sie verbindet uns als Christen unterschiedlicher Konfessionen und Religionen. Sie hat Brücken gebaut, die Leben retteten und zum Gespräch führten. Als Gerechte unter den Völkern wurde sie bezeichnet und geehrt. Ich danke Gott für ihren Dienst als Brückenbauer und Lebensretter. Ich lade ein, sich ihre Quelle zu erschließen: die Liebe zu Gott, um dann die andere Seite der Münze leben zu können: die Liebe zum Nächsten. Amen.


Die Predigt wurde am 19.6.2013 im Erfurter Dom St. Marien gehalten.

Siehe auch: Eine Gerechte unter den Völkern. Die Bistümer Erfurt und Würzburg erinnern an Cläre Barwitzky, die im Krieg 30 jüdische Kinder rettete.

Predigt von Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke im Festgottesdienst anlässlich des 100. Geburtstages von Cläre Barwitzky



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