Eine Gerechte unter den Völkern

Die Bistümer Erfurt und Würzburg erinnern an Cläre Barwitzky, die im Krieg 30 jüdische Kinder rettete

Porträt Cläre BarwitzkyErfurt (BiP). Für Cläre Barwitzky war es eine Selbstverständlichkeit, doch es hätte sie leicht das Leben kosten können: Während der Judenverfolgung im Dritten Reich versteckte die Seelsorgehelferin dreißig jüdische Kinder und bewahrte sie so vor dem sicheren Tod. Für diese Tat zeichnete der Staat Israel die 1989 in Meiningen verstorbene Barwitzky posthum als "Gerechte unter den Völkern" aus. Am Mittwoch, 19. Juni würde sie 100 Jahre alt.

Die Bistümer Erfurt und Würzburg ehren die Verstorbene an ihrem Geburtstag mit einem Festgottesdienst um 16 Uhr im Erfurter Mariendom. Es zelebrieren Diözesan-Administrator Weihbischof Reinhard Hauke und der Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand, zu dessen Diözese Meiningen früher zählte. Zuvor findet für die Gemeindereferentinnen und –referenten beider Bistümer ein Tag der Begegnung statt, der mit einem Festakt um 10.30 Uhr in der Brunnenkirche (Fischersand) eröffnet wird. Dr. Hildegard Eckstein aus Meiningen und Prof. Dr. Michael Gabel von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt sprechen als Festredner über Stationen und Bedeutung des Lebens von Cläre Barwitzky. Beide hatten die couragierte Frau noch zu Lebzeiten kennen lernen dürfen.

Als Ehrengäste nehmen der Bürgermeister von Meiningen, Fabian Giesder, der Vorsitzende der jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Prof. Dr. Reinhard Schramm, und Landesrabbiner Konstantin Pal am Festakt teil. Professor Schramm spricht ein Grußwort, und Landesrabbiner Pal wird einen der Workshops (ab 13.45 Uhr) leiten, die Impulse aus dem Leben und Wirken von Cläre Barwitzky für die pastorale Arbeit der Gemeindereferentinnen und –referenten entwickeln.

Eigentlich wollte die im schlesischen Neiße geborene Cläre Barwitzky Lehrerin werden. Doch an der Lehrer-Akademie gab es mehr Bewerbungen als freie Plätze. Die Abiturientin orientierte sich nach einem Au-Pair-Aufenthalt in Frankreich neu und absolvierte ab 1935 in Freiburg im Breisgau eine Ausbildung als Seelsorgehelferin.

Ihr Handeln und ihre Spiritualität entsprachen den Idealen des heiligen Franziskus und seiner Liebe zu Gottes Schöpfung und Geschöpfen. In Frankreich hatte Barwitzky die "Gefährten des heiligen Franziskus" kennen gelernt, eine 1927 gegründete, internationale ökumenische Bewegung, die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzte. Deutschland und Frankreich verstanden sich damals noch als Erzfeinde. Die "Gefährten" hingegen brachten auf gemeinsamen Pilgerfahrten junge Deutsche und Franzosen zusammen und trugen so zur Aussöhnung beider Völker bei. Cläre trat dieser Bewegung noch als Au-Pair bei und würde sie nach dem Krieg in Thüringen bekannt machen.

Die frisch gebackene Seelsorgehelferin zog es nach ihrer Ausbildung wieder nach Frankreich, wo sie 1937 in der priesterlosen Bergpfarrei Vaujany der Diözese Grenoble ihre erste Stelle antrat. Dort hielt sie Wortgottesdienste, bereitete Jugendliche auf die Firmung vor und versorgte ab Kriegsbeginn und der Besetzung Frankreichs im Pfarrhaus französische Flüchtlinge.

Als Deutsche hätte Barwitzky damals leicht von der Widerstandsbewegung als Spionin verdächtigt werden können. Sie ging daher 1941 nach St. Etienne / Loire, wo eine Freundin die Familienpflege leitete und niemand nach ihrer Herkunft fragte. Richtig sicher war sie dort nicht, denn die Familienpflege stattete während der Jugendverfolgung durch das Dritte Reich jüdische Kinder mit falschen Papieren aus und brachte sie bei Pflegefamilien auf dem Land unter. Cläre half, wo sie nur konnte.

Auf dem Höhepunkt der Verfolgung beschloss man, die in den Familien wohnenden Kinder in Ferienhäusern der Familienpflege in den Alpen zu "verstecken", d.h. niemand durfte ahnen, dass es sich bei den 30 Kindern um Juden handelte. Jeden Tag mussten die zumeist jüdischen Helfer, darunter Cläre Barwitzky mit gefälschter Identität, damit rechnen, entdeckt zu werden. Das Gebiet war von den Deutschen besetzt, die Résistance bewegte sich in den Bergen und die Gestapo suchte die Widerständler. Ein falsches Wort, eine Unachtsamkeit – und das ganze Unternehmen wäre aufgeflogen. Trotz dieser Umstände bemühte sich Cläre, den Kindern so etwas wie eine Familienatmosphäre zu schaffen und erzog sie in ihrem jüdischen Glauben.

Nach dem Ende der deutschen Besatzung konnten die Kinder mit ihren Begleitern nach St. Etienne zurückkehren. Sie waren gerettet. Cläre Barwitzky aber, die danach heimlich deutschen Kriegsgefangenen Essensreste gebracht hatte, wurde angezeigt und angefeindet. Sie entschied sich, nach Deutschland zurückzukehren. Ab 1947 arbeitete sie als Seelsorgehelferin in katholischen Pfarreien in Leipzig, Saalfeld und schließlich Meiningen. Niemand dort wusste von ihren Erlebnissen in Frankreich, und für Cläre Barwitzky hätte es dabei auch bleiben können. Erst auf Drängen des Würzburger Caritasdirektors Robert Kümmert schrieb sie ihre Erinnerungen auf.

"Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet." Dieses Zitat aus dem Talmud steht auf der Medaille, mit der der Staat Israel nichtjüdische Menschen auszeichnet, die unter Einsatz des eigenen Lebens Juden vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten bewahrten. Die Namen dieser "Gerechten unter den Völkern" werden in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Yashem angeschlagen. 1991, zwei Jahre nach ihrem Tod, kam auch der Name von Cläre Barwitzky dazu.

13.6.2013



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